Warum spricht niemand von den von Arabern verübten „Nakbas“?

„Wie jedes Jahr im Mai, werden auch dieses Jahr im Mai Palästinenser weltweit 70 Jahre des ‚zionistischen Imperialismus‘ und der ihnen widerfahrenen ‚nakba‘ (Katastrophe) betrauern. Es wird wieder die fiktive Geschichte zu hören sein von den ‚weißen‘ jüdischen Europäern, die kamen und im Kontext des europäischen Kolonialismus und des weißen Rassismus das Land der eingeborenen ‚brauen‘ Palästinenser kolonisierten. Weltweit wird im Zusammenhang mit dem israelisch-palästinensische Konflikt, der als ‚sexy‘ gilt, überhaupt ein enormes Palaver gemacht.

Die Palästinenser (die damaligen Araber) und ihre Unterstützer sind ausgesprochen lautstark. Was in der Debatte darüber, was den Palästinensern bei ihrer Katastrophe widerfahren sei oder auch nicht, allerdings nicht vorkommt, sind die Geschichten der zig Millionen – ja, zig Millionen – Opfer des Völkermords, der Vertreibung und der erzwungenen Assimilation (des kulturellen Völkermords), die auf den arabischen und türkischen Imperialismus zurückgehen. Ich komme väterlicherseits aus einer jüdischen Berberfamilie und stamme mütterlicherseits von irakischen Juden ab. Beide wurden aus ihren Ländern vertrieben und aufgrund dieser Verfolgung bin ich mit diesen Geschichten, die weitgehend im Verborgenen bleiben, vertraut. Mit der Zeit habe ich gelernt, dass etliche andere Gruppen ebenfalls in Gänze verfolgt wurden. Sie erhielten keinerlei Wiedergutmachung und kein ‚Recht auf Rückkehr’, ohne dass die Weltgemeinschaft sich je dazu geäußert hätte. Warum wird hier mit zweierlei Maß gemessen? In den letzten 150 Jahren sind zahlreichen Einwohnern Nordafrikas, des Nahen Ostens und der Levante ‚nakbas‘ widerfahren.

Zu den ungefähren Opferzahlen der Völkermorde, von denen man selten hört, gehören: 300.000 Assyrier in den Jahren 1914 bis 1920; 1,5 Millionen Armenier in den Jahren 1914 bis 1923; 50.000 bis 180.000 Kurden in den Jahren 1986 bis 1989; 450.000 bis 750.000 Griechen in den Jahren 1913 bis 1920; 10.000 Jesiden allein im Jahr 2014 (die Zahlen für andere Jahre sind nicht bekannt); und 300.000 Sudanesen in Darfur in den Jahren 2003 bis 2009. Opfer von Vertreibungen und Verfolgung, die zur Emigration führte, wurden unter anderem: libanesische Maroniten (zwischen acht und vierzehn Millionen in der Diaspora und vier Millionen im Libanon); Assyrische Christen (fünfzehn Millionen in der Diaspora und in Syrien); Armenier im türkischen Einflussbereich (elf Millionen in der heutigen Diaspora). Im Libanon und in Syrien wurde jeweils bewusst ein Staatsbürgerrecht geschaffen, dass Christen an der Rückkehr hindert und sicherstellt, dass beide Länder mehrheitlich von muslimischen Arabern bewohnt werden. Aus Nordafrika und dem Nahen Osten wurden 850.000 Juden vertrieben bzw. zur Flucht gezwungen. Zudem haben eine Million Kopten Ägypten verlassen. (…)

Wie ich schon anmerkte, findet man diese Geschichten nicht in der Zeitung, man hörte sie nicht an Universitäten oder auf schicken Parties in London oder Paris und schon gar nicht auf Al Jazeera, AJ+ oder im türkischen Fernsehen, aber auch nicht in den internationalen Mainstreammedien. Stattdessen werden CNN, die BBC und Institute für Nahoststudien weltweit ihnen erzählen, dass der Nahe Osten seit Urzeiten türkisch, arabisch und iranisch gewesen sei. Die gleichen Journalisten legen beredtes Zeugnis darüber ab, wie diese Völker zu Opfern europäischer und zionistischer Aggression wurden, ignorieren jedoch zugleich die Geschichte jeder anderen Gruppe in der Region.“ (Hen Mazzig: „The Nakbas“)

 

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