Die israelische Gesellschaft bietet queeren Menschen die umfassendsten Freiheiten im Nahen Osten. Das selbstbewusst zu kommunizieren ist legitim – sofern Pride auch an jene Ziele erinnert, die noch ausstehen.
Am vergangenen Freitag fand in Tel Aviv die erste Pride-Parade seit dem Massaker des 7. Oktobers statt. Mit rund 100.000 Teilnehmenden war die Veranstaltung gut ein Drittel kleiner als der letzte reguläre Umzug im Juni 2023, was die veränderte gesellschaftliche Stimmung im Land widerspiegelt. Wer in diesem Zusammentreffen jedoch nur ein farbenfrohes Straßenfest sehen möchte, verkennt das politische Potenzial des Ereignisses.
Inmitten einer polarisierten Debatte bleibt diese Parade ein greifbares Argument für die rechtsstaatliche Verfassung des jüdischen Staates und ein Beleg für die gesellschaftlichen Unterschiede zu seinen Nachbarn. Gleichzeitig bietet die Veranstaltung Raum für kabarettistische Seitenhiebe. Persiflierende Plakate entlang der Strandpromenade zielten auf den homophoben Klerikalismus des iranischen »Gayatollah« teilten aber mit Spottversen über eines »Ben-Queer« auch gegen Erzkonservative in der eigenen Regierung. Dass eine solche unzensierte Kritik nach außen wie nach innen ungestraft möglich ist, liefert den wohl stärksten Beweis für eine gelebte Demokratie in Aktion.
Genau hier setzt auch der in westlichen Kreisen populäre Vorwurf des »Pinkwashing« an. Die Behauptung, Israel nutze die sexuelle Selbstbestimmung seiner Bürger lediglich als pinkfarbene PR-Fassade, hält einer sachlichen Überprüfung jedoch nicht stand. Besonders im Phänomen der »Queers for Palestine« dokumentiert sich die geradezu mutwillige Ignoranz und ideologische Verblendung, die dem antiisraelischen Vorwurf zugrunde liegt. Die Aktivisten verdrängen die dokumentierte Realität der Verfolgung von LGBTQ-Personen durch die Fatah und die Hamas vollständig. In der Historie der palästinensischen Nationalbewegung hat eine liberale Agenda für sexuelle Minderheiten nie existiert.
Über die Jahre hinweg äußerte sich Amnesty International zutiefst besorgt über die Situation vor Ort. Die Organisation verwies auf Berichte von al-Qaws, einer Vereinigung für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt in der palästinensischen Gesellschaft. Demnach wird LGBTQ-Personen die freie Ausübung ihrer Rechte systematisch verwehrt. So griff die Palästinensische Autonomiebehörde in ihrem Zuständigkeitsbereich zu drakonischen Maßnahmen und hat al-Qaws dort bereits im Jahr 2019 offiziell verboten.
Noch unbarmherziger stellt sich die Situation im Gazastreifen dar. Die dortige Kriminalisierung von Homosexualität und Queerness basiert formal auf einem alten, längst obsoleten britischen Mandatsrecht aus dem Jahr 1936, das für gleichgeschlechtliche Handlungen bis zu zehn Jahre Haft vorsieht. In der Praxis geht die Hamas jedoch weit darüber hinaus. Ihr Regime verfolgt insbesondere Trans-Personen systematisch und straft sie mit Folter, Auspeitschungen oder Hinrichtungen. Zudem werden Ehrenmorde durch Familien von den Behörden geduldet.
Gesellschaftlicher Fortschritt
Seit 2018 arbeite ich im Ehrenamt mit einzelnen queeren Menschen, die vor der Hamas geflohen sind – alle fanden noch vor dem 7. Oktober 2023 Zuflucht. Was sie wegen ihrer sexuellen Orientierung an Körpergewalt und Psychoterror erlebt und oft nur knapp überlebt haben, hinterließ spürbare, bleibende Narben. So lassen sich echte Queere aus Palästina, gelinde gesagt, nicht für die Intifada anspannen. Bei vielen der Geflüchteten besteht der Wunsch, die Pride in Tel Aviv persönlich und in Freiheit zu erleben. Eine der betroffenen Personen wurde dabei maßgeblich von Dana International inspiriert. Die Transgender-Sängerin gewann 1998 mit ihrem Lied »Diva« den Eurovision Song Contest. Dieser Moment israelischer Sichtbarkeit wurde für Menschen im Verborgenen zu einem lebensrettenden Hoffnungsschimmer.
Israels liberale Entwicklung begann 1953 mit der Weisung des Generalstaatsanwalts, homosexuelle Handlungen unter Erwachsenen nicht mehr zu verfolgen. Das Oberste Gericht bestätigte dies 1963. Nach der Gründung der Bürgerrechtsorganisation Aguda im Jahr 1975 hob die Knesset 1988 das Gesetz gegen Homosexualität auch offiziell auf. Danach folgten die Meilensteine in rascher Folge: 1992 kam das Diskriminierungsverbot im Arbeitsrecht, 1993 die vollständige Öffnung des Militärdienstes und 1994 die Gleichstellung bei staatlichen Sozialleistungen. Seit 2006 werden im Ausland geschlossene Ehen homosexueller Partner staatlich anerkannt.
Im Familienrecht erließ Generalstaatsanwalt Meni Mazuz eigentlich schon 2008 die Anweisung, gleichgeschlechtliche Paare bei der Adoption rechtlich gleichzustellen. Er entschied, dass der Begriff »Ehepaar« im Adoptionsgesetz auch gleichgeschlechtliche Partner umfasst. Die vollständige rechtliche Gleichstellung erzwang jedoch erst das historische Urteil des Obersten Gerichts vom 28. Dezember 2023 im Verfahren der Vereinigung israelischer schwuler Väter gegen den Minister für Wohlfahrt und Soziales. Neun Richter unter Uzi Vogelman erklärten jede Benachteiligung beim Adoptionsrecht einstimmig für verfassungswidrig. Ergänzt wird dieser Status durch den Diskriminierungsschutz im Bildungssystem seit 2014, das Verbot von Konversionstherapien im Jahr 2020 und die Freigabe der Leihmutterschaft im Jahr 2022.
Wer vor diesem Hintergrund Israel vorwirft, seine gesellschaftlichen Freiheiten bloß strategisch zu vermarkten, betreibt eine bewusste Täter-Opfer-Umkehr. Die Tel-Aviv-Pride dokumentiert eine reale Trennlinie zwischen einer pluralistischen Gesellschaft und den autokratischen Strukturen ihrer Nachbarstaaten. Während im Nahen Osten queeres Leben kriminalisiert wird, garantiert Israel die individuelle Freiheit des Einzelnen als Ergebnis einer kontinuierlichen rechtsstaatlichen Evolution.
Feiern und fordern
Israels Gegner laufen argumentativ meist ins Leere, wenn sie versuchen, die Stärke der Regenbogenrechte im jüdischen Staat zu leugnen. In einem Punkt erinnern sie allerdings treffend an ein Defizit: das Fehlen der inländischen »Homo-Ehe«. Weil das israelische Eherecht sakralen Gerichten untersteht, bleibt die säkulare Trauung vor Ort blockiert und somit das wichtigste unvollendete Reformziel.
Dabei sollten auch nicht-queere Freunde Israels die Pride als das sehen, was sie ist: Ausdruck eines Kampfs um Bürgerrechte, der alle Demokraten angeht. Genau deshalb gilt für die Tel-Aviv-Pride eine wehrhafte Devise: Sie ist niemals bloß glitzernde Party, sondern stets gelebte Politik. Sie ist ein emanzipatorischer Doppelansatz aus Feiern und (Weiter-)Fordern, den man in der repressiven Ideologie der Intifada vergeblich sucht.






