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Warum Erdoğan den Hass gegen Frankreich schürt

Im September warnte Erdogan Frankreich bereits vor Einmischung in türkische Aktivitäten im östlichen Mittelmeer
Im September warnte Erdogan Frankreich bereits vor Einmischung in türkische Aktivitäten im östlichen Mittelmeer (© Imago Images / Xinhua)

Neben geopolitischen Differenzen zwischen den beiden Ländern weiß Erdogan nur zu gut Bescheid, dass der ihm verhasste türkische Laizismus den französischen zum Vorbild genommen hat.

Das Jahr 2020 wird in die türkische Geschichte nicht nur – wie sonst überall – als das Corona-Jahr eingehen, sondern insbesondere als das Jahr der verzweifelten Suche nach einem Ausweg aus den unendlich vielen innen- wie außenpolitischen Sackgassen, in die das Land hineingeraten ist. Nahezu monatlich ließ die türkische Führung dieses Jahr bestehende oder neue Konflikte eskalieren und zettelte, angetrieben von Streit- und Tobsucht, Krisen an, die sie weder diplomatisch noch militärisch wirklich überzeugend führen konnte.

Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan ist in dieser Hinsicht tatsächlich ein Meister der Krise. Nicht deshalb, weil er über die besondere Gabe verfügt, tatsächliche Krisen zu meistern, also zu lösen. Sondern: Er scheint geradezu prädestiniert dafür zu sein, durch aggressive Rhetorik und Verfolgungswahn Krisen heraufzubeschwören und überall nur noch Feinde zu sehen. Und Feinde, so die paranoide Logik, bekämpft man.

Ob nun der Gasstreit im Mittelmeer mit den Anrainerstaaten; die Intervention in den libyschen Bürgerkrieg; das Kriegsgeheul und Säbelrasseln gegen Griechenland; das Anstacheln im armenisch-aserbaidschanischen Konflikt: In all diesen Krisenherden findet die Türkei immer wieder den NATO-Partner Frankreich als Gegner vor.

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Frankreich stört

Es war folglich nur eine Frage der Zeit, wann diese Gegnerschaft in Feindschaft umschlägt. Denn die Interessen Frankreichs stehen diametral dem türkischen Treiben entgegen. Die türkischen Ambitionen prallen nahezu immer auf die französischen Interessen, mit der Folge, dass der herbeigesehnte Durchbruch für die türkische Führung ausbleibt und trotz aller Bemühungen zum Scheitern verurteilt ist.

Wirklich aktiv musste Paris bislang nicht werden, um Ankara in seine Schranken zu verweisen, die türkischen Machtspielchen waren leicht zu hintertreiben. Es genügte, ohne große Kraftdemonstrationen die eigenen Interessen offen zu vertreten. Zum Missfallen der türkischen Führung gelang es Paris deshalb – ohne eigenes besonderes Zutun –, die Türkei einfach machen zu lassen. Entblößen würde sich Ankara von selbst. So kam es dann auch.

Als Mitte Oktober der Lehrer Samuel Paty bestialisch ermordet wurde, bekräftigte Macron abermals den Kampf gegen den „islamischen Separatismus“. Erdoğan polterte und warf Macron „Islamophobie“ vor. Er solle sich in psychologische Behandlung begeben, so Erdoğan. Kurz darauf folgten Boykottaufrufe gegen französische Produkte, die Satirezeitschrift Charlie Hebdo brachte einen ungekannten feuchtfröhlichen Erdoğan auf die Titelseite, und Frankreich zog vorübergehend seinen Botschafter aus Ankara zurück, nachdem weitere türkische Politiker ausfällig wurden.

Frankreich als Gegner

Diese Eskalation kam nicht sonderlich überraschend, hatte jedoch das Potential, die bisherigen Streitigkeiten beider Länder zu überdecken. Tatsächlich braut sich seit Beginn dieses Jahres ein Showdown im Mittelmeer im Streit um die Gas-Ressourcen zusammen, bei dem Frankreich seine Unterstützung für Griechenland und Zypern zusicherte und Marineschiffe ins östliche Mittelmeer entsandte, seine Position als eine Ordnungsmacht bekräftigte und immer deutlicher Europa zu einem entschlosseneren Handeln gegen die Türkei drängt.

Zunehmend finden sich beide Nationen auch in weiteren Konfliktfeldern wie in Libyen oder im jüngsten aserbaidschanisch-armenischen Krieg auf unterschiedlichen Seiten.

Durch den Rückzug der Vereinigten Staaten und der Gleichgültigkeit Europas sieht sich Frankreich in der MENA-Region in einer besonders herausfordernden Rolle. Macron nimmt die Türkei als eine gefährliche Regionalmacht ernst, weiß um die türkischen Zersetzungsbemühungen und Einflussnahmen durch Moscheen und Verbände in Frankreich Bescheid und gerät deswegen in Ankaras Schusslinie. Darum distanziert sich Macron deutlich vom NATO-Partner, der für Frankreich im östlichen Mittelmeer kein Partner mehr ist.

Neben strategischen Erwägungen spielen hier auch wirtschaftliche Gründe eine Rolle. So wurde im September bekannt, dass Griechenland 18 Exemplare des französischen Kampfflugzeugs Rafale, zudem Fregatten und Hubschrauber kaufen wird.

Frankreich als Feind

Zu einem ernsten Zwischenfall kam es bereits Anfang Juni, als eine französische Fregatte und ein türkisches Kriegsschiff vor der libyschen Küste auf Konfrontationskurs waren. Dabei richteten die Türken, so die französische Regierung, das Feuerleitradar auf die französische Fregatte „Courbet“ – ein solches Manöver kündigt üblicherweise einen geplanten Angriff an. Dabei ist die „Courbet“ im Rahmen des NATO-Einsatzes Sea Guardian unterwegs, um u.a. den Waffenschmuggel nach Libyen zu unterbinden.

Genau dies werfen die Franzosen den Türken vor. Ankara transportiere systematisch Waffen nach Libyen. Darum erklärte Macron unmissverständlich, man brauche eine „Klärung der türkischen Politik in Libyen, weil sie eine Bedrohung für Afrika und eine Bedrohung für Europa ist“. Auf dem libyschen Schlachtfeld ist jedoch klar, wer welche Seite unterstützt. Frankreich steht auf der Seite des Generals Chalifa Haftar, die Türkei unterstützt den libyschen Regierungschef Fajis al-Sarradsch.

Darum überrascht ein weiterer Zwischenfall vom Juli kaum, verdeutlicht aber die zunehmende Brisanz des Dauerclinches der NATO-Partner. So arbeitet der französische Ölriese Total seit den 1950er Jahren in Libyen und hat im vergangenen Jahr 650 Millionen US-Dollar in die Waha-Konzessionen in der Provinz Sirte investiert. Ein von der Türkei unterstützter Angriff auf Haftars Streitkräfte in Sirte würde somit einen Angriff auf französische Interessen bedeuten. Ungeklärt ist bis heute, ob der Luftangriff im Juli auf den Watiya-Luftwaffenstützpunkt von französischen Jets durchgeführt wurde.

Auch weiter südlich in der Sahelzone geraten Frankreich und die Türkei aneinander. In Niger hat Frankreich eine bedeutende Präsenz und ist für seine Atomkraft auf nigerianisches Uran angewiesen. Ende Juli haben die Türkei und Niger eine Reihe von Abkommen über wirtschaftliche und militärische Zusammenarbeit unterzeichnet. Den Eintritt der Türkei in die nigerianische Bergbauindustrie bewertet Michaël Tanchum als offenen Affront gegen Frankreich.

Die verhasste Laizität

Vor einigen Tagen erinnerte der französische Islamismus-Experte Gilles Kepel daran, dass Erdoğans Hasstiraden gegen Frankreich auch damit zusammenhängen, dass dieser nur zu gut Bescheid weiß, dass der türkische Laizismus den französischen zum Vorbild genommen hat.

Erdoğan weiß, dass sein politisches Schicksal davon abhängt, ob er die aktuelle Wirtschaftskrise lösen können wird. Wie jeder Erblasser ahnt er, dass vor dem drohenden Untergang noch Akzente gesetzt gehören, um den Erbverwaltern in Stein zu meißeln, welche Errungenschaften von ihm bleiben sollten. Darum treibt den türkischen Führer auch nichts mehr als die Angst vor dem eigenen Untergang in die Bedeutungslosigkeit.

Die bemühte Inszenierung als der Führer der islamischen Welt; die Re-Islamisierung der Hagia Sophia; die neuesten Beschwörungen islamischer Kulte. Das sind nicht die Eskapaden eines aufsteigenden Führers, der mit Überheblichkeit und Angeberei triumphiert. Stattdessen sind es die Hilfeschreie eines Führers, der spürt, dass der drohende Fall aufs Nullniveau den narzisstischen Totalkollaps nicht nur für ihn selbst, sondern für den türkischen Islamismus bedeuten wird.

Davon zeugt nicht zuletzt der Umstand, dass mit dem Rücktritt des Schwiegersohns Berat Albayrak ein potentieller Nachfolger abgedankt hat. Ein Führer jedoch ohne Anspruchsdenken, ohne einen würdigen Ziehsohn, ist kein Führer mit Autoritätsanspruch, sondern ein Führer ohne Erbe.

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