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Warum der Vergleich der Ukraine mit den Palästinensern falsch ist

Was hat die Flagge der Palästinensischen Autonomiebehörde mit dem Ukraine-Krieg zu tun?
Demonstration in London: Was hat die Flagge der Palästinensischen Autonomiebehörde mit dem Ukraine-Krieg zu tun? (Quelle: Twitter)

Antiisraelische Aktivisten beklagen die angebliche Diskriminierung der Palästinenser, die aus der medialen Berichterstattung über den Kampf der Ukrainer gegen den russischen Einmarsch erwachse.

Seit Tagen versuchen antiisraelische Aktivisten, den Überfall Russlands auf die Ukraine mit der Politik Israels bzw. die ukrainische Selbstverteidigung mit dem palästinensischen Kampf gegen den jüdischen Staat gleichzusetzen – und beschweren sich darüber, dass der Westen und seine Medien das ukrainische Vorgehen – wie etwa den Bau von Molotow-Cocktails – goutierten, während sie das palästinensische Vorgehen gegen Israel als »Terror« bezeichneten und nicht als »Widerstand«.

In einem Kommentar in der Jerusalem Post hebt Seth J. Frantzman einige Punkte hervor, warum diese Vergleiche falsch, fehlgeleitet und hinterhältig sind.

Erstens, schreibt Frantzman, sei dem palästinensischen Kampf gegen Israel nicht nur – zumindest prozentuell – mehr, sondern auch positivere Medienberichterstattung zuteilgeworden als jedem anderen Konflikt der Welt. Man müsse nur die Meldungen über die letztlich gestoppte Zwangsräumung von zwei Familien in Ostjerusalem mit jenen über die geflüchteten Ukrainer vergleichen, deren Zahl mittlerweile auf über 1,5 Millionen angestiegen ist, um das Ungleichgewicht in den Proportionen erkennen zu können.

Die Zahl der vertriebenen Ukrainer beträgt also schon nach wenigen Tagen das Doppelte der Zahl an Palästinensern, die im gesamten von den arabischen Staaten begonnenen Krieg des Jahres 1948/49 vertrieben wurden oder geflüchtet sind.

Wird es, so fragt Frantzman implizit, in den kommenden 74 Jahren auch eine derartige Non-Stop-Berichterstattung über ukrainische Flüchtlinge geben, wie es bei der sogenannten »Nakba« der Fall ist? Oder sind die antiisraelischen Aktivisten bloß verärgert, dass aufgrund des Ukraine-Kriegs aktuell zu Flüchtlingen Gewordene im Mittelpunkt stehen und nicht mehr die Palästinenser?

Zweitens sei auch das Argument irreführend, dass palästinensische Molotow-Cocktails im Westen nicht dieselbe Aufmerksamkeit bekämen wie ukrainische. Über viele Jahre hinweg, so Frantzman, habe der palästinensische Steinewerfer, der mit seiner Schleuder gegen israelische Panzer kämpft, eine geradezu ikonische Verehrung und dementsprechend positive Berichterstattung erfahren.

Aber spätestens in der Zweiten Intifada seien die Palästinenser dazu übergegangen, Bombenangriffe auf israelische Zivilisten zu unternehmen und diese Angriffe als »Widerstand« zu feiern.

Der Unterschied bestehe also darin, dass Ukrainer sich nicht in Moskauer Bussen, Hotels oder Pizzerien in die Luft sprengen, um möglichst viele Zivilisten zu töten. Diese Art von Angriffen musste Russland über Jahre hinweg von tschetschenischen Islamisten erfahren – und diese wurden im Westen sehr wohl als Terroranschläge bezeichnet.

Darüber hinaus gäbe es im Fall der Ukraine keine Poster, auf denen jene »Märtyrer« gefeiert werden, deren Aktionen darin bestanden haben, russische Kinder zu ermorden. Es sei nichts Romantisches daran, einen Molotow-Cocktail auf das Auto eines Zivilisten zu werfen – weder wenn der Brandsatz von einem Palästinenser, noch wenn er von einem Ukrainer geworfen würde, weswegen in einem solchen Fall auch der ukrainische Attentäter keine positive Presse erhalten würde.

Die Berichterstattung über den ukrainischen Widerstand sei positiv, weil dieser Widerstand sich gegen das angreifende russische Militär wendet. Führende westliche Medien hätten ebenso positiv über Palästinenser berichtet, solange deren Aktionen als Kämpfe wahrgenommen wurden, die sich in erster Linie gegen das israelische Militär richteten.

Einen dritten Unterschied, der den Vergleich der Ukrainer mit den Palästinensern verbiete, sieht Frantzman darin, dass das Narrativ vom »palästinensischen Widerstand« von Gruppen unterstützt wird, die auf ihren Kundgebungen gerne »Vom (Jordan-)Fluss bis zum (Mittel-)Meer« rufen und dem jüdischen Staat damit das Existenzrecht absprechen.

Die Ukraine ist ein unabhängiger Staat, der in einem Angriffskrieg überfallen wurde und nun gegen eine Invasionsarmee zu kämpfen hat. Kein ukrainischer Soldat und kein ukrainischer Zivilist, der Widerstand leistet, erkläre, er wolle Moskau erobern – und es gibt keine Landkarten, auf denen Russland nicht existiert, sondern Teil des ukrainischen Staates ist.

Wenn also argumentiert wird, es sei unfair, wenn die Ukraine so positive Berichterstattung erhalte, weil sie »Widerstand gegen die Besatzung« leiste, während Palästinenser für denselben »Widerstand« negative Schlagzeilen ernteten, sind solche Klagen irreführend.

Die Palästinenser erführen vielfach positive mediale Berichterstattung; palästinensische Flüchtlinge gälten auch nach 74 Jahren für die Weltöffentlichkeit immer noch als Flüchtlinge; Palästinenser erfreuten sich großer internationaler Unterstützung. Es sei, so Frantzman, kleinlich und irreführend, den Ukrainern jene Unterstützung streitig machen zu wollen, bloß weil die Palästinenser aufgrund der tragischen Ereignisse aktuell nicht im Fokus des Interesses ständen.

Frantzman begründet seine Kritik auch damit, dass viele, die jetzt solche Beschwerden anführen und die Medien für ihre Berichterstattung kritisieren, die Ukraine realiter überhaupt nicht unterstützen, sondern aufseiten Russlands stünden. Das Einzige, was sie an der Ukraine interessiere, sei, den Konflikt für ihre antiisraelische Propaganda instrumentalisieren zu können, schließt Frantzman seinen Kommentar.

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