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Von Algier bis in den Negev: Sexuelle Gewalt als Waffe

Internationale Konferenz gegen sexuelle Gewalt als Waffe gegen Frauen in Paris
Internationale Konferenz gegen sexuelle Gewalt als Waffe gegen Frauen in Paris (© Naïla Chikhi)

Anlässlich des Tags der universellen Menschenrechte am 10. Dezember ist es entscheidend, die Universalität der Frauenrechte zu bekräftigen und die Notwendigkeit des Kampfes dafür zu betonen.

Naïla Chikhi

Vom dunklen Jahrzehnt in Algerien bis zu den Gräueltaten der Hamas im Negev wird sexuelle Gewalt als strategische Kriegswaffe eingesetzt. Angesichts des Schweigens von Institutionen und Medien mobilisiert sich eine globale Koalition, um die Straflosigkeit anzuprangern und öffentlich zu handeln.

Beispiel Algerien

Als ich in Algerien aufwuchs, erfuhr ich als Jugendliche, dass bewaffnete Gruppen ein Dorf überfallen, Männer und Kinder töten und Frauen vergewaltigen sowie entführen konnten, um sie zu Sexsklavinnen zu machen. Dies geschah während des dunklen Jahrzehnts in Algerien (1991–2001). Der Krieg der islamistischen Terroristen gegen die Zivilbevölkerung offenbarte die extreme Barbarei dieser Gruppen und prägte mein Leben für immer.

Zwischen 1994 und 1997 wurden offiziell nicht weniger als 1.013 Frauen vergewaltigt. Von 1997 bis 1999 entführten, vergewaltigten und ermordeten islamistische Terroristen mehr als zweitausend Frauen. Diese Zahlen liegen deutlich unter der tatsächlichen Realität, da viele Familien aus Angst und Scham keine Anzeige erstatteten. Diese Verbrechen waren weder zufällig noch improvisiert. Karima Bennoune betonte, dass sexuelle Gewalt ein strategisches und ideologisches Instrument war, gerechtfertigt durch pseudojuristische Interpretationen der islamischen Religion und von den Angreifern als »Opfergabe für Gott« bezeichnet. Eine erschütternde Logik.

Trotz des strategischen und systemischen Charakters dieser Gewalt mussten wir die Gleichgültigkeit der internationalen Gemeinschaft machtlos feststellen. Diese bedauerliche Haltung ließ die von bewaffneten Gruppen verübten Gewalttaten weitgehend unsichtbar bleiben. Schlimmer noch: Die islamistischen Terroristen wurden durch das Gesetz zur nationalen Versöhnung (Loi de la Concorde Civile) amnestiert.

Das 1999 vom damaligen Präsidenten Abdelaziz Bouteflika initiierte Gesetz sollte das »dunkle Jahrzehnt« beenden, stieß jedoch auf heftige Kritik, da es Mitgliedern islamistischer bewaffneter Gruppen, die über 200.000 Morde zu verantworten hatten, faktische Straffreiheit gewährte und die Rechte der Opfer ignorierte. Ohne die algerischen Feministinnen und Journalistinnen, die enorme Risiken eingingen, um diese Verbrechen zu dokumentieren, wären viele der Gräueltaten im Verborgenen geblieben.

Von Sinjar bis in den Negev

Diese Barbarei existierte auch jenseits der Grenzen meines Geburtslands. Ähnliche Gewalttaten wurden im Kongo, im ehemaligen Jugoslawien, in Ruanda und in Nigeria verübt. 2014 entführte der Islamische Staat (IS) im Sinjar-Tal jesidische Frauen und Mädchen, versklavte sie sexuell und verkaufte sie wie bloße Objekte von Peiniger zu Peiniger weiter. Mir wurde klar, dass diese Gotteskrieger eine totale transnationale Entmenschlichung verkörperten.

Als ich die Bilder der barbarischen Angriffe der Hamas vom 7. Oktober 2023 auf die Bewohnerinnen der Kibbuzim und die Besucherinnen des Nova-Festivals sah, überkam mich tiefes Entsetzen. Die Szenen bestätigten zugleich die Kontinuität sexueller Gewalt als Kriegswaffe. Zeugenaussagen berichten von Vergewaltigungen vor Hinrichtungen, von Verstümmelungen und Misshandlungen der geschundenen Körper lebender oder toter Frauen. Der Angriff forderte 1.182 Todesopfer – Männer, Frauen und Kinder –, von denen mindestens 73 Prozent Zivilisten waren, darunter 300 Frauen. Unter den 251 in den Gazastreifen entführten Geiseln befanden sich neunzig Frauen und Mädchen.

Die mörderische Ideologie, die diesen Gewalttaten zugrunde liegt, ist überall dieselbe: Groupe Islamique Armé (GIA), Boko Haram, Daesh (IS), Hamas – eine Dynamik der Terrorherrschaft, die in Grausamkeit und Entmenschlichung ausartet, wobei der Bezug zum Heiligen verschwindet und ein kriegerischer Obskurantismus an seine Stelle tritt.

Das beschämende oder schuldzuweisende Schweigen, dem die Algerierinnen in den 1990er-Jahren ausgesetzt waren, hat sich in ein ohrenbetäubendes Schweigen gegenüber den Gräueltaten der Hamas verwandelt.

Weltkoalition der Frauen

Um auf diese Kontinuität zu reagieren, hat die israelische Abgeordnete Shelley Tal Meron im Mai 2024 die Weltkoalition der Frauen gegen den Einsatz sexueller Gewalt als Kriegswaffe gegründet, unterstützt von Aurore Bergé, der französischen Ministerin für Gleichstellung. Die Koalition hat unter anderem die Aufgabe, das internationale Vorgehen gegen sexuelle Gewalt in Konfliktgebieten zu stärken.

Ein Jahr später, am 10. November 2025, fand der zweite Gipfel der Koalition im französischen Senat statt, unter der Schirmherrschaft der französischen Senatorin und Präsidentin der Delegation für Frauenrechte im Senat, Dominique Vérien, und organisiert vom European Leadership Network (ELNET). Dabei kamen Menschenrechtsverteidigerinnen, internationale Expertinnen und Vertreterinnen der Zivilgesellschaft zusammen.

Die Konferenz prangerte einstimmig das Schweigen an, das die Gräueltaten der Hamas umgab und umgibt, insbesondere deren sexuelle Gewaltakte. Es wurde mit Nachdruck daran erinnert, dass trotz wiederholter Appelle keine internationale Organisation angemessen reagierte. Diese Verzögerung der internationalen Institutionen stellt eine schwerwiegende Verletzung ihrer Pflicht zum Schutz von Frauen ohne jegliche Unterscheidung dar.

Die Untätigkeit wurde als so gravierend eingeschätzt, dass sie einen Präzedenzfall schuf, der »fast eine Rechtfertigung für die Vergewaltigungen von Mädchen und Frauen« darstellen könnte, wie die stellvertretende Außenministerin Israels Sharren Haskel feststellte, die an die Sentenz der Komplizenschaft durch Untätigkeit erinnerte: »Schweigen ist Komplizenschaft. Neutralität ist kein Frieden. Gleichgültigkeit ist der Verbündete der Kriminellen.«

Die institutionelle Untätigkeit spiegelte die Versäumnisse der Medien wider, deren Schweigen auf der Konferenz ebenfalls kritisiert wurde. Das Ausbleiben der Berichterstattung führte bei den aus dem Gazastreifen zurückgekehrten Geiseln zu tiefer Frustration, da die von ihnen erlebten Gräueltaten unsichtbar blieben, wie der Journalist, Autor und Regisseur Henrique Cymerman festhielt. Während die Presse eine zentrale Rolle dabei spielen sollte, die Welt zu informieren und Verbrechen ans Licht zu bringen, trug diese mediale Zurückhaltung entscheidend dazu bei, ein schwerwiegendes Problem zu schaffen: die Banalisierung des Horrors.

Parallel zur institutionellen Untätigkeit und medialen Zurückhaltung trat während des Hamas-Angriffs eine alarmierende Praxis zutage: die Verbreitung von Videos der begangenen Gewalttaten und Verbrechen. Ursprünglich vom Islamischen Staat initiiert, der seine Hinrichtungen in Syrien filmte, hob die Hamas diese Praxis auf eine neue Stufe. Laut der libanesisch-syrischen Aktivistin Rawan Osman, die ihre diesbezügliche Warnung wiederholte, etabliert dieses Vorgehen ein globales Modell der Brutalität, das Folter und Entmenschlichung weltweit normalisiert: »Wir hatten die Welt gewarnt, dass sich dieses Muster weltweit ausbreiten würde, sollte die Hamas nach den Ereignissen vom 7. Oktober [2023] ungestraft bleiben.«

Wie viele Warnungen müssen die Frauen der sogenannten muslimischen Welt noch aussprechen, bevor ihre Stimmen endlich gehört werden?

Doppelmoral vs. Schwesternschaft

Es ist wichtig zu betonen, dass das Schweigen zahlreicher feministischer Organisationen nach dem 7. Oktober 2023 zutiefst befremdlich war. Am 8. März 2024 wurden Feministinnen, die in Paris und Brüssel ihre Solidarität mit den israelischen Geiseln zeigten, von Demonstrationen ausgeschlossen. Dieser Doppelstandard offenbarte eine Spaltung innerhalb der Frauenbewegung und schwächte das Ideal eines wirklich universalistischen Feminismus sowie der internationalen Schwesternschaft.

In diesem Kontext fehlender Solidarität war die Beteiligung von Stimmen aus der MENA-Region, insbesondere jene von Ahdeya El Syed, besonders wertvoll. Die ehemalige Präsidentin der Vereinigung der Journalistinnen und Journalisten von Bahrain äußerte ihre Enttäuschung und Scham über die zustimmenden Reaktionen in der arabischen Welt nach dem 7. Oktober. Nachdrücklich betonte sie, dass die BesucherInnen des Nova-Festivals einfach das Leben genossen und keinerlei Verbindung zum Krieg hatten.

Dieser Mangel an internationaler Solidarität veranlasste die Konferenz, den universellen Charakter sexueller Gewalt zu betonen, die alle Frauen weltweit unabhängig von Herkunft oder Kultur betrifft.

So wurde an das Regime der Islamischen Republik Iran erinnert, das die Rechte der Frauen systematisch unterdrückt, sie zur Unterordnung zwingt und durch gesetzliche wie religiöse Gewalt eine sexuelle Apartheid etabliert, wobei das Los der im Iran lebenden afghanischen Frauen noch einmal ein besonders extremes Beispiel darstellt, wie die Gründerin von Femme Azadi, Mona Jafarian, ausführte.

Im Iran werden Dissidentinnen vor der Hinrichtung inhaftiert, gefoltert und vergewaltigt, wobei diese Vergewaltigungen gemäß der Doktrin ihnen der Zugang zum Paradies verwehrt werden soll. Diese Praxis verdeutlicht die Grausamkeit eines Regimes, das Religion instrumentalisiert, um Frauen zu kontrollieren – sowohl hier auf Erden als auch im Jenseits.

Ich selbst zeigte anhand der Beobachtungen einiger muslimischer Gemeinschaften in Nordafrika und Deutschland auf, dass Gewalt und Misogynie nicht ex nihilo entstehen: Diese Spirale durchzieht alle Lebensphasen. Sie beginnt mit sexistischer Erziehung in der Familie, gestützt auf rückschrittliche religiöse Normen, und zeigt sich in der Kontrolle von Frauen und Mädchen im öffentlichen Raum und in Schulen. Die Dynamik kann sich durch organisierte sexuelle Gruppengewalttaten – wie 2011 auf dem Tahrir-Platz oder 2015 in Köln – verstärken und erreicht ihr Summum in Massakern wie jenen des IS an den Jesidinnen oder von der Hamas an israelischen Frauen.

Es ist allgemein bekannt, dass die ersten Opfer der islamistischen Ideologie vor allem muslimische Frauen und Mädchen sind. Heute ist es unerlässlich, anzuerkennen, dass diese Gewalt jede Frau weltweit treffen kann. Daher muss sie dringend bekämpft werden, ohne die Opfer nach kultureller oder religiöser Herkunft zu hierarchisieren.

Lücken schließen

Die Konferenz machte auch, national wie international, die Lücken des rechtlichen Rahmens im Umgang mit sexueller Gewalt als Kriegswaffe deutlich. Vertreterinnen aus Politik und Recht betonten die Dringlichkeit belastbarer Mechanismen zur Dokumentation von Vorfällen, Koordination von Maßnahmen und Sicherstellung von Gerechtigkeit.

Einige Staaten wie zum Beispiel Deutschland verfügen bereits über Instrumente, um Mitglieder krimineller Gruppen zu verfolgen; diese können und müssen genutzt werden, um das internationale Recht zu stärken und die kollektive Verantwortung von Mitgliedern bewaffneter oder terroristischer Gruppen geltend zu machen, wenn sexuelle Gewalt Teil ihrer Methoden ist, wie die belgische Senatorin und Präsidentin für Europa des Internationalen Frauenrats Viviane Teitelbaum und die ehemalige deutsche Ministerin, Abgeordnete und Präsidentin der CDU-Frauenunion Annette Widmann-Mauz ausführten.

Einblicke bot auch das Projekt Dinah, das die systematische sexuelle Gewalt der Hamas dokumentiert. Die Beteiligten, darunter die israelische Richterin und Dinah-Mitautorin Nava Ben-Or und die Direktorin des Nitzan Fund Ayelet Razin plädieren für eine kollektive Verantwortung und Verurteilung, auch wenn einzelne Täter schwer identifizierbar sind, und betonen die tiefgreifenden psychologischen Folgen für Opfer, deren Familien und Gemeinschaften.

Ergänzt wurden diese Perspektiven durch die ukrainische Rechtsberaterin Iryna Kapalkina und Paula Silva Rodriguez vom kolumbianischen Sondergericht für den Frieden, die den Schutz der Überlebenden und die Notwendigkeit rigoroser Dokumentation hervorhoben. Zentral für die Sicherstellung von Gerechtigkeit ist die Verfolgung von Auftraggebern, die Taten tolerierten oder anordneten. Zugleich wurde erneut die Notwendigkeit sorgfältiger Dokumentation hervorgehoben, verbunden mit dem Vorschlag, Zeugenaussagen per Video aufzuzeichnen, um eine Retraumatisierung zu verhindern, wie etwa die Richterin und ehemalige Staatsanwältin am Pariser Justizgericht Aurélia Devos oder die Gründerin von We Are Not Weapon of War, Céline Bradet, hervorhoben.

Schließlich wurden die Leitprinzipien zur Bekämpfung und Prävention sexueller Gewalt als internationale Verbrechen (CRSV) vorgestellt. Der universelle Rahmen, inspiriert von führenden Persönlichkeiten im Kampf gegen diese Verbrechen, fordert die Sicherstellung von Justiz und Rechenschaft gegenüber Überlebenden und Opfern und stützt sich auf die drei Säulen Prävention, Vorbereitung, Reaktion sowie langfristige Folgen, führte die Gründerin von October 7. Justice without Borders, Yael Vias Gvirsman, aus.

Unmöglich wäre es von Paris aus gewesen, die systematische sexuelle Gewalt im Sudan zu verschweigen. Ministerin Aurore Bergé erinnerte daran, dass diese Verbrechen »terrorisieren, entmenschlichen und mitunter sogar Kinder treffen«. In Khartum und Darfur dokumentieren weit verbreitete Vergewaltigungen und sexuelle Übergriffe – selbst an Säuglingen – das Ausmaß und die Grausamkeit dieser Taten.

Insgesamt schloss der Gipfel mit der klaren Botschaft: Sexuelle Gewalt als Kriegswaffe verlangt internationale Solidarität jenseits politischer Spaltungen. Es ist ein moralisches und humanistisches Gebot, ein gemeinsames Engagement für Gerechtigkeit und Menschenwürde. Schweigen und Straflosigkeit dürfen nicht länger toleriert werden. Die Verantwortlichen dieser Verbrechen müssen zur Rechenschaft gezogen und der Schutz aller Frauen weltweit jederzeit und ohne Ausnahme garantiert werden.

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