Immer mehr Menschen in Nordafrika und im Nahen Osten, also in jener Region, in der Religion bis heute eine zentrale Rolle spielt, bezeichnen sich als nicht religiös.
Über die letzten zehn Jahre lässt sich ein Trend beobachten, der in Europa vermutlich viele eher erstaunen wird: Immer mehr Menschen in Nordafrika und dem Nahen Osten, jene Region, in der Religion bis heute weltweit eine zentrale Rolle spielt, bezeichnen sich inzwischen als nicht religiös. Das gilt ganz besonders für die Gruppe der unter Dreißigjährigen, die immerhin sechzig Prozent der Bevölkerung ausmacht.
Fast erstaunt zeigten sich marokkanische Medien angesichts einer jüngst in Afrika durchgeführten Umfrage, die ergab, dass sich inzwischen 35,8 Prozent aller Befragten als »nicht-religiös« bezeichneten. 2013 waren es im Land noch unter fünf Prozent, die bei einer Umfrage 2019 auf dreizehn Prozent stiegen.
Damit bestätigt sich ein Trend, der nur kurzzeitig durch die COVID-Epidemie, die mit einer gewissen Re-Religiosität einherging, unterbrochen war: Eine wachsende Zahl vor allem jüngerer Menschen betrachtet sich nicht mehr als religiös oder, was in der Region noch immer extrem stigmatisiert ist, gar als atheistisch. Laut Arab Barometer war 2019
»der Anteil der Jugendlichen, die sich als ›nicht religiös‹ bezeichneten, in Tunesien am höchsten (46 Prozent), gefolgt von Libyen (36 Prozent), Algerien (24 Prozent), Marokko (22 Prozent) und Ägypten (18 Prozent). Bemerkenswert ist, dass in mehreren Ländern die Wahrscheinlichkeit, dass Jugendliche angaben, ›nicht religiös‹ zu sein, seit 2012 bis 2014 deutlich gestiegen ist, unter anderem in Tunesien (+ 24 Punkte), Libyen (+ 18 Punkte), Marokko (+ 18 Punkte), Ägypten (+ 15 Punkte) und Algerien (+ elf Punkte).«
Diese Entwicklung ist insofern besonders bemerkenswert, als in den Jahrzehnten davor islamistische Parteien und Gruppen sich in dieser Altersgruppe großer Beliebtheit erfreuten und ihre Erfolge vor allem auch darauf zurückzuführen waren, dass sie ganz gezielt unzufriedene junge Menschen ansprachen. Damals ergaben »umfragebasierte Studien, dass Jugendliche eher eine Beteiligung des Islams an der Politik befürworteten.« Der Islamwissenschaftler Gilles Kepel bezeichnete den Dschihadismus deshalb zu Anfang des neuen Jahrtausends und kurz nach den Terrorangriffen von 9/11 als »Punk des 21. Jahrhunderts«.
Reiz verloren?
Offenbar, das belegen die neuen Zahlen und Umfragen, haben islamistische Organisationen in dieser Altersgruppe ihren Reiz weitgehend eingebüßt. Während sie noch in vielen der Massenproteste von 2011 eine wichtige Rolle spielten, wurde, wie Arman Azadi in einer Studie feststellte, »die neue Protestwelle, die manchmal als ›zweiter Arabischer Frühling‹ bezeichnet wird, nicht von religiösen Themen dominiert. Demonstranten im Irak und im Libanon, wo religiöse Sekten seit Langem eine sehr ausgeprägte politische Spaltung darstellen, haben religiöses Sektierertum vehement abgelehnt.«
Offenbar entfremdeten einerseits die Exzesse und Blutbäder, die Al-Qaida und der Islamische Staat (IS) zwischenzeitlich im Namen des Islams in Syrien und im Irak angerichtet hatten, viele junge Menschen von solchen Gruppierungen, die außerdem mit ihren Anliegen, islamische Kalifate zu errichten, kläglich scheiterten.
Außerdem, so zumindest die Einschätzungen bezüglich Marokko, spielen Urbanisierung, höherer Bildungsgrad und Zugang zu internationalen Medien eine ebenso wichtige Rolle. So schreibt Adil Faouzi in den Morocco World News:
»Der Trend zur nicht-religiösen Identifizierung ist besonders deutlich bei jüngeren Generationen in Städten wie Casablanca, Rabat und Marrakesch zu beobachten. Höhere Bildung, globale Medien und ein säkularerer Lebensstil beeinflussen die Selbstwahrnehmung. Auch gesellschaftliche Debatten über Geschlechterrollen, persönliche Freiheiten und Regierungsführung haben dazu beigetragen, die institutionelle Religion zu hinterfragen. (…) Eine kürzlich in Nature Communications veröffentlichte Studie ergänzt diese Daten. Laut dieser Studie zeigt Marokko lediglich erste Anzeichen dessen, was Forscher als ›säkulare Transition‹ bezeichnen.«
Zu ganz ähnlichen Ergebnissen kam kürzlich das türkische Meinungsforschungsinstitut Konda – und das trotz aller Bemühungen der AKP-Regierung, gerade die Jugend auf einen islamischen Kurs zu bringen. In einer dieses Jahr durchgeführten Umfrage fiel der Anteil derjenigen, »die sich selbst als ›gläubig‹ bezeichneten, von 55 Prozent im Jahr 2008 auf 46 Prozent im Jahr 2025«. Außerdem bezeichneten sich immerhin acht Prozent als Atheisten, ein Anstieg um das Vierfache seit dem Jahr 2008. Konda erklärte deshalb auf X, dass sich die Religiosität in der Türkei in einem kontinuierlichen Rückgang befinde.
Dies mag auch daran liegen, dass gerade unter jüngeren Türken die AKP von Präsident Erdogan immer unbeliebter wird und – ähnlich, wie seit Jahren auch im Iran der Fall – Aussagen gegen die Religion sich damit auch gegen jene, sich auf eben diese Religion berufende Regierung beziehen können. Im Iran jedenfalls begann der Trend, dass sich Menschen als nicht-religiös oder gar atheistisch bezeichneten, schon früher. Inzwischen ist er so offensichtlich, dass ihn sogar staatliche Umfragen bestätigen:
»Eine Studie des iranischen Ministeriums für Kultur und islamische Führung offenbart einen deutlichen Rückgang der Einhaltung religiöser Werte, trotz der umfangreichen ideologischen Propaganda der Regierung … (und) zeigt, dass sich etwa 73 Prozent der Iraner für die Trennung von Religion und Staat aussprechen, was eine beispiellose Forderung nach einer säkularen Regierung verdeutlicht. Im Gegensatz zu den 22,5 Prozent, die eine religiöse Regierung befürworten, ist ein starker Anstieg des Säkularismus erkennbar. (…)
Eine der wichtigsten Erkenntnisse der Studie ist, dass 85 Prozent der Befragten angaben, die Iraner seien im Vergleich zu vor fünf Jahren weniger religiös geworden. Nur sieben Prozent gaben an, religiöser geworden zu sein; etwa acht Prozent sahen in dieser Hinsicht keinen Unterschied. »Mit Blick auf die Zukunft erwarten über 81 Prozent einen weiteren Rückgang der Religionsausübung in den nächsten fünf Jahren, was den Wandel der gesellschaftlichen Einstellung zu religiösen Praktiken widerspiegelt.«
All diese Daten und Umfragen zeigen recht deutlich, dass sich die Stimmung in der ganzen Region vor allem unter jüngeren Menschen langsam ändert und anders als noch vor zwanzig Jahren der Islam als Religion ebenso wie islamistische Parteien an Anziehungs- und Bindungskraft verlieren.






