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Verkehrte islamistische Welt

Aus Angst vor Islamismus wollen VAE staatliche Stipendien für Studierende an britischen Universitäten kürzen
Aus Angst vor Islamismus wollen VAE staatliche Stipendien für Studierende an britischen Universitäten kürzen (© Imago Images / Zoonar)

Warum eine drastische Maßnahme der Vereinigten Arabischen Emirate gegen den politischen Islam Europa in Alarmbereitschaft versetzen sollte. Ein Kommentar.

Es gibt Meldungen, die man zunächst für einen schlechten Scherz oder für Fake News halten könnte. Die Ankündigung der Vereinigten Arabischen Emirate, staatliche Stipendien für Studierende an britischen Universitäten zu kürzen, gehört dazu. Begründet wird dieser Schritt mit der Sorge vor islamistischer Radikalisierung an Hochschulen in Großbritannien.

Politisch brisant ist diese Entscheidung vor allem wegen ihres Absenders. Über Jahre galten Staaten der Golfregion als Finanziers religiöser und islamistischer Netzwerke in Europa und den Vereinigten Staaten. Besonders Katar, aber auch Saudi-Arabien, spielten dabei eine zentrale Rolle. Der Westen kritisierte diese Praxis zwar, duldete sie jedoch im Prinzip und spielte sie lange Zeit herunter.

Jetzt ist offenbar ein von den Emiraten ausgehender Kurswechsel zu beobachten. Bereits im vergangenen Jahr fehlten britische Universitäten auf einer offiziellen Förderliste der Emirate. The Times berichtete vor allem von Befürchtungen über den Einfluss der Muslimbruderschaft auf muslimische Studenten, die in den Emiraten als terroristische Organisation gilt und inzwischen auch von den Vereinigten Staaten entsprechend eingestuft wird. In Abu Dhabi wächst offenbar die Sorge, eigene Staatsbürger zur Ausbildung nach Europa zu entsenden und sie als Islamisten zurückzubekommen. Lange war es umgekehrt: Europäische Staaten fürchteten, dass Extremisten aus der arabischen Welt nach Europa einwanderten.

Diese Verschiebung spiegelt sich auch im öffentlichen Raum wider. In Städten wie Paris, London, Brüssel, aber mittlerweile auch Berlin prägt der politische Islam mittlerweile ganz Stadtviertel. Seit Jahren wird auch davor gewarnt, dass Universitäten durch fundamentalistische Gruppierungen unterwandert werden. Das lässt sich nicht erst seit dem 7. Oktober 2023 festmachen. An Universitäten in Europa und in den Vereinigten Staaten kommt es bis heute zu massiven Protesten gegen Israel, gesteuert von Pro-Hamas-Gruppen und islamistischen Akteuren.

Besonders in den USA rückte dabei die Finanzierung der Hochschulen in den Fokus. Viele Universitäten erhielten in den vergangenen Jahren erhebliche Mittel aus dem Ausland, darunter auch aus Katar. Dass sich mit diesen Geldern islamistische Netzwerke gezielt an Universitäten festsetzen, gilt inzwischen nicht mehr nur als Verdacht, sondern als Fakt.

Warnsignal für Europa

Wie weit diese Veränderung bereits reicht, zeigt sich auch in sozialen Medien. Der deutsche salafistische TikTok-Prediger-Star Abul Baraa, der Hunderttausende Follower erreicht, wurde von einem jungen Muslim gefragt, in welches Land man auswandern solle, um islamisch leben zu können. »England«, antwortete Abul Baraa. Dort könne man heute islamischer leben als in den meisten muslimischen Ländern.

Parallel dazu sind in Teilen der Golfregion seit Längerem gesellschaftliche Veränderungen zu beobachten. In Saudi-Arabien wurden in den letzten Jahren Kleidungsvorschriften für Frauen gelockert, öffentliche Räume geöffnet und westliche kulturelle Einflüsse zugelassen. Gerade unter jüngeren Generationen ist eine wachsende Distanz zu religiöser Bevormundung und politisiertem Islam erkennbar, auf die die Staaten nun reagieren müssen.

Der aus den Vereinigten Arabischen Emiraten stammende Politikanalyst Ahmed Al-Amari sagte unlängst in einem Interview mit dem britischen Sender GB News, dass der Kampf gegen den islamistischen Extremismus als längst notwendige Maßnahme begriffen worden sei. Islamismus werde als ideologische Herausforderung verstanden, so Al-Amari, der man mit klaren rechtlichen Grenzen, der Kontrolle von Finanzierungsströmen sowie der Regulierung von Bildungs- und Religionsräumen begegnen müsse.

Vor diesem Hintergrund ist der Schritt der Emirate als Warnsignal für ganz Europa zu begreifen. Wenn selbst Regionen, die lange Zeit als Förderer ideologischer Einflussnahme galten, islamistische Risiken neu bewerten und massiv dagegen vorgehen, sollte Europa nicht länger wegsehen, sondern gemeinsam mit der überwiegenden Mehrheit von liberalen Muslimen gegen den politischen Islam vorgehen. Was die Emirate schaffen, wird wohl auch in Europa möglich sein. Alles andere wäre eine gesellschaftspolitische Selbstaufgabe.

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