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Ägypten: Mit Verhaftungen gegen Corona

Das ägyptische Gesundheitssystem ist wegen Corona am Zusammenbrechen
Das ägyptische Gesundheitssystem ist wegen Corona am Zusammenbrechen

Während Ägypten versucht, Touristen ins Land zu locken, gehen die Sicherheitsbehörden gegen medizinisches Personal vor, das die Krise des Gesundheitssystems öffentlich macht.

Alle Länder des Nahen Ostens und Nordafrikas sind hart von der Corona-Pandemie betroffen, die ohneih schon darniederliegenden Volkswirtschaften der Region liegen in Agonie, Besserungen sind nicht in Sicht.

Mit dem kleinen Virus haben besonders die selbsternannten großen Führer zu kämpfen, lässt es sich doch weder einschüchtern, noch inhaftieren noch irgendwelche imaginierten Volksfeinde für es verantwortlich machen. Große Gesten und Reden beeindrucken es nicht im geringsten, derweil die Einrichtungen des Gesundheitswesens völlig unzureichend ausgerüstet sind und Sicherheitsdienste, die zwar effizient Dissidenten verhaften können, sich nicht in der Lage zeigen, einfachste Regeln umzusetzen, um die Verbreitung des Virus einzudämmen.

Besonders beeindruckend demonstriert die ägyptische Regierung – stellvertretend für jenen alten Nahe Osten insgesamt, gegen dessen Herrschaft seit 2011 kontinuierlich auf den Straßen der Region demonstriert wird – ihre ganze Unfähigkeit. Zu Beginn der Krise erklärte der Gesundheitsminister, man plane schärfere Kontrollen chinesischer Restaurants, ansonsten sei Ägypten aber frei vom Virus und bestens vorbereitet.

Gesundheitssystem vor dem Kollaps

Es kam wie erwartet: Das Land wurde schwer getroffen, verhängte einen Lockdown, der vor allem die Armenviertel traf und schon nach kurzer Zeit stand das Gesundheitswesen vor dem Kollaps. In keinem anderen Land sind prozentual inzwischen so viele Menschen an einer Corvid-19 Infektion gestorben.

Die Maßnahmen waren anfangs drakonisch, wurden allerdings sukzessive seit Mitte Mai gelockert. Seitden steigt die Zahl der Neuinfektionen rasant an, eine Besserung ist nicht in Sicht, Arbeitslosigkeit und Armut nehmen kontinuierlich zu.

Während nun die Regierung die Badeorte für internationale Touristen öffnet, um dringend benötigte Devisen ins Land zu holen, steht das Gesundheitssystem kurz vor dem Kollaps. Seit längerem können selbst schwer erkrankte Patienten nicht mehr in Krankenhäusern versorgt werden, die wenigen zur Verfügung stehenden Betten werden teilweise für viel Geld zur Verfügung „vermietet“.

In sozialen Medien häufen sich Hilferufe von Schwerkranken, die bereit sind für ein Bett hohe Summen zu zahlen. Die Gesundheitsversorgung in Ägypten, einem Land, in dem bis heute knapp die Hälfte der Bevölkerung als arm eingestuft wird, war für all jene, die über keine entsprechenden Geldmittel verfügen, schon immer katastrophal, seit Frühjahr ist es noch schlimmer geworden.

„‚Es gibt einen Mangel an Intensivstationen, einen Mangel an Beatmungsgeräten, einen Mangel an Ärzten und einen Mangel an Krankenschwestern‘, sagte eine Ärztin in ihren 20ern, die in einem der führenden Ausbildungskrankenhäuser Kairos arbeitet, in einem Interview. ‚Selbst der kleinste Druck kann das ägyptische Gesundheitssystem zum Zusammenbruch bringen‘.“

Repression gegen medizinisches Personal

Seit Wochen melden sich Ärzte und Krankenschwestern zu Wort, um über diese unhaltbaren Zustände zu klagen und Abhilfe zu fordern. Und was geschieht? Seit einiger Zeit rollt eine Verhaftungswelle von Bediensteten des Gesundheitswesens durchs Land:

„,Sicherheitsbehörden, staatliche und private Medien, die dem Regime nahe standen, wandten sich gegen das einst als ‚weiße Armee‘ Ägyptens bezeichnete medizinisches Personal, nachdem dieses Fakten über die Inkompetenz des Staates im Umgang mit der Coronavirus-Pandemie aufgedeckt hatte. Arzte und Pfleger wurden von den Behörden drangsaliert und eingeschüchchtert.

Mindestens sechs Ärzte waren festgenommen worden, nachdem sie in sozialen Medien ihre Besorgnis über das Missmanagement der Krise zum Ausdruck gebracht hatten. Den Ärzten wurden fast alle die gleiche ‚Fawal‘-Vorwürfe gemacht, eine Anschuldigung, die von den Behörden häufig gegen Dissidenten erhoben wird.

‚Dies ist ein gezieltes Vorgehen gegen Ärzte, die das Recht haben, geschützt zu werden. Falls sie befragt werden müssen, kann das nur das Gewerkschaft tun“, sagte der Menschenrechtsanwalt Fahd el-Banna.

Die Vorwürfe gegen die Verhafteten zeichnen sich nicht durch besondere Originalität aus. Zuletzt wurde – nachdem er sich kritisch geäußert hatte – Mohamed Moataz El-Fawal in Nordägypten verhaftet und ihm wurden Unterstützung von Terroristen und Verbreitung von „Fake News“ zur Last gelegt.

Mögen die altbewährten Rezepte zur Herrschaftssicherung gegen das Virus auch nichts ausrichten, wenn es darum geht, unliebsame Stimmen zu Schweigen zu bringen, funktionieren sie allemal. Und je mehr die Regierung den Kampf gegen Corona verliert, desto drastischer geht die gegen jene vor, die ihr Versagen dokumentieren und kritisieren. Genau so hat der Nahe Osten schon immer funktioniert und wird es auch weiter tun, bis irgendwann das ganze System einfach kollabiert.

Derweil schaltet die Tourismusbehörde exorbitant teure Werbespots, wie schön das Land doch sei, und wie entspannt westliche Besucher inmitten exotisch gekleideter Ägypter doch ihren Urlaub an Rotem Meer und Nil verbringen können. Dort werden sie, wie üblich, wenig mitbekommen vom Elend in Krankenhäusern, Gefängnissen und den Armenvierteln des Landes.

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