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»Das Verbot von Muslim Interaktiv setzt ein klares Signal«

Der Theologe Mouhanad Khorchide im Mena-Watch-Talk. (BU: ZIT/Peter Grewer)
Der Theologe Mouhanad Khorchide im Mena-Watch-Talk. (BU: ZIT/Peter Grewer)

Im MENA‑Talk spricht Jasmin Arémi mit Mouhanad Khorchide, Islamtheologe an der Universität Münster und Experte für den politischen Islam und innerislamische Reformdebatten, über das kürzlich verhängte Verbot der islamistischen Gruppierung Muslim Interaktiv, seine Bedeutung für Gesellschaft und Staat sowie die Herausforderungen von islamistischer Propaganda im digitalen Raum.

Das deutsche Bundesministerium des Innern hat Anfang November Muslim Interaktiv verboten, verbunden mit Durchsuchungen bei Netzwerken wie Generation Islam und Realität Islam. Innenminister Dobrindt begründete diesen Schritt mit der Hetze gegen Israel, gegen Juden und gegen Frauenrechte sowie mit der von infrage stehenden Gruppierungen propagierten Idee eines Kalifats.

Das Verbot hat weitreichende Debatten über die Grenzen der Meinungsfreiheit, die Stabilität der Demokratie und islamistische Ideologien ausgelöst. Mouhanad Khorchide vom Zentrum für Islamische Theologie in Münster bewertet diesen Schritt als deutliches Zeichen staatlicher Verantwortung: »Das Verbot ist grundsätzlich ein wichtiges Signal Richtung islamistische Gruppierungen, die gerade online sehr stark vertreten sind.«

Es sei ein klares Statement. In einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft gelten demokratische Werte, und wer diese systematisch sabotieren wolle, müsse mit Konsequenzen rechnen. Wenn solche Gruppierungen glauben, demokratische Prinzipien im Namen des Islams unterwandern zu können, müsse deutlich werden, dass der Staat das nicht einfach hinnimmt.

Verbote allein reichen nicht

Im Gespräch macht der Theologe jedoch auch deutlich, dass Verbote allein nicht ausreichen. Besonders im digitalen Raum könnten Gruppierungen schnell auf neue Plattformen ausweichen, um ihre Ideologien weiterzuverbreiten. Technisch wie rechtlich sei der Staat daher gefordert, Netzstrukturen enger zu überwachen.

Ein zentraler Punkt im Gespräch ist die Abgrenzung zwischen gewalttätigem und politischem Islamismus. Die ideologischen Grundlagen seien dieselben, deshalb müsse klar signalisiert werden, dass es nicht nur um Terrorismus oder Gewalt gehe, sondern darum, bereits dort anzusetzen, wo Ideologie beginnt, beim politischen Islamismus, bei Gruppierungen wie Muslim Interaktiv, hinter der die sogenannte Hizb ut-Tahrir stehe (wörtlich übersetzt »Partei der Befreiung«). Sie wurde in den 1950er-Jahren mit dem Ziel gegründet, das Kalifat als einzig gültige Gesellschaftsordnung durchzusetzen – gegen Demokratie und die freiheitlich-demokratische Grundordnung.

In Bezug auf Prävention und Bildungsarbeit sieht Khorchide eine Bestätigung bestehender Präventionsstrategien. Das Verbot helfe, frühzeitig zu intervenieren, bevor Ideologie in konkrete Gewalt umschlage. Zugleich betont er, dass junge Menschen besonders in sozialen Medien anfällig seien, da algorithmisch zugespielte Botschaften schnell emotionalisieren und Identitäten beeinflussen.

In den letzten Jahren habe sich, wie er beobachtet, in der islamistischen Szene etwas deutlich verschoben: weg von einer rein religiösen Sprache, wie sie etwa im Salafismus üblich war – »hier die Muslime, dort die Ungläubigen« ­–, während man heute andere, von Antiimperialismus und Postkolonialismus inspirierte Narrative vernimmt im Sinne von »wir sind Opfer des Westens«.

Der Westen erscheine nun als Täterfigur, als weißer Mann, als Rassist. »Das zu instrumentalisieren, indem man pauschal sagt, die Gesellschaft, der Westen sei rassistisch, antimuslimisch, sei islamophob, das sind Botschaften, die immer mehr junge Menschen emotional erreichen. Und das ist genau das Gefährliche an solchen Gruppierungen.« Begriffe wie antimuslimischer Rassismus würden in diesen Kreisen inflationär verwendet. Wer sich die Videos von Muslim Interaktiv angesehen habe, erkenne schnell, dass es weniger um religiöse Inhalte gehe als um emotional aufgeladene, moralisierende Botschaften.

Bildungsangebote notwendig

Eine effektive Strategie benötige deshalb nicht nur rechtliche Maßnahmen, sondern auch mediale und gesellschaftliche Bildungsangebote. Es brauche authentische muslimische Stimmen, die alternative Narrative anbieten, ebenso wie eine gezielte Förderung von Medienkompetenz in Schulen und Bildungsinstitutionen. »Die islamistischen Ideologien heute sind hauptsächlich in digitalen Räumen unterwegs, also kaum mehr in Moscheen. Zum Beispiel haben, anders als der Salafismus, Muslim Interaktiv, Hizb ut-Tahrir usw. keine Moschee-Gemeinden. Heute bewegen sie sich hauptsächlich in den sozialen Medien. Dort findet Radikalisierung statt. Dort sind die geistigen Räume.« Deshalb sei eine Kombination aus Zugangsbeschränkungen, Altersregulierungen und positiven Gegenangeboten notwendig, um Jugendlichen Orientierung zu geben.

Der Islamtheologe weist darauf hin, dass reformorientierte Muslime die Rolle von Social Media stärker als Ressource begreifen müssten. Die rationale Erklärung des Islams und aufklärerische Arbeit seien wichtig, betont er, reichten jedoch alleine nicht aus. Diese Ansätze seien oft zu stark im Intellektuellen verhaftet. Junge Menschen seien heute kaum noch über klassische Texte zu erreichen; sie hätten weder Interesse daran, den Koran zu lesen, noch an historisch-kritischen oder theologischen Debatten. »Das bedeutet jedoch nicht, dass diese intellektuelle Arbeit überflüssig sei, im Gegenteil. Sie bleibt unverzichtbar. Entscheidend ist jedoch, sie nicht als Ersatz zu betrachten, sondern neben andere Formen der Ansprache zu stellen, die junge Menschen dort erreichen, wo sie sich tatsächlich bewegen.«

Abschließend rückt Khorchide die Bedeutung der Zivilgesellschaft und zivilgesellschaftlichen Initiativen in den Mittelpunkt. Er spricht über die Notwendigkeit, das bestehende Lagerdeken zu überwinden und aktiv aufeinander zuzugehen. Auch über religiöse und ideologische Grenzen hinweg. Als Beispiel nennt er Begegnungsräume muslimischer, christlicher und jüdischer Gemeinschaften, die bewusst den Dialog fördern. Es reiche nicht, Extremismus zu verbieten. Es müsse vielmehr eine Kultur des gemeinsamen Lernens und des klugen Austauschs geschaffen werden, in der junge Menschen Orientierung finden und demokratische Werte als Grundlage eines vielfältigen Zusammenlebens erkennen.

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