Im Gespräch mit Elisa Mercier spricht der Historiker Jan Gerber über sein aktuelles Buch Das Verschwinden des Holocaust sowie über den Wandel der Erinnerungskultur und deren Instrumentalisierung im Kampf gegen Israel.
Elisa Mercier (EM): Sie schreiben in Ihrem Buch, der Holocaust sei in der Nachkriegszeit zunächst »unsichtbar« geblieben. Woran lag das?
Jan Gerber (JG): Dafür gab es mehrere Gründe. Ich will nur zwei nennen. Der erste: Der Zweite Weltkrieg forderte rund siebzig Millionen Todesopfer. Allein in der Schlacht von Stalingrad, die etwa zur selben Zeit stattfand, als die ersten Nachrichten über die Vernichtung der Juden im Westen eintrafen, starben in vier Monaten mehr als eine Million Menschen. Es gibt weitere Beispiele. Angesichts solcher Zahlen schienen die sechs Millionen ermordeter Juden zunächst kaum ins Gewicht zu fallen.
Der zweite Grund verweist auf die Besonderheit des Verbrechens selbst. Denn gerade das, was die Opfer des Holocausts von den anderen Toten des Zweiten Weltkriegs unterscheidet, war – und ist – nur schwer zu begreifen. Denn die Vernichtung der europäischen Juden steht nicht einmal mehr in einem Restzusammenhang mit dem Streben etwa nach Profit, Macht, Absatzmärkten. Sie brach mit den Prinzipien der instrumentellen Vernunft, die unsere Gesellschaft prägen. Auch deshalb entzieht sich der Holocaust immer wieder dem Begreifen. »Angesichts von Auschwitz war Auschwitz nicht vorstellbar«, erklärte der Historiker Dan Diner einmal.
EM: Sie schreiben, dass sich der Holocaust während des Kriegs trotzdem einigen Beobachtern in seiner »vollendeten Sinnlosigkeit« erschloss. Erst um 1948 verschwand er fast vollständig aus der öffentlichen Wahrnehmung. Warum?
JG: In der Bundesrepublik Deutschland ging es vor allem um die Abwehr von Schuld; in der DDR kam hinzu, dass der Holocaust zentrale Prämissen des Marxismus-Leninismus infrage stellte – etwa den Glauben an den revolutionären Geist der Massen oder die Vorstellung einer vernunftgeleiteten Geschichte. Auch in Israel wurde nach dem Krieg öffentlich zunächst wenig über den Holocaust gesprochen. Im Vordergrund stand der Wille, die »Wüste zum Blühen« zu bringen, wie es damals hieß.
Dazu kamen übergreifende Entwicklungen. Am wichtigsten war der Kalte Krieg, der schon um 1947 begann, kurz nach der Befreiung der Lager. Er war geprägt von einem merkwürdigen Nebeneinander: Geschichtsoptimismus stand neben Katastrophenbewusstsein. Der Fortschrittsoptimismus wurde jedoch immer wieder durch eine Waffe infrage gestellt, die diese Epoche stark prägte: die Atombombe. Sie diente der Abschreckung, sollte aber mehrfach tatsächlich eingesetzt werden, etwa im Koreakrieg oder in der Kuba-Krise. Der Holocaust passte weder zum Optimismus dieser Jahre, noch ließ die Angst vor einem Atomkrieg eine intensivere Auseinandersetzung mit ihm zu. So wurde die Erinnerung an den Holocaust schon wieder neutralisiert, bevor das Verbrechen einen Namen hatte.
EM: Ab den 1970er-Jahren rückte der Holocaust stärker in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit, oder?
JG: Das stimmt. Nach 1945 wurde die Erinnerung an den Nationalsozialismus in Deutschland und international zunächst von zwei Motiven dominiert: vom Kampf an der Front und vom Widerstand. Das hing auch mit bestimmten Rollenbildern zusammen, allen voran der Figur des Helden, die auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs dominant war. Mit ihr ließen sich die unschuldigen, wehrlosen und passiven jüdischen Opfer nur schwerlich vereinbaren. Auch deshalb sprach man nur wenig über sie.
In den 1970er-Jahren veränderten sich die gesellschaftlichen Rollenbilder. Die Figur des Helden verschwand sicherlich nicht vollständig, aber sie zog sich zurück. Deshalb entwickelte sich ein stärkeres Interesse an Leiderfahrungen. Dass der Holocaust seit den 1970er-Jahren stärker wahrgenommen wurde, hing nicht zuletzt mit dem allgemeinen Bedeutungsgewinn des Opfers zusammen. Darauf gehe ich in meinem Buch ausführlich ein.
Verallgemeinerung des Opfers
EM: Wie bewerten Sie die heutigen Entwicklungen?
JG: Heute erleben wir eine Verallgemeinerung der Figur des Opfers. Sie ist zentral für die eigene Selbstverortung geworden, für Einzelne genauso wie für Kollektive. Der Anspruch, als Opfer gesehen zu werden, ist oft Kern der »Identität« und diese gerät durch die Besonderheit des Holocausts unter Druck. Von dieser Besonderheit scheint eine narzisstische Kränkung auszugehen. Denn in dem Maß, in dem der Holocaust die Grenzen instrumenteller Vernunft sprengte, traten andere Massenverbrechen in seinen Schatten.
Das meine ich nicht moralisch, sondern epistemisch. Genau dieser epistemische Unterschied erzeugt Ressentiments, gerade vor dem Hintergrund der gestiegenen Bedeutung von Opfererfahrungen. Die Sozialfigur des Opfers, mit deren Aufstieg die Holocaust-Erinnerung seit den 1970er-Jahren eng verbunden war, kehrt sich nun fast dialektisch gegen diese Erinnerung.
EM: Aktuell ist die Einordnung des Holocausts in eine größere Gewaltgeschichte sehr dominant und eng verbunden mit postkolonialen Strömungen. Wie beschreiben Sie diese Dynamik?
JG: Die Einordnung des Holocausts in eine größere Gewaltgeschichte ist an sich nicht falsch. In der Vernichtung der europäischen Juden kulminierte die bisherige Gewaltgeschichte der Menschheit. Zugleich brach sie aber auch mit diesen Traditionen. Das hat Theodor W. Adorno in den Minima Moralia herausgearbeitet.
Versuche, diesen Doppelcharakter des Holocausts zugunsten von Verallgemeinerung und Universalisierung aufzulösen, sind nicht neu. Man denke nur an die Gleichsetzungen von Auschwitz und Hiroshima, Auschwitz und Gulag, die in sehr unterschiedlichen Jahrzehnten populär waren. Jean Améry befürchtete schon in den 1960er-Jahren, dass alles im Bild eines großen »Jahrhunderts der Barbarei« untergehen könnte. Der Postkolonialismus ist der jüngste Ausdruck dieses Gleichsetzungsmarathons. Er ist aber vermutlich einflussreicher als viele seiner Vorgänger.
EM: Welche Gefahren gehen davon aus?
JG: Sie betreffen sowohl den Holocaust als auch die Verbrechen, in deren Nähe er gerückt wird. Nehmen wir den Genozid an den Herero und Nama ab 1904: Man wird durch eine Gleichsetzung weder den Erfahrungen der verfolgten Juden gerecht noch den Opfern des Massenmords im damaligen Deutsch-Südwestafrika. Räumliche und zeitliche Zusammenhänge, politische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen, Täter und Opfer werden so unkenntlich. Sie gehen in der »Sauce des Allgemeinen« unter, wie Hannah Arendt einmal schrieb. Damit verschwinden auch die historische und die politische Urteilskraft.
Höhepunkt der Globalisierung
EM: Ist die Erinnerung an den Holocaust heute stark von politischen und moralischen Interessen der Gegenwart geprägt? Und wenn ja, von welchen?
JG: Erinnerung wird immer von Interessen geprägt, sie fügt sich ihnen jedoch nie vollständig oder widerspricht ihnen sogar oft. In meinem Buch gehe ich zum Beispiel umfangreich auf die UN-Resolution 60/7 von 2005 ein, dem Höhepunkt der Globalisierung der Holocaust-Erinnerung: Mit ihr wurde der 27. Januar zum Internationalen Holocaust-Gedenktag erklärt. Zugleich verurteilte die UNO die Leugnung des Verbrechens und verpflichtete sich zu weltweiten Bildungsprogrammen.
Der Resolutionsentwurf war von Israel eingebracht worden, das damit auf seine besonderen Existenzbedingungen aufmerksam machen wollte. Der Staat war nicht zuletzt als Reaktion auf den Holocaust entstanden. Nach dem Scheitern des Osloer Friedensprozesses im Jahr 2000 verstärkten sich die Vernichtungsängste: Der Iran, der sich die Zerstörung Israels zum Ziel gesetzt hat, trieb sein Atomprogramm weiter voran; gleichzeitig erschütterte die Al-Aqsa-Intifada das Land. Bis 2005 gab es mehr als 20.000 Terrorangriffe, bei denen über tausend israelische Zivilisten getötet wurden.
Der israelische Versuch blieb erfolglos. Stattdessen verstärkte die Resolution 60/7 die Tendenz zur Universalisierung, welche die Holocaust-Erinnerung seit jeher begleitet. Dadurch geriet die partikulare Dimension der Tat, die ein explizit an Juden begangenes Verbrechen war, weiter aus dem Blick. Die Globalisierung des Gedenkens trug zu einer Entkontextualisierung des Holocausts bei, was neuen, oft grotesken Rekontextualisierungen die Tür öffnete; etwa aktuell die Gleichsetzung des Gazastreifens mit dem Warschauer Ghetto.
EM: Inwiefern ist das »Verschwinden des Holocausts« mit aktuellen Formen des Hasses auf Israel und des Antisemitismus verknüpft?
JG: Folgt man Freud, ist die Entstehung des Antisemitismus eng mit der theologischen Frage verknüpft, ob die Juden das auserwählte Volk Gottes seien. Er schrieb sinngemäß, dass die Eifersucht auf diejenigen, die sich in religiöser Hinsicht als die erstgeborenen Kinder Gottes betrachten, eine besonders lange Halbwertszeit habe.
Mit dem Holocaust wurde die Vorstellung vom »auserwählten Volk« in negativer Weise ins Weltliche übertragen. Die Deutschen stellten die Juden auf schreckliche Weise heraus; sie machten sie tatsächlich zu einem »auserwählten Volk«, wie Horkheimer und Adorno in der Dialektik der Aufklärung schrieben. Dadurch verdoppelten sich paradoxerweise die traditionellen Ressentiments gegen vermeintliche Besonderheiten des Judentums. Die Vernichtung wurde zum Katalysator der alten und zur Quelle einer neuen Judenfeindschaft.
EM: Haben der Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und seine globalen Folgen das »Verschwinden des Holocausts« und den Wandel der Erinnerung verstärkt?
JG: Pogrome sind immer auch Demoskopie. Mit ihnen wird ausgetestet, wie weit die Täter beim nächsten Mal gehen können. Wer ohne größeren Schutz und Beistand auffällt, zieht weiteren Hass, weitere Wut und weitere Gewalt auf sich. In dieser Hinsicht stand es um Israel am 7. Oktober und danach schlecht. Das dürfte zumindest einer der Gründe für die verschärften Aggressionen sein, denen der jüdische Staat seither ausgesetzt ist.
Die Erinnerung an den Holocaust ist ein zentraler Schauplatz dieses Kampfs. Über sie wird versucht, die Legitimität des Staates der Holocaust-Überlebenden infrage zu stellen – teils durch eine Verharmlosung der Vernichtung, teils durch Gleichsetzungen der israelischen Politik mit den Naziverbrechen. Häufig geschieht beides zugleich. Logisch ist das nicht, aber wenn es um Israel geht, werden Logik und Fakten spätestens seit dem 7. Oktober zunehmend ausgeblendet. Stattdessen geht es um die Projektion eigener Wünsche, Bedürfnisse und Sehnsüchte. Der alte Antisemitismus, der nie wirklich verschwunden war, ist in großem Ausmaß zurückgekehrt. Das hat Folgen für den Umgang mit dem Holocaust.






