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US-Militär: Veteranen bringen afghanische Verbündete in Sicherheit

Veteranen der US-Marines Veteranen versuchen, ehemalige afghanische Kameraden in Sicherheit zu bringen
Veteranen der US-Marines Veteranen versuchen, ehemalige afghanische Kameraden in Sicherheit zu bringen (© Imago Images / ZUMA Wire)

Die Taliban ermorden systematisch Angehörige afghanischer Elitetruppen. Veteranen versuchen nun, ihre früheren Kameraden in Sicherheit zu bringen, berichtet ein ehemaliger US-Marine.

Gastautor

Zwischen der US-Militärführung und ehemaligen US-Spezialkräften in Afghanistan kam es in letzter Zeit zu extremen Spannungen. Der Grund: die Ehemaligen versuchten in inoffiziellen Operationen, ihre früheren afghanischen Kameraden in Sicherheit zu bringen. Sie wollten erledigen, was eigentlich Aufgabe der offiziellen Streitkräfte gewesen wäre, diesen aber von oben untersagt worden war. Kameraden berichteten mir, dass die ranghohen Befehlshaber offenbar den Befehl hatten, aktiv einzugreifen und die inoffiziellen Gruppen auszuschalten, wo immer es möglich war.

Während unsere regulären Truppen noch vor Ort waren, musste ich über diese Operationen schweigen. Jetzt, da sie abgezogen sind, kann ich davon berichten, wenn auch nur so allgemein, dass nichts gegen die Beteiligten verwendet werden kann und den Taliban keine Informationen zugespielt werden können, die diese Einsätze, die immer noch fortdauern, gefährden könnten. Aber seien Sie versichert, dass es außerhalb von Kabul jede Menge Aktivitäten gab und gibt. Seit unsere Truppen den Flughafen von Kabul geräumt haben, auch dort.

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Afghanen im Visier der Taliban

Vor einigen Wochen erfuhr eine Reihe ehemaliger US Special Forces, die entsprechende afghanische Einheiten aufgebaut und ausgebildet hatten, dass ihre ehemaligen Schützlinge aktiv von den Taliban ins Visier genommen wurden. Man gab ihnen nicht einmal eine Chance zur Kapitulation, sie wurden einfach ermordet.

Schnell wurde klar, dass von offizieller Seite keinerlei Vorkehrungen getroffen wurden, um diese Kräfte, die am aktivsten gegen die Taliban gekämpft hatten und die am besten ausgebildeten und ausgerüsteten Truppen in Afghanistan waren, aus der Gefahrenzone zu bringen. Also taten sich Individuen zu Kollektiven zusammen, um das auf inoffiziellem Wege zu bewerkstelligen.

Die Finanzierung der Operationen erfolgte aus verschiedenen Quellen. Zum einen Teil extern durch Sympathisanten, zum anderen Teil intern durch von den USA bereitgestellte Gelder, die (manche sagten absichtlich) zurückgelassen worden waren, um von den Taliban beschlagnahmt zu werden. Diese Gelder wurden vor den Taliban in Sicherheit gebracht, entweder bevor diese eintrafen oder nachdem diese die Mittel bereits beschlagnahmt hatten. Das Wie muss im Detail Ihrer Fantasie überlassen bleiben. In Afghanistan spielt es keine Rolle, woher Dollars kommen, solange sie in bar sind. Und Gold ist eine universelle Sprache, die auf der ganzen Welt verstanden wird.

Auf die gleiche Art wurden Waffen, Fahrzeuge und andere notwendige Dinge von den afghanischen Special Forces in Sicherheit gebracht. Nach dem plötzlichen Truppenabzug waren diese Einsatzkräfte ohne Aufklärung und Luftunterstützung über Nacht chancenlos geworden. Also verließen sie samt ihren Familien ihre Stützpunkte, anstatt darauf zu warten, getötet zu werden.

Auf der Suche nach Zuflucht

Mir wird erzählt, dass es aktuell mindestens vier Gruppen ehemaliger US Special Forces und verbündeter afghanischer Spezialeinheiten gibt, die in verschiedenen Teilen des Landes operieren. Sie kooperieren miteinander und bringen ganze Konvois von einem Gebiet zum anderen, um die Menschen in Sicherheit zu bringen. Sie bewegen sich auf Grenzgebiete zu, von denen sie hoffen, dass sie in die Nachbarländer überwechseln können, dass sie dort zumindest vorübergehend willkommen sind, oder wenigstens willkommen genug, um aus der Deckung zu gehen und sich an einen sichereren Ort zu retten. Bare Dollars sind ein nützliches Schmiermittel, auch im Umgang mit potenziell feindseligen Bürokraten. Wer hätte das gedacht?

Auch außerhalb Afghanistans sind die Ehemaligen aktiv. Soweit ich weiß, wurden einige der Flugzeuge, die von afghanischen Piloten auf ihrer eigenen Flucht in andere Länder geflogen worden waren, von Unterstützern „ausgeliehen“ und fliegen nun auf Ad-hoc-Basis Vorräte ein und Menschen aus.

Die Aktionen werden von Leuten koordiniert, die wissen, wie es geht. Einige größere Flugzeuge stehen für „Charterflüge“ zur Verfügung, mit denen Gruppen von Menschen in sicherere Gefilde gebracht werden. In diesem Teil der Welt gibt es eine Reihe von „Fluggesellschaften“, die gegen Bargeld jedwede Fracht zu anderen Orten transportieren, ohne Fragen zu stellen. Die entsprechenden Vereinbarungen werden direkt an den Frachtterminals getroffen, und wenn die „Fracht“ atmet, werden echte, nicht-afghanische Reisepässe vorgelegt – was ironischerweise durch Fehler des US-Außenministeriums ermöglicht worden ist. Wie diese Pässe beschafft und offiziell abgestempelt worden sind, interessiert hier niemanden.

Chaos und Verwirrung

Die Taliban versuchen, Afghanistan fester in den Griff zu bekommen, und langsam gelingt ihnen das auch. Aber immer noch herrschen überall Chaos und Verwirrung. Nicht alle bewaffneten Gruppen in diesem Land sind Taliban, und viele davon betrachten sich gegenseitig mit Misstrauen. Man nimmt, was man kriegen kann.

Viele übereifrige Taliban-Kämpfer hatten sich auf den Weg nach Kabul gemacht und den amerikanischen Streitkräften entgegengestellt, um an die Beute zu gelangen, von der in dieser Stadt mehr als reichlich zu holen war. Dadurch standen sie nicht zur Verfügung, um in ihren eigenen Gebieten zu patrouillieren oder die lokalen Verwaltungen zu unterstützen. So konnte sich keine stabile lokale oder regionale Autorität bilden. Die Gruppen, von denen hier die Rede ist, haben nicht gezögert, dieses Chaos auszunutzen.

Solche privaten Initiativen reichen bei weitem nicht aus, um die Zehntausenden Afghanen zu retten, die während der Besatzung mit oder für die US-Streitkräfte gearbeitet haben; aber sie können hoffentlich zumindest Hunderte, wenn nicht sogar ein paar Tausend in Sicherheit bringen.

Dass wir auf offiziellem Weg nicht mehr getan haben, um so viele wie möglich zu retten, wird ein Schandfleck auf unserem Staatswappen bleiben. Wir haben unsere früheren Kameraden dem Erbarmen jener ausgeliefert, die kein Erbarmen kennen und sie alle tot sehen wollen.

Den ersten Afghanistan-Bericht des Autors, der jahrelang vor Ort stationiert war, finden Sie hier.

Der Autor ist der Redaktion bekannt. Er diente im United States Marine Corps Force Reconnaissance, einer Spezialeinheit des US Marine Corps (USMC) für Fernaufklärung tief in feindlich kontrolliertem Gebiet. Er war seit Ende 2001 in der Operation Enduring Freedom in verschiedenen Task Forces im Einsatz, zuletzt als Lt.COL. Seit 2011 ist er außer Dienst. Redaktionelle Bearbeitung von Thomas M. Eppinger.

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