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US-Akademikerorganisation MESA solidarisiert sich erneut mit Antisemiten

Universität Denver in Colorado
Universität Denver in Colorado (Quelle: Always dreamin / CC BY-SA 4.0)

Weil ein Professor in Denver wegen antisemitischer Verschwörungstheorien von seiner Universität kritisiert wurde, sieht die Middle East Studies Association die Meinungsfreiheit in Gefahr.

Der Antisemitismus ist, wie Adorno schreibt, »das Gerücht über die Juden«. Den Juden wurde im Lauf der Geschichte unter anderem nachgesagt, Kinder zu töten, um mit ihrem Blut Matzen zu backen; Hostien zu schänden; Brunnen zu vergiften und die heimlichen Drahtzieher und Profiteure hinter Kriegen, Wirtschaftskrisen und Revolutionen zu sein. Nie bedarf ein solches Gerücht irgendwelcher Beweise, um von vielen geglaubt zu werden, die Behauptung allein schon reicht aus.

Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in den USA wurde vor allem in arabischen Staaten das Gerücht verbreitet, »viertausend Juden«, die in den Büros des World Trade Centers tätig waren, hätten sich am Vormittag des 11. Septembers krankgemeldet und seien nicht zur Arbeit erschienen. Das schrieb etwa die syrische Regierungszeitung Al Thawra in einem Beitrag am 15. September, der möglicherweise der Ausgangspunkt dieses Gerüchts war. Die Meldung suggerierte, Juden hätten vorab von den Anschlägen Kenntnis gehabt. In Wahrheit waren unter den Opfern zahlreiche Juden. Die Al-Qaida-Mörder töteten unterschiedslos Christen, Juden und Muslime.

Eine Variante dieser Verschwörungstheorie machte den israelischen Auslandsgeheimdienst Mossad zum Urheber der Anschläge, der auf diese Weise die amerikanische Öffentlichkeit gegen die islamische Welt aufbringen wollte.

Von ähnlicher Qualität ist ein neues Gerücht, das den Mossad bezichtigt, hinter dem jüngsten versuchten Mord an Salman Rushdie zu stecken. Der britisch-indische Schriftsteller war am 12. August dieses Jahres während eines Vortrags in New York durch mehrere Stiche an Hals, Gesicht, Leber und Arm verletzt worden.

Über den Täter Hadi Matar ist bekannt, dass er Sympathien für den schiitischen politischen Extremismus und das iranische theokratische Regime hegt. Dem Regime nahestehende Kommentatoren lobten dann auch die Tat. Doch es gibt keinen begründeten Zweifel daran, dass es Khomeinis Mord-Fatwa des Jahres 1989 gegen den Schriftsteller war, die den Täter motivierte. Irans aktueller geistlicher Führer, Ajatollah Khamenei, hatte sie im Februar 2019 für weiterhin gültig und »unwiderruflich« erklärt.

Akademische Unterstellungen …

Es wäre kaum wert, sich mit der Behauptung zu beschäftigen, der Mossad habe den Anschlag auf Salman Rushdie geplant und umgesetzt – wie er ja in der Vergangenheit auch schon für Haiangriffe auf Badegäste in ägyptischen Gewässern und allerlei andere abenteuerliche Dinge verantwortlich gemacht wurde. Sie ist eine von vielen antisemitischen Gerüchten, die allein deswegen in Umlauf gebracht werden, um Hass auf Juden und den Staat Israel zu schüren. Doch diese Unterstellung stammt von einem amerikanischen Universitätsprofessor, der dafür auch noch die Deckung einer ehemals renommierten akademischen Organisation erhielt.

Nader Hashemi ist Direktor des Center for Middle East Studies an der Joseph Korbel School of International Studies der Universität Denver, Colorado. Er spekulierte am 20. August in einem Podcast, dass jemand, der fälschlich vorgegeben habe, Unterstützer der iranischen Revolutionsgarden zu sein, Hedi Matar im Internet zu dem Attentat auf Salman Rushdie »verlockt« zu haben. Die Person, mit der Matar sich unterhielt, könnte ein Mossad-Agent gewesen sein, mutmaßte Hashemi. Israel sei schließlich gegen das Atomabkommen mit dem Iran, das er verhindern wolle. »Ich denke, das ist eine mögliche Interpretation und ein Szenario, das den Zeitpunkt erklären könnte, jetzt, während dieser wichtigen politischen Diskussionen in Zusammenhang mit dem iranischen Atomprogramm«, meinte er.

Nicht der Täter und diejenigen, die zum Mord an Rushdie aufgerufen haben, wären also verantwortlich, sondern der jüdische Staat, weil diesem ja jede böse Tat zuzutrauen sei. Ganz nebenbei suggerieren Hashemis Worte, das iranische Regime werde unschuldig verdächtigt und an den Pranger gestellt. Nicht wegen seiner Taten werde es in der zivilisierten Welt geächtet, sondern allein, weil der Mossad ihm einen Mord anhängen will, den es nicht begangen habe. Ohne solche Ränke hätte das iranische Regime dieser Logik zufolge eine weiße Weste und niemand würde zögern, ihm die Hand zur Vertragsunterzeichnung zu reichen.

Die Universität Denver distanzierte sich von Hashemis Äußerung:

»Professor Hashemi sagte dies als einzelnes Fakultätsmitglied und spricht nicht für die Universität. Während wir die akademische Freiheit und Meinungsfreiheit aus ganzem Herzen respektieren, spiegeln seine Äußerungen weder den Standpunkt der Universität wider, noch sind uns Tatsachen bekannt, die seine Ansicht stützen. Die Sicherheit jedes Redners und jedes Studenten auf unserem Campus und allen anderen ist für unsere Gesellschaft von entscheidender Bedeutung. Wir verurteilen den Messerangriff auf Salman Rushdie. Und es versteht sich von selbst, dass wir uns weiterhin dafür einsetzen, dass die jüdischen Studenten und Mitarbeiter sich sicher, unterstützt, respektiert und willkommen geheißen fühlen.«

… und deren Unterstützung

Diese Erklärung empörte die Middle East Studies Association (MESA), eine Akademikervereinigung, die sich einst der Forschung und dem akademischen Austausch widmete, aber von Anti-Israel-Aktivisten seit Jahren zu einer Organisation umfunktioniert wurde, die offen den Boykott des jüdischen Staates propagiert.

In einem Schreiben an die Universität bezeichnen MESA-Präsidentin Eve Troutt Powell und Laurie Brand, Vorsitzende eines von MESA eingesetzten Komitees für akademische Freiheit, Hashemis antisemitische Gerüchteküche als »legitime Spekulation« und beklagen eine Verschwörung, die Meinungen zensiere:

»Allein die Andeutung, dass der Mossad beteiligt gewesen sein könnte«, habe »schnell dazu geführt«, dass Hashemi »auf verschiedenen Websites und Medien beschimpft und angegriffen« worden sei, so MESA. Dazu gehörten »Vorwürfe des Antisemitismus«, die, »wie wir nur allzu gut wissen, nicht selten von Organisationen und Medien als Waffe benutzt werden, um die Äußerung von Meinungen zu unterdrücken, mit denen sie nicht einverstanden sind«. Der eine habe also eine »Meinung«, während jene von anderen keine Meinung, sondern eine »Waffe der Unterdrückung« sei.

MESA wirft der Universität vor, ihre Erklärung signalisiere »Zustimmung zu den bösartigen Angriffen« auf Hashemi. Welche »Angriffe« gemeint sind und was an ihnen »bösartig« sein soll, wird als bekannt vorausgesetzt. Weiters kritisiert die Organisation, die Universität habe Hashemi als »Bedrohung für die Universitätsgemeinschaft und insbesondere für ihre jüdischen Mitglieder« dargestellt, weswegen sie ihre Erklärung »umgehend und öffentlich zurückziehen« und sich bei Hashemi »entschuldigen« müsse. Nur so werde die »akademische Freiheit« und das »Recht auf freie Meinungsäußerung« gewahrt.

Es ist nicht das erste Mal, dass MESA sich unter dem Deckmantel des Kampfes für die Freiheit der Wissenschaft dafür einsetzt, dass Lehrende, die eine Anti-Israel-Haltung vertreten, dafür nicht öffentlich kritisiert werden. 2019 unterstützte MESA einen Professor, der einer jüdischen Studentin, die ein Auslandssemester in Tel Aviv absolvieren wollte, das für einen Auslandsaufenthalt notwendige Empfehlungsschreiben mit der Begründung verweigert hatte, er unterstütze den Boykott Israels.

John Cheney-Lippold, Professor für amerikanische Kultur an der University of Michigan, hatte der Studentin, die ein Seminar bei ihm belegt hatte, aufgrund ihrer Leistungen das Empfehlungsschreiben bereits zugesagt. Erst nachdem er erfahren hatte, dass sie sich an der Universität in Tel Aviv bewerben wollte, zog er das Angebot zurück:

»Wie du weißt, haben viele Universitätsfakultäten einen akademischen Boykott gegen Israel geschworen, um die in Palästina lebenden Palästinenser zu unterstützen. Von diesem Boykott betroffen ist auch das Ausstellen von Empfehlungsschreiben für Studenten, die dort studieren wollen. Ich hätte dich das eher wissen lassen sollen, und dafür entschuldige ich mich. Doch aus Gründen dieser Politik muss ich mein Angebot, deinen Brief zu schreiben, zurückziehen. Lass mich wissen, ob ich dir andere Briefe schreiben soll, was ich mit Freude tun würde.«

Der Fall sorgte für große Empörung. In einem Brief an die Universitätsgemeinschaft erklärten Universitätspräsident Mark Schlissel und Provost Martin Filbert:

»Die persönlichen politischen Überzeugungen der Fakultätsmitglieder dürfen ihre Verpflichtungen gegenüber unseren Studenten in Bezug auf das Schreiben von Briefen und alle anderen Formen der akademischen Unterstützung nicht beeinträchtigen.«

Das Zurückhalten eines Empfehlungsschreibens verletze die akademische Freiheit und sei Verrat am Bildungsauftrag der Universität, die anschließend auch Sanktionen gegen Cheney-Lippold verhängte: Er erhielt ein Jahr lang keine Gehaltserhöhung und musste auf ein Forschungsjahr verzichten, das er antreten wollte.

Selektive Meinungsfreiheit

MESA unterstützte Cheney-Lippold mit dem skurrilen Argument, dessen Weigerung, den zugesagten Empfehlungsbrief nicht zu schreiben, sofern die Studentin weiterhin beabsichtige, in Tel Aviv zu studieren (ihr aber einen solchen für jede andere Universität außerhalb Israels auszustellen), wäre eine »Meinungsäußerung«, weshalb die ihm auferlegten Sanktionen folglich die »Unterdrückung« einer Meinung darstellten. Die Meinungsfreiheit der Studentin und ihr Recht, selbst zu entscheiden, welche Hochschule der Welt ihr die für ihre akademische Entwicklung und Forschungsvorhaben besten Bedingungen bietet, zählte für MESA hingegen nicht.

Laut MESA ist es demnach legitim, sich antisemitisch zu äußern, Kritik daran hingegen ein hinterhältiger Anschlag auf die Meinungsfreiheit. Jüdische Israelis und israelische Wissenschaftler zu boykottieren ist eine legitime »Meinung«. Dies abzulehnen und von Professoren zu verlangen, Studenten nicht nach Maßgabe ihrer eigenen politischen Standpunkte zu diskriminieren und ein von einer Universität genehmigtes Austauschprogramm zu untergraben, gilt als ungeheurer Affront. Wissenschafts- und Meinungsfreiheit? Soweit es Israel berührt, soll es diese nach dem Willen der MESA-Führer nur für Akademiker geben, die genauso antisemitisch sind wie sie selbst.

Die verfolgende Unschuld

Das kennt man aus der deutschen Debatte der letzten Jahre. Ob es um den Anti-BDS-Beschluss des Deutschen Bundestages, den Philosophen und BDS-Unterstützer Achille Mbembe oder die antisemitische documenta ging: Immer wieder fanden sich Kommentatoren, die den Judenboykott unter dem BDS-Banner als legitime Meinungsäußerung darstellten, die geschützt werden müsse – geschützt vor jeglicher Kritik vonseiten Andersdenkender, denen unterstellt wird, die heimliche, bösartige Agenda zu verfolgen, »kritische Stimmen« zum »Schweigen bringen« zu wollen.

Es ist das Prinzip der verfolgenden Unschuld. In der bigotten Weltsicht der Antisemiten haben sie Anspruch auf das Recht, ihre Propaganda unwidersprochen zu verbreiten. Im Vorwort zu ihrem auf der Grundlage von Theodor Fritschs Antisemiten-Katechismus (1887) herausgegebenen Handbuch der Judenfrage verlieh die Redaktion des nationalsozialistischen Hammer-Verlags dieser Weltsicht 1939 mit folgenden Worten Ausdruck: »So ist es unleugbare Tatsache, dass jeder, der gegen den Juden Stellung nimmt, in schärfster Weise boykottiert wird.«

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