Das »Bündnis gegen Rechts Wiesbaden« sprach mit dem Politikwissenschaftler Ismail Küpeli über den türkischen Rechtsextremismus, der in Deutschland über Jahrzehnte hinweg kaum Beachtung fand.
Im Rahmen einer Veranstaltung des »Bündnis gegen Rechts Wiesbaden« im Wiesbadener Schlachthof am 24. März analysierte Ismail Küpeli, der zur »kurdischen Frage in der Türkei« promoviert hat, auf Grundlage seines jüngsten Buches Graue Wölfe. Rassistisch und antisemitisch – der türkische Rechtsextremismus in Deutschland jene ultranationalistische Bewegung, deren Ideologie tief im staatlich geprägten türkischen Nationalismus verwurzelt ist.
Lange galt das Thema als randständig. Kaum jemand im deutschen Diskurs wollte sich damit befassen, was in türkischen Vereinen, Moscheen oder Kulturhäusern ideologisch vermittelt wird. Laut Küpeli gelten die Grauen Wölfe mit geschätzten 12.000 Anhängern mittlerweile als zweitgrößte rechtsextreme Bewegung in Deutschland. Eine Zahl, die in der Debatte über Rechtsextremismus kaum je erwähnt wird. Die Aktivität der Gruppierung nehme seit Jahren zu, nicht zuletzt deswegen, weil sich ihre politische Heimat in Ankara konsolidiert hat. Es handelt sich, so Küpeli, um eine staatsnahe und staatsloyale Rechte.
Die Wurzeln dieser Bewegung reichen tief ins 20. Jahrhundert hinein. Schon in den 1930er- und 1940er-Jahren verbanden sich türkischer Nationalismus, militärischer Korporatismus und biologistische Rassentheorien, inspiriert von der europäischen Rechten, vom deutschen Nationalsozialismus ebenso wie vom italienischen Faschismus. Türkische Offiziere suchten damals bewusst die Nähe zu Deutschland in der Hoffnung, ideologische Formeln für ihr eigenes Projekt einer ethnisch reinen Staatsnation zu finden. Ziel war nicht weniger als ein »Großtürkisches Reich«, das Minderheiten nicht integriert, sondern verdrängt oder vernichtet. Ein Traum, der in der Ülkücü-Ideologie der Grauen Wölfe bis heute als mythischer Referenzpunkt fortlebt.
Der Antisemitismus sei dabei kein Nebeneffekt, sondern ideologisches Zentrum. Wobei man von einem ganzen Ensemble an Feindbildern sprechen kann: Armenier, Kurden, Juden, nichttürkische und nichtmuslimische Minderheiten insgesamt. Sie alle erscheinen in einem verschwörungsideologischen Narrativ, in dem »der Westen« und »die Juden« als Drahtzieher eines angeblichen Vernichtungsplans gegen die türkische Nation auftreten. In der Türkei werden die Protokolle der Weisen von Zion bis heute neu aufgelegt, flankiert von einer populären Kultur, die das Feindbild des Jüdischen ebenso fortschreibt wie das des Kurdischen oder der Linken. Besonders der israelbezogene Antisemitismus habe in den vergangenen Jahren an Gewicht gewonnen, wie ein Blick auf antiisraelische Mobilisierungen seit dem 7. Oktober 2023 zeigt.
Gefahr in Deutschland
Auch in Deutschland verfügt die Bewegung über fest verankerte institutionelle, religiöse und organisatorische Strukturen. Küpeli beschreibt, wie die Grauen Wölfe in Moscheeverbänden, die heute zu den zentralen Stützpunkten ihrer Rekrutierung zählen, Fuß fassen konnten.
Drei große Dachorganisationen prägen das Netzwerk bis heute: die Türk Federasyon (dem MHP-nahen Dachverband ATF zugeordnet), die ATIB (Avrupa Türk-İslam Birliği) und die ATB (Avrupa Türk Birliği), die vom Bundesamt für Verfassungsschutz als Teile des Ülkücü-Spektrums genannt oder ihm ideologisch nahe stehend bewertet werden. Auffällig ist, dass sich diese Strukturen nicht in die übliche Trennung von »Religionsgemeinde« und »politischem Verein« einfügen. Moscheevereine fungieren zugleich als soziale Treffpunkte, politische Schulungsräume und Knoten transnationaler Netzwerke.
Als Beispiel nennt Küpeli den Verein Turan e. V. in Duisburg, leicht erkennbar am Emblem der drei Halbmonde, dem traditionellen Symbol der Grauen Wölfe. Der Autor verweist auf »freie Szenen« türkischer Ultranationalisten, die außerhalb der Moscheevereine agieren, Kampfsportstrukturen nutzen und sich bei Konflikten inner- wie außerhalb der Community mobilisieren lassen. Immer wieder komme es zu Vernetzungstreffen mit der extremen Rechten in Deutschland, bei denen man sich im völkischen Denken, im Antikommunismus und im Antisemitismus gegenseitig bestärkt.
Seit Jahren kritisiert Küpeli, die deutschen Sicherheitsbehörden würden die ideologische Reichweite dieser Szene systematisch unterschätzen. Der türkische Rechtsextremismus erscheine im Verfassungsschutzdiskurs als »Problem einer Minderheit«, gefiltert durch integrationspolitische Formeln wie »Parallelgesellschaft« oder »Importkonflikt«. So bleibt der türkische Rechtsextremismus in Deutschland eine Grauzone, in der demokratiefeindliche Ideologien sich kulturell tarnen und politisch festsetzen können.
Bei der anschließenden Diskussion bemerkte Küpeli nüchtern, dass die Konsequenz aus all dem eigentlich klar sein müsste: Will man diese Bewegung bekämpfen, muss man sie zunächst als das benennen, was sie ist – eine rechtsextreme, antisemitische und transnationale Ideologie. Dies erfordere aber auch die Offenlegung der eigenen blinden Flecken.
Warum wurde diese Szene so lange verharmlost? Warum zeigen sich politische Parteien gerne gemeinsam mit Vertretern von Organisationen, die offensichtlich in problematischen Strukturen verortet sind? Und warum fällt es deutschen Institutionen bis heute so schwer, den türkischen Nationalismus als Teil der europäischen Rechten zu begreifen? Dass man sich dabei nicht nur auf den Staat verlassen könne, ist für den Politikwissenschaftler unbestreitbar, da ein gesamtgesellschaftlicher Widerstand gegen rechte, autoritäre Strukturen jeder Couleur notwendig ist.






