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UNO: »Nebel des Kriegs« ist für falsche Opferzahlen in Gaza verantwortlich

»Nebel des Krieges«: Guterres-Sprecher Farhan Haq über die überhöhten Opferzahlen in Gaza
»Nebel des Krieges«: Guterres-Sprecher Farhan Haq über die überhöhten Opferzahlen in Gaza (© Imago Images / Pacific Press Agency)

Selbst die Hamas hat inzwischen zugegeben, dass die bis dato angegeben Zahlen getöteter Kinder in Gaza um mindestens vierzig Prozent falsch liegen, und so haben die Vereinten Nationen ihre Zahlen ebenfalls revidiert, allerdings ohne eine Erklärung dafür zu liefern.

Mike Wagenheim

Die Vereinten Nationen behaupten nun, »der Nebel des Kriegs« trage die Schuld an der in den vergangenen Wochen und Monaten von ihnen selbst gemeldeten, allerdings stark überhöhten Zahl von Kindern im Gazastreifen, die im Krieg getötet worden sein sollen. So gab das UN-Kinderhilfswerk (UNICEF) Mitte März unter Berufung auf die Zahlen des von der Hamas geführten Gesundheitsministeriums an, dass 13.450 Kinder im Gazastreifen getötet worden seien.

Die UNICEF-Direktorin Catherine Russell, sagte in einem Fernsehinterview am 17. März, diese Zahlen seien »erschütternd« und »wirklich schockierend«. »Wir haben eine solche Todesrate bei Kindern in fast keinem anderen Konflikt auf der Welt gesehen«, so Russell damals. Die Statistik wurde in der internationalen Presse häufig zitiert und führte zu Anschuldigungen, dass Israel Kriegsverbrechen begangen habe, einschließlich der absichtlichen Tötung von Säuglingen und Kindern.

Selbst die Hamas hat inzwischen zugegeben, dass diese Zahlen um mindestens vierzig Prozent falsch liegen. Und die die Vereinten Nationen haben ihre Zahlen vergangene Woche revidiert, ohne eine Erklärung dafür zu liefern.

»Geht es um Israel, ist es klar, dass das Ziel der UNO nicht die Genauigkeit ist, sondern sie greift jeden Bericht sofort auf, egal, wie unbegründet oder sogar offensichtlich falsch, um Israel als bösartig darzustellen«, kommentiert der Geschäftsführer von UN Watch Hillel Neuer die neuesten Entwicklungen. »Das Richtige für die UNO wäre jetzt zuzugeben, dass ihre Angaben zu den Opferzahlen im Gazastreifen ein kompletter Fehlschlag sind.«

Arithmetische Ungereimtheiten

Am vergangenen Mittwoch veröffentlichte das UNO-Amt für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) aktualisierte Zahlen zu den Opfern. Demnach starben bis zum 30. April bestätigter Weise 7.797 Kinder aus dem Gazastreifen im Krieg – ein Rückgang von etwa 42 Prozent gegenüber den Zahlen von Mitte März. Auch die Zahl der bestätigten weiblichen Opfer wurde um fast die Hälfte reduziert – von mehr als 9.500 auf weniger als 5.000.

Demensprechend unterscheidet OCHA in seinen neuen Zahlen zwischen »gemeldeten« und »identifizierten« Todesopfern und führt die Zahl der 7.797 getöteten Kindern in der Kategorie »identifiziert«. Legt man die Berechnungen von OCHA zugrunde, müssten von den insgesamt 10.158 gemeldeten, aber nicht identifizierten Opfern 5.653 (56 Prozent) Kinder sein, um die Mitte März veröffentlichte UNICEF-Zahl von 13.450 zu erreichen. Das wäre allerdings weit mehr als die, von der UNO letzte Woche veröffentlichten Angaben, wonach der Anteil der Kinder an den identifizierten Todesopfern 32 Prozent beträgt.

Auf einer Pressekonferenz vergangenen Freitag danach befragt, warum die eigene Rechnung offensichtlich nicht aufgeht, sagte Farhan Haq, der stellvertretende Sprecher von UN-Generalsekretär António Guterres: »Die Korrekturen werden vorgenommen … Sie wissen natürlich, dass es im Nebel des Kriegs schwierig ist, Zahlen zu nennen. Wir erhalten Zahlen aus verschiedenen Quellen vor Ort und versuchen dann, sie zu überprüfen. Wenn wir sie gegenprüfen, aktualisieren wir die Zahlen, und das werden wir auch weiterhin tun, je nachdem, wie es weitergeht.«

Nach Salo Aizenberg, unabhängiger Wissenschaftler und Vorstandsmitglied von HonestReporting, sei es absolut richtig, dass der Nebel des Kriegs es schwierig mache, die Zahl der Opfer einzuschätzen, was aber schon zu Kriegsbeginn der Fall war. »Es ist ungeheuerlich, dass die UNO erst sieben Monate später die von der Hamas angegebenen Opferzahlen infrage stellt«, fügte er hinzu.

Anfang April erklärte das Gesundheitsministerium im Gazastreifen, es verfüge über »unvollständige Daten« für 11.371 der 33.091 palästinensischen Todesopfer, die es zu diesem Zeitpunkt dokumentiert haben will. Später erklärte das Ministerium, es habe keine Namen für mehr als 10.000 jener Gaza-Bewohner, die im Krieg getötet worden sein sollen. Wie die vom Hamas-Ministerium veröffentlichten Informationen zusammenstellt sind, wurde nicht öffentlich bekannt gegeben. Auch gibt es in Gaza keine unabhängigen Medien, die versuchen könnten, diese Angaben zu überprüfen.

»Für die Meldung von Todesfällen im Gazastreifen gibt es keine Methode und keinen Beweisstandard«, beklgt Hillel Neuer. »Alles, was die UNO tut, ist, die von der Hamas gelieferten Zahlen nachzuplappern, die von der UNO mit den neutral klingenden Begriffen ›Gaza-Gesundheitsministerium‹ oder ›Medienbüro der Regierung‹ weichgespült und legitimiert wird, obwohl beide in Wirklichkeit von der islamistischen Terrororganisation geleitet werden. Jetzt, da die UNO plötzlich einige der Zahlen um fast die Hälfte reduziert hat, hat sie im Grunde zugegeben, die Medien und die Welt mit völlig falschen Daten gefüttert zu haben.« Erst im vergangenen Monat hatte das von der Hamas geführte Medienbüro der Regierung wiederholt behauptet, siebzig Prozent der Toten seien Frauen und Kinder.

UNO an Terrorpropaganda mitschuldig

Der UN-Sprecher Haq seinerseits erklärte gegenüber Mena-Watch, die Zahlen würden »im Laufe eines Konflikts immer wieder angepasst. Sobald ein Konflikt beendet ist, werden wir die genauesten Zahlen haben. Wir gehen nur von dem aus, was wir absolut bestätigen können, und das wird immer das untere Ende der Zahlenskala sein.«

Aizenbergs Nachforschungen haben jedoch gezeigt, dass »seit vielen Monaten offensichtliche Fehler in den täglich von OCHA veröffentlichten Zahlen zu finden sind, die letztlich auf Berichten der Hamas beruhen«. Dabei wies der Wissenschaftler auf eine sofort nach dem Zwischenfall erhobene Behauptung der Hamas hin, bei einem Angriff auf das Al-Ahli Arab Hospital in Gaza am 17. Oktober seien fast fünfhundert Menschen ums Leben gekommen. In Wirklichkeit war die Explosion aber nicht auf einen israelischen Angriff, sondern auf eine fehlgegangene Rakete des Palästinensischen Islamischen Dschihads zurückzuführen, und ihr waren auch nicht fünfhundert, sondern eher fünfzig Menschen zum Opfer gefallen. Dennoch hat die Hamas ihre ursprüngliche Zahl niemals korrigiert.

Aizenbergs Analysen haben auch ergeben, dass laut Hamas an bestimmten Tagen in den ersten Kriegsmonaten mehr Frauen und Kinder getötet worden sein sollen als die Gesamtzahl aller Todesopfer an diesem Tag ausmachte.

Der Professor für Statistik und Datenwissenschaft an der Universität von Pennsylvania veröffentlichte im März eine Analyse, die anhand statistischer Ungereimtheiten und Unmöglichkeiten demonstrierte, wie die Hamas Opferzahlen gefälscht hatte. Auch das Washingtoner Institut für Nahostpolitik veröffentlichte im Januar einen Bericht, der erhebliche Diskrepanzen in den Opferberichten aufzeigte und zu dem Schluss kam, dass diese höchstwahrscheinlich auf Manipulationen zurückzuführen seien.

»Es ist zwar besser spät als nie für die UNO, endlich zuzugeben, dass die von der Hamas in den vergangenen zweihundert Tagen veröffentlichten Opferzahlen nicht zuverlässig sind, aber die falschen Daten haben sich mittlerweile natürlich überall eingeschlichen«, sagte Aizenberg. Als Beleg zitierte er die Behauptung von US-Präsident Joe Biden in seiner Rede zur Lage der Nation am 7. März, dass »mehr als 30.000 Palästinenser getötet wurden«. Auch das Außen- und Verteidigungsministerium der USA haben diese Statistik offiziell verwendet und sich dabei offenbar auf Daten der Hamas gestützt. Hillel Neuer erklärte diesbezüglich: »Wenn UN-Beamte weiterhin ein von der Hamas geführtes System legitimieren, das sich inzwischen als völlig falsch erwiesen hat, machen sie sich der terroristischen Propaganda mitschuldig.«

Die revidierten Opferzahlen der Hamas zusammen mit den Angaben der israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF) über getötete Terroristen – die Hamas selbst nimmt keine Unterscheidung zwischen Zivilisten und Kämpfern vor – zeigten, »dass das Verhältnis zwischen Zivilisten und Opfern im Gazastreifen wahrscheinlich um die Zahl 1:1 liegt, was dem niedrigsten Verhältnis in der Geschichte des Antiterrorkampfs in urbanem Gebiet entspräche und jeder Vorstellung von wahllosen Angriffen der IDF deutlich widerspricht«, so Aizenberg.

Befragt, ob die Zahlen der Vereinten Nationen als zuverlässig angesehen werden können, kommentierte UN-Sprecher Haq: »Sie können sie als zuverlässig betrachten, da wir sie ständig überprüfen. Das werden wir im Laufe des Kriegs auch weiterhin tun. Aber die Zahlen müssen schließlich regelmäßig überprüft werden, damit wir sicher sein können, dass das, was wir herausgeben, auch wirklich stimmt.«

Im Januar 2014 gab das Büro des UN-Hochkommissars für Menschenrechte bekannt, die Zahl der Todesopfer im syrischen Bürgerkrieg nicht mehr zu aktualisieren, da es die Informationsquellen nicht mehr überprüfen konnte.

Der Text erschien auf Englisch zuerst beim Jewish News Syndicate. (Übersetzung von Alexander Gruber.)

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