Türkischer Einmarsch in Syrien – von Russlands Gnaden

Von Thomas von der Osten-Sacken

Lange hatte die Türkei schon angekündigt, dass Ankara keine ‚Terroristen‘ an seiner Grenze in Syrien dulden werde. Und für die Türkei, das gilt keineswegs nur für die herrschende AKP, stellt die PYD in Syrien nichts weiter als einen Ableger der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) dar. Ganz falsch liegt sie damit sicher nicht, denn trotz anderslautenden Beteuerungen sind die Verflechtungen zwischen beiden Organisationen extrem eng, in jedem Büro in ‚Rojava‘, wie die PYD die kurdischen Selbstverwaltungsgebiete in Nordsyrien nennt, etwa hängt etwa ein Bild des inhaftierten PKK-Führers Abdullah Öcalan, Fahnen und Symbole mit dem roten Stern sind sich zum Verwechseln ähnlich und die PKK selbst pflegt, fällt einer ihrer Kämpferinnen oder Kämpfer, sogar darauf hinzuweisen, wenn diese zuvor in Syrien gekämpft hatten.


Zweigeteiltes Rojava

Der PYD gelang es in den vergangenen Jahren unter den ganz spezifischen Umständen in Syrien, durch geschickte Bündnispolitik große Teile des Nordens unter ihre Kontrolle zu bringen. Dabei unterhielt sie, und das alleine spricht von taktischem Geschick, gute Beziehungen sowohl zum Assad-Regime, zum Iran und zu Russland als auch zu den USA, für die sie spätestens seit dem Erstarken des Islamischen Staates zum wohl wichtigsten Partner in Syrien avancierten.

Es war ein Spagat, denn schließlich arbeitete die PYD mit Staaten zusammen, die ansonsten auf unterschiedlichen Seiten des syrischen Krieges standen. Von Anbeginn allerdings stand die PYD in völliger Opposition zu den meisten syrischen Oppositionsgruppen, unterdrückte in den von ihnen mit eiserner Hand kontrollierten Gebieten auch andere kurdische Gruppierungen und befand sich in offenem Konflikt mit der Türkei.

Ankara wiederum droht seit Jahren mit einem militärischen Einmarsch in Nordsyrien, sein Engagement in Jarablus und al-Bab etwa, wo ein de facto türkisch kontrolliertes Gebiet Rojava in zwei Teile trennt, macht nur vor diesem Hintergrund Sinn.

Rojava und Nordsyrien: Gelb: PYD kontrolliertes Gebiet, Dunkelgrün: Türkische Pufferzone

Rojava war und ist nicht nur geographisch zweigeteilt, sondern unterstand de facto auch zwei verschiedenen internationalen Schutzmächten. Während östlich des Euphrats die USA aktiv sind und die PYD unterstützen, waren bis vor kurzem in Afrin russische Soldaten stationiert. Während bis jetzt die USA die PYD auch militärisch vor einem türkischen Einmarsch schützen, gab es offenbar in jüngster Zeit Absprachen zwischen Moskau und Ankara, ohne die eine türkische Invasion in Afrin nicht möglich gewesen wäre. Russland als enger Verbündeter des Assad-Regimes stellte die PYD vor die Wahl: „Entweder unterstellt ihr Euch Assad oder wir lassen Euch fallen.“ So jedenfalls kolportiert ein hoher PKK-Funktionär die Situation.


Von Russland verraten

Zugleich verhandelten Russland und die Türkei einen Deal: Die Türkei gestattet syrischen Truppen in Idlib, der mehrheitlich von islamistischen Rebellen gehaltenen Provinz unter türkischem Schutz, wichtige strategische Orte wie das Flugfeld von Abu Duhour einzunehmen, dafür dürfen die Türken in Afrin einmarschieren.

Bevor jetzt also die große ‚Save Afrin‘-Kampagne losgeht, getragen von Friedensbewegung, Linkspartei und anderen wackeren Antiimperialisten, sei kurz darauf hingewiesen, dass es vor allem Russland ist, das hier in enger Zusammenarbeit mit der Türkei die PYD verraten hat. Die USA verfolgen in Syrien eine verheerende Politik, keine Frage, aber ob 2014 in Kobane unter Barack Obama oder dieser Tage unter Donald Trump: Bislang konnte sich die PYD auf das Bündnis mit Washington verlassen, auch wenn die PKK selbst in den USA als terroristische Organisation gelistet ist.

Wer jetzt für ‚Save Afrin‘ auf die Straße geht und es damit ernst meint, der sollte so ehrlich sein, auch gegen Russland und den Iran auf die Straße zu gehen, mit denen sich die Türkei gerade eng koordiniert. Insofern ist es auch falsch, vor einem zweiten Kobane zu warnen, wie es jüngst eine Gruppe von US-Amerikanern unter der Ägide von Noam Chomsky tat. In Kobane rettete die US-Luftwaffe die kurdischen Kämpfer, in Afrin wurden sie von Putin geopfert. Ehrlich dagegen wäre, wie es kürzlich ein hochrangiger ehemaliger US-Militärgeheimdienstmitarbeiter tat, von den USA zu fordern, auch in Afrin der PYD zur Hilfe zu eilen. Das allerdings ließe sich kaum mehr mit einem liebgewonnen antiimperialistischen Weltbild vereinbaren, in dem die Amerikaner die Bösen und die Russen doch irgendwie die Guten sind.

Nur: In dem völligen Irrsinn, in den Syrien sich in den letzten sechs Jahren verwandelt hat, sollte man auch niemandem raten, sich allzu sehr auf die USA als Partner zu verlassen. Schließlich hat auch Washington demonstriert, wie schnell es bereit ist, seine Verbündeten vor Ort fallen zu lassen.

P.S.: Und Deutschland, diese große Friedensmacht? Nun gerade fahren die Leopard-Panzer der türkischen Armee, Made in Germany, an der syrischen Grenze auf. Vielleicht hat die PYD ja noch die eine oder anderen Milan-Panzerabwehrrakete, die von Deutschland an die Kurdische Regionalregierung im Irak geliefert wurde und an die sie irgendwie gekommen ist, um diese Panzer zu stoppen. Passen würde es ins Gesamtbild.

P.S. II: Die Türkei will eigenen Bekundungen zufolge Afrin ja keineswegs besetzen, sondern befreien, um dort wieder ‚demokratische Strukturen‘ zu errichten – seit 2011 geht es ja allen irgendwie um Demokratie. Dafür schickt sie syrische Milizionäre, die auf ihrer Payroll stehen. Und wer das so ist und wie fertig die ganze Region ist, das kann man auf diesem Video bewundern. Da stehen diese Milizionäre irgendwo in einer Kaserne in der Osttürkei herum und lassen unter anderem Saddam Hussein hochleben.

(Zuerst erschienen auf dem Jungle-World-Blog Von Tunis nach Teheran unter dem Titel: Save Afrin.)

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