Die türkische Berichterstattung über Israel eskaliert zu expliziten Vernichtungsaufrufen, während antisemitische Rhetorik sich über das gesamte politische Spektrum ausbreitet.
Neta Bar
Die Verwandlung der Türkei unter Präsident Recep Tayyip Erdogan zu einer Bastion der Anwaltschaft für die Palästinenser auf der einen und der Feindseligkeit gegenüber Israel auf der anderen Seite ist nicht mehr zu übersehen. Wer durch die Straßen Istanbuls geht, begegnet beunruhigenden Signalen: gemalten Porträts von Yahya Sinwar, dem Drahtzieher des Hamas-Angriffs auf Israel am 7. Oktober 2023, palästinensischen Flaggen an Gebäuden und Graffiti, die zur Vernichtung Israels auffordern.
Das antisemitische Spektakel durchdringt sogar die traditionellen Hochburgen der Opposition, in denen die Narrative der Hamas ebenfalls mit alarmierendem Erfolg Fuß gefasst haben. Der Übergang von legitimer Kritik an der israelischen Politik zu offenem Hass und schließlich zu klassischem Antisemitismus stellt einen tiefgreifenden Wandel im Diskurs der türkischen Gesellschaft dar.
Bis in höchste Ebenen
Türkische Medien, insbesondere jene, die der Regierung nahestehen, haben dieses vergiftete Klima begeistert aufgenommen. Die antisemitischen Bilder, die sie verwenden, speisen sich aus jahrhundertealten Vorurteilen. So veröffentlichte der bekannte Illustrator Ibrahim Ozdaba, eine prominente Stimme in türkischen rechten Kreisen, kürzlich eine Zeichnung, die Israel als Krake darstellt – eine direkte Hommage an traditionelle antisemitische Karikaturen, die Juden als tentakelbewehrte Raubtiere zeigen, welche die Welt verschlingen.
Besonders Israels Premierminister Benjamin Netanjahu ist zum Ziel geworden: Eine weit verbreitete Karikatur mit der Titel Netanyahudi – eine Verballhornung aus Netanjahu und Yahudi (Jude) – zeigt den israelischen Regierungschef als Dämon mit einem Totenschädel in der Hand. Das Bild des Illustrators Erdogan Ozer verbreitete sich rasch in den türkischen sozialen Medien.
Die antisemitische Rhetorik hat dabei die höchsten Ebenen der türkischen Medienlandschaft durchdrungen. So veröffentlichte der prominente Kolumnist der regierungsnahen Zeitung Yeni Şafak und einflussreiche politische Kommentator Ibrahim Karagul kürzlich ganz offen seine genozidalen Fantasien: »Die Zeit ist gekommen, Israel zu vernichten. Geografie ist eine Waffe, und diese Waffe muss jetzt gezündet werden. Heute ist es der Iran, morgen werden es die Türkei oder Pakistan sein.«
Gesamtes Spektrum
»Die derzeitige Feindseligkeit zwischen Israel und der Türkei, die sowohl auf ideologischen als auch auf geopolitischen Grundlagen beruht, hat antisemitische Strömungen verstärkt, die in der türkischen Gesellschaft seit Langem existieren. Seit dem 7. Oktober 2023 haben diese antisemitischen Tendenzen eine beispiellose Bedeutung erlangt«, erklärte der Türkei-Experte am Institut für Nahoststudien und Politikwissenschaft der Ariel-Universität, Assa Ophir.
Die Eskalation des israelisch-palästinensischen Konflikts habe die antiisraelische und antijüdische Stimmung auf ein beispielloses Niveau getrieben. »Das türkische Publikum konsumiert im Fernsehen, in Zeitungen und in den sozialen Medien extrem drastische Inhalte, verstörende Bilder von verwundeten und getöteten Palästinensern, mit denen das israelische Publikum selten konfrontiert wird.«
Einige dieser Videos und Fotos »zeigen wirklich schreckliche Bilder – Leichen, brennende Opfer, Kinder mit amputierten Gliedmaßen. Von der Regierung kontrollierte türkische Fernsehsender rücken den Namen Israels nun routinemäßig mit abwertenden Bezeichnungen wie ›mörderisches Israel‹ oder ›zionistisches Israel‹ in den Fokus, wobei der Begriff ›zionistisch‹ im türkischen Diskurs als Synonym für ›böse‹ fungiert«, bemerkte Ophir.
Dieses Phänomen stelle einen umfassenden gesellschaftlichen Wandel dar, betonte der Experte. »Antisemitische Diskurse durchdringen praktisch alle Bereiche der politischen Landschaft der Türkei, von links bis rechts, mit unterschiedlicher Intensität und Ausrichtung, von extremstem Antisemitismus, der den Völkermord an den Juden und die Zerstörung Israels befürwortet, über traditionellen europäisch geprägten Antisemitismus bis hin zu zeitgenössischen Erscheinungsformen, die Wissenschaftler als ›neuen Antisemitismus‹ bezeichnen.
Die antisemitischen Themen und Tropen seien vielfältig und hartnäckig, sagte Ophir: »Ritualmordlegenden über vorsätzlichen Kindermord, Verschwörungstheorien über Organraub, Behauptungen über die jüdische Kontrolle über globale Institutionen und Medien, Behauptungen, der Zionismus strebe die Errichtung eines ›Großisraels‹ an, das sich gemäß biblischen Prophezeiungen vom Euphrat bis zum Nil erstrecke, verschiedene Verschwörungstheorien, die Freimaurer und Juden in Verbindung bringen, und das Behaupten der Schuld für den Zusammenbruch und die Auflösung des Osmanischen Reichs.«
Der Text erschien auf Englisch zuerst beim Jewish News Syndicate. (Übersetzung von Alexander Gruber.)






