Türkisch-islamistische Kampagne gegen die „Judaisierung“ Jerusalems

„Das kontinuierliche Abdriften der Türkei in den Islamismus ist auch an den gegenwärtigen Kampagnen ablesbar, die dort für das islamische Ostjerusalem veranstaltet werden. (…)

Dass Jerusalem auch etwas mit jüdischer Geschichte zu tun hat, sucht man in seinen Stellungnahmen wie auch im gesamten Spektrum der islamistischen Szene in der Türkei vergebens. So auch auf der internationalen Tagung ‚Al-Aqsa-Kanzel für Moscheeprediger und Rechtsgelehrte‘, die in Istanbul Ende Juli zum zweiten Mal stattfand. Ihre erste Edition vor einem Jahr war von der Al-Quds-Kommission der islamistischen ‚Internationalen Union Muslimischer Gelehrter‘ organisiert worden. Ebenfalls beteiligt waren damals die ähnlich gesinnte ‚Gesellschaft palästinensischer Gelehrter in der Diaspora‘ so wie der international ausgerichtete türkische Jugendverein ‚Irade‘ – dieser schürt im Land wie in arabischen Ländern vor allem bei Frauen und Kindern den Kampfgeist für Al-Aqsa. Es wird offen zur ‚Befreiung‘ Ostjerusalems aufgerufen, und einer der beliebtesten Slogans von ‚Irade‘ glorifiziert die Stadt als ‚Unsere Al-Aqsa, nicht ihr Tempel‘ und leugnet damit den jüdischen Anspruch auf Jerusalem. Auf manchem Al-Quds-Workshop von ‚Irade‘ wird auch offen für die palästinensische Hamas geworben.

Nawaf al Takruri

Der diesjährigen Istanbuler Konferenz ging ein Treffen der beiden genannten Gelehrten-Organisationen mit türkischen Religionsvertretern vor aus, das im März von der Gemeinde Esenler – ein europäischer Stadtteil von Istanbul – mitgetragen wurde. Bei diesem Anlass wurde das ‚Forum türkischer Religionsgelehrter für Jerusalem und Palästina‘ ins Leben gerufen. Die Eröffnungsrede hielt kein anderer als der Hamas-Ideologe Nawaf al Takruri, Vorsitzender der palästinensischen Diaspora-Gelehrten und bekannt für sein 1997 veröffentlichtes Pamphlet ‚Die Märtyrertod-Operationen aus der Sicht des Religionsgesetzes‘, das Selbstmordattentate gegen israelische Zivilisten rechtfertigt. Vermutlich, weil die beiden genannten Gelehrten-Organisationen, die internationale und die palästinensische, im November 2017 von Saudi-Arabien auf eine eigens erstellte Terrorliste gesetzt worden waren, firmierte in diesem Jahr als Veranstalterin der Istanbuler Al-Aqsa-Konferenz die bislang unbekannte ‚Internationale Gesellschaft der Al-Aqsa-Kanzel‘. (…)

Noch bevor Yilmaz das Wort ergriff, wurde von mehreren Vorrednern zur Befreiung des muslimischen Jerusalem aufgerufen. Der Palästinenser Scheich Muhammad Salim Ali, Prediger der Al-Aqsa-Moschee, mobilisierte gegen den zunehmenden Einfluss des ‚falschen jüdisch talmudischen Narrativs‘, mit dem die ‚Besatzung‘ Anspruch auf den Tempelberg und die Stadt erhebe. Der Istanbuler Mufti Yilmaz beklagte dann in einer Manier, die bislang eher aus dem Jargon militanter türkischer Islamisten bekannt ist, die gewaltsame Einverleibung des islamischen Jerusalem durch die Zionisten – für ihn der ‚usurpatorische Feind‘, der die ‚Judaisierung‘ der Stadt, die unter osmanischer Herrschaft doch stets friedlich regiert worden sei, auf allen Ebenen vorantreibe. Die Befreiung von Al-Aqsa, schloss sich Yilmaz dem allgemeinen Tenor auf der Tagung an, müsse gemeinsames Ziel aller Muslime werden. Ein neuer Saladin solle dort bald wie der herrschen.

Kamil Yilmaz

Die zunehmende Verzahnung des türkischen Establishments mit einheimischen und arabischen Islamisten bei der Solidaritätskampagne für Jerusalem hat nun auch das türkische Hochschulsystem erreicht. Nur zwei Tage vor der Istanbuler Konferenz wurde an der Universität für Sozialwissenschaften in Ankara ein neues ‚Forschungszentrum für Jerusalem-Studien‘ eröffnet. (…) Leiter des Zentrums ist der palästinensische Historiker Abdal Fattah al Awaisi, der in Islamisten-Kreisen für sein einschlägiges Engagement hohes Ansehen genießt. Al Awaisi, der 1986 im englischen Exeter über das Verhältnis der ägyptischen Muslimbrüder zur Palästina-Frage promoviert hat, unterrichtete später islamische Geschichte an der Universität Hebron und hielt auch gelegentlich Vorträge in der Al-Aqsa-Moschee. Weil die israelischen Behörden ihn als militantes Hamas-Mitglied einstuften, wurde er mit mehr als vierhundert Gesinnungsgenossen 1992 in den Libanon deportiert, wo die Palästinenser, ehe Israel sie zurückkehren ließ, monatelang in einem Zeltlager im Niemandsland an der Grenze aus harrten – und dank der weltweiten medialen Aufmerksamkeit in der islamischen Welt zu Berühmtheiten wurden.“ (Joseph Croitoru in der FAZ: „Istanbuls Ruf nach Saladin“)

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