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Wird die Türkei Teil der internationalen Gaza-Truppe?

Die Trump-Administration möchte, dass die Türkei Truppen für die Stabilisierungskräfte in Gaza stellt
Die Trump-Administration möchte, dass die Türkei Truppen für die Stabilisierungskräfte in Gaza stellt (© Imago Images / ABACAPRESS)

Der Wunsch der Türkei, Truppen im Gazastreifen zu stationieren, hängt mit Präsident Erdogans größerem Ziel zusammen, die dominierende Macht in der Region zu werden.

In den 1990er-Jahren befanden sich die Beziehungen zwischen Israel und der Türkei auf ihrem Höhepunkt. Jedes Jahr flogen Hunderttausende israelischer Touristen in die Türkei, Ankara kaufte große Mengen israelischer Waffen (darunter Kampfdrohnen), und die beiden Länder führten gemeinsame Militärübungen durch.

Nach dem israelischen Aufbringen des unter türkischer Flagge fahrenden Schiffs Mavi Marmara im Mai 2010 änderte sich alles. Das Schiff hatte seine Absicht erklärt, die israelische Seeblockade des Gazastreifens zu durchbrechen. Der gewaltsame Zusammenstoß, bei dem an Bord befindliche Islamisten die israelischen Soldaten angriffen, die das Schiff enterten und übernehmen wollten, woraufhin im Zuge der Auseinandersetzung zehn türkische Staatsbürger getötet wurden, führte zu einer tiefen und anhaltenden Krise.

Damals begann Präsident Recep Tayyip Erdogan, Israels, wie er es nannte, »mörderische Politik« im Gazastreifen und im Westjordanland scharf zu kritisieren. Seitdem haben die beiden Länder fast fünfzehn Jahre lang meist keine Botschafter in den jeweiligen Hauptstädten unterhalten.

Ein ernsthafter Versuch, die Beziehungen zu verbessern, fand 2022 statt, als der israelische Präsident Isaac Herzog die Türkei besuchte und sich mit Erdogan traf. Es war sogar von einem Gegenbesuch Erdogans in Israel die Rede. Doch das Massaker der Terrororganisation Hamas am 7. Oktober 2023 und die darauffolgende israelische Militäroperation im Gazastreifen beendeten diese Bemühungen. Der türkische Präsident warf Israel nicht nur Kriegsverbrechen und Völkermord vor, sondern verstieg sich immer mehr in antisemitische Rhetorik und rief zur Zerstörung des jüdischen Staates auf.

Die nationale Fluggesellschaft Turkish Airlines stellte ihre Flüge zwischen Istanbul und Tel Aviv ein und Anfang September 2025 erklärte der türkische Außenminister Hakan Fidan in einer Sondersitzung des Parlaments zum Thema Gazastreifen, Ankara habe seinen Handel mit Israel eingestellt und seine Häfen für israelische Schiffe gesperrt.

Keine zwei Seiten einer Medaille

Aus israelischer Sicht ist die Türkei eines der Hauptprobleme im Nahen Osten. Aus amerikanischer Sicht unter Präsident Donald Trump hingegen ist Erdogan Teil der Lösung. »Erdogan ist ein Verbündeter. Er ist ein Freund«, so Trumps mehrfache Aussage.

»Ich verbringe viel Zeit mit der Führungsspitze der Türkei«, sagte Tom Barrack, Trumps Botschafter in Ankara gegenüber dem Autor. »Sie nehmen derzeit keine aggressive Haltung gegenüber Israel ein. Die Türkei konzentriert sich auf sich selbst, ihre Innenpolitik und ihre sehr schwierige Wirtschaftslage. Wenn man morgens die türkischen Zeitungen aufschlägt, ist dort von einem ›Groß-Israel‹ die Rede, das sich von Venedig bis Dubai erstreckt.« Wenn man allerdings die israelischen Zeitungen aufschlage, werde dort mit gegengleicher Rhetorik davor gewarnt, »dass das Osmanische Reich zurückkehrt«.

Dabei ist die israelische Sichtweise anders, als bloß die andere Seite der Medaille der ressentimentgeladenen türkischen Position darzustellen: Die Türkei wird als vollwertiger Gegner betrachtet. Ankara »verfolgt eine eindeutig antiisraelische Politik«, erklärte Außenminister Gideon Sa’ar. »Sie haben Haftbefehle gegen den Premierminister, den Verteidigungsminister und Generäle der IDF erlassen. Ist das das Verhalten eines Verbündeten?«

Die derzeitige Meinungsverschiedenheit zwischen Jerusalem und Washington dreht sich um die Frage, ob die Türkei an der geplanten internationalen Stabilisierungstruppe (ISF) teilnehmen darf, die nach dem Krieg für Stabilität im Gazastreifen sorgen soll. Israel hat ein Veto gegen eine Beteiligung Ankaras eingelegt. »Es wird keine türkischen Streitkräfte im Gazastreifen geben«, betonte Sa’ar, »das haben wir den Amerikanern klar und deutlich gemacht«.

Auf der anderen Seite sind US-Botschafter Tom Barrack und mehrere andere hochrangige Beamte der Trump-Regierung der Meinung, die Türkei müsse Teil der Truppe sein: »Die Türkei hat gemeinsam mit Katar dazu beigetragen, Geiseln freizubekommen und den Plan von Präsident Trump voranzubringen. Unser Vorschlag war, dass türkische Truppen dazu beitragen könnten, die Lage zu beruhigen. Ich verstehe, warum Israel dem misstraut – aber ja, ich denke, es könnte helfen.«

Größeres Ziel

Hinter den Kulissen hält der Druck der Amerikaner an. Die Türkei hat bereits mehrere tausend Soldaten für eine mögliche Mission im Gazastreifen ausgebildet. Israel bleibt jedoch unnachgiebig, dass keine türkischen Soldaten den Boden des Gazastreifens betreten dürfen. »Die Türkei setzt darauf, dass andere Länder zögern werden, sich der Truppe anzuschließen und die USA Israel letztendlich dazu drängen werden, Ankara zuzustimmen«, sagte ein regionaler Diplomat. »Trump will, dass sein 20-Punkte-Plan Erfolg hat, und Ankara will das ausnutzen.«

Der Wunsch der Türkei, Truppen in der Küstenenklave zu stationieren, hängt mit Erdogans größerem Ziel zusammen, die dominierende Macht in der Region zu werden. Seit dem Sturz des Assad-Regimes in Syrien versucht Ankara, seine Präsenz dort zu verstärken, unter anderem durch die Einrichtung permanenter Militärstützpunkte.

Israel arbeitet hinter den Kulissen – und hat gelegentlich auch innerhalb Syriens zugeschlagen –, um eine Verfestigung der türkischen Militärpräsenz im Land zu verhindern, doch Regierungsvertreter räumen ein, dass den Möglichkeiten Grenzen gesetzt sind. »Wir können nicht ewig ›Nein‹ zur Türkei sagen, insbesondere wenn sich die Präsidenten Erdogan und Trump als Freunde bezeichnen«, erklärte ein israelischer Beamter. »Die Befürchtung ist, dass Israel irgendwann nachgeben muss, entweder in Gaza oder in Syrien.«

Ein weiterer Konfliktpunkt ist der Wunsch der Trump-Regierung, moderne F-35-Kampfflugzeuge an Ankara zu verkaufen. Israel lehnt diesen Schritt entschieden ab. »Ich verstehe, warum sie besorgt sind«, sagte Botschafter Barrack. Washington hat von der Türkei verlangt, zunächst ihr russisches Luftabwehrsystem S-400 aufzugeben, bevor das F-35-Geschäft weiterverfolgt wird. In Jerusalem beobachten die Beamten die Entwicklung mit Argusaugen und fragen sich, wie weit Präsident Trump gehen wird, um seinem Freund Erdogan zu helfen.

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