Der Medienwissenschaftler Tobias Ebbrecht-Hartmann, Professor am Departement of Communication & Journalismus an der Hebrew University of Jerusalem, analysiert, wie die Hamas nach dem 7. Oktober 2023 soziale Medien gezielt zur Inszenierung von Gewalt nutzte und wie TikTok und andere Plattformen antisemitische und antiisraelische Narrative befeuerten, Desinformation verbreiteten und den Terror diskursiv verharmlosten.
Mena-Watch (MW): Wie haben Sie den 7. Oktober 2023 auf den sozialen Medien erlebt? Waren Sie über die Wucht der Bilder überrascht?
Tobias Ebbrecht-Hartmann (TE): Zunächst war da natürlich ein Schock über die Ereignisse. Sehr schnell wurde mir aber klar, dass das Filmen und Livestreamen der Verbrechen und Gräueltaten kein Nebeneffekt war, sondern ein gezielter Teil der Kriegsstrategie der Hamas. Diese Einschätzung hat sich später bestätigt. Es gibt Aussagen der Hamas, die deutlich machen, dass sie ihre Ziele nicht mit Worten erklären wollen, sondern dass die Bilder, die auf Social Media zirkulieren, für sich sprechen sollen. Das hat mir verdeutlicht, dass die Täter hier, ähnlich wie beim Anschlag in Halle oder in Christchurch, Gewalt bewusst als visuelle Botschaft einsetzen, um eine globale Wirkung zu erzielen.
Erschreckend war für mich, dass diese Strategie auch tatsächlich funktioniert hat. Es gab Menschen, die diese Inhalte gutgeheißen oder als legitimen Widerstand interpretiert haben. Gleichzeitig konnte man beobachten, wie sich Aktivisten diese Bilder angeeignet haben. Es entstanden zum Beispiel Memes, die selbst extrem brutale Gewalttaten wie den Einsatz von Lenkdrachen, mit denen Zivilisten gejagt und getötet wurden, in eine spielerische Ästhetik überführt haben.
Das war für mich nicht völlig überraschend, weil ich bereits 2021 die sogenannte TikTok-Intifada genau beobachtete. Damals wurden reale Gewalttaten mit TikTok-typischen Challenges kombiniert. Menschen wurden in Jerusalem auf der Straße attackiert, das wurde gefilmt und sofort hochgeladen. Diese Verbindung von realer Gewalt mit viralen Elementen war dort bereits angelegt.
Neue Dimension
MW: Wie haben Sie den Terrorangriff aus medienwissenschaftlicher Sicht betrachtet?
TE: Aus medienwissenschaftlicher Sicht – und auch, weil ich mich lange mit Gewaltbildern aus dem Zweiten Weltkrieg und der Zeit des Holocausts beschäftigt habe –, war es für mich aber wichtig, diese Aufnahmen auch als dokumentarisches Material zu sehen. Es geht hier um Beweise für Verbrechen. Die Intention der Täter ist das eine, aber die Bilder können auch gegen den Strich gelesen werden. Die israelischen Behörden haben diese Inhalte systematisch gesammelt, zur Identifizierung von Opfern, zur Aufklärung, zur Beweissicherung. Heute gibt es technische Möglichkeiten, solche Bilder präzise auszuwerten, und auch das ist eine neue Dimension.
MW: War das eine gezielte Medieninszenierung wie früher beim IS in Syrien? Und warum wurde daraus auf TikTok ein so großes Phänomen?
TE: Ich glaube nicht, dass man hier von einer einheitlichen Strategie sprechen kann. Dafür waren zu viele verschiedene Akteure beteiligt. Vom Charakter her ging die Nutzung von Medien durch das Live-Streaming von Bildern des Grauen auf jeden Fall über das hinaus, was al-Qaida und der IS zuvor bereits gemacht hatten. Auch die Botschaft war eine andere. Die Hamas wollte den Israelis vor Augen führen, dass sie ihr Ziel einer Vernichtung in die Tat umsetzen kann.
Ob es sich bei der globalen Zirkulation der Hamas-Propaganda wirklich um ein Massenphänomen handelt, muss man differenziert betrachten. Was auf Plattformen wie TikTok passiert, ist kein isoliertes Phänomen. Die Ideologie, die dort sichtbar wird, hat einen realen Ursprung. Social Media verstärkt und verbreitet diese Inhalte, erzeugt sie aber nicht.
Für die Plattformen war das zwar ein kurzfristiger Anstieg an Traffic, aber dann eben doch kein erwünschter Content. Am 7. Oktober wurde deshalb auch deutlich, wie schnell Plattformen handeln können, wenn sie unter Druck geraten. Ich weiß von Mitarbeitern bei TikTok in Israel, dass innerhalb weniger Stunden ein Großteil der Inhalte gelöscht wurde. Das war eine Reaktion, die wir in dieser Geschwindigkeit zuletzt beim russischen Angriff auf die Ukraine nicht gesehen haben.
MW: Trotzdem wurde der Hashtag #FreePalestine in den Wochen danach Milliarden Mal aufgerufen, während proisraelische Inhalte kaum Sichtbarkeit bekamen. War das nicht Teil einer Strategie?
TE: Die Zahlen allein sagen wenig darüber aus, wie weitreichend und vor allem wirksam diese Inhalte sind. Wer sich ohnehin für Themen wie Israel, Palästina oder Antisemitismus interessiert, hat diese Inhalte natürlich auf seiner For You-Page gesehen. Aber sehr viele Nutzerinnen und Nutzer interessieren sich nicht dafür, und auf deren Timelines taucht das dann auch kaum auf. Aber dort, wo solche Inhalte polarisieren, wird natürlich die Verbreitung problematischer Positionen trotzdem deutlich verstärkt.
Aber es gibt Studien, die zeigen, dass ein Viertel der TikTok-User über 95 Prozent des Contents produziert. Das bedeutet, dass die meisten Menschen stille Konsumenten sind, weder selbst produzieren noch konsumieren und oft noch nicht einmal ein Like hinterlassen. Was diese Menschen denken, darüber wissen wir wenig. Und welche Auswirkungen das langfristig auf ihre Haltung hat, ist kaum messbar. Ich bin deshalb sehr vorsichtig mit der These, dass es sich um eine Massenbewegung gehandelt hat.
Ungewollte Verstärker
MW: Welche Rolle spielen klassische Medien dabei?
TE: Ich glaube, dass viele dieser Inhalte nicht so stark gewirkt hätten, wären sie nicht durch klassische Medien verstärkt worden. Ein gutes Beispiel ist die sogenannte Osama-bin-Laden-Challenge. Dabei haben junge TikToker Passagen eines antisemitischen Pamphlets von Osama Bin Laden aus dem Jahr 2002 ins Netz gestellt. Die Videos waren aber auffällig gleichförmig und wurden fast zeitgleich hochgeladen. Das wirkte nicht wie ein spontaner Trend, sondern wie etwas, das gezielt platziert wurde. Aus meiner Sicht war das eine Form der Destabilisierung, wie sie Russland besonders effektiv betreibt. Russland hat ein starkes Interesse daran, westliche Gesellschaften innerlich zu spalten.
Diese Challenge hätte vermutlich viel weniger Reichweite erzielt, wenn nicht klassische Medien und andere Plattformen wie X darüber berichtet hätten. Seit der Übernahme durch Elon Musk hat sich gerade X inhaltlich enorm zugespitzt. Diese Aufmerksamkeit erzeugt zusätzliche Reichweite – und das nutzen auch jene Akteure, die solche Inhalte bewusst in Umlauf bringen. Manche, die skandalisieren wollen, wirken dadurch ungewollt als Verstärker.
Für israelische oder jüdische Stimmen war es nach dem 7. Oktober sehr schwierig, medial überhaupt durchzudringen. Viele palästinasolidarische Creator hingegen konnten auf Vorlagen und Strukturen zurückgreifen, die seit 2021 existierten – etwa typische Challenge-Formate, Protestsongs oder Schminkvideos mit politischer Botschaft. Wenn man sich die Qualität vieler Videos ansieht, ist klar: Das war nicht spontan oder zufällig, das war geplant und koordiniert.
MW: Warum gab es keine Gegenstrategie?
TE: Viele Menschen auf Social Media haben die Entwicklung als bedrohlich erlebt. Es gab gesellschaftliche Empörung, aber kaum konkrete Reaktionen. Bereits im Dezember 2023 gab es einen Brandbrief jüdischer TikTok-Creator. Doch der hatte keine spürbaren Konsequenzen. Plattformen, Gesellschaft und Politik haben nicht angemessen reagiert. Diese Lücke wurde genutzt – von Akteuren, die gezielt Desinformation verbreiten.
Die Interessen dieser Akteure sind verschieden. Manche wollten gezielt Destabilisierung, andere haben eine politische Agenda verfolgt. Auf TikTok im deutschsprachigen Raum war auffällig viel Holocaust-Relativierung, Verschwörungsdenken und klassische antisemitische Codierung zu sehen. Die Pandemie hat viele Menschen empfänglich gemacht für solche Narrative. Es gibt eine breite Szene, die sich ohnehin mit verschwörungsideologischen Inhalten beschäftigt und die sofort anschlussfähig war – von »Öl unter Gaza« bis zu antisemitischen Mythen über Organhandel.
MW: Der Genozid-Vorwurf hat sich schnell verbreitet, auch in der Mitte der Gesellschaft. Wie erklären Sie sich das?
TE: Ich habe noch nie zuvor beobachten können, wie sich ein solcher Vorwurf in Echtzeit aufbaut. Schon kurz nach dem 7. Oktober war klar, dass genau dieser Begriff – Genozid – als zentrales Deutungsmuster etabliert werden sollte. Zunächst aus eindeutig antisemitischen oder relativierenden Motiven, später auch aus einer politischen Strategie heraus, Israel zu isolieren. Der Diskurs war vorbereitet. Begriffe wie »Gaza als Ghetto« oder »Konzentrationslager« waren schon vorher im Umlauf.
Hinzu kam, dass die israelische Kriegsführung – ob durch die militärische Notwendigkeit gegen eine Terrororganisation zu agieren, die ihre Bevölkerung als Schutzschild missbraucht, oder durch ideologische Motive wie die Besiedelung Gaza oder die Vertreibung der Zivilbevölkerung – nicht dazu beigetragen hat, diesen Vorwurf eindeutig zu entkräften. Das erschwert jede rationale Auseinandersetzung. Die Emotionalisierung hat verhindert, dass man überhaupt noch differenziert über Kriegsverbrechen oder moralische Verantwortung sprechen konnte.
Eine neue Qualität kam durch den verstärkten Einsatz von KI-generierten Bildern hinzu. Auf TikTok kursierten früh Bilder, die auf den ersten Blick grausam wirkten, bei genauerem Hinsehen aber gefälscht waren – etwa Aufnahmen von Soldaten mit anatomisch unmöglichen Körpermerkmalen, die Kinder bedrohen. Solche Bilder haben ganz sicher die Vorstellungen des Kriegs bestimmt; vor allem, wenn sie bereits bestehende Stereotype bedienten.
Natürlich gab es auch politische Akteure, die das verstärkt haben. Südafrika ist mit seiner Klage vor dem Internationalen Gerichtshof dafür ein Beispiel. Die Aktionen gegen Israel lenken von Problemen im eigenen Land ab und man ist auch nicht gerade unabhängig vom Einfluss durch Akteure, die auch die Hamas finanzieren. Die Strategie bestand vor allem darin, Israel nicht militärisch, sondern moralisch zu delegitimieren. Ich glaube nicht, dass sich diese Dynamik ohne Social Media wesentlich anders entwickelt hätte. Aber die Plattformen haben die Eskalation deutlich beschleunigt.
Für mich ist einer der zentralen Schäden dieser Rhetorik, dass der 7. Oktober als zivilisatorischer Bruch überlagert und zunehmend verdrängt wird. Die Funktion des Genozid-Vorwurfs bestand vor allem darin, die Bedeutung dieses Tags im kollektiven Gedächtnis zu verwischen. Und ich halte es für einen moralischen Fehler – auch vieler Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler –, dass sie sich an dieser Form der Relativierung beteiligt haben. Um wirklich etwas gegen das Leid der palästinensischen Zivilbevölkerung tun zu können, hätte man diese Debatte von Anfang an anders führen und der Um- und Überschreibung des 7. Oktobers mehr entgegensetzen müssen.
Meinungsfreiheit
MW: Was müsste geschehen, um gegen diese digitale Dynamik vorzugehen, ohne die Meinungsfreiheit zu gefährden?
TE: Das ist in einer Zeit, in der Meinungsfreiheit von vielen als Abwehrrecht gegen jede Form von Regulierung verstanden wird, besonders schwierig. Aber ich denke, wir brauchen eine Mischung aus politischem Druck, gesellschaftlichem Bewusstsein und konkreter Plattformverantwortung.
Was es braucht, ist die konsequente Anwendung bestehender Gesetze. Hass, Hetze und Antisemitismus im Netz dürfen nicht als bloße Meinungsäußerung durchgehen. Es braucht gut ausgebildete Strafverfolgungsbehörden und Expertinnen und Experten, die sich mit digitalem Antisemitismus und gezielter Desinformation auskennen. Plattformmitarbeitende müssen lernen, wie Antisemitismus heute online funktioniert, welche Codes verwendet werden, wo Manipulation beginnt, und welche Dynamiken dahinterstehen.
Neben rechtlichen und technischen Maßnahmen braucht es vor allem auch eine breite medienpädagogische Offensive. Wir müssen viel stärker in Bildung investieren. In Schulen ist die Medienkompetenz zu sozialen Plattformen oft minimal. Ich habe selbst Fortbildungen für Lehrerinnen und Lehrer gemacht – viele hatten keinerlei Wissen über TikTok oder darüber, wie man damit im Unterricht umgehen kann. Das kann so nicht bleiben.
Und ich finde, man muss auch darüber nachdenken, wie man gute Inhalte besser sichtbar macht. Wir arbeiten an Projekten, die etwa Holocaust-Education-Videos von Gedenkstätten auf einer eigenen, kuratierten Plattform zugänglich machen sollen. Das ist kein Ersatz für Social Media, aber es ist ein Anfang.
Langfristig müssen wir uns auch fragen, warum es in Europa keine eigenen Kurzvideo-Plattformen gibt. Wir nutzen Technologien aus China und den USA, aber wir haben keine souveränen digitalen Strukturen. Ich denke, es wäre höchste Zeit, das zu ändern – nicht nur aus wirtschaftlichen, sondern auch aus gesellschaftlichen Gründen.






