Während der Diktatur der Assads in Syrien dürften ähnlich viele Menschen verschwunden und umgebracht worden sein wie unter Saddam Husseins Regime im benachbarten Irak.
Eine der wohl furchtbarsten Formen von Repression in nahöstlichen Diktaturen war (und ist) das sogenannte Verschwindenlassen: Menschen, die real oder vermeintlich in Opposition zur herrschenden Diktatur stehen, verschwinden eines Tages einfach. Weder Angehörige noch Anwälte erhalten je Nachricht, was eigentlich mit ihnen passiert ist. Hinzu kommt, so etwa im Irak unter Saddam Hussein, dass man sein eigenes Leben oder das von Angehörigen gefährdete, wenn man es wagte, sich bei Behörden nach den vermissten Personen zu erkundigen, ob diese verhaftet oder interniert wurden.
Amnesty International schreibt über das Phänomen:
»Das Verschwindenlassen wird häufig als Strategie eingesetzt, um Terror in der Gesellschaft zu verbreiten. Das Gefühl der Unsicherheit und Angst, das dadurch entsteht, beschränkt sich nicht nur auf die nahen Angehörigen der Verschwundenen, sondern betrifft auch ganze Gemeinschaften und die Gesellschaft als Ganzes. (…)
Familienangehörige und Freunde von verschwundenen Personen leiden unter langsamen seelischen Qualen. Sie wissen nicht, ob ihr Sohn oder ihre Tochter, ihre Mutter oder ihr Vater noch am Leben ist. Sie wissen nicht, wo sie festgehalten oder wie sie behandelt werden. Die Suche nach der Wahrheit kann die ganze Familie in große Gefahr bringen. Die Ungewissheit, ob ihre Angehörigen jemals zurückkehren werden, lässt die Hinterbliebenen oft in einer Schwebe leben.«
Verschwunden und ermordet
Im Laufe der Jahrzehnte verschwanden vor allem im Irak und Syrien Hunderttausende Menschen. Erst nach dem Sturz der jeweiligen Regimes 2003 bzw. 2024 war es Verwandten oder Freunden möglich, Nachforschungen anzustellen. Oft stellte sich heraus, dass die betroffene Person nach langer und qualvoller Haft in einem der unzähligen Gefängnisse umgebracht und irgendwo in einem Massengrab verscharrt wurde.
Seit Dezember 2024 versuchen Tausende zu eruieren, was mit den Vermissten geschah. Zur Seite steht ihnen eine National Missing Persons Commission, die von der syrischen Interimsregierung ins Leben gerufen wurde. Deren Vorsitzender Reza Jalkhi hat sich jüngst an die Öffentlichkeit gewendet und erklärt, seine Kommission gehe inzwischen davon aus, dass unter den Assads bis zu 300.000 Menschen in Syrien »verschwunden« sind und wohl alle hingerichtet wurden. Man habe »bereits mehr als 63 dokumentierte Massengräber in ganz Syrien kartiert und eine nationale digitale Plattform aufgebaut, um eine Datenbank der Vermissten zu erstellen. Die Schätzungen der Opferzahlen liegen derzeit zwischen 120.000 und 300.000, sagte er, aber die tatsächliche Zahl ›könnte aufgrund der Schwierigkeiten bei der Bestandsaufnahme noch höher sein‹.«
Damit wären in Syrien ähnlich viele Menschen verschwunden wie im Irak unter Saddam Hussein, wo es bis heute Tausende von Menschen gibt, die nicht wissen, was damals mit ihren Angehörigen geschah und wo deren sterbliche Überreste ihre letzte Ruhe gefunden haben.





