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Sudanesischer Bürgerkrieg: Genozidale Taktiken auf beiden Seiten

Sudanesen in London demonstrieren gegen die Kriegsverbrechen der regulären Streitkräfte des Landes
Sudanesen in London demonstrieren gegen die Kriegsverbrechen der regulären Streitkräfte des Landes (© Imago Images / SOPA Images)

Im Sudan greifen sowohl die regulären Streitkräfte als auch die Schnellen Eingreiftruppen zu äußerster Brutalität, um einen vollständigen Sieg über den Gegner zu erringen.

Kurz nachdem vor rund einem Jahr die Sudanesischen Streitkräfte (SAF) die rivalisierenden Schnellen Eingreiftruppen (RSF) aus Wad Madani, der Hauptstadt des östlichen Bundesstaats Al-Jazira, vertrieben hatten, tauchten Leichen in regionalen Bewässerungskanälen auf. Einige davon waren nackt, andere trugen Zivilkleidung, viele hatten gefesselte Hände und waren in den Kopf geschossen worden. Zeugen berichteten den Ermittlern, dass SAF-Kämpfer durch das Gebiet gezogen waren und dabei Zivilisten geradezu nach Belieben zu Kollaborateuren erklärt hatten.

Auf der anderen Seite des Landes, in der von den RSF dominierten Region Darfur, sterben täglich nicht-arabische Zivilisten, die aus ihren angestammten Gebieten vertrieben wurden und in Darfur Zuflucht gefunden haben, an Hunger und Durst in einer der schlimmsten humanitären Krisen der Welt.

Auch fast drei Jahre nach seinem Beginn im Frühling 2023 dauert der Bürgerkrieg an, wobei jede der beteiligten Parteien erklärt, der Konflikt werde nur mit dem vollständigen Sieg der einen oder anderen Seite enden. Infolgedessen hat jede Seite laut internationalen Ermittlern zu genozidalen Taktiken gegriffen, um dieses Ziel zu erreichen.

Mona Rishmawi, Mitautorin eines Sudans-Berichts für den Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen, beschrieb die Situation in einer Erklärung vom September 2025 wie folgt: »Man tötet, man lässt keine Nahrung und kein Wasser zu, man erlaubt keine Nahrungsmittelproduktion. Man verweigert den Zugang zu Nahrungsmitteln, zu Märkten und zu humanitärer Hilfe. Was man will, ist die Bevölkerung zu töten. Das Ergebnis davon ist also wirklich ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit: das Verbrechen der der Ausrottung.«

Obwohl der Bericht nicht so weit ging, einen Völkermord zu erklären, sagte der Ratsvorsitzende Mohamed Chande Othman, dass sowohl die SAF als auch die RSF Gräueltaten begangen hätten. Die Liste umfasst unter anderem die Zwangsverheiratung junger Mädchen, sexuelle Übergriffe auf Männer und Jungen und Beschreibungen von Zeugen, welche die Haftanstalten der RSF als Schlachthöfe bezeichnen.

Verbrechen auf beiden Seiten

Die Eroberung von el-Fasher, der Hauptstadt von Nord-Darfur, durch die Schnellen Eingreiftruppen Ende Oktober 2025 ist eines der angeführten Beispiele für genozidale Taktiken. Nach dem Rückzug der SAF töteten RSF-Kämpfer schätzungsweise 7.000 Zivilisten, die sich noch in der Stadt befanden. Weitere Zivilisten, darunter viele Frauen und Kinder, wurden getötet oder angegriffen, als sie versuchten, zu fliehen.

Die eingangs angesprochenen Leichen in den Bewässerungskanälen im Bundesstaat al-Jazira lassen vermuten, dass auch die SAF Völkermordtaktiken anwendet, wie Analysten meinen. Satellitenbilder aus dem Mai 2025 zeigen Dutzende von Leichen, als der Wasserpegel der Kanäle in der Trockenzeit zurückging. Viele davon befanden sich in Bika, nur wenige Meter von der Brücke entfernt, auf der General Abdel Fattah al-Burhan, Anführer der SAF, den Sieg verkündete, nachdem seine Truppen die RSF aus Wad Madani vertrieben hatten.

Forensische Analysen ergaben, dass es sich bei den Leichen um Mitglieder nicht-arabischer Gemeinschaften aus der Region Darfur oder aus dem Südsudan handelte, wie CNN berichtete. »Jeder, der wie ein Nuba aussah, aus dem Westen des Sudans oder aus dem Süden stammte, wurde sofort erschossen«, berichtete ein SAF-Offizier, der unter der Bedingung der Anonymität mit dem TV-Sender sprach.

Ein Telegram-Video zeigt SAF-Soldaten neben den Leichen von mindestens fünfzig, offenbar unbewaffneten jungen Männern, alle in Zivilkleidung und viele von ihnen barfuß. Viele scheinen in frischen Blutlachen zu liegen und Schusswunden am Kopf aufzuweisen.

Als die SAF ihre Kontrolle über den Bundesstaat al-Jazira festigte, nahm sie die Kanabi in Visier, eine nicht-arabische, von Darfuris und Südsudanesen abstammende Volksgruppe, die in Gemeinden im ganzen Bundesstaat lebt. Zwischen Oktober 2024 und Mai 2025 griffen die SAF und verbündete Milizen 39 Kanabi-Gemeinden in al-Jazira und weitere achtzehn im Bundesstaat Sennar an.

Zeugen berichteten gegenüber CNN, dass mit der SAF verbündete Kämpfer Häuser niederbrannten und auf Zivilisten in Kanabi-Gemeinden schossen und den Bewohnern mitteilten, alle Nicht-Araber müssten den Ort verlassen. Suliman Baldo, Direktor des Sudan Transparency and Policy Tracker, sagte gegenüber CNN, solche Äußerungen würden eine Art Erlaubnis für die arabischen Anwohner vor Ort darstellen, die Kanabi und andere Gruppen anzugreifen. »Sie betrachten die Menschen aus dem Süden oder Menschen mit afrikanischem Aussehen als Bürger zweiter Klasse – und daher als entbehrlich.«

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