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»Sudan: Ein Land im Krieg«

Roman Deckert im Mena-Talk über den »Sudan: Ein Land im Krieg«

Im Mena-Talk mit Jasmin Arémi spricht der Historiker und Sudan-Analyst Roman Deckert vom MiCT in Genf über den Krieg im Sudan, die dramatische humanitäre Lage im Land und die treibenden Kräfte des Konflikts.

Seit dem 15. April 2023 befindet sich der Sudan im offenen Krieg, ausgelöst durch ein Zerwürfnis über die Integration der Schnellen Eingreiftruppen (RSF) in die Strukturen der regulären Armee (SAF), insbesondere in die Kommandostruktur.

Manchmal ist von einem Putschversuch der RSF die Rede. »Die offizielle Regierungsarmee SAF und die paramilitärische Miliz RSF waren bis zum Ausbruch des Kriegs Waffenbrüder. Die RSF wurden ursprünglich von der Armee und dem Geheimdienstapparat gegründet. Sie sind eine Kreation der Armee selbst«, erläutert der Historiker. Oft werde der Konflikt im Westen auf einen persönlichen Machtkampf zweier Generäle reduziert ­– eine Deutung, die verkürzt ist: »Das ist irreführend. Es sind zwei Lager, die jeweils nicht homogen sind. Es geht um Macht und Einfluss im Sudan.«

Die Folgen für die Bevölkerung beschreibt er als verheerend und katastrophal, die Zahlen sind dabei Schätzungen: »Dreißig bis vierzig Millionen Menschen sind akut auf humanitäre Hilfe angewiesen. Über zehn bis vierzehn Millionen wurden gewaltsam vertrieben.« Die Anzahl der Todesopfer lässt sich nur erahnen. Besonders dramatisch sei die Lage in Darfur, in den Städten El Geneina und El Fasher, in denen Massaker mit eindeutig ethnischer Dimension verübt werden. Zusätzlich ist die mangelnde medizinische Versorgung eine Todesursache; einfach behandelbare Krankheiten wie Diabetes können nicht kuriert werden und führen so zum Tod.

Ein unsichtbarer Krieg

Während der Gazakrieg oder der russische Krieg gegen die Ukraine große mediale Aufmerksamkeit erhalten, bleibt der Sudan weitgehend im Schatten. Ohne das Leid gegeneinander aufwiegen zu wollen, erklärt Deckert: »Gaza erhält zumindest internationale Aufmerksamkeit. Damit gehen Finanzierung und politischer Druck einher. Der Sudan war schon vorher unterfinanziert, jetzt droht die Hilfe weiter wegzubrechen.« Deutschland habe seine humanitären Mittel deutlich gekürzt; gleichzeitig fehlten der politische Wille und der öffentliche Druck, um den Konflikt oben auf der politischen Agenda zu halten.

Besonders deutlich äußert sich der Historiker zur Rolle der Vereinigten Arabischen Emirate, die seit Jahren als wichtiger außenpolitischer Akteur in der Region auftreten: »Niemand, außer den Emiraten selbst, bestreitet ernsthaft, dass die Emirate der Hauptunterstützer der RSF sind, finanziell, logistisch und militärisch.« Durch ihre engen Beziehungen zu Abu Dhabi machten sich westliche Staaten zumindest indirekt mitschuldig. So steht hinter dem Krieg im Sudan nicht nur Ideologie, sondern eine hochprofitable Kriegsökonomie. »Der wichtigste finanzielle Treibstoff ist Gold.« Ein Großteil des sudanesischen Goldes werde über Dubai exportiert und dort weiterverarbeitet: »Es wird faktisch weißgewaschen. Die Herkunft ist schwierig nachzuweisen, aber der Zusammenhang ist offensichtlich.«

Vereinfachende Erklärungen, die den Konflikt als »Stammeskrieg« oder rein ethnische Auseinandersetzung beschreiben, hält der Sudan-Experte für analytisch irreführend und politisch gefährlich. »Ich halte nichts von Begriffen wie Stammeskrieg. Das ist eine völkische Logik.« Identitäten in Darfur und im übrigen Sudan seien historisch konstruiert. »Anhand dieser Identitäten wird mobilisiert. Aber die Ursachen liegen in Macht, Ressourcen und Verteilungskämpfen.«

Scheiternde Friedensinitiativen

Bemühungen um Waffenruhen und politische Lösungen bleiben bisher ohne Erfolg, weil weder die Konfliktparteien noch ihre externen Unterstützer ein echtes Interesse an Kompromissen haben. »Beide Seiten glauben, sie könnten militärisch gewinnen. Und ihre Hauptunterstützer haben kein Interesse, Druck auszuüben.«

Deckert kritisiert vor allem westliche Doppelmoral. Man spreche von »Fluchtursachenbekämpfung« und lasse zugleich jene Akteure gewähren, »welche die größten Fluchtverursacher« sind. Die Folge ist eine doppelte Unsichtbarkeit des Leidens, humanitär wie medial.

Trotz der düsteren Lage betont Roman Deckert, dass Öffentlichkeit und Politik Handlungsspielräume haben. »Wir sind nicht machtlos. Mails an Abgeordnete, an Medien, an Unternehmen können Druck erzeugen.« Gerade in Demokratien könne an vielen Stellen angesetzt werden, von der Forderung nach mehr humanitärer Hilfe über Sanktionen gegen Täter und Profiteure bis hin zu einer kritischeren Debatte über Partnerschaften mit den Emiraten.

Medien und Öffentlichkeit seien zudem mit einem Phänomen konfrontiert, das in der Szene als »Sudan Fatigue« bezeichnet werden könnte, also einer Ermüdung gegenüber der Berichterstattung, weil sich die Lage nicht verbessert, sondern von einer Krise in eine Katastrophe zu kippen scheint. Für den Journalismus bestehe die Herausforderung darin, ähnlich wie beim Thema Klimawandel neue »Erzählformen« zu finden, die das Geschehen dennoch nachvollziehbar machen.

Entscheidend sei, deutlich zu machen, dass es sich nicht um ein fernes Spektakel »wilder Stämme« handelt, sondern um einen Konflikt, der in globale Macht- und Wirtschaftsstrukturen eingebettet ist. Rassistische Deutungen, die den Krieg als Beleg für ein angebliches »Wesen der Araber« abtun, blenden aus, dass Akteure im globalen Norden bis hin zu Geld- und Warenströmen über Metropolen wie Genf konkret in diese Gewaltverhältnisse verstrickt sind. Es gehe dabei nicht nur um politische Effekte, sondern auch um ein Signal an die Menschen im Sudan: »Es geht auch um die Moral der Sudanesinnen und Sudanesen, die sich vergessen fühlen. Wir sollten zumindest nicht zu Komplizen der Kriegstreiber werden.«

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