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Zwischen Sturm und Schuldzuweisung: Die ARD-Berichterstattung über Gaza

Mal wieder ein wenig ausgewogener Tagesschau-Bericht von ARD-Korrespondentin Sophie von der Tann
Mal wieder ein wenig ausgewogener Tagesschau-Bericht von ARD-Korrespondentin Sophie von der Tann (© Imago Images / HMB-Media)

Die ARD-Journalistin Sophie von der Tann und ihre Kollegen verschleiern in ihrer Berichterstattung systematisch die Kausalität der Krise und ersetzen Einordnung durch moralisierende Anklage.

In ihrem Beitrag in der ARD-Tagesschau vom 12. Dezember öffnete Sophie von der Tann den Blick auf den Gazastreifen, der gewissermaßen im Auge eines Sturms lag. Das Voiceover bzw. den Kommentar steuerte Frau von der Tann offenbar aus dem Studio in Tel Aviv bei und vertonte damit die Aufnahmen, die ein lokales Kamerateam aus Gaza bereits angefertigt hatte.

Unabhängig von der Produktionsweise: Gezeigt wurden die eindringlichen, unverkennbar dramatischen Zustände der Bevölkerung, denn das Sturmtief »Byron« wütete über sie hinweg: Stundenlang peitschten Böen von bis zu 85 km/h über die Küstenstadt, begleitet von Starkregen, der lokal mehr als neunzig Liter pro Quadratmeter erreichte und Straßen binnen Minuten in reißende Bäche verwandelte. Überschwemmungen und Erdrutsche zerstörten Zelte und notdürftige Unterkünfte, verschlammten ganze Siedlungsviertel, blockierten Verkehrswege und verschärften die ohnehin prekäre Krise der Infrastruktur.

Die Notlage wurde konkret greifbar. Iptisam Ramzi Hadido, eine junge palästinensische Mutter, berichtete von durchlässigen Zelten, schlammigen Böden und Kindern, die ohne Schuhe im Regen standen. Dieses Elend zu dokumentieren, ist journalistisch legitim, doch die Herausforderung beginnt dort, wo die Ursachen und Zusammenhänge dargestellt werden müssten.

Absurditäten der medialen Anklage

Im ARD-Beitrag wurde erklärt, dass israelische Truppen die Einfuhr von Hilfsgütern einschränken, die als »doppelt verwendbar« eingestuft würden, also zivilen und militärischen Zwecken dienen könnten. Diese Meldung, welche die restriktive Natur der Dual-Use-Bestimmungen Israels thematisiert, ist faktisch wahrheitsgetreu. Doch sie unterschlägt den ganz realen Kontext terroristischer Zweckentfremdung durch die Hamas, und infolgedessen erlangt die Darstellung eine subtile diffamierende, mithin hochwirksame Suggestivkraft. So wird nämlich impliziert, Israel entscheide willkürlich oder gänzlich eigennützig über Leben und Tod im Gazastreifen.

Anschließend werden die vertraglichen Vereinbarungen thematisiert: »Mit Beginn der Waffenruhe vor zwei Monaten sollten täglich mindestens sechshundert Hilfstrucks in den Streifen gelangen.« Und an diesem Punkt folgt der entscheidende Widerspruch: Während israelische Behörden angeben, dass dies der Fall sei, kommt laut Vereinigten Nationen nur ein Bruchteil der verabredeten Hilfslieferungen bei den Menschen an. Nach der Schilderung dieses Dementis kommt der Schnitt. Ganz abrupt. Der neunzig Sekunden lange Beitrag ist zu Ende.

Die Darstellung ist weltfremd, weil sie die Sicherheitsrealität eines von Terrorangriffen betroffenen Staates ausblendet. Materialien wie Baumaterial oder medizinische Geräte könnten von der Hamas für Waffen, Tunnel oder Raketen missbraucht werden. Die Prüfung dieser Güter kostet Zeit und Ressourcen, ist aber entscheidend, um neue Angriffe auf Zivilisten zu verhindern.

Auch die logische Inkonsistenz der Berichterstattung wird deutlich: Einerseits wird ausführlich über die durch das Sturmtief »Byron« verursachten überfluteten Straßen, weggespülten Zufahrten und lahmgelegten Verkehrswege berichtet. Andererseits wird nahezu zeitgleich allein Israel für ausbleibende oder verzögerte Lkw-Lieferungen verantwortlich gemacht.

Hinzu kommt, dass die milliardenschweren Milizführer der Hamas die humanitäre Krise verschärfen, indem sie Ressourcen horten oder missbrauchen. Diese Akteure werden von den Leitmedien kaum zur Rechenschaft gezogen, während Israel für Sicherheitsmaßnahmen unnachgiebig angeprangert wird. Das verschweigt die Realität von Ursache, Wirkung und Verantwortung.

Das Internationale Humanitäre Recht (IHL), insbesondere die Vierte Genfer Konvention, legt zweifelsohne bedeutsame Schutzobliegenheiten bezüglich der Zivilbevölkerung fest: »Die Besetzungsmacht hat die Pflicht, die Bevölkerung mit Lebensmitteln und Sanitätsmaterial zu versorgen«, heißt in Artikel 55. Doch die Bestimmungen verpflichten eine Konfliktpartei nicht ausdrücklich dazu, die Nichtkombattanten eines Gegners während eines brüchigen Waffenstillstands umfassend zu versorgen. Obwohl Israel im Zuge der militärischen Operation derzeit Bodentruppen in Teilen der Küstenenklave stationiert hat, dient die Kontrolle nicht der vollständigen Übernahme der zivilen Verwaltung. Folglich liegt die Hauptverantwortung für das Wohlergehen der Zivilbevölkerung bei der De-facto-Kontrollmacht im Gazastreifen, der Hamas.

Gefährliche Legenden

Selbstverständlich ist in der Kürze eines Beitrags in der Tagesschau nicht jede Dimension eines derart komplexen Krisen- und Katastrophengeschehens abbildbar. Wichtiger aber ist, dass zentrale Zusammenhänge wenigstens einmal sachlich und unmissverständlich benannt werden: Die Kontextualisierung muss nicht als Mantra in der Bauchbinde vorbeilaufen, aber gerade zur besten Sendezeit sollte sie vorhanden sein.

Zur Vertiefung bietet die gut besuchte ARD-Mediathek den fast achtminütigen Schwerpunkt »Kritische humanitäre Lage im Gazastreifen nach Wintereinbruch«. Die Montage von Tagesschau24, die Sophie von der Tanns Bericht umfasst, enthält auch ein Interview mit ihrem Kollegen Björn Dake aus dem Büro in Tel Aviv.

Dake ergänzt von der Tanns Schilderungen, spricht zudem von einem blühenden Schwarzmarkt und erläutert sogar die Sorgen der israelischen Behörden. Aber das Framing insgesamt ist trotzdem bedenklich. Es wird betont, dass ca. achtzig Prozent der Gebäude im Gazastreifen durch den Krieg zerstört worden seien. Nicht erwähnt wird allerdings, dass der massive Tunnelbau der Hamas die Bausubstanz zusätzlich stark beeinträchtigt hat – ganz zu schweigen davon, dass die Hamas Israel den Krieg erklärte, in den vergangenen zwei Jahren über 21.000 Raketen auf den jüdischen Staat abfeuerte und ein bis heute nicht abgeschlossenes Hinhaltespiel mit den Geiseln inszenierte.

Ebenfalls wurden die Anschuldigungen des aus Gaza stammenden Friedensaktivisten Ahmed Fouad Alkhatib nicht aufgegriffen. Letzte Woche bezichtigte Alkhatib die Hamas, tonnenweise Säuglingsnahrung und Nährstoff-Shakes zu horten und den Zugang für Bedürftige zu verweigern, um das »Hunger-Narrativ« zu verstärken. Angesichts ablaufender Haltbarkeitsdaten stellt dies faktisch eine Vernichtung dringend benötigter Güter dar. Diese Vorwürfe hätten im ARD-Bericht wenigstens angesprochen werden sollen.

Stattdessen entsteht der Eindruck, als müsse Israel – als Angegriffener – zugleich als Hauptversorger eines Gebiets fungieren, dessen Machthaber Milliarden in Waffen, Tunnel und Terror investiert haben.

Die mediale Hyperfokussierung auf die Notlage im Gazastreifen, und zwar ohne Ausgewogenheit und Kontextualisierung, lässt einen visuell einprägsamen Nährboden für Antisemitismus entstehen. In den sozialen Medien kursieren schon gezielte Verschwörungstheorien über das Tiefdruckgebiet »Byron«. Diese Legenden behaupten, Israel hätte gezielt Infrastruktur sabotiert und Nothilfe für wetterfeste Materialien vorsätzlich blockiert. Man muss begreifen, wie rasant und mit welcher fatalen Eigendynamik gefährliche Antipathien sich manifestieren können. In der Bundesrepublik sollten nicht zuletzt die öffentlich-rechtlichen Sender darauf bedacht sein, eine besondere Rücksichtnahme bezüglich der Vorgeschichte des Landes zu nehmen. Es handelt sich nicht um Zensur, sondern um Sensibilität.

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