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»Das Telefon klingelte nicht mehr«: Der stille Boykott jüdischer Musiker in Frankreich

Die Demonstrationen dagegen scheinen den Antisemitismus in Frankreich nicht stoppen zu können
Die Demonstrationen dagegen scheinen den Antisemitismus in Frankreich nicht stoppen zu können (© Imago Images / ZUMA Press Wire)

In Frankreich können jüdisch-französische Musiker, die früher regelmäßig Konzerte gaben, seit dem 7. Oktober 2023 kaum noch oder nur unter größten Sicherheitsvorkehrungen öffentlich auftreten.

Ein Konzert des Israel Philharmonic Orchestra unter Leitung des Dirigenten Lahav Shani, das am 6. November in Paris stattfand, musste dreimal unterbrochen werden. Zweimal zündeten Aktivisten in der geschlossenen Halle bengalische Feuer und brachten damit die Zuschauer in Lebensgefahr. Vier Personen wurden festgenommen. Tage vor dem Konzert waren die Musiker in einem offenen Brief bezichtigt worden, einen »Genozid« zu verüben und im Jahr 1948 Palästinenser vertrieben zu haben.

Das ist nur ein Beispiel für die Angriffe auf jüdische oder israelische Musiker in Frankreich. Meist verläuft der Boykott im Stillen: Jüdisch-französische Musiker, die früher regelmäßig Konzerte gaben, können seit dem 7. Oktober 2023 nicht mehr oder nur unter Schwierigkeiten auftreten. Hinweise darauf, dass sie Juden sind oder ihre Musik womöglich jüdische Einflüsse aufweist, werden von Veranstaltern vermieden. Sei es aus Antisemitismus oder weil sie Angst haben und es ihnen zu teuer ist, ein Konzert mit jüdischen Musikern vor möglichen Terroranschlägen zu schützen.

Das Spektrum der Aussagen betroffener Künstler reicht von »Es ist schwieriger geworden« bis hin zu »Ich bekomme überhaupt keine Angebote mehr«. Was zählt, sind nicht die etwaigen politischen Ansichten der Künstler, sondern allein, ob sie jüdisch sind. Nachstehend einige Fälle, über die französischsprachige Medien in jüngster Zeit berichtet haben:

David Konopnicki, Klezmer-/Jazz-Rock-Gitarrist

Der Gitarrist David Konopnicki mischt in seiner Musik Indie-Rock und Klezmer. »Wir werden behandelt, als wären wir Freunde von Netanjahu, obwohl wir Pazifisten sind«, klagt er. Er schilderte dieser Tage gegenüber dem belgischen TV-Sender RTBF, dass vier Pariser Veranstaltungsorte, bei denen er früher bereits aufgetreten war, ihm eine Absage erteilt hätten. Eine Programmplanerin sagte ihm: »Ich kenne dich, du bist vielleicht nicht genozidal, aber wenn ich ein jüdisches Konzert mache, brauche ich vier zusätzliche Sicherheitsleute.«

Vor einigen Monaten habe er versucht, Konzerte für das fünfzehnjährige Jubiläum seiner Band zu organisieren. »Aber es war unmöglich«, so der Enkel eines Holocaust-Überlebenden. Ein Konzertveranstalter sagte ihm: »Weißt du, David, Juden kosten mich viermal so viel an Sicherheitskosten; es ist kompliziert.« Außerdem wurde ihm gesagt, dass jüdische Musik wie Klezmer im 18. Arrondissement von Paris derzeit nicht möglich sei. Das Arrondissement, zu dem das Künstlerviertel Montmartre gehört, grenzt im Norden an den von vielen jungen Muslimen bewohnten Bezirk Saint-Denis, dessen Bürgermeister gelegentlich am Rathaus die palästinensische Flagge hisst.

Konopnicki prangert ein Klima des Hasses an, in dem antisemitische Äußerungen im Umfeld von Konzerthäusern an der Tagesordnung seien. »Manchmal rufen mir Passanten zu: ›Viel Spaß, ihr Juden!‹, weil sie einen jüdisch klingenden Namen auf dem Plakat sehen«, berichtete der 43-jährige Musiker. »Als ich jung war, trugen wir alle gemeinsam Kippas und Kufiyas. Araber, Juden, wir waren alle Freunde. Irgendetwas ist schiefgelaufen. Aber ich kämpfe weiter, ich werde nicht aufgeben. Ich bin stolz darauf, Jude und Franzose zu sein.«

Sein Konzert konnte am Ende stattfinden – allerdings nur im Pariser Museum für jüdische Kunst und Geschichte. Er fühle sich eigentlich noch zu jung, um »im Museum« aufzutreten, scherzte er.

Liraz, Farsi-Pop-Sängerin

Am 25. Oktober hätte Liraz, eine israelische Sängerin persischer Herkunft, im Pariser Kulturzentrum Fleury Goute d’Or (FGO)-Barbara auftreten sollen. Liraz unterstützt den Freiheitskampf der iranischen Frauen und singt Lieder mit Botschaften des Friedens. Doch der Veranstalter ließ sie nicht auftreten. Ausgerechnet am vergangenen 7. Oktober, dem zweiten Jahrestag des Hamas-Überfalls auf Israel, sagte er das geplante Konzert in einem Facebook-Post ab:

»Wir bedauern, Ihnen mitteilen zu müssen, dass das Liraz-Konzert, das ursprünglich für den 25. Oktober 2025 im FGO-Barbara geplant war, abgesagt wurde. Diese schwierige, aber wohlüberlegte Entscheidung beruht auf mehreren Faktoren, die es uns derzeit unmöglich machen, die Veranstaltung in einer Weise durchzuführen, die unseren Werten und Verpflichtungen entspricht. Ticketinhaber erhalten den vollen Kaufpreis zurückerstattet. Wir danken Ihnen für Ihr Verständnis und entschuldigen uns für die entstandenen Unannehmlichkeiten.«

Judenhass ist in der Tat eine »Unannehmlichkeit«. Die »Werte und Verpflichtungen«, gegen die das Konzert verstoßen hätte, wurden nicht erläutert. Ein anderer Grund als die israelische Staatsbürgerschaft der Sängerin war nicht erkennbar.

Knapp viertausend Menschen haben inzwischen eine Online-Petition unterzeichnet mit dem Hinweis, das FGO-Barbara würde von dem privaten Unternehmen MadLine, aber im Auftrag der Stadt Paris betrieben werden. Die Unterzeichner fragen, wie MadLine im Namen der Stadt jemanden aus politischen Gründen boykottieren könne. Und: »Wie kann man eine Künstlerin boykottieren, die für den Frieden, für die Annäherung der Völker und Kulturen singt, eine Pazifistin und Feministin, die auch den Kampf ihrer iranischen Schwestern für die Freiheit unterstützt?«

Auch, dass manche Künstler und Labels den Vertrieb ihrer Musik in Israel einstellten, trage sicherlich nicht zu »Frieden, Toleranz und Dialog« bei. Schlussendlich stellten die Unterzeichner die Frage, ob wohl auch aus Protest gegen US-Präsident Donald Trump oder die Massaker an den Uiguren amerikanische und chinesische Künstler boykottiert würden.

Überraschenderweise entschuldigte sich die Direktion des Kulturbetriebs öffentlich dafür, »Zwietracht gesät« zu haben: »Wir erkennen an, dass wir uns von Druck und Emotionen haben leiten lassen und werden aus diesem Ereignis lernen, das uns die Bedeutung von Dialog und Faktenprüfung wieder vor Augen führt.«

Aufrichtig war das nicht, denn die Begründung blieb vage und rätselhaft. Auf Anfrage der Nachrichtenagentur AFP erklärte die Stadt Paris, sie bedauere die Absage des Konzerts von Liraz, deren Liedtexte eine Botschaft des Friedens und der Unterstützung für iranische Frauen vermitteln, und bekräftigte ihr »unerschütterliches Bekenntnis zur künstlerischen Freiheit und Meinungsfreiheit«. Liraz wollte sich nicht äußern. Ihr Konzert fand am 25. Oktober in einer anderen Lokalität in Paris statt.

Marine Goldwaser, Klezmer-Klarinettistin

Marine Goldwaser ist Klarinettistin und gehört zur neuen Klezmer-Szene. Sie mischt jiddische Musik mit rumänischer, moldauischer und Roma-Musik. Sie beschreibt die Schwierigkeiten, die sie bei Auftritten hat, etwa wegen Sicherheitsbedenken: »Es gibt immer diese Frage, und auch die Frage, wie man Dinge präsentiert und dabei bestimmte Punkte abmildert«, erklärte sie. »Man muss den Begriff ›jüdische Musik‹ vermeiden und eine gewisse Unklarheit wahren, um nicht ins Visier zu geraten.« Nach dem 7. Oktober 2023 wollte einer der Musiker, mit denen sie das Projekt »Jiddische Hochzeit« konzipiert hatte, plötzlich nicht mehr damit in Verbindung gebracht werden.

Amir, Pop-Sänger

Der Sänger Amir vertrat Frankreich 2016 beim Eurovision Song Contest und erreichte den sechsten Platz – das beste Ergebnis Frankreichs seit Jahren. Der Sohn eines Tunesiers und einer Marokkanerin besitzt die französische und die israelische Staatsbürgerschaft und hat in Israel seinen Wehrdienst geleistet. Als er am 6. November in Brest auftrat, forderte Cécile Beaudouin, eine Politikerin der linksextremen Partei La France insoumise (LFI), die Absage des Konzerts, das sie als »Schande« bezeichnete. Die Begründung: »Amir Haddad, der kontroverse franko-israelische Sänger«, habe an der »illegalen Kolonisierung Palästinas« teilgenommen. Auch gegen sein nächstes Konzert wird mobilisiert.

Amirs Produzent Antoine Gouyffes‑Yann nannte das Statement »abscheulich« und warf dem Aufruf vor, «ein antizionistisches, zunehmend antisemitisches Klima« zu schaffen. In einer öffentlichen Stellungnahme warnte der Produzent, dass bei weiteren Aufrufen zum Boykott oder beim »Zielmarkieren« eines jüdischen Künstlers ein »Drama«, also ein gefährlicher Vorfall, drohe. Er stellte klar, dass das Hervorheben des Nachnamens »Haddad«, den Amir im Alltag nicht nutzt, darauf abziele, seine Herkunft besonders zu betonen, was er als antisemitisch verstand. Der Sänger bekomme »Drohungen und Beleidigungen«, es gäbe »Hasskampagnen, auch antisemitischer Natur«.

Lisa Spada, Soul-Sängerin

Die Soulsängerin Lisa Spada war zwanzig Jahre im Musikgeschäft tätig und gab vierzig bis fünfzig Konzerte pro Jahr. Nach dem 7. Oktober 2023 musste sie ihre Karriere beenden. »Plötzlich bekam ich keine Angebote mehr. Ich fühlte mich wie eine Persona non grata«, beklagte sie sich. »Es ist viel heimtückischer als ein Boykott. Nach dem 7. Oktober spürte ich ein Klima des Misstrauens, weil ich das Schweigen meiner Musikerkollegen angeprangert hatte, und das wurde mit der Unterstützung von Völkermord gleichgesetzt.« Sie sei Opfer der »Cancel Culture. Ich habe sogar die Hälfte meiner Follower in den sozialen Medien verloren, als ich die Freilassung der Geiseln forderte. In meinem Netzwerk sind nur noch jüdische Künstler übrig.«

»Das Telefon klingelte nicht mehr«, sagte sie im Interview mit dem Nachrichtensender CNews, »keine Angebote, keine Verträge«. Manchmal wurde ihr gesagt, dass es zu schwierig sei, verstärkte Sicherheit für jüdische Künstler zu besorgen; manchmal seien keine Gründe genannt worden, aber evident gewesen, keine Konzerte mit Juden veranstalten zu wollen. 

Théo Aboukrat, Chanson-Sänger

Théo Aboukrat, auch bekannt als ArtDéco, ist ein junger Pop-Rock-Sänger. In seiner aktuellen Projektbeschreibung heißt es, er arbeite an einem Album, das »zwischen Chanson française und Rock« angesiedelt sei. Hundertfünfzig Konzerte in drei Jahren, ein Plattenvertrag bei einem renommierten Label. Eine steile Karriere. Im vergangenen Frühjahr unterzeichnete er einen Vertrag mit einer Agentur, die seine Konzerte organisieren sollte.

Bei seinem ersten Auftritt sollte er gemeinsam mit einem anderen Künstler auftreten. »Wenige Tage vor dem Konzert wurde alles abgesagt. Meine jüdische Identität war offensichtlich ein Problem, ebenso wie meine angebliche Unterstützung eines Völkermords. Ich war wütend. Ich bin Pazifist und Universalist; ich konnte es nicht fassen. Als ich mich verteidigte, drohten sie, meine Karriere zu ruinieren«, erzählte der 32-jährige Künstler.

Die Agentur kündigte daraufhin seinen Vertrag. Die Tournee, ein ganzes Jahr voller Konzerte, wurde storniert. »Für sie war ein Boykott finanziell und reputationsmäßig zu riskant. Rassismus liegt so fern von meiner Erziehung, so fern von meinen Werten, dass ich es anfangs nicht verstand. Mein Manager sagte mir, dass ich ein Opfer von Antisemitismus sei, und da begann ich zu begreifen.«

Unheimliche Unsichtbarkeit

Laurence Haziza, künstlerische Leiterin des Jazz’n’Klezmer Festivals, das bis zum 23. November in Paris und weiteren französischen Städten stattfand, spricht von einer »unheimlichen Unsichtbarkeit«. Einige Veranstaltungsorte, weiß sie, weigern sich mittlerweile, das Festival in ihrer Kommunikation zu erwähnen, als ob die Anwesenheit israelischer Künstler verschwiegen werden müsse. Es handle sich nicht um einen offenen Boykott, sondern um ein »bewusstes Verschweigen«.

Einige Veranstaltungsorte führten Sicherheitsgründe an – zusätzliche Kosten, Angst vor Zwischenfällen –, während andere offen zugäben, das Festival nicht bewerben zu wollen. Sogar Absagen gab es nach dem 7. Oktober 2023, was die Organisatoren zwang, andere Veranstaltungsorte zu finden.

Über die Gründe der Absagen sprach Antoine Strobel-Dahan, Chefredakteur des jüdischen Magazins Tenoua, kürzlich mit dem Gitarristen David Konopnicki: »Ist es Angst? Solidarität mit diesem Boykott? Eine Art ›Genug mit diesen Juden‹-Stimmung?«

Er denke, »es ist eine Mischung aus all dem. An manchen Orten ist es ganz klar ein Boykott, weil die Szene dort sehr links, ja, sogar extrem links ist, und das schafft ein Klima, das Boykotte begünstigt. Wenn die Leute nicht lesen und sich an Facebook-Slogans klammern, ist schon die kleinste ›jüdische Sache‹ ein Grund zum Boykott. Und dann gibt es andere Leute, mit denen ich gesprochen habe, zum Beispiel Veranstalter von Konzerthallen in den Vorstädten, die einfach erklären, dass es ihnen unmöglich ist, einen jüdischen Künstler, ein jüdisches Symbol oder das Wort Israel zu zeigen.«

Konopnicki verwies auf eine Band von Israelis irakischer, jemenitischer und aschkenasischer Abstammung, die weltweit unterwegs sei. Den Namen der Band ließ er unerwähnt. »Sie sollten in einem wunderschönen Veranstaltungsort in der Île-de-France spielen, aber das Konzert wurde abgesagt. Ich kenne die Betreiber dieses Veranstaltungsortes gut; dort gibt es keinen Antisemitismus. Es war ihnen finanziell einfach unmöglich, ein Konzert zu veranstalten, zu dem niemand kommen würde – weil auch das Publikum Angst hat –, und für das sie fünfzehn Sicherheitsleute hätten engagieren müssen.«

Er selbst habe das Glück, die Veranstalter von seinen früheren Konzerten zu kennen: »Wenn ich also die Veranstaltungsorte anrufe, um mein Frühlingskonzert zu organisieren, erinnern sie sich alle daran, dass ich schon einmal dort gespielt habe und es gut lief.« Sie erinnerten sich allerdings auch daran, dass das damalige Poster und das Band-Artwork einen Davidstern zeigten, der zum Artwork des New Yorker Labels Tzadik gehört. Früher sei das nie ein Problem gewesen. »Jetzt heißt es: ›Das ist kompliziert‹ oder sogar: ›So etwas will ich nicht mehr in meinem Club haben.‹«

Irgendwann, so der Musiker, habe er sich geweigert, sich überhaupt zu rechtfertigen: »Ich sage euch, es gibt ein Problem für Juden, Punkt. Wenn ihr mir nicht glaubt, könnt ihr das gerne selbst hinterfragen, aber ich werde nicht darum kämpfen, zu beweisen, dass ich ein ›guter Jude‹ bin.« Und das könne, je nach Kontext, durchaus verstanden werden. Verständnis finde er aber nur in persönlichen Gesprächen. »Wenn man es mit Netzwerken von Konzerthallen, Künstlerkollektiven oder Verbänden zu tun hat, ist es unmöglich, sobald ein Masseneffekt eintritt: Es herrscht eine Art politisch korrekte Denkweise vor, die Israel als Völkermord- und Apartheidstaat abstempelt – Punkt.«

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