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Solidarität statt Provinzialität? Fallstricke „multidirektionaler Erinnerung“

From Warsaw to Gaza: Ein gelungenes Beispiel „multidirektionaler Erinnerung“?
From Warsaw to Gaza: Ein gelungenes Beispiel „multidirektionaler Erinnerung“? [*] (Quelle: USHMM, Twitter)

Das Plädoyer für eine „multidirektionale“ Verflechtung von Holocaust- und Kolonialismus-Gedenken und der Angriff auf die vermeintliche Provinzialität der deutschen Erinnerungskultur führen nicht zu einer solidarischen Erinnerungspolitik. Sie bewirken letztlich eine Entwertung der spezifischen Erkenntnis und Erfahrung von Holocaust und Antisemitismus.

Ingo Elbe

Mein Beitrag zur erinnerungspolitischen Tendenz der Mbembe-Debatte in der WELT vom 9.6.2020 wurde auf Twitter einer deutlichen Kritik unterzogen: Es sei eine grobe Entstellung von Felix Axsters Beitrag „War doch nicht so schlimm“, diesen in den Kontext eines postkolonialen Angriffs auf die These von der Singularität der Shoah zu stellen, weil er doch die Defizite postkolonialer Theorien benenne.

Es ist richtig, dass Axster die Probleme der postkolonialen Studien mit der Bestimmung von Antisemitismus und Holocaust nicht verschweigt. Er bedient sich aber mit W.E.B. Du Bois und – der Sache nach [1] – mit Michael Rothbergs „multidirektionaler Erinnerung“ zweier Positionen, die ähnliche Probleme aufweisen, ohne dass er dies kenntlich machen würde.

Das Erbe der antikolonialen Stichwortgeber

Axster behauptet in seinem Artikel im Freitag, ich „zimmere“ aus Du Bois „eine Art Gründungsfigur der antirassistischen Holocaust-Relativierung“ – tatsächlich beziehe ich mich neben Du Bois vor allem auf Aimé Césaire.

Doch erstens sind es die heutigen Vertreter postkolonialer Studien selbst, die aus Césaire und Du Bois diese Gründungsfiguren „zimmern“ [2], und zweitens ist das nur konsequent, da die Holocaustrelativierung bei beiden – wenn auch in unterschiedlicher Drastik – belegbar ist, auch wenn ihnen zugutezuhalten ist, dass ihre Bezüge auf die Naziverbrechen aus den Jahren 1947/50 zu einer Zeit geschahen, als die Erforschung des Holocaust kaum begonnen hatte. [3]

So betrachtete Césaire die Juden nicht nur aufgrund ihres ‚Weißseins‘ als privilegierte Opfer, die man eher betrauere als Schwarze (eine auch im heutigen Antirassismus gelegentlich kolportierte Behauptung), er wollte auch explizit im humanistischen weißen Europäer aufgrund der unterstellten Wesensgleichheit von europäischem Kolonialismus und NS „einen Hitler“ erkennen. [4]

Du Bois behauptete, es habe kein Naziverbrechen gegeben, „das die christliche Zivilisation Europas nicht schon lange gegenüber der schwarzen Bevölkerung [colored folk] in allen Teilen der Welt praktiziert hat.“ [5] Auch seine Überlegungen nach dem Besuch der Ruinen des Warschauer Ghettos führten vor allem zu einer Betonung der Gemeinsamkeiten von jüdischem und schwarzem „Rassenproblem“ jenseits der „Grenzen der Hautfarbe“. [6]

Genau das verharmlost Axster zu der These, der Holocaust werde bei Du Bois lediglich „mit kolonialen Gewaltformen in Verbindung“ gebracht. [7] Wer nun Du Bois und andere der Holocaustrelativierung bezichtige, der verhindere eine Öffnung der Erinnerungskultur für die Erfahrungen von Migranten und der vom Kolonialismus und Rassismus Betroffenen.

Mehr noch: Auch hinter der Kritik an Mbembes Holocaustrelativierung und Israelfeindschaft werden „zynische“ Missachtung von Rassismuserfahrungen, „deutsche Befindlichkeiten“ und der „provinzielle Charakter“ einer holocaustfixierten nationalen Identitätsbildung ausgemacht, die die Artikulationen anderer Erinnerungskulturen blockiere.

Provinzialität und Erinnerungsblockade?

Und damit komme ich auf das zentrale Problem zu sprechen: Axsters Text ist nicht einfach ein Plädoyer für die stärkere Berücksichtigung kolonialen und durch Rassismus verursachten Leids in der deutschen Erinnerungskultur.

Seine Argumentation ist im Kern selbst einer postkolonialen erinnerungspolitischen Konzeption verpflichtet. Sie reiht sich in einen Diskurs ein, der die falsche Behauptung in die Welt gesetzt hat, die Betonung der Präzedenzlosigkeit des Holocaust führe zur Blockierung der Erinnerungen an den Kolonialismus und mache Menschen für das Leid der Opfer von Rassismus gleichgültig, bzw. verharmlose dieses Leid.

Unabhängig von der Frage, wie tief die Singularitätsthese [8] in der in vielerlei Hinsicht kritikwürdigen deutschen Erinnerungskultur [9] überhaupt verankert ist, und abgesehen davon, dass die Erkenntnis der Präzedenzlosigkeit der Shoah gerade in der internationalen Geschichtswissenschaft bedeutende Vertreter wie Yehuda Bauer, Saul Friedländer oder Steven T. Katz hat, stellt sich die Frage, ob die Verdrängungsdiagnose nicht schon dadurch fragwürdig wird, dass es auch in Deutschland inzwischen eine verbreitete Beschäftigung mit Rassismus, Migrationserfahrungen und postkolonialen Perspektiven an etlichen Lehrstühlen, in der Bildungsarbeit, der Presse und der sonstigen Zivilgesellschaft gibt.

Man kann auch feststellen, dass seit den 1990er Jahren ungefähr zeitgleich eine Intensivierung der Holocaust-Täterforschung und der antirassistischen Theoriebildung stattgefunden hat, ohne dass erstere letztere blockiert hätte oder die NS-Forschung dafür von der Singularitätsthese hätte abweichen müssen.

Dass in der offiziellen Erinnerungspolitik Fragen der Anerkennung und Entschädigung von Opfern deutscher Kolonialverbrechen über Jahrzehnte ignoriert wurden, liegt nicht an der Betonung der Singularität des Holocaust und ihrer Verteidigung gegen fragwürdige Gleichsetzungen, sondern an der Ignoranz oder an rassistischen Ressentiments, die fraglos die deutsche Nachkriegsgesellschaft geprägt haben. [10]

Kein Weg zu gegenseitigem Respekt

Ein Diskurs, der mit der Blockierungs-These arbeitet, kann allerdings auch nicht zu einem empathischen Gedenken an verschiedene Gewaltgeschichten in gegenseitigem Respekt gelangen, weil in ihm das sachlich begründete Beharren auf der Singularität der Shoah ja schon mit „Opferkonkurrenz“ und Verharmlosung des Leids der von Rassismus Betroffenen assoziiert wird und bekämpft werden muss.

Mit diesem Mythos zu beginnen, dem Holocaustgedenken eine solche Erinnerungs-Barriere zu unterstellen – um anschließend zu postulieren, ausgehend von dieser Prämisse könne es einen produktiven, empathischen und die Spezifik der Leidensgeschichten nicht nivellierenden Bezug von postkolonialer Erfahrung auf der einen und Erforschung sowie Erinnerung der Shoah auf der anderen Seite geben, ist der Versuch einer Quadratur des Kreises.

Axster schätzt die Erkenntnis- und Erinnerungs-Barrieren auf der Seite des postkolonialen Diskurses, trotz seiner Kritik an dessen Antisemitismus- und Israelbild, nicht realistisch genug ein. Die von ihm verwendete Leerformel von Du Bois‘ „Formen der Bezugnahme auf Nationalsozialismus und Holocaust“, an die man volkspädagogisch produktiv anknüpfen müsse, lässt den erinnerungspolitischen Kontext unterbelichtet, in dem die von postkolonialen Theoretikern – und auch von ihm selbst – kolportierte Behauptung steht, die Kritik an relativierenden Bezugnahmen auf den Holocaust blockiere die Erinnerung an das koloniale Leid.

Es geht um eine seit Jahrzehnten zu beobachtende Tendenz, bei der die Beschwörung des real oder vermeintlich Gemeinsamen der Opfer von Kolonialismus und Shoah dazu verwendet wird, diejenigen, die sich – aus historischer Erkenntnis und bitterer Erfahrung gleichermaßen – darin nicht wiederfinden können und sich zionistisch gegen die Drohung ihrer Vernichtung zur Wehr setzen, der Spalterei, der Verstocktheit, des Partikularismus und des Rassismus zu bezichtigen. Und auch Achille Mbembe bedient, unter anderem mit Bezug auf Du Bois, Hannah Arendt und Frantz Fanon, diese Tendenz. [11]

In diesen postkolonialen Bezugnahmen auf den Holocaust wird die Besonderheit der Opferhierarchien der Shoah sowie der dahintersteckenden NS-Ideologie und insgesamt gerade die jeweilige Spezifik der „traumatischen Gewalterfahrungen“, die Axster im Artikel durchaus beschwört, systematisch eingeebnet. Es entsteht, wie Dan Diner bemerkt, „ein universell drapierter moralisierender Diskurs über unterschiedslose Opferschaft“. [12]

Den Holocaust „mit kolonialen Gewaltformen in Verbindung“ zu bringen, wie Du Bois, Césaire, Rothberg und andere es tun, öffnet daher keineswegs, wie Axster meint, „einen Raum (…), der die Möglichkeit bereithält, jeweils spezifische traumatische Gewalterfahrungen zueinander“ solidarisch „in Beziehung zu setzen“, auch nicht „bestenfalls“. Diese, wie Rothberg sie nennt, ‚multidirektionale‘ Inbezugsetzung ist, wie Alain Finkielkraut bereits 1989 diagnostizierte, vielmehr ein „Raum für allseitige, beharrliche Manöver (…), einem verfälschten Sieg der Erinnerung eine trügerische Ausweitung“ des Holocaustbegriffs zur Seite zu stellen. [13]

Varianten der postkolonialen Verdrängungsthese

In der WELT habe ich argumentiert, dass Axsters Beitrag eine gemäßigtere Version dieses erinnerungspolitischen Diskurses ist. Keineswegs habe ich ihm jedoch unterstellt, in der aggressiven Weise einen linken Schlussstrich ziehen zu wollen, wie das bei Abigail Bakan, David Stannard oder Marc Ellis zu finden ist.

Axsters Beitrag ist also differenzierter und weit weniger radikal im Gestus als die oben genannten. Doch auch er knüpft an den Verdrängungs-Mythos an, dessen fatale Konsequenzen schon vor Jahren in Frankreich im Prozess gegen Klaus Barbie [14] und in den USA im Kontext der Genozidstudien zu erkennen waren. [15] Der Schlussstrich unter die Singularitätsthese ist also mal mehr, mal weniger radikal oder volkspädagogisch drapiert, ja vielleicht bisweilen nicht einmal intendiert.

Am einen Ende des Spektrums finden sich Marc H. Ellis und Abigail Bakan. Ellis betitelt sein Buch tatsächlich „Ending Auschwitz“ [16] und verknüpft diese Forderung mit einem ‚neuen Palästina‘ ohne jüdische Souveränität. Bakan verdächtigt jeden, der den „besonderen Holocaust“ [17] an den Juden als etwas Präzedenzloses und den Antisemitismus als noch heute weit verbreitetes Phänomen betrachtet, gleich der Verwendung eines aggressiv-‚exzeptionalistischen‘, palästinensisches Leid produzierenden und verdeckenden zionistischen „Narrativs“.

Im mittleren Bereich des Spektrums bringt ein Theoretiker wie Michael Rothberg mit seiner Idee „multidirektionaler Erinnerung“ ähnliche Ideen ungleich verklausulierter – und damit für Aleida Assmann und viele andere „Provinzialismus“-Kritikerinnen offenbar wesentlich attraktiver – zum Ausdruck.

Doch auch hinter Rothbergs harmlos klingender Idee einer wechselseitigen, „multidirektionalen“ Verflechtung statt Konkurrenz von Erinnerungskulturen stecken das normative Gebot, sich auf Gemeinsamkeiten zu konzentrieren und die Feststellung, es sei produktiv und führe zur Auflösung verhärteter Gruppenidentitäten, wenn der Holocaust als erinnerungspolitischer Bezugspunkt für die Artikulation kolonialer Erfahrungen verwendet werde. [18]

Zugleich formuliert er die kritische Diagnose, die Singularitätsthese führe in Deutschland zu einer „Fetischisierung der Einzigartigkeit des Holocaust“ [19], die eine Diskussion über Gemeinsamkeiten von ‚antimuslimischem Rassismus und Antisemitismus‘ blockiere. In den USA fungiere die Vorstellung von der Präzedenzlosigkeit der Shoah vornehmlich als verdrängende „Deckerinnerung“ für amerikanische koloniale Verbrechen und als Hegemoniestreben einer bestimmten „identitären“ Erinnerungskultur und der dahinterstehenden Gruppe, die sich und ihre Geschichte damit partikularistisch gegen andere abgrenze und den Zielen einer anderen Nation diene. [20]

Daran knüpft Bryan Cheyette an, der im Interview mit Felix Axster meint, „dass das Nationaldenken (nicht zuletzt das jüdische Nationaldenken) es schwierig, wenn nicht gar unmöglich macht, in eine Zeit (die 1950er Jahre) zurückzukehren, in der diejenigen, die Antisemitismus und Rassismus erlebt haben, im Dialog miteinander standen.“ [21]

In Deutschland fordern Henning Melber und Reinhart Kößler die Abkehr von einem von ihnen selbst erfundenen „Tabu des Vergleichs“, durch das „all die anderen Opfergruppen an den Rand gedrängt oder beschwiegen“ würden und durch das die Erforschung moderner Gewaltgeschichte verhindert werde. [22]

Am anderen Ende des Spektrums haben wir dann Positionen wie die von Axster, die zwar Unterschiede zwischen Rassismus und Antisemitismus betonen, aber vom Verdrängungstheorem nicht lassen wollen und mit der Idee der Inbezugsetzung traumatischer Gewalterfahrungen der „multidirektionalen“ Erinnerungstheorie eines Michael Rothberg verpflichtet sind.

Einebnung der Besonderheiten statt produktiver Bezugnahme

Wie differenziert die Blockierungsthese auch immer ausbuchstabiert wird: sie läuft letztlich immer auf die Einebnung der Besonderheiten der Shoah durch Betonung oder Erfindung von Gemeinsamkeiten hinaus.

Aber der Hinweis darauf, dass sowohl Rassismus als auch Antisemitismus ‚essentialistische‘ und projektive Ideologien sind, die innere psychische und Gruppenkonflikte am ‚Anderen‘ festmachen und ausagieren, ändert nichts an der entscheidenden Differenz der Geschichte, der ideologischen Gehalte und der Konsequenzen dieser Projektionen.

Der Hinweis darauf, dass im Lebensraumkonzept der Nazis koloniale Züge zu erkennen sind, [23] ändert nichts daran, dass die Judenvernichtung aus solchen kolonialen Zügen nicht zu erklären ist und der Antisemitismus weder eine koloniale noch eine antikoloniale Ideologie ist. [24] Die Tatsache, dass Juden zunächst gesetzlich diskriminiert, dann ghettoisiert und oft auch versklavt wurden, ändert nichts daran, dass nicht Abtrennung und Apartheid, sondern „Entfernung der Juden überhaupt“ [25], also Vernichtung, das Ziel Hitlers war.

Und während der postkoloniale Ansatz (vom klassischen Antiimperialismus ganz zu schweigen) regelmäßig Antisemitismus und Shoah begrifflich entspezifiziert, [26] ist das bei den zur Diskussion stehenden Antisemitismus- und Singularitätstheorien umgekehrt gerade nicht der Fall: Rassismus wird nicht in Antisemitismus aufgelöst, koloniale Genozide werden nicht als Ausdruck (auch nicht als ‚harmloserer‘) eines antisemitischen Vernichtungswillens missverstanden.

Eine die Präzedenzlosigkeit betonende Holocaustforschung verhindert schließlich auch nicht die Erforschung von Gewaltpotentialen und -dynamiken rassistisch bzw. nationalistisch segregierter Gesellschaften oder die Identifikation ähnlicher Züge in anderen Massenverbrechen.

Politische Folgen: Das Bündnis gegen die ‚Dominanzkultur‘

Politisch fügt sich die Praxis der ‚progressiven multidirektionalen‘ Bezugnahme von Antisemitismus/Rassismus bzw. Shoah/Kolonialismus in die Hervorhebung des gemeinsamen Gegners der Opfer beider Ideologien und Verbrechen ein. Für die USA stellt Rothberg fest, „dass diese verschiedenen Formen [Antisemitismus/Rassismus] in der gegenwärtigen (und historischen) weißen Vorherrschaft [white supremacy] zusammenfallen“. [27]

Das ist nicht falsch. Was dabei aber heruntergespielt wird, ist das Ausmaß an Judenhass und israelbezogenem Antisemitismus in schwarzen Communities in den USA sowie in muslimischen oder linken Kontexten. Zwar gesteht Rothberg im Stile eines Lippenbekenntnisses zu, dass solche Phänomene existieren, er hält sie aber für ein „in westlichen Demokratien relativ marginales Phänomen, das tendenziell für politische Zwecke übertrieben wird“ [28] – der irreführende Hinweis auf die deutsche Polizeistatistik für antisemitische Straftaten darf hierbei als vermeintlicher Beleg nicht fehlen.

Es zeigt sich so, dass die ‚progressive‘ Verflechtung von Antisemitismus- und Rassismuserfahrungen in dieser Version dazu führt, ein volkspädagogisch getrübtes Bild der Realität zu produzieren und letztlich die Gefahr, die für Juden von Akteuren jenseits des gemeinsamen Gegners ‚deutsche Dominanzkultur‘ oder ‚US White Supremacy‘ ausgeht, herunterzuspielen. Die spezifischen Erfahrungen von Juden werden dabei gerade nicht berücksichtigt und – im besten Falle unwillentlich – einer antirassistischen gegenhegemonialen Strategie geopfert. [29]

Welche fragwürdigen praktischen Konsequenzen dieser ganze Diskurs hat, davon gibt auch Axster am Ende seines Artikels einen kleinen Vorgeschmack, indem er die Institution des Antisemitismusbeauftragten in Frage stellt.

Er fragt angesichts „gemischter Migrationsgesellschaften“, ob „die Hervorhebung der Bedeutung von Antisemitismus im Verhältnis zu Rassismus, die in dieser Institution [des Antisemitismusbeauftragten] angelegt ist und aus der Geschichte des Holocaust beziehungsweise der Erinnerung an die Judenvernichtung im Land der Täter resultiert, noch zeitgemäß“ sei – nicht etwa fordert er einen zusätzlichen Rassismusbeauftragten oder Ähnliches.

Man mag über die Effektivität solcher staatlicher Posten streiten. Unstrittig aber ist, dass Felix Klein oder Uwe Becker, um zwei prominente Beispiele zu nennen, in einer Zeit der Zunahme antisemitischer Gewalt und Propaganda unterschiedlichster Couleur, durchaus Impulse in der Öffentlichkeit setzen.

Es ist wichtiger denn je, mittels solcher Institutionen auf die Besonderheit und das enorme Ausmaß der antisemitischen Bedrohung hinzuweisen, eine Besonderheit, die bis in ‚gebildete Kreise‘ hinein offensichtlich kaum bekannt ist oder aggressiv geleugnet wird. Und es ist mehr als befremdlich, vom Mitarbeiter eines Zentrums für Antisemitismusforschung die ‚kritische Frage‘ zu hören, ob man eine solche Stelle nicht eher abschaffen solle, weil sie Migranten eine Opferkonkurrenz suggerieren würde.

Offenbar scheint es für Axster kein Problem zu sein, in seinem Artikel die Spezifik des Antisemitismus im Vergleich zum Rassismus zu betonen, um anschließend zu fordern, Antisemitismus auf der Ebene seiner institutionellen Bekämpfung wieder im unspezifischen Brei einer Abwehr von Rassismus untergehen zu lassen – man kann darin die Fallstricke einer multidirektionalen Erinnerungspolitik erkennen.

Zudem wäre gerade in einer Migrationsgesellschaft auch auf den Antisemitismus von Migranten hinzuweisen, die teilweise aus politischen Kulturen kommen, in denen der Hass auf Israel und Juden offiziell gepredigt wird.

Anmerkungen:

[*] Zum Titelbild: „Multidirektional“ ist die Erinnerung Michael Rothberg zufolge vor allem, wenn beide Erfahrungen – Warschauer Ghetto und Gaza – sich wechselseitig aufeinander beziehen. Das praktiziert Alan Schechner in seiner Fotomontage „The Legacy of Abused Children: from Poland to Palestine“, indem er den Kindern jeweils Fotografien des jeweils anderen Kindes in die Hand montiert. (Die Montage findet sich in: Michael Rothberg: From Gaza to Warsaw. Mapping Multidirectional Memory. In: Criticism, Vol. 53, No. 4/2011, S. 537)

[1] Axsters ganze Argumentation basiert letztlich auf Rothbergs Ansatz. Er benutzt in seinem Artikel mit dem Hinweis auf Du Bois in den Ruinen des Warschauer Ghettos zudem einen immer wieder von Rothberg verwendeten theoretischen Referenzpunkt. Vgl. Michael Rothberg: From Gaza to Warsaw. Mapping Multidirectional Memory. In: Criticism, Vol. 53, No. 4/2011, S. 526ff.

 [2] Die Bezugnahmen auf Du Bois und/oder Césaire sind bei Vertretern postkolonialer Studien in diesem thematischen Zusammenhang weit verbreitet und finden sich bei Mahmood Mamdani, Aram Ziai, Gil Anidjar, Santiago Slabodsky, Michael Rothberg u.v.a.

[3] Das kann für die heutigen postkolonialen Vertreter natürlich nicht mehr gelten.

[4] Im zivilisierten Europa, meint er, hätte man den „Nazismus“ an anderen Völkern „gehegt“, „gepflegt“ und „geduldet, bevor man ihn am eigenen Leib zu spüren bekam“. Der humanistische Europäer habe den Nazismus verurteilt, ohne zu ahnen, „daß er selbst einen Hitler in sich trägt“ (Aimé Césaire: Über den Kolonialismus. 2. Aufl. Berlin 2017, S. 28f.)

[5] W.E.B. Du Bois, The World and Africa, Oxford 2007, S. 15.

[6] Du Bois zitiert nach Rothberg, From Gaza to Warsaw, a.a.O., S. 527. Um es klar zu betonen: Sowohl Du Bois als auch seine postkolonialen Nachfolger werden nicht müde zu betonen, dass der Holocaust ein in seiner Dimension ‚extremes‘ Massenverbrechen war und eine ‚spezifische‘ Geschichte habe. Quantitative Unterschiede und der vage Hinweis auf historische Spezifität reichen aber nicht aus, um die qualitative Spezifik der Shoah zu beschreiben.

[7] Die These, dass „die gegen Juden mitten in Europa ausgeübten Gewaltpraktiken zuvor bereits in den Kolonien erprobt worden waren“ scheint Axster offenbar eine unproblematische Bezugnahme zu sein. Auch Mbembes qualitative Gleichsetzung von Kolonialismus und Holocaust wird, trotz aller Kritik, letztlich wieder verharmlost. So schreibt Axster: „Der Antisemitismusbeauftragte … bezog sich auf eine Formulierung Mbembes, derzufolge Kolonialismus und Nationalsozialismus als ‚zwei emblematische Manifestationen‘ eines Trennungswahns zu verstehen seien. Wenn ein solcher Allgemeinplatz, der keineswegs den Anspruch erhebt, die jeweiligen Phänomene hinreichend erklären zu können, als unsagbar gilt, ist diese Sagbarkeitslogik ihrerseits erklärungsbedürftig.“

Doch Mbembe meint mit dem „Trennungswahn“ das koloniale ‚Othering‘ und evoziert damit genau die Idee qualitativer Gleichheit von Holocaust und Kolonialismus, die Felix Klein zu Recht kritisiert.

So schreibt Mbembe: „Darüber hinaus lag dem Kolonialprojekt das Prinzip der Trennung zugrunde … Im kolonialen Kontext war dieses ständige Bemühen um Trennung (und damit um Unterscheidung) zum Teil eine Folge der Vernichtungsangst der Kolonisatoren selbst. Zahlenmäßig unterlegen, aber mit mächtigen Zerstörungsmitteln ausgestattet, lebten die Kolonisatoren in ständiger Angst, auf allen Seiten von ‚bösen Objekten‘ umgeben zu sein, die ihr Überleben und ihre Existenz bedrohten: Eingeborene, wilde Tiere, Reptilien, Mikroben, Mücken, Krankheiten, das Klima, die Natur als solche, sogar Hexen. Das Apartheidsystem in Südafrika und die Vernichtung der Juden in Europa – letzteres allerdings auf extreme Weise und in einem ganz anderen Rahmen – stellten zwei emblematische Manifestationen dieser Trennungsphantasie dar.“ (Achille Mbembe, The society of enmity. In: Radical Philosophy Nov/Dec. 2016, S. 25 https://www.radicalphilosophy.com/article/the-society-of-enmity).

Mbembes Hinweis auf Differenzen in Größenordnung und Kontext besagt gar nichts, da sich alle historischen Ereignisse diesbezüglich graduell unterscheiden.

[8] Singularität bedeutet nicht, dass der Holocaust über geschichtlichen Zusammenhängen stand und in diesem Sinne absolut wäre; nicht, dass er unwiederholbar wäre; nicht, dass es verboten oder unmöglich wäre, ihn mit anderen historischen Ereignissen und Prozessen zu vergleichen, und Singularität soll auch nicht der Banalität Ausdruck verleihen, dass jedes historische Ereignis raumzeitlich konkret situiert ist.

Singularität oder Präzedenzlosigkeit bezeichnet die spezifische genozidale Intentionalität des Holocaust, die darin liegende erlösungsantisemitische Ideologie und ihre konsequente Umsetzung in die Tat jenseits kriegsstrategischer, ökonomischer oder geopolitischer Rationalitätserwägungen. Vgl. Yehuda Bauer: Die dunkle Seite der Geschichte. Die Shoah in historischer Sicht. Interpretationen und Re-Interpretationen, Frankfurt/M. 2001, Kap. 1 und 3 sowie Steffen Klävers: Decolonizing Auschwitz? Komparativ-postkoloniale Ansätze in der Holocaustforschung. Berlin 2019, Kap. 2.

[9] Diese Erinnerungskultur ist aus anderen als den in der gegenwärtigen Debatte angeführten Gründen in erheblichem Maße kritikwürdig. Zum Beispiel werden die ‚Lehren aus der deutschen Vergangenheit‘ angeführt, um Israel der Apartheidpolitik zu bezichtigen, in Israel also angeblich ‚der Anfänge zu wehren‘, die in Deutschland zur Katastrophe geführt hätten. Der Stil einer solchen Argumentation findet sich z.B. in Beiträgen von Freitag-Chefredakteur Jakob Augstein.

Eine Kritik dieser Art von Erinnerung bieten die Arbeiten von Eike Geisel (Triumph des guten Willens. Gute Nazis und selbsternannte Opfer – Die Nationalisierung der Erinnerung. Berlin 1998), Lars Rensmann (Demokratie und Judenbild. Antisemitismus in der politischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland. Wiesbaden 2004) und Samuel Salzborn (Kollektive Unschuld. Die Abwehr der Shoah im deutschen Erinnern. Berlin/Leipzig 2020). Vgl. auch meinen Beitrag „Die Reinigung macht uns frei.“ Karl Jaspers‘ Beitrag zur Herstellung der nationalen Schuldgemeinschaft durch Akzeptanz des Kollektivschuldbegriffs. In: sans phrase. Zeitschrift für Ideologiekritik, Heft 11, Herbst 2017. Online: http://www.rote-ruhr-uni.com/cms/texte/article/die-reinigung-macht-uns-frei

[10] Für die USA widerlegen Alvin Rosenfeld: Das Ende des Holocaust. Göttingen 2015, S. 231f. und Steffen Klävers: Decolonizing Auschwitz? A.a.O., S. 162f. diesen Mythos von der Verdrängung durch Holocausterinnerung.

Gegen Ward Churchill sowie David Stannard und ihre These gewendet, die Betonung der Singularität sei immer zugleich Leugnung anderer Massenverbrechen, schreibt auch Gavriel Rosenfeld: „Abgesehen von den historischen Mängeln ihrer Kritik an der Singularität irren sowohl Stannard als auch Churchill erheblich, wenn sie behaupten, dass Singularität notwendigerweise Verleugnung impliziert. Zwar setzen beide Wissenschaftler die Singularität und Verdrängung in ihrer gesamten Arbeit gleich, doch liefern sie kaum überzeugende Beweise für die gemachte Verbindung. Einem solchen Beweis am nächsten kommen sie, wenn sie argumentieren, dass die ‚exklusivistische‘ Position denjenigen Munition liefert, die bereits eifrig dabei sind, vergangene und gegenwärtige Völkermorde zu ignorieren.

Das Konzept der Singularität erlaubt zwar potenziell einen solchen instrumentellen Einsatz, wie etwa die Unterstützung der Singularitätsthese durch die türkische Regierung bei gleichzeitiger Leugnung des Völkermords an den Armeniern zeigt, doch stellt solche Praxis eindeutig einen Fall von Missbrauch dar. Sie wird von apologetischen Motiven angetrieben und offenbart keine Mängel am Konzept selbst.“ (Gavriel D. Rosenfeld: The Politics of Uniqueness. Reflections on the Recent Polemical Turn in Holocaust and Genocide Scholarship. In Holocaust and Genocide Studies, January 1999, S. 44)

[11] Achille Mbembe, Die Welt reparieren. In: Die Zeit, 23.4.2020 https://www.zeit.de/2020/18/antisemitismus-achille-mbembe-vorwuerfe-holocaust-rechtsextremisus-rassismus sowie Ders.: The Society of enmity. https://www.radicalphilosophy.com/article/the-society-of-enmity

[12] Dan Diner: Gegenläufige Gedächtnisse. Über Geltung und Wirkung des Holocaust. Göttingen 2007, S. 9.

[13] Alain Finkielkraut: Die vergebliche Erinnerung. Vom Verbrechen gegen die Menschheit. Berlin 1989, S. 26.

[14] Vgl. dazu: Finkielkraut: Die vergebliche Erinnerung, a.a.O.

[15] Vgl. dazu Rosenfeld: The Politics of Uniqueness, a.a.O., Rosenfeld: Das Ende des Holocaust, a.a.O., Kap. 9.

[16] Marc H. Ellis, Ending Auschwitz. The Future of Jewish and Christian Life. Louisville 1994.

[17] Abgail Bakan: Race, Class, and Colonialism: Reconsidering the “Jewish Question”. In: Dies./D. Enakshi (ed.): Theorizing Anti-Racism: Linkages in Marxism and Critical Race Theories. Toronto 2014, S. 262.

[18] Gängige extreme Formeln dafür wären ‚Black holocaust‘ oder ‚American holocaust‘. Vgl. Michael Rothberg: Multidirectional Memory. Remembering the Holocaust in the Age of Decolonization, Stanford 2009, S. 6.

Umgekehrt, und das macht die Multidirektionalität aus, könne der Holocaust auch in Termini der Kolonialgeschichte artikuliert werden. Wie schnell die multidirektionale Verflechtung der Erinnerungen, die Rothberg zufolge die Differenzen der Geschichten immer im Blick behalten müsse, zu einem Diskurs unterschiedsloser Opferschaft und zur Beschwörung von Floskeln wie der „Gewaltspirale“ führt, bezeugt Rothbergs Diskussion von Alan Schechners Foto-Kunstwerk „The Legacy of Abused Children: from Poland to Palestine“. (Vgl. Rothberg: From Gaza to Warsaw, S. 536ff.)

Multidirektional ist auch die Verwendung von Beschreibungen des Gaza-Streifens in Bildern und Termini des Warschauer Ghettos, um, wie Rothberg im Anschluss an Judith Butler meint, die Sensibilität für die Bedeutung palästinensischer Leben in den Medien zu erhöhen, weil diese im Vergleich mit den Leben von Juden meist als weniger wichtig wahrgenommen würden (vgl. ebd., S. 532) – eine zumindest angesichts der europäischen Berichterstattung einigermaßen befremdliche Behauptung.

Allerdings distanziert sich Rothberg von Gleichsetzungen zwischen NS und israelisch-arabischem Konflikt (vgl. ebd., S. 534), die er aber zugleich dem „rechten israelischen Diskurs eines ‚zweiten Holocaust‘“ (ebd., S. 535) vorwirft, ohne zu prüfen, ob nicht die Bedrohung durch Hamas, Hisbollah und den Iran auf einen zweiten Holocaust hinauslaufen könnte.

[19] Bryan Cheyette/Michael Rothberg/Felix Axster: Relational Thinking. A Dialogue on the Theory and Politics of Research on Antisemitism and Racism. In: Lernen aus der Geschichte 27.11.2019, S. 31.

[20] Vgl. Rothberg: Multidirectional Memory, a.a.O., S. 7-10. Rothberg meint: „Anstatt direkt von den Nationalstaaten auszugehen, werden solche identitären Logiken häufig von Diaspora- und Minderheitengruppen propagiert (auch wenn sie manchmal den Zielen von Nationalstaaten dienen).“ (Cheyette/Rothberg/Axster: Dialogue, a.a.O., S. 24f.)

Dass eine die eigene Erfahrung von denen anderer Opfer von Massenverbrechen unterscheidende jüdische Erinnerungskultur etwas mit der klaren Feinderklärung seitens der Antisemiten und den Opferhierarchien im Holocaust zu tun haben könnte, fällt dabei unter den Tisch.

[21] Cheyette/Rothberg/Axster: Dialogue, a.a.O., S. 24.

[22] Reinhart Kößler/Henning Melber: Gegen Antisemitismus als Immunisierungsstrategie. In: Politik und Kultur. Zeitung des Deutschen Kulturrates. Online: https://www.kulturrat.de/wp-content/uploads/2020/05/puk06-20.pdf, S. 15.

[23] Vgl. u.a. Felix Römer: Die narzisstische Volksgemeinschaft. Theodor Habichts Kampf 1914 bis 1944. Frankfurt/M. 2017, S. 255ff.

[24] Vgl. Steffen Klävers: Postkoloniale Normalisierung. Anmerkungen zur Debatte um eine koloniale Qualität von Nationalsozialismus und Holocaust. In: Zeitschrift für kritische Sozialtheorie und Philosophie, Band 5, Heft 1/2018. Online: http://www.rote-ruhr-uni.com/cms/texte/article/postkoloniale-normalisierung-anmerkungen-zur-debatte-um-eine-koloniale-qualitat

[25] Adolf Hitler: Gutachten über den Antisemitismus. 1919 erstellt im Auftrag seiner militärischen Vorgesetzten. https://www.ns-archiv.de/verfolgung/antisemitismus/hitler/gutachten.php. Vgl. auch A. Hitler: Warum sind wir Antisemiten? In: Ders.: Sämtliche Aufzeichnungen 1905-1924. München 1980.

[26] Vgl. Klävers: Decolonizing Auschwitz?, a.a.O.; Jonas Kreienbaum: „Vernichtungslager“ in Deutsch-Südwestafrika? In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 12/2010; Jakob Zollmann: From Windhuk to Auschwitz – old wine in new bottles? Review article. In: W. Hartmann (ed.): Nuanced Considerations. Recent Voices in Namibian-German Colonial History. Windhoek 2019 sowie Ingo Elbe: “… it’s not systemic”. Antisemitismus im akademischen Antirassismus. In: T. Amelung (Hg.): Irrwege. Analysen aktueller queerer Politik. Querverlag, Berlin 2020.

[27] Cheyette/Rothberg/Axster: Dialogue, a.a.O., S. 30.

[28] Cheyette/Rothberg/Axster: Dialogue, a.a.O., S. 35.

[29] Micha Danzig: We Should Not Have to Choose Between Advocating For Black Lives and Against Anti-Semitism. In: Jewish Journal, 8.6.2020. Online: https://jewishjournal.com/commentary/opinion/317074/we-should-not-have-choose-between-advocating-for-black-lives-and-fighting-against-anti-semitism/

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