Wie LGBTQ-Identität als moralischer Ausweis für eine Bewegung benutzt wird, deren dominante Kräfte queeres Leben nicht schützen, sondern zerstören würden.
Jan Kapusnak / Felix Haibach
»Queers for Palestine« will mutig klingen. Die Parole suggeriert moralische Beherztheit, Solidarität mit den Unterdrückten und Widerstand gegen die Macht. Doch allzu oft offenbart sie eine der großen Heucheleien zeitgenössischer progressiver Haltungen: Queere Identität wird als moralischer Ausweis für eine Bewegung benutzt, deren dominante politische und bewaffnete Kräfte queeres Leben nicht schützen, sondern zerstören würden.
Das Problem ist nicht, dass queere Menschen sich um palästinensische Rechte sorgen. Das sollten sie. Ebenso wenig ist das Problem, dass Aktivisten israelische Regierungen kritisieren. Israel ist eine Demokratie mit tiefen inneren Konflikten, und viele Israelis lehnen die Politik ihrer Regierung selbst ab. Das Problem beginnt dort, wo »Queers for Palestine« aufhört, Menschen zu verteidigen, und zu einer Inszenierung ideologischer Blindheit wird.
Strohmann »Pinkwashing«
Queere Aktivisten denunzieren den Zionismus – das Recht des jüdischen Volkes auf Selbstbestimmung – als eines der prägenden Übel unserer Zeit, während sie auffallend wenig über Hamas, die Palästinensische Autonomiebehörde, religiösen Zwang, patriarchale Gewalt oder die Bedingungen sagen, unter denen queere Palästinenser tatsächlich leben und leiden. Palästinensische LGBTQ-Personen sind sozialer Stigmatisierung, Verfolgung, Gewalt und manchmal dem Tod ausgesetzt – einfach, weil sie queer sind.
Die Absurdität dieser Haltung zeigte sich in einem vielgeteilten Straßeninterview bei einer propalästinensischen Demonstration in Boulder, Colorado. Ein sichtbar queerer Aktivist wurde gefragt, was geschehen würde, wenn er so gekleidet durch Gaza liefe. Er behauptete nicht, Gaza sei sicher. Stattdessen meinte er, sein »White Privilege« und seine amerikanische Staatsbürgerschaft würden ihn schützen. Das war eine Fantasie: In Gaza garantieren weder Privileg noch Pass Sicherheit. Ein queerer Palästinenser hat keine solche Illusion, hinter der er sich verstecken könnte.
Noch deutlicher wird die Heuchelei bei queeren Aktivisten mit Wurzeln im Nahen Osten, die in Berlin, Amsterdam oder New York jene Freiheiten genießen, die in weiten Teilen der Region verweigert werden: das Recht, offen zu leben, zu demonstrieren, sich zu organisieren, zu publizieren, zu lieben und zu protestieren. Doch manche nutzen diese Freiheiten nicht, um universelle Rechte zu verteidigen, sondern um das eine Land im Nahen Osten zu dämonisieren, in dem queeres öffentliches Leben in großem Maßstab offen existiert. Israel wird diffamiert und boykottiert. Gesellschaften und Bewegungen, die queere Menschen einsperren, erpressen, schlagen oder zum Schweigen bringen, werden dagegen oft mit revolutionärer Romantik oder kulturellem Relativismus bedacht.
Diese Doppelmoral verbirgt sich hinter der Rede vom »Pinkwashing«. Der Vorwurf lautet, Israel benutze Rechte für Homosexuelle, um von seiner Behandlung der Palästinenser abzulenken, sie zu beschönigen oder zu entschuldigen. Doch das ist ein Strohmann. Kaum ein ernsthafter Verteidiger Israels behauptet, LGBTQ-Rechte rechtfertigten die israelische Politik gegenüber den Palästinensern.
Die Auseinandersetzungen über den Konflikt werden mit Sicherheit, Terrorismus, Grenzen, Recht, Diplomatie, gescheiterten Verhandlungen und konkurrierenden nationalen Ansprüchen begründet – nicht mit Tel Avivs LGBTQ-freundlichen Clubs oder dem Fehlen eines vergleichbaren öffentlichen queeren Lebens in Ramallah. Niemand behauptet, gleichgeschlechtliche Elternschaft wiege sicherheitspolitisch begründete Checkpoints auf. Die Kritik an angeblichem »Pinkwashing« gibt vor, Propaganda zu entlarven, funktioniert aber letztlich selbst als solche.
Was der Begriff jedoch nicht auslöschen kann, ist die Existenz eines blühenden queeren Lebens in Israel. Diese Realität stellt das antiisraelische Narrativ vor ein Problem, weil sie einen Widerspruch sichtbar macht, den viele Aktivisten lieber vermeiden: Die Bedingungen, die queeres Leben in Tel Aviv ermöglichen, sind genau jene Freiheiten, die von den Bewegungen verweigert werden, die sie romantisieren.
In diesem Jahr machte die Tel-Aviv-Pride diese Realität unübersehbar. Am 12. Juni hielt die Stadt ihre erste vollständige Pride-Parade seit dem Massaker vom 7. Oktober ab. Es war keine Feier in einem Land im Frieden. 2024 war Pride im Angesicht der nationalen Trauer und des Krieges reduziert worden; im folgenden Jahr wurde die Parade abgesagt, nachdem Israel iranische Ziele angegriffen hatte und das Land mit Vergeltung rechnete. Ihre Rückkehr in diesem Jahr fand im Schatten von regionalem Krieg und politischer Krise statt. Nur wenige Tage zuvor waren Raketen aus dem Iran und Jemen auf Israel abgefeuert worden. Israelis waren in die Schutzräume gelaufen, und die Sorge, dass die Pride erneut abgesagt werden könnte, war real.
Selektive Blindheit
Dieser Kontext ist entscheidend. Der Tel-Aviv-Pride 2026 war keine glänzende Tourismuswerbung. Es war eine öffentliche Behauptung queeren Lebens in einer Gesellschaft, die weiterhin unter Bedrohung lebt. Die Regenbogenflaggen am Mittelmeer löschten Krieg, Trauer oder politische Krise nicht aus. Sie zeigten, dass das zivile Leben in Israel selbst in Kriegszeiten nicht auf eine einzige offizielle Stimme reduziert worden ist.
Auch die Freiheiten, die bei der Tel-Aviv-Pride sichtbar wurden, entstanden nicht zufällig. Israelische LGBTQ-Menschen haben sie auf der Straße, in öffentlichen Kampagnen, in der Knesset und vor allem vor dem Obersten Gerichtshof erkämpft. Sie kämpften gegen religiöse Parteien, konservative Politiker und gesellschaftliche Vorurteile. Ihr Ringen um Militärdienst, familiäre Anerkennung, Adoption, Leihmutterschaft, Antidiskriminierungsschutz und öffentliche Sichtbarkeit waren keine Geschenke des Staates. Es waren demokratische Auseinandersetzungen innerhalb der israelischen Gesellschaft – und diese Auseinandersetzungen sind nicht vorbei.
Genau deshalb ist der Vorwurf des »Pinkwashing« so beleidigend. Der Begriff reduziert diese Kämpfe auf Propaganda. Er sagt israelischen Schwulen und Lesben, dass ihre Rechte nur dann zählen, wenn sie gegen Israel verwendet werden können; sobald sie antiisraelische Politik verkomplizieren, werden sie als PR-Trick gelabelt. Das ist keine Solidarität mit Palästinensern. Es ist Verachtung gegenüber Israelis.
Israel ist, wie andere Demokratien, nicht perfekt – und auch keine queere Utopie. Gleichgeschlechtliche Ehen können im Land weiterhin nicht geschlossen werden, weil das Eherecht von religiösen Autoritäten kontrolliert wird. Homophobie existiert unter ultraorthodoxen Juden, Islamisten, christlichen Konservativen und Teilen der politischen Rechten. Die Jerusalem-Pride musste wiederholt unter massivem Polizeischutz stattfinden. Israelische LGBTQ-Aktivisten haben weiterhin viel zu erkämpfen. Doch genau darin liegt der Punkt: Pride in Israel ist kein Beweis für Vollkommenheit. Es ist der Beweis eines demokratischen Kampfes.
Die Parolen »No Pride in Apartheid« oder »No Pride in Genocide« wollen diesen Kampf auslöschen, indem sie israelische LGBTQ-Menschen zu Symbolen staatlicher Täuschung machen. Sie verflachen auch den israelisch-palästinensischen Konflikt zu einem moralischen Theaterstück, in dem Israelis nur Unterdrücker und Palästinenser nur Opfer sind.
Hier wird »Queers for Palestine« zur Tokenisierung. Palästinenser werden zu Ikonen revolutionärer Unschuld gemacht. Israelis werden zu Karikaturen der Macht. Queere Palästinenser werden beschworen, sollen aber das Skript nicht stören. Wenn sie die Hamas kritisieren, werden sie unbequem. Wenn sie Zuflucht in Israel suchen, werden sie zu Verrätern. Wenn sie ehrlich über Homophobie in der palästinensischen Gesellschaft sprechen, riskieren sie, als Diener israelischer Propaganda diskreditiert zu werden.
Ernsthafte queere Politik sähe anders aus. Sie würde queere Palästinenser vor der Hamas, familiärer Gewalt, sozialer Verfolgung und islamistischer Repression schützen. Sie würde queere Israelis gegen antisemitische Boykotte und gegen die Lüge verteidigen, ihre Rechte seien unecht. Sie würde israelische Politik kritisieren, ohne die israelische Gesellschaft zu dämonisieren. Sie würde die Hamas ohne jede Ausreden ablehnen. Sie würde verstehen, dass Menschenrechte kein Menü sind, aus dem Aktivisten nur jene Opfer auswählen können, die ihrer Ideologie nützen.
Pride, wenn das Wort noch etwas bedeuten soll, muss mit Wahrheit beginnen. Queere Befreiung kann nicht auf selektiver Blindheit aufgebaut werden. Sie kann Hamas nicht entschuldigen und den Kampf israelischer LGBTQ-Menschen nicht auslöschen. Eine Bewegung, die genau das tut, ist nicht befreiend. Sie ist absurd.






