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Säbelrasseln und Kriegsgeheul: Wie stark ist die türkische Marine?

Die Marine spielt neuerdings eine entscheidende Rolle in der türkischen Außenpolitik
Die Marine spielt neuerdings eine entscheidende Rolle in der türkischen Außenpolitik (Quelle: pxhere / CC0)

Während sie seit dem Untergang des Osmanischen Reichs eineeher untergeordnete Rolle spielte, wird die türkische Marine in den letzten Jahren systematisch aufgerüstet.

Zu den rätselhaftesten Vorgängen nach dem Putschversuch vom 15. Juli 2016 gehören die Säuberungen innerhalb der türkischen Seestreitkräfte. Obwohl der Marine keinerlei Putschbeteiligung nachgewiesen werden konnte, wurden außergewöhnlich viele Marineoffiziere und Admiräle aus dem Dienst entlassen oder sogar ins Gefängnis gesteckt.

Der türkische Militärexperte Metin Gürcan gibt an, dass 58 Prozent der Admiräle entlassen wurden. Bei den Landstreitkräften seien 44 Prozent, bei der Luftwaffe 42 Prozent der Generäle entlassen worden. Der Vorwurf lautete – wie in allen anderen Fällen von Säuberungen innerhalb des Militärs auch bei der Marine: Gülenismus.

Auffällig sind diese Vorgänge auch deswegen, weil die Marine aus den Säuberungen nicht etwa geschwächt, sondern gestärkt hervorgegangen ist, wobei naheliegt, dass die neueingesetzten Admiräle und Offiziere loyaler sind. Insofern fast alle derzeitigen militärischen Aktivitäten der türkischen Armee auf die Seestreitkräfte zurückgehen, ist der Marine nach 2016 eine Schlüsselrolle zugekommen – sei es bei der Konfrontation mit den Anrainerstaaten im Mittelmeer; beim Säbelrasseln gegen die griechische Marine; oder bei der Eskorte der Forschungsschiffe Fatih und Oruc Reis.

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Pakt mit Erdoğan 

In der türkischen Außenpolitik, die immer aggressiver wird, spielt die Marine also neuerdings eine entscheidende Rolle. Traditionell nahm sie innerhalb der Armee eine eher nebensächliche Rolle ein, was darauf zurückgeführt werden kann, dass zugleich mit dem Untergang des Osmanischen Reiches der Marine die Stellung als Seestreitmacht abhandenkam. Dies soll sich allerdings nach dem Willen der türkischen Führung in den kommenden Jahren ändern.

Besondere Zeiten verlangen besondere Zuwendungen, könnte man meinen. Sowohl die Land- wie auch die Luftstreitkräfte hatten traditionell einen ungleich größeren Stellenwert, was sich insbesondere im Verteidigungsetat äußerte. Doch aktuell nehmen die Aufwendungen für die Marine einen deutlich höheren Rang ein als die Ausgaben für den Herr oder die Luftwaffe. Dies spiegelt das außergewöhnliche Verhältnis zwischen der Marine und der Erdoğan-Clique wider. Nach dem Putschversuch sind sie einander nähergerückt. Beide eint, auch wenn sie zwei unterschiedliche Wege verfolgen, das Ziel einer mächtigen und starken Türkei.

Erdoğan verlegt sich dabei auf einen Neo-Osmanismus und will eine Türkei in der Großmachttradition des Osmanischen Reiches etablieren. Die Marine dagegen setzt auf das Konzept „Blaues Vaterland“, und verfolgt die Sicherung der wirtschaftlichen Interessen des Landes. 

Die Marine rüstet auf

„Mit mehr als 87 Prozent des Handels über Seehäfen und einer Reihe von transnationalen Pipelines, die durch türkische Hoheitsgewässer verlaufen, spielen die Seekapazitäten des Landes im zeitgenössischen türkischen Denken eine größere Rolle“, schreibt Ryan Gingeras. Damit verweist er auf nachvollziehbare Gründe, wieso die Marine so stark aufgerüstet wird.

Zur türkischen Spezifität gehört neben materiellen Interessen jedoch auch die nationale Erbauung. Deutlich kommt dies in einer Rede des türkischen Verteidigungsministers Hulusi Akar von September 2019 zum Vorschein:

„Die Geschichte zeigt uns, dass das Land, das eine Seemacht ist, immer dazu bestimmt ist, das Größte zu sein. Ein Land ohne Seemacht ist geschwächt. Wir brauchten diese Macht in der Vergangenheit, und wir brauchen sie heute, und wir werden sie morgen brauchen.“

Die türkischen Bemühungen, wieder eine Seestreitmacht zu werden, sind unverkennbar auf militärische Aufrüstung ausgelegt, womit Großprojekte einhergehen, die ganz dem Ziel dienen, nationale Interessen durchzusetzen. Dazu zählt insbesondere der Ausbau der „TGC Anadolu“.

Bis 2021 soll sie zum ersten türkischen Träger erweitert werden, von dem aus nicht nur Hubschrauber, sondern auch Kampfjets starten können. „Die Anadolu wird der türkischen Marine eine beispiellose Fähigkeit zum Angriff auf Schiffe im Schwarzen Meer und im östlichen Mittelmeerraum bieten“, schätzt Richard Parley in einem Beitrag für „The National Interest“.

In Bau befinden sich auch 24 neue Schiffe – darunter vier Fregatten –, die zu den derzeit 112 Kriegsschiffen der Marine hinzukommen sollen. Mit ihrer vergrößerten Flotte will die türkische Marine eine imposante Macht im östlichen Mittelmeerraum werden, den Status quo in der Ägäis zu ihren Gunsten verändern und die Sicherheit seiner strategisch wichtigen Kanäle in den Dardanellen und Istanbul verbessern.

Im Oktober 2019 begann schließlich der Bau heimischer U-Boote. Bis 2040 sollen sie der türkischen Marine ausgeliefert werden. Es sind auch neue Marinestützpunkte in Planung. Im nördlich besetzten Teil Zyperns ist ein Stützpunkt geplant, am Horn von Afrika, am Roten Meer und am Persischen Golf sind bereits Marinestützpunkte errichtet worden.

Auf dem Weg zur Seestreitmacht

So sehr auch die türkischen Ambitionen, eine Seestreitmacht zu werden, unverkennbar sind, so groß sind allerdings die Herausforderungen auf diesem Weg. Die türkische Wirtschaft ist im letzten Quartal um 9.9 Prozent geschrumpft, und immer deutlicher zeigen sich bedingt durch die krisengeschüttelte Ökonomie und einem fehlenden Flugzeugträger die operativen Grenzen, wie zurzeit etwa in Libyen deutlich wird.

Der türkische Konfrontationskurs ist eine teure Abenteuerfahrt, die die Frage aufdrängt, wie lange dieser Kurs überhaupt gefahren werden kann. Das Verteidigungsbudget beträgt im Haushaltsplan 2020 145 Milliarden Lira (16,5 Milliarden US-Dollar). Das sind 13 Prozent des Staatshaushalts. Zählt man die Ausgaben für öffentlich finanzierte Verteidigungsunternehmen wie Aselsan, Roketsan, TUSAŞ, Havelsan und TAİ hinzu, entsprechen die Ausgaben 25 Prozent des Staatshaushalts. Bereits jetzt sei jedoch das Budget für dieses Jahr aufgebraucht, ein Haushaltsdefizit sei damit unvermeidbar, so ahvalnews.

Dass für grenzenlose Beinfreiheit im Mittelmeer finanziell also kein allzu großer Spielraum existiert, zeigt der eskalierende Streit um die Erdgasvorkommen im östlichen Mittelmeer. Drohgebärden ersetzen mittlerweile Diplomatie, das Kriegsgeheul in der Ägäis fordert zwar Griechenland massiv heraus, verschreckt zunehmend aber zugleich auch alle Anrainerstaaten, die sich deswegen gegen die Türkei verbünden.

Die Türkei ist weitestgehend isoliert und kann sich auf keine Partner berufen. Eine aufstrebende Seestreitmacht allerdings, die in keinem guten Ruf steht, wird nicht als starker und verlässlicher Partner, sondern als Unruhestifter wahrgenommen, zumal dann, wenn einem NATO-Partner wie Griechenland offen mit Krieg gedroht wird.

Das sollte sowohl Russland, die USA als auch die EU in Alarmbereitschaft versetzen, zumal eine stets immer unberechenbarer werdende Türkei mit ihrem Säbelrasseln und Kriegsgeheul zunehmend zu einer Gefahr für alle Beteiligten wird.

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