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Russlands Kriegspropaganda: Das Beispiel der syrischen Weißhelme

Opfer systematischer Diffamierungen durch Russland, Syrien und den Iran: Helfer der White Helmets. (© imago-images/ZUMA Press)
Opfer systematischer Diffamierungen durch Russland, Syrien und den Iran: Helfer der White Helmets. (© imago-images/ZUMA Press)

Für den Ukraine-Krieg wärmt Russland die Propagandalügen über die syrischen Weißhelme neu auf.

Gestern Morgen, der russische Angriff auf die Ukraine war schon im vollen Gange, meldete der Kreml-Sender Sputnik, der ukrainische Geheimdienst plane Provokationen, wie es die »White Helmets« in Syrien getan hätten. Der Tweet zeigt, wie sicher sich die russischen Desinformationskrieger fühlen – und welche Rolle Syrien als Testgelände nicht nur für neue russische Waffensysteme, sondern auch für den ganz spezifischen Krieg gegen die Wahrheit gespielt hat.

Dabei kam den Weißhelmen, einer in Oppositionsgebieten tätigen Zivilschutzorganisation, unwillentlich eine prominente Rolle zu. Zwischenzeitlich war es russischer, iranischer und syrischer Propaganda gelungen, den Ruf der Weißhelme weitgehend zu zerstören; ihr Gründer wurde mit dieser ruchlosen Kampagne in den Selbstmord getrieben. Wer diese tragische Geschichte im Detail nachlesen mag, dem sei der Guardian-Artikel »How Syria’s disinformation wars destroyed the co-founder of the White Helmets« wärmstens ans Herz gelegt.

Nach den Giftgasangriffen auf die Ghoutas, die Vororte von Damaskus, bei denen die syrische Armee mehr als 1.300 Zivilisten getötet und die vom damaligen US-Präsidenten Barack Obama verkündete »rote Linie« überschritten hatte, ohne dass dies die angekündigten Konsequenzen zur Folge gehabt hätte, begann eine Propagandaoffensive von russischen und syrischen Medien, in der die Rebellen bzw. die Weißhelme als Drahtzieher hinter dem tödlichen Giftgaseinsatz diffamiert wurden. Was völlig abwegig klang, wurde von interessierter Seite freudig aufgenommen. Westliche Journalisten wie der renommierte (und berüchtigte) Seymour Hersh sowie der weniger renommierte (aber ähnlich berüchtigte) Michael Lüders halfen, die Lügen zu verbreiten.

Unterstützt wurden sie dabei von den Propagandaschleudern des Kremls namens Russia Today und Sputnik, die selbst letztes Jahr noch ständig Meldungen darüber verbreiteten, die Weißhelme würden angeblich einen neuerlichen Einsatz von Giftgas planen. Außerdem seien sie Teil islamistischer Terroristen, wahlweise von al-Qaida oder dem Islamischen Staat, und würden ihre humanitäre Hilfe bloß als Deckmantel für militärische Aktionen missbrauchen.

Jahrelang wurde diese Lügenpropaganda über ein Netzwerk von Russland gesteuerter Medien verbreitet und erreichte das, was sie sollte: Es gelang ihr, weit verstreut Zweifel zu sähen. Konnte nicht doch vielleicht etwas dran sein? Liegt die Wahrheit in der Mitte? Fragen, die sich viele Außenstehende stellten, die vom Konflikt nur am Rande etwas mitbekamen. Und das reichte, mehr war gar nicht nötig.

Es ließen sich etliche Beispiele anführen, die Weißhelme seien hier nur in den Mittelpunkt gerückt, aber Sputnik hat die Lügen über sie jetzt aus der Mottenkiste geholt, um den nächsten russischen Kriegseinsatz propagandistisch zu begleiten.

Ein weiteres Beispiel dafür, wie diese Propaganda über Jahre funktioniert hat, führt die Organisation Adopt a Revolution an, die im Jahr 2011 als Reaktion auf die brutale Niederschlagung der Proteste im Land durch das syrische Regime gegründet wurde:

»Unmittelbar nach dem Sarin-Angriff auf Khan Sheikoun brachten russische Regierungsvertreter*innen in kürzester Zeit gleich drei verschiedene Erklärungsmuster in Umlauf. Dass diese nicht nur extrem unwahrscheinlich waren, sondern sich sogar gegenseitig ausschlossen: egal. Hauptsache, es bleibt hängen, man wisse ja nicht so genau, was vor Ort passiert. So wird die Täterschaft des Assad-Regimes für den Giftgas-Angriff bis heute in Zweifel gezogen, obwohl die unabhängige internationale Organisation für das Verbot von Chemiewaffen (OPCW) den Fall untersucht hat – und das Assad-Regime verantwortlich macht.«

Gezielt bombardierte die russische Luftwaffe in Syrien zivile Ziele wie Krankenhäuser, Kindergärten und Bäckereien, erklärte aber jedes Mal, es habe sich um Terroristen des Islamischen Staates (IS) oder von al-Qaida gehandelt, und dies ganz unabhängig davon, ob etwa der IS in den betroffenen Gebieten überhaupt präsent war. Und auch hier reichte es, Zweifel zu sähen, selbst wenn UN-Agenturen mehrfach Russland vorwarfen, Kriegsverbrechen zu begehen.

Moskau ist, auch dank seiner Vetomacht im UN-Sicherheitsrat, mit alledem durchgekommen, und die schamlosen Propagandalügen stellten einen integralen Bestandteil seiner Strategie da. Was in Syrien und anderswo so erfolgreich erprobt worden war, fand nun im Vorfeld des Angriffs auf die Ukraine erneut Anwendung und zeitigte, auch wenn es jeder hätte wissen können, erneut erstaunliche Erfolge. Wie viele Menschen in Europa und den USA wachten gestern Morgen auf und trauten ihren Augen nicht: Der Kreml hat wirklich den Angriffsbefehl gegeben! Diejenigen freilich, die seit Jahren unmittelbar mit der russischen Propaganda konfrontiert sind, waren wenig erstaunt – egal, ob sie in Syrien, den baltischen Staaten oder in Polen leben.

Und so wird es auch in den kommenden Wochen und Monaten weitergehen. Um den Weißhelmen und anderen, die in den vergangenen Jahren Opfer dieser Propaganda wurden, wenigstens zu diesem späten Zeitpunkt ein klein wenig Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, aber auch, um nicht erneut all diesen Lügen auf den Leim zu gehen, wäre es deshalb dringend angebracht, ihre traurige Geschichte nachzulesen und von ihr zu lernen. Während Sputnik und andere russische Medien sie weiterhin diffamieren, um in anderem Kontext die russische Kriegstrommel zu rühren, sollte schon aus Gründen der Achtsamkeit in der Gegenwart die wahre Geschichte der Weißhelme nicht in Vergessenheit geraten.

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