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Irakisch-Kurdistan drängt traditionelle Genitalverstümmelung zurück

Die deutsch-irakische NGO Wadi begeht am 6. Februar das Ende von weiblicher Genitalverstümmelung in der irakisch-kurdischen Region Garmian.

Pressemitteilung zum Internationalen Tag gegen weibliche Genitalverstümmelung

In Garmian, der südöstlichen Region Kurdistans im Irak, wurde im letzten Jahr kein einziger neuer Fall von weiblicher Genitalverstümmelung (FGM) registriert. Dieser historische Moment wird am 6. Februar, dem weltweiten Tag gegen FGM, in der Hauptstadt von Garmian gefeiert.

Vor nur 10 Jahren war Garmian eine der Regionen mit sehr hoher FGM-Rate in Irak-Kurdistan und gehörte zu den am stärksten betroffenen Regionen weltweit. Mehr als 80 Prozent der zwischen 2007 und 2009 befragten Frauen waren der brutalen Operation unterzogen worden. Dass inzwischen kein einziges Mädchen mehr verstümmelt wird, ist der Erfolg einer 15-jährige Kampagne der irakisch-deutschen NGO Wadi

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„In den vergangenen 15 Jahren gab es keinen einzigen Tag, an dem unsere Teams nicht irgendein Dorf in Garmian besucht haben“, sagt Shokh Mohammed, eine Team-Organisatorin in Wadis Hauptbüro in Sulaymania. Sie betont die Bedeutung von Kontinuität im Kampf gegen FGM. „Die Auswirkungen einer Kampagne werden erst in der nächsten Generation sichtbar. Wenn man Frauen heute aufklärt, sind sie zwar schockiert über das, was sie ihren Töchtern angetan haben, aber das haben sie im Zweifel vergessen, wenn ihre Töchter selbst Kinder haben.“

Auch wenn in anderen Regionen Irakisch-Kurdistan die Zahlen neu-verstümmelter Mädchen ebenfalls rückgängig sind, wird FGM dort weiter praktiziert,

Erst vor 16 Jahren, im Jahr 2004, stießen Wadis mobile Teams in den kurdischen Dörfern bei der Gesundheitsaufklärung auf FGM. Bis dahin galt weibliche Genitalverstümmelung als afrikanische Praxis. UN-Publikationen erklärten die Prävalenz im Jemen mit Einflüssen aus Afrika. Dass die Praxis auch in Indonesien verbreitet ist, war zwar bekannt, blieb aber ungeklärt.

In Asien weit verbreitet

Seitdem arbeitet Wadi kontinuierlich daran, das Bewusstsein für die Auswirkungen von FGM auf Gesundheit, sexuelles Wohlergehen und Geschlechterverhältnisse in der irakischen Region Kurdistans und darüber hinaus zu schärfen: Im Zentral- und Nordirak sowie im Iran. Durch die Kampagne „Stop FGM Middle East & Asia“ konnte Wadi aussagekräftige Belege darüber sammeln, dass FGM in Asien mit mindestens 17 Ländern, in denen Mädchen die Genitalien beschnitten werden, tatsächlich weit verbreitet ist.

Von Anfang an verfolgte Wadi eine Graswurzel-Strategie, an der sich viele lokale Aktivistinnen, lokale Politikerinnen und kurdische NGOs beteiligten. „Es ist wichtig, innerhalb lokaler Strukturen zusammenzuarbeiten und nicht gegen die Menschen“, sagt Assi Frood, der seit Beginn der Kampagne dabei ist. „Das bedeutet, dass jeder in einer Dorfgemeinde einbezogen werden muss. Auch wenn es nur die Frauen sind, die das ihren Töchtern antun, mussten wir auch die Männer ins Boot holen.“ In Zusammenarbeit mit anderen kurdischen NGOs und Aktivisten half Wadi 2007 bei der Erstellung der Kampagne Stop FGM Kurdistan.

Wadi arbeitet seit 1993 im Nordirak zu einer Vielzahl von Themen, unterhält u.a. ein Frauen- und Jugendradio und mobile Kinderspielplätze und bietet Alphabetisierungs- und Computerkurse. Innerhalb der Kampagne gegen weibliche Genitalverstümmelung arbeiten die von Frauen geleiteten mobilen Teams eng mit Frauen, männlichen Gemeindevorstehern, Dorfältesten und religiösen Führern zusammen, um ein ganzes Dorf oder Gebiet davon zu überzeugen, kollektiv die Praxis zu beenden.

Es braucht einen langen Atem

Eines der Haupthindernisse bei der Bekämpfung von FGM ist die Sicherung der Finanzierung einer Kampagne für einen so langen Zeitraum. Die meisten internationalen Geber, ob Regierungen oder Vereinte Nationen, unterstützen keine Programme mit einer Laufzeit von 15 Jahren, sondern nur viel kürzere Zeiträume von einem bis fünf Jahren. Wadi hatte das Glück, mit der niederländischen Regierung und der niederländischen NGO Hivos Kampagnen-Partner für den größten Teil der Laufzeit zu finden; deutsches Konsulat, US-Außenministerium, Unicef und andere füllten die Lücken.

Von großer Bedeutung war auch die Unterstützung durch die kurdische Regierung, nachdem das kurdische Parlament im Jahr 2011 FGM und andere Formen von Gewalt gegen Frauen unter Strafe stellte. So konnten Zentren, Polizeistationen und Gerichte für Fälle von häuslicher Gewalt in der Region Kurdistan eingerichtet werden. Der Hohe Frauenrat der kurdischen Regionalregierung hat im vergangenen Jahr angekündigt, die Bemühungen mit einem eigenen umfassenden Programm weiter zu unterstützen.

Staatliche und internationale Unterstützung wurde jedoch erst durch Aktivistinnen, NGOs und Journalisten ermöglicht, die das Schweigen gebrochen und die Existenz von FGM in Kurdistan vor einem Jahrzehnt publik gemacht haben. Für einen Durchbruch sorgte der Bericht von Human Rights Watch aus dem Jahr 2010: „They took me and told me nothing“.

Die UN brauchten weitere sechs Jahre, um die Existenz von FGM im Irak zu bestätigen und zuzugeben, dass FGM in Asien viel weiter verbreitet sein könnte als angenommen. Im Jahr 2016 erhöhte UNICEF die geschätzte Zahl betroffener Mädchen weltweit von 120 auf mindestens 200 Millionen.

Weiter dringender Handlungsbedarf

Es besteht nach wie vor dringender Bedarf, gegen FGM in Asien vorzugehen. In vielen Ländern wie Sri Lanka, Malaysia, Thailand, Brunei stehen Regierungen und politische Akteure jeglichen Kampagnen feindlich gegenüber. An einigen Orten wie Dagestan, Pakistan oder Brunei wurden noch nicht einmal Studien zur Prävalenz durchgeführt.

Wadi wird den historischen Moment des Endes von FGM nach nur 15 Jahren in Garmian zusammen mit dem niederländischen Generalkonsulat in Erbil mit einer Pressekonferenz und einer Zeremonie in Kalar, der Hauptstadt der Region, feiern.

Auf der Veranstaltung wird ein neues vom niederländischen Generalkonsulat unterstütztes Projekt für die Regionen Ranya, Erbil und Halabja vorgestellt werden. Neben den bewährten Elementen der Kampagne gegen FGM wird dieses Projekt auch eine psychotherapeutische Komponente beinhalten. Dabei geht es darum, mit Opfern von FGM an Wegen zu arbeiten, ihr Leben und ihre Sexualität trotz der Beeinträchtigung selbstbestimmt und erfüllt gestalten zu können.

Die Presserklärung erschien ursprünglich auf der Homepage von Wadi e.V.

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