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Proteste im Iran: Erste Zwischenbilanz

Protest in der iranischen Hauptstadt Teheran. (© imago images/ZUMA Press Wire)
Protest in der iranischen Hauptstadt Teheran. (© imago images/ZUMA Press Wire)

Was lässt sich aktuell über das Ausmaß der Proteste und die Repressionsmaßnahmen des iranischen Regimes sagen?

Kazem Moussavi

Die aktuellen Demonstrationen und Streiks begannen am 28. Dezember 2025 in Teheran. Auslöser waren die drastische Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage, starke Schwankungen des Wechselkurses, die Instabilität der Märkte sowie der anhaltende Wertverlust der nationalen Währung. Ausgangspunkt der Proteste bildeten der Große Basar von Teheran und die umliegenden Handelszentren.

Innerhalb weniger Tage entwickelte sich daraus die größte Protestwelle seit den landesweiten Erhebungen von 2022 nach der staatlichen Tötung von Mahsa Amini. Mindestens 65 große und kleine Städte in verschiedenen Provinzen sind derzeit davon betroffen. Die Proteste tragen offen politisch systemkritische Züge und richten sich faktisch gegen den Fortbestand der Islamischen Republik.

Internationale Beobachter verweisen darauf, dass die gegenwärtige Protestwelle angesichts des landesweiten Umfangs, der erkennbaren Unsicherheit des Systems und der bereits kursierenden Zahlen über Tote und Inhaftierte breiter und repressiver beantwortet werden dürfte als frühere Protestwellen.

Vor diesem Hintergrund kommt der Hauptstadt eine zentrale Bedeutung zu: Teheran ist das Machtzentrum der Ayatollahs, und die entscheidende Auseinandersetzung über die Abschaffung des Systems wird in der Hauptstadt mit ihren über fünfzehn Millionen Einwohnern ausgetragen werden müssen. Nach Angaben oppositioneller Quellen hat das Regime dort rund 42.000 Angehörige der Revolutionsgarde, der Basidsch-Milizen und der Sicherheitskräfte zusammengezogen, um eine Ausweitung der Proteste zu verhindern. Daher haben die Proteste in Teheran bislang nur geringe Ausmaße angenommen.

Beteiligte Gruppen

Die erste Phase der Proteste wurde vor allem von Händlern und Gewerbetreibenden getragen. Zwar lösten ihre Streiks die landesweiten Demonstrationen mit aus, doch war von Anfang an abzusehen, dass die Bazaris nicht über jene politische oder organisatorische Kraft verfügen, die für einen Umsturz des Regimes erforderlich wäre. Ihre Mobilisierung folgt in erster Linie ökonomischen Interessen und bleibt strukturell begrenzt.

Nach den staatlich angeordneten Feiertagen – erwartet bis zum kommenden Montag – dürfte der Druck, die Arbeit wieder aufzunehmen, auf viele Geschäfte erheblich steigen. Um die aufkeimende Unruhe im Handelssektor zu dämpfen, reagierte die Regierung mit gezielten wirtschaftspolitischen Maßnahmen. Präsident Masoud Pezeshkian ernannte Abdolnasser Hemmati zum neuen Präsidenten der Zentralbank. Hemmati versprach, für wirtschaftliche Stabilität zu sorgen und Korruption sowie die durch das Mehrfach-Wechselkurssystem entstandenen Vorteile für privilegierte Gruppen zu beseitigen. Diese Ankündigungen sollen vor allem das Vertrauen der Kaufleute festigen und die Stimmung am Basar beruhigen.

Doch unter den Protestierenden besteht kaum Zweifel, dass ein Ende der Streiks die eigentlichen Ursachen der Krise nicht beseitigt. Staatliche Misswirtschaft, internationale Sanktionen, Militarisierung und tief verankerte Korruption haben die Wirtschaft an den Rand des Zusammenbruchs geführt.

Das Regime versucht, durch eine Kombination aus Drohungen, finanziellen Zugeständnissen und kontrollierten Maßnahmen den Basar unter Kontrolle zu bringen – ein taktischer Versuch, den wirtschaftlichen Druck vorübergehend zu entschärfen. Die Realität bleibt jedoch unverändert: Die Islamische Republik verfügt über keine tragfähigen Lösungen, um die anhaltende sozioökonomische Misere zu lindern. Ihre bankrotte Wirtschaft kann ohne massive externe Finanzhilfen kaum noch die Grundbedürfnisse der Bevölkerung decken. Selbst wenn es dem Regime gelingt, die aktuelle Protestwelle vorübergehend niederzuhalten, dürfte die Zeit bis zum nächsten Aufstand kürzer ausfallen als der Abstand zwischen der Bewegung »Frau, Leben, Freiheit« im Jahr 2022 und den Ereignissen im Dezember 2025.

Politische Botschaften

Den Demonstranten ist bewusst, dass ein Ende der Bazarstreiks nichts an den Ursachen der Krise ändern wird: Korruption, Militarisierung, Misswirtschaft und Sanktionen. Die Bewegung richtet sich nicht nur gegen wirtschaftliche Not, sondern gegen das gesamte System der Islamischen Republik, die das Land ausblutet. Auf den Straßen Teherans und anderer Städte rufen Menschen »Tod dem Diktator«, »Tod Khamenei«, »Wir wollen keine Islamische Republik«, »Weder Gaza noch Libanon – mein Leben für die Freiheit Irans«, »Lass die Raketen weg, sorge lieber für Brot und saubere Luft«, »Nein zu Gaza, nein zu Palästina – unser Leben für den Iran« sowie »Habt keine Angst, wir stehen alle zusammen!«.

Diese Parolen markieren den offenen Bruch mit einem Staat, der Milliarden in Atomwaffen, Raketen und Terrororganisationen der Region sowie in die Vernichtung Israels investiert, während die Bevölkerung in Armut, Umweltzerstörung und Arbeitslosigkeit lebt. Die Proteste entlarven ein Regime, das seine Krise nicht mehr beherrscht.

Taktiken des Regimes

Das Regime verzichtete bisher im Unterschied zu früheren Aufständen auf eine sofortige, vollständige Abschaltung des Internets. Stattdessen verfolgte es eine kontrollierte, langfristig angelegte Strategie: Polizei, Basidsch und Revolutionsgarde zeigten bewaffnete Präsenz, gaben sich jedoch zunächst dialogbereit und betonten »berechtigte soziale Sorgen«. Diese demonstrative Mäßigung hatte das Ziel, Zeit zu gewinnen, um die Proteste nach außen als Ausdruck wirtschaftlicher Unzufriedenheit darzustellen und ihren politischen Charakter zu verwischen.

Nach dem vierten Tag weiteten sich die Proteste landesweit aus, jedoch ohne erkennbare Führung oder zentrale Organisation. Zwischen den Städten besteht bisher kaum koordinierte Abstimmung; viele Aktionen bleiben lokal und spontan. Eine verbindende Rolle übernahmen soziale Medien, vor allem Instagram, sowie Exilkanäle wie Iran International und Manoto.

Diese Kanäle verbreiteten Bildmaterial und Nachrichten aus dem Land, prägten zugleich aber auch die politische Deutung der Bewegung. Ihre offene oder indirekte Unterstützung für Reza Pahlavi überlagerte mitunter innergesellschaftliche Dynamiken und verstärkte bestehende Spannungen. Das Regime nutzte diese Fragmentierung gezielt: Es kontrollierte den Informationsfluss, ohne ihn vollständig zu unterbinden – ein kalkulierter Versuch, öffentliche Kommunikation zu lenken, ohne internationale Aufmerksamkeit durch eine totale Sperre zu provozieren.

Gewalt, Festnahmen, Tote

Seit letzten Mittwoch nahmen die Demonstrationen einen konfrontativen Charakter an. Zivile Sicherheitskräfte operieren nun innerhalb der Proteste, identifizieren gezielt Aktivisten und nehmen sie häufig nachts fest. Die tatsächliche Zahl der Inhaftierten, Verletzten und Getöteten wird systematisch verschleiert. 

Menschenrechtsorganisationen berichten über Festnahmen in Dehloran, Yasuj, Nahavand, Asadabad, Shiraz und Teheran. Allein am Mittwoch sollen sechs Frauen festgenommen worden sein. Die Nachrichtenseite Hrana berichtete, dass während der fünftägigen landesweiten Proteste bislang 119 Personen festgenommen und sieben Menschen getötet wurden. Zudem gab es 33 Verletzte. Laut dem Bericht haben sich die Proteste auf 23 Städte in verschiedenen Provinzen ausgeweitet.

Am fünften Tag skandierten Demonstranten Parolen gegen die Islamische Republik, Ali Khamenei und die Revolutionsgarde. Andere unterstützten Reza Pahlavi und Reza Shah. Weitere Slogans lauteten »Tod der Diktatur«, »Frau, Leben, Freiheit« sowie Parolen zur Unterstützung der Frauenrechte.

Am Donnerstag eskalierten die Auseinandersetzungen unter anderem in Isfahan, Qom, Hamadan und Shiraz sowie besonders intensiv in den kurdischen Regionen und der Provinz Lorestan. In Azna kam es zu einem Angriff auf eine Polizeistation, bei dem laut Berichten mehrere Menschen getötet und staatliche Einrichtungen beschädigt wurden.

In Lordegan wurden mindestens zwei Demonstranten bei Zusammenstößen mit Sicherheitskräften getötet. In Kouhdasht bestätigten staatliche Stellen den Tod eines 21-jährigen Mitglieds der Basidsch-Miliz. In Marvdasht zogen sich Sicherheitskräfte nach entschlossenem Widerstand der Protestierenden zeitweise zurück. Berichten zufolge setzte das Regime in Hamadan scharfe Munition ein, während in anderen Städten Tränengas und Elektroschocker verwendet wurden.

Auch in der religiösen Stadt Qom kam es zu heftigen Protesten. Demonstranten riefen Parolen wie »Mullah, geh, verschwinde!«. Zudem wurden das Büro des Freitagsimams in Junaghan sowie ein theologisches Seminar in Farsian in Brand gesetzt – Ausdruck der tiefen Ablehnung religiöser Bevormundung. Weitere Städte mit Protesten und teils Gewalt sind Teheran, Karaj, Kermanshah, Mashhad, Malard und Qeshm.

Fragmentierung und Desinformation

In großen Städten ist die Beteiligung von Universitäten – zu Beginn war von mehr als elf die Rede –, von Frauen und politischen Gefangenen in den Folterkammern im Land rückläufig. Externe mediale Einflussnahme verschiebt den Fokus zunehmend auf Reza Pahlavi, während »Jin, Jiyan, Azadi« an Sichtbarkeit verliert.

Laut Akhbar-Rooz riefen Studenten an der Universität Teheran Parolen wie »Zan, Zendegi, Azadi«, »Tod der Diktatur – Khamenei«, »Ein Student wird sich keinem Regime beugen« sowie »Tod dem Tyrannen, sei es ein König oder ein Anführer«.

Zugleich tauchten reaktionäre und homophobe Beschimpfungen gegenüber Protestierenden auf, wahrscheinlich durch Geheimdienststrukturen gezielt gefördert, um die Proteste zu diskreditieren und zu spalten. Bekannt wurde zudem, dass regimekritische Videos vermutlich mittels künstlicher Intelligenz manipuliert wurden: Parolen wie »Javid Shah« oder »Das ist der letzten Kampf – Pahlavi kommt zurück« wurden nachträglich eingefügt.

Diese Taktiken untergraben Vertrauen und vertiefen Spaltungen. Parallel brandmarkt das Regime Demonstranten als »feindliche Elemente« und kündigt harte Repression an.

Nach Angaben von Iran International äußerte sich Gila Gamliel, Israels Ministerin für Wissenschaft und Technologie, auf X mit einer Solidaritätsbotschaft an die iranische Bevölkerung. Das antiisraelische Regime instrumentalisierte die Botschaft jedoch, um die Proteste zu für verunglimpfen.

Diese Entwicklungen erschweren es der Bewegung »Jin, Jiyan, Azadi/Zan, Zendegi, Azadi«, geschlossen und mit politischer Klarheit an den aktuellen Protesten teilzunehmen. Die Bewegung richtet sich explizit gegen monarchistische wie theokratische Herrschaftsformen und kämpft für eine freiheitliche republikanische Ordnung, universelle Menschenrechte einschließlich Frauen- und Minderheitenrechte, Gleichberechtigung, Dezentralisierung und parlamentarische Demokratie.

Internationale Dimension

Westliche Regierungen zeigten bislang Zurückhaltung und beschränkten sich überwiegend auf rhetorische Stellungnahmen. Konkrete politische Unterstützung für die Proteste außer Lippenbekenntnissen bleibt aus.

Iranische monarchistische Kreise schüren zugleich Erwartungen eines möglichen Eingreifens Israels oder von amerikanischen Geheimdiensten, um das Regime von außen zu stürzen und Reza Pahlavi zu installieren. Solche Vorstellungen fördern politische Illusionen, schwächen eigenständige Mobilisierung im Inneren und verlagern Verantwortung nach außen. Gemeinsam mit dem Repressionsapparat bilden sie einen zentralen Stabilitätsfaktor des Regimes. Die USA, Europa und die deutsche Bundesregierung müssen sich konsequent auf die Seite der Proteste im Iran stellen.

Beobachtende Zurückhaltung

Die Partei Hezb-e Mardom-e Balochestan fordert angesichts der landesweiten Streiks und Proteste im Iran die Menschen in Belutschestan dazu auf, sich solidarisch mit den Demonstrierenden zusammenzuschließen, um das System der »Herrschaft des religiösen Rechtsgelehrten« (Velayat-e Faqih) zu überwinden und Freiheit sowie Gleichheit zu erreichen. In der Erklärung heißt es, die Belutschen sollten unter den Parolen »Freiheit und Gleichheit« und »Nein zur Diktatur« geeint auf die Straße gehen und sich der landesweiten zivilen Protestbewegung anschließen.

In der iranischen Kurdistanregion unterstützten die kurdischen Parteien die Protestbewegung des Jahres 2025/26, obwohl diese mit wirtschaftlichen Forderungen begann und rasch zu politischen Forderungen nach dem Sturz der Islamischen Republik wurde.

Auch die organisierten kurdischen Bewegungen sowie Anhänger der Mudschahedin und anderer bewaffneter Gruppen verhalten sich bislang überwiegend beobachtend. Diese Passivität ist angesichts der Dynamik der Proteste politisch fatal. Ohne aktive Unterstützung droht die Bewegung erneut isoliert, erschöpft oder gewaltsam niedergeschlagen zu werden.

Die iranische Gesellschaft steht allein, doch ihre Wut ist unauslöschlich. Die nächste Runde kommt näher, weil Repression und Spaltung die systemische Krise des Regimes nicht lösen, sondern die Proteste nur vorübergehend eindämmen – und somit zu einem noch größeren Aufstand führen werden.

(Dieser Beitrag ist zuerst bei Jungle Blog veröffentlicht worden. Kazem Moussavi ist Mitbegründer und Sprecher der »Green Party of Iran« und lebt in Deutschland im Exil. Er ist Herausgeber von Iran Appeasement Monitor.)

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