In Kanada machen pro-palästinensische Aktivisten gegen jüdische Sommerlager mobil, denen sie kulturelle Aneignung und Delegitimierung von Israelkritik vorwerfen.
Jüdische Ferienlager sind seit dem frühen 20. Jahrhundert ein fester Bestandteil des Gemeindelebens in Kanada. Sie verbinden klassische Sommercamp-Programme – Sport, Schwimmen, Kanufahren und kreative Angebote – mit religiösen, kulturellen und sprachlichen Elementen des Judentums. Träger sind in der Regel jüdische Organisationen oder religiöse Bewegungen.
Zu den traditionsreichen Einrichtungen zählt das 1921 gegründete Camp B’nai Brith of Montreal in Québec. Die Camps richten sich an unterschiedliche Altersgruppen und religiöse Ausrichtungen – von liberal bis orthodox – und bieten meist mehrwöchige Programme während der Sommerferien an. Neben der Freizeitgestaltung verfolgen sie das Ziel, jüdische Identität, Gemeinschaftssinn und kulturelle Kontinuität zu stärken.
Nun allerdings sind jüdische Ferienlager für Kinder ins Visier des antizionistischen Furors geraten, wie zuvor schon u. a. jüdische Sportler, Musiker, Restaurants und Synagogen.
»Wenn Kinderlager einen genozidalen Staat unterstützen, ist es Zeit für einen gigantischen Wandel«, lautet der Titel einer Kampagne der Anti-Israel-Organisation Just Peace Advocates. Das erklärte Ziel der Aktivisten: Sie wollen, dass der Status der Gemeinnützigkeit der Ferienlager aufgehoben wird. Gemeinnützigkeit bedeutet, dass eine Organisation wegen ihres gemeinwohlorientierten Zwecks steuerlich begünstigt wird, etwa durch Steuerbefreiungen oder das Recht, steuerlich absetzbare Spendenquittungen auszustellen. Auch staatliche Zuschüsse für die Ferienlager dürfe es nicht mehr geben, so der Aufruf.
Persönliche Vorwürfe werden gegen die Geschäftsführerin der Ontario Camps Association (OCA), Joy Levy, erhoben: »Joy Levy ist eine Zionistin und unterstützt öffentlich Israel und dessen Militär. Sie schürt anti-palästinensischen Rassismus. Auf ihrem Instagram-Profil postet sie unter anderem Bilder, auf denen sie eine israelische Flagge hält, ein Schild mit der Aufschrift ›Free pagers 4 terrorists‹ zeigt und einen israelischen Militärstützpunkt nur einen Kilometer vom Gazastreifen entfernt besucht.«
Man muss schon von der absurden Prämisse ausgehen, dass alle Palästinenser Terroristen seien, um aus dem sarkastischen Slogan »Kostenlose Pager für Terroristen« »anti-palästinensischen Rassismus« zu machen. Im Übrigen richtete sich die Pager-Operation des Mossad nicht gegen palästinensische Terroristen, sondern gegen die libanesische Terrororganisation Hisbollah.
Dürfen Juden Brot essen?
Ein weiterer Anklagepunkt ist die Unterstützung der IHRA-Definition von Antisemitismus. Weil diese nämlich ein Trick der Israelis sei, um »Kritik an Israel« zu delegitimieren, wie es in der Erklärung der Aktivisten heißt. Zudem zeigten alle siebzehn jüdischen Ferienlager in Kanada »auf die eine oder andere Weise Unterstützung für Israel«. Als Beispiel wird von einer Website eines der Ferienlager zitiert, Camp Solelim. »Bei Solelim ›lehren‹ wir Israel nicht, sondern erleben es mit allen Sinnen. Die Klänge der israelischen Top 40 hallen durch das Camp. Die bunten Schilder an den Gebäuden – auf Hebräisch und Englisch. Der Duft von Za’atar auf über dem Lagerfeuer geröstetem Pitabrot.«
Was kann daran anstößig sein? Bei dem gerösteten Brot riechen die Aktivisten ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit: »Dies zeigt nicht nur die Verankerung Israels im Lagerleben, sondern auch die Aneignung westasiatischer und palästinensischer Kultur.« Aneignung? Weil die Kinder Fladenbrot mit Gewürzen essen, rauben sie den Palästinensern und »Westasiaten« ihre Kultur, heißt das. Schon in biblischer Zeit haben Juden Fladenbrote gegessen, aber das werden die Aktivisten wieder nicht glauben.
Kritik richtet sich auch dagegen, dass es unter den Mitarbeitern der Ferienlager israelische Soldaten gebe und der Trauertag Yom HaZikaron für gefallene Soldaten und zivile Opfer des Terrors begangen werde.
Kann man das alles ernst nehmen? Muss man wohl. Wie die Website Canadian Jewish News (CJN) in ihrem Bericht über die Kampagne schreibt, konnten die Just Peace Advocates im Jahr 2024 als »Erfolg« jahrelanger Lobbyarbeit feiern, dass der jüdischen Umweltorganisation Jüdischer Nationalfonds (JNF) der Status der Gemeinnützigkeit in Kanada entzogen wurde.
Auch für diejenigen, die persönlich aufs Korn genommen werden, ist das Unbehagen groß. Joy Levy, deren Fotos ohne ihr Einverständnis für die persönliche Kampagne gegen sie benutzt werden, sagte gegenüber CJN: »Ich will nichts beschönigen, das tut weh und ist hart. Ziel einer solchen Kampagne zu sein, die mich in meiner beruflichen Führungsrolle und aufgrund meiner jüdischen Identität angreift, ist zutiefst persönlich.«
Sie bekenne sich weiterhin zu ihrem stolzen und offen einbekannten jüdischen Zionismus, und das sei etwas, das sie niemals verbergen und für das sie sich nicht entschuldigen werde. »Diese Kampagne wird nichts daran ändern, wer ich bin oder wofür ich stehe. Wir alle wissen, dass Antisemitismus nicht erst im Oktober 2023 entstanden ist. Er hat eine lange und schmerzhafte Geschichte.«
…und palästinensische Sommerlager?
So also sehen jüdische Ferienlager aus. Ganz anders als die palästinensischen. Die Kinder im UNRWA-»Flüchtlingslager« Askar bei Nablus sprechen vor laufender Kamera aus, was sie so lernen: »Wir müssen uns opfern und Märtyrer werden. Und jeder muss unser Land schützen. Wir werden unsere Rechte erhalten. Mit Allahs Hilfe werden die Juden alle sterben. Jerusalem ist die Hauptstadt Palästinas. Es wird für immer uns gehören. Und die Siedler werden alle hingerichtet werden.«
Zu sehen in einem Dokumentarfilm des Jerusalemer Center for Near East Research von David Bedein. Der Film entstand durch die Motivation, herauszufinden, warum aus dem UNRWA-Flüchtlingslager Askar so viele Terroristen kommen. Nur Al-Masimi, Direktorin des Asifah-Sommerlagers der Fatah im Flüchtlingslager Askar, erzählte dem Filmteam von ihrer Tätigkeit:
»Jeden Sommer veranstaltet das Volkskomitee der Lager ein Sommerlager. Wir teilen die Kinder in vier Gruppen ein. Jede Gruppe wird nach einem Shahid [ein bei seinem Anschlag getöteter Terrorist] benannt, um das Erbe des Shahids zu feiern. Die Kinder lernen über das Heldentum der Märtyrer und führen den Weg des Kampfes weiter. Ihre Motivation ist groß. Jedes Kind ist bereit, ein Märtyrer zu sein, um die Prinzipien des Kampfes wie das Recht auf Rückkehr zu bewahren. Mit Allahs Segen wird eine stärkere Intifada ausbrechen, und diese Kinder werden sie anführen.«
In den Sommerlagern der Hamas und des Islamischen Dschihad, die früher im Gazastreifen stattfanden (inzwischen wohl nicht mehr), erhielten die Kinder militärischen Drill und Ausbildung an Waffen. Der Journalist Bassam Tawil berichtete im Dezember 2023:
»Wie in den Vorjahren liegt der Schwerpunkt der Sommerlager darauf, die Jugendlichen mit verschiedenen Waffen vertraut zu machen, darunter die AK-47, Scharfschützengewehre, Panzerfäuste, Mörser und Maschinengewehre. Die Lagerteilnehmer üben den Zusammenbau und die Zerlegung der Waffen, ihre Handhabung und ihren Einsatz und trainieren außerdem den Kampf in Städten und den Tunnelkrieg. Einige der Kurse werden von maskierten Mitgliedern des bewaffneten Flügels der Hamas, den Izz Al-Din Al-Qassam-Brigaden, abgehalten; einige finden sogar in Militärstützpunkten der Hamas statt.«
Das Ziel: jeden Sommer 100.000 Kinder und Jugendliche für einen Krieg um Jerusalem auszubilden. Was die vermeintlich pro-palästinensischen Aktivisten in Kanada umtreibt, sind nicht etwa jene Sommerlager, in denen palästinensische Kinder auf die Rolle als Terroristen und »Märtyrer« – also auf ihren eigenen gewaltsamen Tod, der bereits eingeplant ist – vorbereitet werden, sondern solche, wo jüdische Kinder Fladenbrot essen und israelische Musik hören. Das Bittere ist, dass das kein bisschen überrascht.






