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Palästinenser: Von allen vertreten, aber kaum gehört

Demonstration in New York Ende November. Der Extremismus der »Palästina«-Solidarität hilft den Palästinensern keinen Schritt weiter. (© imago images/Anadolu Agency)
Demonstration in New York Ende November. Der Extremismus der »Palästina«-Solidarität hilft den Palästinensern keinen Schritt weiter. (© imago images/Anadolu Agency)

In der »Palästina«-Solidarität werden Extremismus und Gewalt gepredigt, gemäßigte Palästinenser aber an den Rand gedrängt.

Hamza Abu Howidy

Es war ein Ereignis, das von der Öffentlichkeit fast unbemerkt blieb: Am 12. Dezember 2025 wurden vier Mitglieder einer extremistischen Gruppe namens Turtle Island Liberation Front (TILF) im kalifornischen Lucerne Valley festgenommen. Ihnen wird vorgeworfen, einen groß angelegten Bombenanschlag für Silvester in Südkalifornien geplant zu haben. Die Gruppe soll eine antiwestliche, pro-palästinensische Ideologie vertreten.

Glücklicherweise konnte der Anschlag vereitelt werden, bevor jemand zu Schaden kam. Aber dieser Vorfall verweist auf ein umfassenderes Muster mit weitreichenden Folgen.

Keiner der vier Angeklagten hat jemals in den palästinensischen Gebieten gelebt, weder im Westjordanland noch in Ostjerusalem oder im Gazastreifen. Sie haben weder Besatzung noch Belagerung oder Krieg erlebt, die meisten Palästinenser haben wahrscheinlich noch nie von ihnen gehört. Dennoch sollen sie einen Anschlag auf amerikanischem Boden im Namen Palästinas geplant haben.

Und wie allzu oft werden wahrscheinlich die Palästinenser dessen politische und soziale Konsequenzen tragen müssen. In der öffentlichen Debatte wird selten zwischen denen, die »für Palästina« handeln, und den Palästinensern selbst unterschieden. Jede Gewalttat, die im Namen Palästinas begangen wird, wird zu einer weiteren Last, von der gewöhnliche Palästinenser sich distanzieren, die sie erklären oder für die sie sich entschuldigen müssen, während sie gleichzeitig oft ohne Einfluss auf das Narrativ bleiben, das in ihrem Namen verbreitet wird.

Solche Taten verstärken das Misstrauen, schüren Delegitimierung und stellen Palästinenser unter eine Art permanente moralische Bewährung. Ihre politischen Forderungen werden als grundsätzlich gefährlich dargestellt, während diejenigen, die sich aus der Ferne militanter Rhetorik bedienen, von solchen Auswirkungen weitgehend unberührt in ihr Leben zurückkehren.

Vereinfachte moralische Zweiteilung

Dieser beschriebene Vorfall spiegelt eine Dynamik wider, die seit Langem in Teilen der westlichen Pro-Palästina-Bewegung zu beobachten ist, insbesondere in Kreisen linksextremer Aktivisten. Deren Engagement entsteht größtenteils aus der Perspektive postkolonialer Theorie und radikal-revolutionären Gedankenguts – einer vereinfachten moralischen Zweiteilung zwischen unterdrückten Palästinensern einerseits und einem unterdrückerischen Israel andererseits.

Beeinflusst von Autoren wie Frantz Fanon, der argumentierte, dass die Kolonisierten das moralische Recht hätten, »mit allen notwendigen Mitteln« Widerstand zu leisten, überwachen einige Aktivisten ideologische Grenzziehungen und behandeln abweichende palästinensische Perspektiven als ungenügend authentisch. Diejenigen palästinensischen Stimmen, die am stärksten von Besatzung oder Blockade betroffen sind, finden oft nur bedingt Gehör. Forderungen nach »bewaffnetem Widerstand«, »Freiheitskämpfern« oder »allen notwendigen Mitteln« werden begrüßt, Kritik an solcher Rhetorik wird als Verrat abgetan.

In der Praxis schließt dies ein breites Spektrum palästinensischer Ansichten aus. Palästinenser, die den Schutz der Zivilbevölkerung, Versagen in der Regierungsführung oder gewaltfreie Strategien ins Zentrum rücken, werden oft an den Rand gedrängt. Wie ein westlicher Beobachter feststellte, übertönen Protestparolen und Solidaritätsbewegungen häufig palästinensische Stimmen, die nicht einer einheitlichen Vision des militanten Widerstands entsprechen – Stimmen, die sich auf das normale Leben, die Koexistenz oder die Kritik an bewaffneten Gruppen konzentrieren.

Manar al-Sharif, eine Syrerin palästinensischer Herkunft, die sich 2019 den »Wir wollen leben«-Protesten in Gaza angeschlossen hat und für gewaltfreien Widerstand eintritt, brachte es auf den Punkt: »Diese Leute sind nicht bereit, den Menschen zuzuhören, die diese Realitäten erlebt haben. Es ist wirklich lächerlich.«

Solidarität als Kontrolle über das Narrativ

Das Ergebnis ist paradox. Westliche Aktivisten, die weit entfernt vom Konflikt sind und abgeschirmt von dessen Risiken, definieren zunehmend, was es bedeutet, Palästinenser zu sein. Indem sie militante Strukturen aufwerten und abweichende Meinungen marginalisieren, ermutigen sie unbeabsichtigt Einzelpersonen wie zum Beispiel die Mitglieder der Turtle Island Liberation Front dazu, im Namen eines Kampfes zu handeln, den sie kaum verstehen.

Palästinenser müssen sich währenddessen von Gewalt distanzieren, die sie nicht gebilligt haben, und sich mit Narrativen auseinandersetzen, die weit entfernt vom Gazastreifen, vom Westjordanland oder von Ostjerusalem entstanden sind. Solidarität wird zu einer Form der Kontrolle über das Narrativ, in der palästinensische Stimmen gleichzeitig beansprucht, kontrolliert und übertönt werden.

Gefangen zwischen westlichen ideologischen Projektionen und regionalen autoritären Zwängen, werden die Palästinenser von fast allen vertreten, aber von praktisch niemandem gehört.

In arabischen und muslimischen Ländern ist die Lage nicht weniger kompliziert. Historisch betrachtet war Palästina ein mobilisierendes Anliegen, das als panarabischer oder panislamischer Kampf beschworen wurde. Während der zweiten Intifada und während vergangener Kriege im Gazastreifen kam es zu zahlreichen Demonstrationen. Dieses Mal jedoch gab es in der arabischen Welt weit weniger Proteste als im Westen. Mit Ausnahme großer Demonstrationen in Marokko und mehreren tausend Demonstranten in Amman war die Mobilisierung in der gesamten Region begrenzt.

Die Gründe dafür sind größtenteils struktureller Natur. Seit den Repressionen nach dem Arabischen Frühling 2011 wurden Massenproteste, unabhängig von ihrem Anlass, als direkte Bedrohung für die Stabilität des Staates angesehen. Der Tahrir-Platz in Ägypten, auf dem einst Millionen Menschen Platz fanden, ist heute für öffentliche Versammlungen praktisch gesperrt. Die Golfmonarchien haben die Einschränkungen für Versammlungen verschärft. Jordanien, wo mehr als die Hälfte der Bevölkerung palästinensischer Herkunft ist, erlaubt nur streng kontrollierte Demonstrationen, da eine breitere Mobilisierung die Monarchie destabilisieren könnte.

In anderen Ländern wie beispielsweise dem Sudan hat der innere politische Konflikt die öffentliche Aufmerksamkeit absorbiert und die politische Meinungsäußerung eingeschränkt. Ironischerweise sind es oft gerade die Bevölkerungen, die Palästina geografisch und kulturell am nächsten stehen, jene, die am wenigsten in der Lage sind, Solidarität offen zu zeigen. 

Vehikel für ideologische Ambitionen

Westliche Aktivisten behaupten, die Bestrebungen der Palästinenser zu repräsentieren, während sie diejenigen Palästinenser überschatten, welche die Orthodoxie der Militanz infrage stellen. Die arabischen Öffentlichkeiten sind zwar wohlwollend, werden jedoch von Staatsführungen erstickt, die abweichende Meinungen unterdrücken oder die politischen Risiken einer öffentlichen Mobilisierung als zu hoch einschätzen. Die Palästinenser müssen die Folgen von Gewalt tragen, die in ihrem Namen von weit entfernten Akteuren ausgeübt wird, und dabei zusehen, wie ihre Sache zu einem Vehikel für die ideologischen Ambitionen anderer wird, anstatt ein echtes Streben nach Selbstbestimmung zu sein.

Die Verhaftungen in den Vereinigten Staaten haben die Gefahren eines Handelns im Namen Palästinas ohne Verständnis für die palästinensischen Realitäten ein weiteres Stück mehr offenbart. Wahre Solidarität erfordert Zuhören, die Vielfalt palästinensischer Perspektiven zu verstärken, gewaltfreie Strategien wertzuschätzen und der Versuchung zu widerstehen, entfernte ideologische Rahmenbedingungen aufzuzwingen. Solange dies nicht geschieht, läuft der »Pro-Palästina«-Aktivismus Gefahr, nicht eine Form der Unterstützung zu sein, sondern zu einem weiteren Mechanismus zu werden, durch den palästinensische Geschichten und Zukunftsvisionen ohne deren Zustimmung verzerrt werden.

(Zuerst veröffentlicht in Middle East Uncovered, die deutsche Übersetzung von Florian Hessel haben wir vom Jungle-World-Blog übernommen. Hamza Abu Howidy ist ein in Gaza geborener palästinensischer Friedens- und Menschrechtsaktivist, der in Deutschland lebt.)

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