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Offener Brief von Erwin Javor an Eva Menasse

Die Schriftstellerin Eva Menasse. (© imago-images/Manfred Segerer)
Die Schriftstellerin Eva Menasse. (© imago-images/Manfred Segerer)

In einem offenen Brief wendet sich der Gründer von Mena-Watch an die österreichische Schriftstellerin Eva Menasse, die bei der »Hijacking Memory«-Konferenz ihn selbst und Mena-Watch diskreditiert hat.

Liebe Leserinnen und Leser,

ich bin der Gründer von Mena-Watch und versuche seit einem Jahrzehnt, eine breitere Sichtweise einer viel diskutierten Region bereitzustellen. Es ist das erste Mal seit zehn Jahren, dass Mena-Watch an dieser Stelle einen offenen Brief von mir veröffentlicht. Das mag nicht besonders elegant sein, aber Verleumdung und Verhöhnung von Mena-Watch und meiner Person müssen beantwortet werden, auch wenn die handelnden Personen nicht annähernd so wichtig sind, wie sie sich nehmen. Ich hoffe, Sie sehen mir diesen emotionalen Anfall nach.

Wir wollen Sie weiterhin einfach nur seriös informieren. Lesen Sie also nicht weiter, außer Sie sind Eva Menasse.


Liebe Eva,

es geht um deinen Auftritt bei der Veranstaltung »Hijacking Memory« mit Hanno Loewy am 11. Juli in Berlin. Mein persönliches Mail an dich blieb unbeantwortet. Nun, wenn du dich nur publizistisch und vor Kameras zu bestimmten Themen austauschen und äußern möchtest, soll mir das auch recht sein.

Zum Video: »Hanno Loewy und Eva Menasse: Andere (Täter-)Länder, andere Sitten?«

Deine Angriffe auf Mena-Watch und auf mich ad hominem sind empörend. Ich bekomme laufend Anrufe, Nachrichten und Mails von Freunden – auch deinen Freunden –, die das ähnlich sehen. Von denen, die sich in Publikationen von FAZ bis SZ schon öffentlich höchst erstaunt über dich geäußert haben, rede ich jetzt noch gar nicht.

Wenn ich dich und deinen Kumpel Loewy, eure Worte und nicht zuletzt dein Nichtwidersprechen am Podium besagter Veranstaltung richtig verstehe, dann ist Mena-Watch eine »toxische Plattform für memory hijacking«, die nur »islamfeindliche Propaganda« publiziert, »ein Ort anti-deutscher Propaganda, die in Wirklichkeit deutsch-nationalistische Propaganda geworden ist … und vor allem anti-muslimische Propaganda« verbreitet. Sagt Loewy.

Für dich ist Mena-Watch »ein urdeutsches, also anti-deutsches Nest der Wahnsinnigen«, und du beichtest, verschämt kichernd und peinlich berührt zu Boden schauend: »Ich kenn’ den sogar, der das finanziert.«

Eine Stimme aus dem Publikum meldet dann pflichtbewusst seine Google-Recherche: »Der Financier von Mena-Watch ist ein älterer, ungarisch-stämmiger Jude, ein jüdischer, österreichischer Industrieller.« »Es ist einfach ein Jude.« Wie das für auch nur annähernd sensibilisierte Ohren klingt, ist sogar in der SZ schon thematisiert worden. Nämlich nach dem geheimnisvollen jüdischen Financier, der, wie immer natürlich, im Hintergrund an der jüdischen Weltverschwörung arbeitet. Das ist reiner Nazi-Sprech und könnte auf jeder AfD-Veranstaltung wortgleich wiederholt werden.

Ist dir eigentlich bewusst, dass wir auf Mena-Watch seit mehr als zehn Jahren über 12.000 Beiträge zu über zwanzig Ländern der MENA-Region (Middle East and North Africa) publiziert haben? Mit solchen Äußerungen werden Dutzende Mena-Watch-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter, mehrere promovierte, zwei in Vollzeit angestellte Politikwissenschaftler und, abgesehen von mir, noch ein weiterer Jude im Team desavouiert.

Ja, ich bin Jude. Darum bin ich in erster Linie darauf bedacht, dass Juden nicht mehr gedemütigt, verfolgt und ermordet werden oder, noch schlimmer, ganz von der Landkarte verschwinden.

Es sollten auch dir die Antisemiten, auch wenn sie von links kommen, also durchaus nicht »wurscht« oder nur selektiv ein Ärgernis sein. In einem ZEIT-Interview sagst du, dass man (in der Palästinenserfrage) mehr auf die jüdischen Stimmen hören sollte. Da bin ich ganz bei dir. Aber wer wird bestimmen, wer diese jüdischen Stimmen sind? Du oder Dr. Karl Lueger, unter anderem berühmt ist für den Sager: »Wer ein Jud’ ist, das bestimme ich«?

Belege doch anhand von konkreten Beispielen, welche Artikel genau und wie viele davon und warum »rechts« oder »islamfeindlich« sein sollen. Vielleicht Berichte über judenfeindliche Texte in Schulbüchern, mit denen palästinensische, arabische Kinder in ihren Herzen und Hirnen von klein auf vergiftet sozialisiert werden?

Selbst wenn wir ohne weiteres Nachdenken bei der alten und anachronistischen Rechts-links-Punzierung bleiben, gibt es viele verschiedene Linke: linke Linke, rechte Linke und andere Gruppierungen wie Stalinisten, Trotzkisten, Maoisten usw. Weder du noch Loewy sprechen für sie alle.

Schon die linksradikale RAF war zwar immer gegen Nazis, aber auch immer gegen Juden bzw. Israelis. Erinnerst du dich an Entebbe? Im Kampf gegen Israel wurde ein Flugzeug entführt und wurden Juden unter den Passagieren selektiert. Diese »Revolutionäre« haben zwar die Methoden ihrer Nazi-Eltern immer kritisiert, aber schlussendlich doch kopiert.

Bekanntlich sind die Linken untereinander komplett zerstritten, und jede und jeder hat das Rad neu erfunden. Verstehe mich nicht falsch, mir ist das durchaus sympathisch. Es erinnert mich an die jüdische Diskussionskultur.

Ein großer Teil der Linken, und ich gebe zu, das sind eher »meine« Linken, haben de facto viel geleistet, sodass sie jetzt im politischen Spiel das Problem haben, sich auf dem Weg in die Zukunft neu definieren zu müssen, weil sie viele ihrer Anliegen bereits umgesetzt haben. Arbeitnehmerrechte, Gemeindebau, Krankenversicherung, Gesundheitsvorsorge oder Sozialleistungen würden sich nicht einmal die Rechtesten noch abzuschaffen trauen. In Israel haben Linke jahrzehntelang den Staat aufgebaut, die Kibbuz-Bewegung gegründet und sich gegen Araber verteidigt, die mit Hitler kollaboriert haben. So viel zu der Hypothese, ich sei rechts.

Um eine österreichische Variante nicht zu vergessen: Deine völlig unkritische Bewunderung für Bruno Kreisky in allen Ehren, aber seine dunkle Seite, sein jüdischer Selbsthass, seine kategorische Abneigung gegen Israel und seine antisemitischen Sprüche sind noch lange nicht aufgearbeitet. Stichwort Wiesenthal-Affäre, Packelei mit der FPÖ und mit SS-Obersturmführer Peter, Scrinzi und ehemalige SS-Nazis mit Ministerposten im rein roten Regierungskabinett.

Eine SPÖ-FPÖ-Regierung, die du auch absichtlich vergessen hast, in diesem Video zu erwähnen, fand 1983 also sehr wohl noch vor der Blütezeit von Jörg Haider statt.

Deine kontinuierlich demonstrierte selektive Wahrnehmung, wie menschlich sie auch sein mag, lässt dich anmaßend klingen, indoktriniert erscheinen, als gefangen im eigenen Lagerdenken und gouvernantenhaft (© Bruno Kreisky).

Sogar dein Ko-Diskutant Loewy und Leberkäs-Semmel-Schwurbler – Woody Allen hätte ihn in einem Film als Museumsdirektor nicht besser fehlbesetzen können – hat angemerkt, dass Kreisky die »Nazi-Zeit nicht aktiv thematisiert« hat und »bereit« war, »mit dem Teufel zu paktieren«. Bruno Kreisky war trotzdem der bedeutendste Kanzler Österreichs, der für dieses Land und für die Bevölkerung Großes geleistet hat. Sein Wirken hat Österreich positiv verändert, er war ein Glücksfall, ein kluger Kopf.

»Lernen Sie Geschichte, Herr Redakteur!« hat er gemeint. Solltest du auch.

Worauf es bei wahren Intellektuellen ankommt, ist, dass sie die andere Seite hören und analysieren, auch wenn sie ihnen gerade nicht ins Konzept passt. Intellektuelle sind Zweifler. Wie Wissenschaftler, für die es selbstverständlich ist, ihre eigenen Ergebnisse einer Falsifizierung zu stellen, um sie zu validieren.

Dein Auftritt bei dieser Veranstaltung ist leider ein Beweis für meine These, dass es nie gut ist, seine eigene Meinung als allein selig machend zu betrachten.

Übrigens: Dein Vater war eines meiner Vorbilder, ein großartiger, liberal denkender, gebildeter und hochanständiger Mann. »Der Hitler hat mich zum Juden gemacht«, hat er einmal zu mir gesagt. Er war klug. Er wusste nämlich, dass er nach den anerkannten Regeln der Halacha kein Jude war. Nur nach den Nürnberger Gesetzen war er es, und das unfreiwillig. Darum war es für mich auch Ehrensache, deiner Bitte nachzukommen, für ihn an seinem offenen Grab Kaddisch, das Totengebet, zu sagen.

Egal, es gibt Wichtigeres als deine Stellungnahmen. Viel Wichtigeres! Du wirst dich noch erinnern, was man in Wien zum Abschied sagt:

Baba und fall net!

Erwin

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