Nicht nur in den Schlagzeilen, sondern auch in vielen Zeitungsberichten über die Geschehnisse im Libanon kommen die Hisbollah und ihre Angriffe auf Israel so gut wie nicht vor.
Hier eine kleine Auswahl an Überschriften aus österreichischen Zeitungen der vergangenen Tage: »Israel attackiert weiter den Libanon« (Kleine Zeitung, 29. Mai), »Israel weitet Offensive aus« (ebd., 1. Juni), »Israel hisst Flagge über Burg im Libanon« (Salzburger Nachrichten, 1. Juni), »Netanjahu lässt Beirut angreifen« (ebd., 2. Juni), »Israel weitet Angriff im Libanon und Gaza aus« (Standard, 28. Mai), »Israel stößt im Libanon vor« (ebd., 1. Juni), »Israel rückt im Libanon so weit vor wie seit 26 Jahren nicht mehr« (ebd.), »Netanjahu ordnet Angriffe auf Hisbollah-Ziele in Beiruter Vororten an« (ebd., 2. Juni), »Zum Scheitern verurteilt. Israels Vormarsch im Libanon« (ebd.). Die Auflistung ließe sich noch mühelos verlängern.
Was haben diese Überschriften gemeinsam? Sie alle blenden das reale Geschehen im Libanon aus, indem sie sich ausschließlich auf Israel konzentrieren und die Hisbollah komplett außen vor lassen.
In den dazugehörigen Artikeln sieht es nicht anders aus. Dass die Hisbollah Tausende Raketen- und Drohnenangriffe auf Israel unternommen hat, die sich sogar auf Akko und Vorstädte von Haifa erstreckten, wird in der Berichterstattung in den zitierten Artikeln fast komplett ausgeblendet. Wenn überhaupt Kriegshandlungen der Hisbollah erwähnt werden, dann unter ferner liefen, in knappen Worten, ganz am Ende der Texte.
Das Leid, das der Krieg für die Menschen in Teilen des Libanon mit sich bringt, wird in teils ausführlichen und Empathie hervorrufenden Reportagen hervorgestrichen. Dass auch in Israel Menschen vom Krieg betroffen sind, wird in aller Regel mit keinem Wort erwähnt. Dass im Norden des Landes – erneut – der Schulbetrieb weitgehendeingestellt werden musste und den Menschen bei den ständigen Raketenalarmen nur wenige Sekunden bleiben, um in Bunkern Schutz zu suchen, scheint für die hiesigen Medien völlig irrelevant zu sein. Einfühlsame Reportage über von Hisbollah-Raketen terrorisierte Israelis? Komplette Fehlanzeige.
De-Realisierung
Diese Art der Berichterstattung erweckt den Eindruck, als würde Israel nicht eine vom Iran gesteuerte und ausschließlich dessen Interessen dienende, islamistische Terrororganisation bekämpfen, sondern »den Libanon«. Glaubt man dieser Darstellung, muss sich das Bild verfestigen, dass hier eigentlich kein Krieg stattfindet, an dem zwei Parteien beteiligt sind, sondern ausschließlich israelische Angriffe auf eine wehrlose Bevölkerung.
Diese De-Realisierung folgt genau dem Muster, das aus dem Krieg gegen die Hamas nach dem Massaker in Israel am 7. Oktober 2023 bekannt ist und sich in der internationalen Öffentlichkeit festgesetzt hat. Liest man etwa die südafrikanischen Vorwürfe gegen Israel beim Internationalen Gerichtshof wegen angeblichen Völkermords, die Israel wegen eines herbeigelogenen Genozids an den Pranger stellenden Berichte von UN-Institutionen und Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International oder die Vorwürfe des Internationalen Strafgerichtshofs wegen angeblicher israelischer Kriegsverbrechen, es ist immer dasselbe: Die Hamas mit ihren Zigtausend Kämpfern kommt darin als kriegführender Akteur so gut wie nicht vor.
Das rund 1.000 Kilometer lange Tunnelsystem der Hamas, das de facto zwei Millionen Palästinenser zu menschlichen Schutzschilden der Terrorgruppe gemacht hat, und der systematische Bruch so gut wie aller Regeln des humanitären Völkerrechts durch die Hamas werden kaum erwähnt. Von israelischen Geiseln ist diesen Machwerken genauso wenig die Rede wie von den Tausenden Raketen, die von der Hamas wahllos auf israelische Zivilisten abgefeuert worden waren, solange sie dazu noch in der Lage war. Dass die palästinensischen Opfer des Krieges keineswegs ausschließlich Zivilisten sind, sondern sich darunter auch zigtausende Kämpfer von Hamas und anderen Terrorgruppen befinden, rundet die grobe De-Realisierung noch weiter ab.
Aus der berechtigten Selbstverteidigung Israels gegen Terrororganisationen wie Hamas und Hisbollah wird auf diese Weise jener angeblich »systematische Angriff auf die Zivilbevölkerung«, der in den Haftbefehlen des IStGH Premier Benjamin Netanjahu und dem ehemaligen Verteidigungsminister Yoav Gallant zum Vorwurf gemacht wird.
Lobenswerte Gegenbeispiele
Erschreckende Inkompetenz spielt in manchen Fällen sicherlich eine Rolle, aber das Ausmaß der medialen Verzerrungen, Ausblendungen und groben Verkürzungen zwingt zu der Vermutung, dass hier zumindest teilweise mit Absicht Desinformation betrieben wird. Mit der Realität, aktuell im Libanon, hat diese einseitige Berichterstattung jedenfalls wenig zu tun.
Dieser harsche Befund soll aber nicht verdecken, dass es auch lobenswerte Gegenbeispiele gibt. Ausgerechnet in der Kronen Zeitung, mit der Mena-Watch in der Vergangenheit zahlreiche Sträuße auszufechten hatte, waren am Dienstag die Basisbanalitäten zu lesen, die von zahlreichen anderen Medien ausgeblendet werden. So schrieb Christian Hauenstein über die unter dem Krieg leidenden Libanesen und setzte dann fort:
»Allerdings ist es nicht – wie so oft falsch behauptet – Israel, das Schuld am Leid dieser Menschen trägt. Schuld trägt die mit dem Iran verbündete schiitische Terrormiliz Hisbollah, die den Libanon und seine Bewohner im Würgegriff hält. Es war die Hisbollah, die den Krieg mit Israel zum wiederholten Male vom Zaun gebrochen hat. Es ist die Hisbollah, die den Norden Israels seit Jahren mit Tausenden Raketen beschießt, sodass ganze Landstriche unbewohnbar sind. Es ist die Hisbollah, die Israel vernichten möchte.«
Und in der Zeit im Bild 1, der Hauptnachrichtensendung des ORF-Fernsehens, meinte unlängst ein junger Reporter aus dem Libanon, dass die israelischen Bombardements und die ausbleibenden iranischen Geldlieferungen dem Land eine einmalige Chance böten, sich der Hisbollah zu entledigen (ZiB1, 23. Mai). Unglaublich, was plötzlich möglich ist, seit der langjährige ORF-Korrespondent für den arabischen Raum, Karim El-Gawhary, seinen Hut nehmen musste. Bleibt zu hoffen, dass in den ORF-Nachrichtenredaktionen wirklich die Zeit vorbei ist, in der die Libanon-Berichterstattung v. a. darin bestand, weitgehend ungefiltert die Sichtweisen der Hisbollah weiterzugeben.






