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Wie die New York Times die Wahrheit für den Pulitzer-Preis opfert

Täuschung durch Auslassung: Die New York Times, ein Foto und der Pullitzer-Preis
Täuschung durch Auslassung: Die New York Times, ein Foto und der Pullitzer-Preis (© Imago Images / NurPhoto)

Wenn journalistische Täuschung mit dem höchsten Preis der Branche gekrönt wird, ist das kein Versehen, sondern System. Die Verleihung des Pulitzer-Preises an die New York Times für manipulierte Gaza-Bilder markiert den moralischen Bankrott eines einstigen Leitmediums.

Es gibt Augenblicke, in denen die Fassungslosigkeit über die Erosion journalistischer Standards physisch spürbar wird. Wenn die Nachricht über die Verleihung des diesjährigen Pulitzer-Preises für Breaking-News-Fotografie an Saher Alghorra von der New York Times die Runde macht, ist ein solcher Augenblick erreicht. Hier handelt es sich um eine Auszeichnung, die nicht nur Fragen aufwirft, sondern tief in den Abgrund einer Medienwelt blicken lässt, die sich offensichtlich mehr dem Narrativ als der Redlichkeit verpflichtet fühlt.

Erinnern wir uns an jenes Bild, das um die Welt ging: Ein achtzehn Monate alter Junge auf der Titelseite der New York Times, die Rippen schmerzhaft hervortretend, die Wirbelsäule unter der dünnen Haut deutlich sichtbar. »Gazans« prangte als Schlagzeile darüber. Das Kind, Fadi al-Zant, wurde zum Poster Child für eine vermeintlich von Israel verursachte »Hungersnot«. Doch was die Redaktion den Lesern aufgetischt hatte, war eine bewusste Täuschung durch Auslassung.

Der gesunde Zwillingsbruder von Fadi al-Zant, der im Originalbild direkt danebenstand, wurde schlichtweg aus dem Rahmen geschnitten. Warum? Weil ein verhältnismäßig heiles Kind nicht in die Erzählung des drohenden Hungertodes passt.

Noch gravierender wog das Verschweigen der medizinischen Realität: Der abgebildete Junge litt an Zerebralparese und einer schweren genetischen Störung. Sein physischer Zustand war keine unmittelbare Folge des Krieges, sondern einer chronischen Erkrankung, die bereits lange zuvor bestand. Die New York Times wusste dies – oder hätte es wissen müssen. Als die Wahrheit ans Licht kam, erfolgte die Korrektur nicht mit derselben Vehemenz wie die ursprüngliche Anklage. Man »vergrub« die Richtigstellung auf einem Nebenkanal, fernab der großen Reichweite, während das manipulierte Narrativ bereits seine toxische Wirkung entfaltet hatte.

Aufstieg eines »Augenzeugen«

Die Tatsache, dass der nun prämierte Saher Alghorra seine Laufbahn 2017 ohne klassisches Volontariat, sondern lediglich mit dem Erhalt seiner ersten Kamera begann, muss für sich genommen noch kein fachliches Urteil bedeuten. Schließlich kennt die Geschichte der Fotografie glänzende Autodidakten und Quereinsteiger, die ohne formale Ausbildung Weltruhm erlangten: Man denke an den großen Sebastião Salgado, der eigentlich Ökonom war, oder an Henri Cartier-Bresson, der aus der Malerei kam. Auch die legendäre Vivian Maier oder Gordon Parks bewiesen, dass der instinktive Blick oft schwerer wiegt als ein Diplom.

Doch während diese Ikonen ihre Unabhängigkeit nutzten, um universelle Wahrheiten einzufangen, offenbart das Fehlen einer tiefgreifenden journalistischen Sozialisation bei Alghorra ein gravierendes Defizit: die Abwesenheit eines ethischen Korrektivs. Denn Alghorra agiert nicht als neutraler Beobachter, sondern offen als Nachrichtenreporter, der die Grenzen zwischen Dokumentation und politischem Aktivismus bewusst verwischt. Sein Selbstverständnis scheint weniger das eines Berichters zu sein, der Licht ins Dunkel bringt, sondern vielmehr das eines medialen Akteurs, der Bilder als Munition im Informationskrieg begreift. Dass es sich dabei nicht um einen isolierten handwerklichen Fehler handelt, erkennt man daran, dass Saher Alghorra diesbezüglich kein unbeschriebenes Blatt ist.

Am 7. Oktober, während die Hamas eines der grausamsten Massaker der jüngeren Geschichte verübte, dokumentierte er nicht nur die Ereignisse, sondern fungierte de facto als Verstärker der terroristischen Propaganda. Er verbreitete Bilder von Raketenangriffen und übernahm dabei ungefiltert die Rechtfertigungsnarrative der Hamas, als handele es sich um objektive Fakten. Seine moralische Verortung wurde bereits im Vorjahr deutlich, als er die entführten und als Geiseln gehaltenen israelischen Kinder Kfir und Ariel Bibas als bloße »Gefangene« titulierte – eine semantische Verharmlosung, die Opfern von Kriegsverbrechen ihren Status abspricht.

Besonders perfide wird es, wenn andere Leitmedien wie die Washington Post diese Manipulationen nachträglich nicht etwa aufarbeiten, sondern moralisch adeln. In Berichten wird zwar die medizinische Komplexität von Fadis Zustand erwähnt, doch sofort in ein rein politisches Kausalitätsgefüge gepresst. Man räumt zwar ein, dass er spezifische Enzyme benötigt, macht aber ausschließlich »israelische Beschränkungen« für seinen Zustand verantwortlich.

Dass Fadi schließlich über Ägypten in die USA ausgeflogen wurde, um in einer Spezialklinik in Michigan behandelt zu werden, feiert die Washington Post als Erfolg der medialen Kampagne. Es wird nicht mehr gefragt: »War die Geschichte wahr?«, sondern nur noch: »Hat die Geschichte die gewünschte Wirkung erzielt?« Die Zeitung reflektiert mit keinem Wort die Folgen der ursprünglichen Fake News. Sie behandelt die emotionale Viralität als legitimes Mittel zum Zweck. Dies ist die Definition von Propaganda, die sich als Philanthropie tarnt.

Grabstein des Journalismus

Die Verantwortung für diese Entscheidung trägt eine Jury aus der internationalen Medienelite. Unter dem Vorsitz von Lauren Walsh (New York University & James W. Foley Legacy Foundation) entschieden Experten wie Sandy Ciric (Getty Images) und die ehemalige Foto-Editorin Nikki Kahn über die Vergabe. Flankiert wurden sie von Jacqueline Larma (Associated Press) und Adrees Latif (ehemals Reuters Pictures). Dass der mit 15.000 US-Dollar dotierte Preis von den vermeintlichen Hütern journalistischer Integrität verliehen wurde, verleiht der Prämierung eine weitere bittere Note.

Doch die New York Times selbst handelte wider besseres Wissen: Sie kannte die irreführende Natur des Fotos, wusste von der ideologischen Nähe des Fotografen zur Hamas und förderte ihn trotzdem. Dies ist kein Journalismus, sondern das Kuratieren einer Fälschung – ein Prozess, bei dem Fakten der politischen Agenda geopfert werden. Die Adelung dieses Konstrukts durch den Pulitzer-Preis markiert den finalen Akt einer Farce. Es zeigt, dass Kontrollinstitutionen selbst Teil des Problems geworden sind: Belohnt wird nicht mehr die Wahrheit, sondern die Durchsetzungsfähigkeit bei der Verbreitung ideologisch genehmer Unwahrheiten. Die New York Times hat ihre Falschmeldung nicht nur verteidigt, sie hat sie zur preisgekrönten Kunstform erhoben.

Doch die Folgen reichen weit über den journalistischen Sündenfall hinaus. Wenn ein Kind unter Auslassung medizinischer Fakten als Opfer einer vermeintlich jüdischen Grausamkeit inszeniert wird, bedient dies die klassische Ritualmordlegende. Solche Bilder wirken als Brandbeschleuniger für einen modernen Antisemitismus, der sich als humanitäre Sorge tarnt, aber auf jahrhundertealten Dämonisierungen fußt. Die preisgekrönte Lüge liefert hierbei die visuelle Rechtfertigung für den Hass. Dieser Prozess nutzt Palästinenser als statistische Requisiten, um ein Narrativ zu stützen, während die wahren Urheber des Leids geschont werden. Würde jemals mit derselben Akribie nach der Verantwortung der Hamas gefragt, die diesen Krieg am 7. Oktober erst vom Zaun brach?

Wenn die Grenze zwischen Berichterstattung und Propaganda derart fließt, dass Manipulationen Lorbeeren ernten, dann ist das Fundament des freien Diskurses zerstört. Diese Entwicklung gefährdet Menschenleben – primär jene von Juden und Israelis, die unmittelbar zur Zielscheibe der daraus resultierenden Hetze werden. Letztlich betrifft es jedoch die ganze Gesellschaft. Politiker und Publizisten, Wissenschaftler und Wähler verlieren die Basis für eine rationale Urteilsfindung, wenn die Trümmer der Wahrheit den Weg versperren. Dieser Preis für Saher Alghorra ist kein Sieg für die Aufklärung, sondern ein Sargnagel für die Glaubwürdigkeit des westlichen Journalismus.

Es ist tragische Ironie, dass dieser Preis das Erbe Joseph Pulitzers trägt. Der jüdische Einwanderer kam 1864 mittellos aus Ungarn in die USA, kämpfte im Bürgerkrieg gegen die Sklaverei und arbeitete sich zum Zeitungsverleger hoch. Er steigerte die Auflage der New York World spektakulär um das Vierzigfache und stiftete schließlich das Vermögen für die Columbia School of Journalism. Dass eine auf seinem Aufklärungswillen fußende Institution nun Bilder adelt, die wie moderne Ritualmordlegenden wirken, markiert den absoluten Tiefpunkt einer stolzen Tradition.

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