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New York Times: „Mächtige Rabbis üben Druck auf US-Demokraten aus“

Demonstration gegen die 2019 veröffentlichte antisemitische Karikatur der New York Times
Demonstration gegen die 2019 veröffentlichte antisemitische Karikatur der New York Times (© Imago Images / Pacific Press Agency)

Wie sich die New York Times erklärt, dass Alexandria Ocasio-Cortez bei der Abstimmung über den Iron Dome nur ihrer Stimme enthielt und nicht mit „Nein“ votierte.

Catie Edmondson, die für die Berichterstattung aus dem US-Kongress zuständige Reporterin der New York Times, glaubt, „mächtige“ und „einflussreiche“ „Rabbis“ in der Demokratischen Partei übten Druck auf Kongressabgeordnete aus, damit diese gegen „ihre Prinzipien“ handelten. Das behauptete Edmondson letzte Woche in einem Beitrag, in dem es um die Abstimmung über die Finanzierung des israelischen Raketenabwehrsystems Iron Dome ging.

Nachdem ein Screenshot der Passage in den sozialen Medien viral gegangen war, entfernte die New York Times die Worte über die mächtigen und tückischen Rabbiner kommentarlos aus dem Onlineartikel; sie standen allerdings am nächsten Tag in der Druckausgabe.

Edmondson und die New York Times transportierten damit in wenigen Worten zahlreiche antisemitische Klischees: das von der jüdischen Macht; von den Juden, die ihren eigenen Vorteil im Blick haben; von den Juden, die hinter den Kulissen die Strippen ziehen; von den Juden, die das Parlament kontrollieren; und das von den Juden als dem Volk Satans, der danach trachtet, Menschen vom Pfad der Tugend abzubringen.

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Der Anlass von Edmondsons Rede über die tückischen „Rabbis“war die überraschende Änderung des Abstimmungsverhaltens der Abgeordneten Alexandria Ocasio-Cortez.

Der Hintergrund: Bei der Abstimmung über den Staatshaushalt, der auch eine Milliarde US-Dollar für das israelische Raketenabwehrsystem Iron Dome enthielt, hatten neun der Abgeordneten der Demokraten im US-Repräsentantenhaus ihre Zustimmung verweigert, darunter die als Squad („Truppe“) bekannte Gruppe antiisraelischer Abgeordneter: Ilhan Omar, Rashida Tlaib, Alexandria Ocasio-Cortez, Ayanna Pressley und Cori Bush.

Weil die Demokraten damit nicht mehr auf die notwendige Mehrheit von 218 Stimmen kamen (die Republikaner liegen in der Budgetfrage derzeit mit den Demokraten im Clinch und verweigerten deshalb geschlossen die Zustimmung zum Haushaltsentwurf), ließ der demokratische Mehrheitsführer Steny Hoyer getrennt über Iron Dome abstimmen. So konnte dessen Finanzierung dann auch mit den Stimmen der Republikaner gesichert werden.

Ocasio-Cortez‘ Umschwenken …

Eine Abgeordnete des Squad schwenkte allerdings in letzter Minute um: Alexandria Ocasio-Cortez, die von Journalisten immer wieder als die „Anführerin“ der Truppe bezeichnet wird, änderte bei der Abstimmung über Iron Dome ihre Stimme von „Nein“ auf „Anwesend“, was eine Stimmenthaltung bedeutet. Anschließend brach sie in Tränen aus und musste getröstet werden, ein Verhalten, das in der 233-jährigen Geschichte des US-Kongresses sicherlich noch nicht oft vorgekommen ist.

In einer langen Stellungnahme, die Ocasio-Cortez im Internet veröffentlichte, erklärte sie anschließend sinngemäß, dass sie sich daran gestört habe, wie schnell Hoyer die Abstimmung über Iron Dome auf die Tagesordnung gesetzt habe und dass er nicht ihrem Wunsch nachgekommen sei, ihr Zeit zu geben, um sich mit ihrer Wählerbasis zu beraten.

Dazu muss man sagen, dass Ocasio-Cortez nicht bekannt dafür ist, Verständnis für Parteifreunde zu haben, die aus dem Parteikonsens ausscheren: Als Joe Manchin, ein demokratischer US-Senator aus West-Virginia, im Sommer seine Zustimmung zu einer weitreichenden Wahlrechtsreform verweigerte und dies damit begründete, dass ein solches Projekt von beiden Parteien mitgetragen werden müsse, warf Ocasio-Cortez ihm vor, von „Lobbyisten“ und „dunklem Geld“ manipuliert zu sein (und das, obwohl sie selbst ihre Politkarriere einzig der Lobbygruppe Justice Democrats verdankt, die Ocasio-Cortez und elf andere 2018 nach einem Casting unter 12.000 Bewerbern ausgewählt hatte, um ihr in den Kongress zu verhelfen, zusammen mit elf anderen, darunter Ilhan Omar, Rashida Tlaib und Ayanna Pressley).

Warum Ocasio-Cortez nun eigentlich bei der Abstimmung über Iron Dome mit „Anwesend“ statt mit „Nein“ gestimmt hat, geht aus ihrer Erklärung nicht hervor. Ron Kampeas von der jüdischen Nachrichtenagentur JNS spekulierte auf Twitter darüber, dass sie sich darauf vorbereite, 2022 gegen den amtierenden demokratischen US-Senator aus New York, Chuck Schumer, anzutreten. Ocasio-Cortez hat einen solchen Schritt ausdrücklich nicht ausgeschlossen.

Wahr ist: Knapp zwei Drittel der Amerikaner (64 Prozent) stehen laut einer Pew-Umfrage an der Seite Israels. Und die Demokratische Partei in New York – wo acht Prozent der Bevölkerung jüdisch sind – hat eine lange Geschichte der Freundschaft zu Israel. Als antiisraelische Hardlinerin kann Ocasio-Cortez Schumer, den am längsten amtierenden US-Senator, sicherlich nicht schlagen. Darum könnte es nun tatsächlich das Kalkül von „AOC“ sein, sich geläutert zu geben.

… und was die New York Times daraus macht

Aber das ist nicht die Geschichte, die Catie Edmondson und die New York Times ihren Lesern erzählen. Bei ihnen ist Ocasio-Cortez Opfer finsterer jüdischer Mächte. In dem Bericht der Druckausgabe heißt es:

„Minuten vor Schluss der Abstimmung kuschelte sich Frau Ocasio-Cortez unter Tränen mit ihren Verbündeten zusammen, bevor sie ihre Stimme auf ‚Anwesend‘ umstellte. Das Bild unterstrich, wie schmerzlich die Abstimmung selbst für ausgesprochene Progressive war, die gefangen waren zwischen ihren Prinzipien und den immer noch mächtigen pro-israelischen Stimmen in ihrer Partei, wie einflussreichen Lobbyisten und Rabbinern.“

Sicherlich sind unter den Unterstützern Israels in der Demokratischen Partei auch Rabbis. Aber zum einen sind sie eine winzige Minderheit unter all den Freunden Israels, die keine Rabbiner sind – was die Frage aufwirft, warum sie überhaupt erwähnt werden.

Zum anderen sind sie nicht „mächtig“. Sie beteiligen sie sich an der innerparteilichen und öffentlichen Debatte in ihrer Eigenschaft als Bürger und Wähler, mit denselben Mitteln wie alle anderen – und nicht als „mächtige Rabbis“, die mit unlauteren Mitteln im Geheimen die Strippen zögen.

Israel ist in den USA populär, dazu bedarf es keines Drucks; wenn der neugewählte New Yorker Bürgermeister Eric Adams sagt: „Ich liebe die Menschen in Israel, das Essen, die Kultur, den Tanz, alles in Israel“, dann tut er das doch nicht, weil „Rabbis“ oder „einflussreiche Lobbyisten“ ihn dazu zwingen würden.

Antisemitische Historie der New York Times

Catie Edmondsons Beitrag ist nicht untypisch für die New York Times. 2017 veröffentlichte das Blatt einen Gastbeitrag des in Israel wegen fünf ihm nachgewiesenen Morden inhaftierten palästinensischen Terroristenführers Marwan Barghouti. In der Autorenzeile unter dem Text wurde Barghouti als „ein palästinensischer Führer und Parlamentarier“ vorgestellt.

In den letzten Jahren hat die New York Times immer wieder mit antisemitischen Karikaturen für Empörung gesorgt. Eine davon stellte den damaligen US-Präsidenten Donald Trump als einen blinden Juden mit Kippah dar, der von dem als Hund dargestellten israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu geführt wird, am Hundehalsband ein Davidstern als Hundemarke.

Der Vorstand der New York Times entschuldigte sich dafür – um nur Tage später die nächste antisemitische Karikatur zu veröffentlichen. Diese zeigte Netanjahu mit riesigen, schwarzen, toten Augen, offenbar in einer Wüste. In der einen Hand hält er einen Selfie-Stick, in der anderen ein Tablet mit einem Davidstern, in eben jener Form, wie sich Künstler seit Jahrhunderten die Tafeln mit den Zehn Geboten vorstellen, die Moses laut der Bibel auf dem Berg Sinai von Gott empfing.

Es scheint, dass antisemitische Vorstellungen und Bilder so verbreitet und alltäglich sind, dass sie den Machern der Zeitung nicht einmal mehr auffallen. Die Journalistin Ira Stoll vom jüdisch-amerikanischen Magazin Algemeiner weist darauf hin, dass die New York Times in ihren Leitartikeln immer wieder dazu aufrufe, sich Antisemitismus entgegenzustellen. Stoll fügt hinzu: „Ein guter Ort, um damit anzufangen, wäre ihre eigene Kongressberichterstattung.“

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