Latest News

»Nakba-Demo«: Israelhass in Hamburg

Gegenkundgebung zur »Nakba-Demo« in Hamburg
Gegenkundgebung zur »Nakba-Demo« in Hamburg (© Silke Opfer)

Vor dem Hamburger Rathaus demonstrierten am 16. Mai aus Anlass des sogenannten »Nakba-Tags« Linke und Islamisten gemeinsam mit Flaggen der Islamischen Republik gegen Israel.

Dabei verbrannten sie vor laufender Kamera eine israelische Flagge. Die Polizei griff nicht ein. Der Hamburger Staatsschutz ermittelt nun gegen Unbekannt wegen des Verdachts der Verletzung von Flaggen und Hoheitszeichen ausländischer Staaten und Sachbeschädigung. Wie der NDR berichtete, hätten sich die Teilnehmer zudem »nicht eindeutig von der palästinensischen Terrororganisation Hamas distanziert«.

Nicht alle Hamburger wollten das unwidersprochen lassen. Die Physiotherapeutin Silke Opfer organisierte mit anderen zusammen Gegenproteste – u.a. eine Kundgebung gegen die »Nakba«-Demonstration am 16. Mai, auf der sie auch eine Rede hielt. Stefan Frank sprach anschließend mit ihr.

Stefan Frank (SF): In Hamburg wird seit längerem mit Umzügen und Zeltlagern gegen Israel demonstriert. Sie haben dagegen protestiert und bei den Protesten gegen die »Nakba-Demo« eine Rede gehalten. Bitte schildern Sie Ihre Erfahrungen.

Silke Opfer (SO): In der vergangenen Woche gab es wieder ein sogenanntes »Protestcamp« von der Fraktion der Freunde des Terrors, wie ich sie nenne, also von der »Palästina«-Fraktion, organisiert von verschiedenen Gruppen. Dabei war auch die Thawra-Gruppe, die vom Landesamt für Verfassungsschutz beobachtet wird.

Das Camp fand bereits vor zwei Jahren im Sommer sehr lange statt. Sie brachten ihre Gesinnung nicht nur mit Palästinenser-Tüchern zum Ausdruck, sondern auch mit den roten Dreiecken der Hamas. Auf Nachfrage leugneten Teilnehmer die Vergewaltigungen des 7. Oktober. Es gab damals auch einen massiven Gewaltangriff eine Veranstaltung der Deutschen-Israelischen Gesellschaft (DIG) an der Uni. Dabei wurde eine 56-jährige Frau gewürgt und heftig verletzt. Alles das wusste man. Und trotzdem hat man in diesem Jahr dieses Camp wieder zugelassen. Und zwar wieder auf der Moorweide, was noch mal ein besonderer Affront ist, auch im Hinblick auf jüdische Erinnerungen und jüdisches Leben.

SF: Warum?

SO: Die Moorweide in Hamburg ist der Ort, an dem einst Hamburger Juden deportiert wurden. Es war der Sammelplatz, wo sie sich einfinden mussten, bevor sie in die Vernichtungslager in Riga, Minsk, Treblinka, Theresienstadt und Auschwitz deportiert wurden. Darum gibt es vor allem in der jüdischen Gemeinde, aber auch allgemein Empörung darüber, dass die Stadt es zulässt, dass dieser Ort, der eigentlich ein Gedenkort ist, absichtlich missbraucht wird – dass dort jetzt Leute demonstrieren, die mit Leuten paktieren, die dieses Werk von damals gerne vollenden würden.

Gefahrenort

SF: Gab es Reaktionen darauf?

SO: Es gab relativ vielfältigen Protest. Etwa am 12. Mai eine Kundgebung mit immerhin dreihundert bis vierhundert Leuten, die aus dem Spektrum der Deutsch-Israelischen Gesellschaft veranstaltet wurde. Das war würdevoll, das war sehr gut. Dort war allerdings leider auch zu erfahren, dass jüdische Studierende jetzt einen Umweg machen, wenn sie zum Campus gehen. Die Moorweide ist in unmittelbarer Nähe der Universität. Es gibt jüdische Studenten, die sich nicht trauen, an diesem Camp vorbeizugehen. Sie haben Angst, weil von diesem Camp im letzten Jahr gegen Juden Gewalt ausging.

SF: Sie meinen: Für Juden ist das ein Gefahrenort?

SO: Die sind da gefährdet. Und sie fühlen sich auch gefährdet und gehen da nicht lang.

SF: Sind sie denn als Juden erkennbar?

SO: Das ist ja das Problem in Hamburg, dass die meisten Juden sich schon gar nicht mehr als Juden zu erkennen geben. Es würde wahrscheinlich noch mehr antisemitische Anschlägen und Angriffen geben, wenn mehr Juden sich als Juden zu erkennen gäben.

SF: Also obwohl sie keine Kippa oder Davidstern tragen, trauen sie sich trotzdem nicht, an dem Camp vorbeizugehen?

SO: Ja, genau, weil zumindest einige der jüdischen Studenten den Anti-Israel-Demonstranten vom Aussehen her bekannt sind.

SF: Verstehe. Es gab auch eine Mahnwache. Bitte erzählen Sie davon.

SO: Das war eine Privataktion von einem Paar, die das jeden Tag organisiert haben, eine Mahnwache auf der Moorweide. Das kamen an jedem Wochentag von 17:00 bis 18:00 Uhr zwischen zehn und dreißig Leuten. Am Freitag gab es ein Gegenprotestcamp, es nannte sich »Zion-Camp«, angemeldet von der Anwältin Christiane Yüksel. Dort wurden Reden gehalten, da wurde darüber geredet, was das für ein Camp ist, was das für eine antisemitische Bewegung ist, was von diesem Camp ausgeht und was das für die Stadt heißt, dass dieses Camp an diesem Ort stattfindet.

Linke mit Islamisten

SF: Das Palästina-Camp hat dann am 16. Mai eine »Nakba-Demo« veranstaltet.

SO: Die gab es an dem Wochenende in mehreren Städten. Hier in Hamburg wurde das ganz groß und zentral angekündigt, eine fünfstellige Zahl von Teilnehmern wurde erwartet. Es waren am Ende tausend, vielleicht auch nur siebenhundert. Auf jeden Fall wesentlich weniger, als sie angekündigt hatten.

Es gab eine Gegenkundgebung am Jungfernstieg, wo diese Demo vorbeilief. Wir waren ungefähr fünfzig bis sechzig Menschen. Das war ein sichtbares Zeichen für Israel. Leider versuchte die Polizei, uns unsichtbar zu machen. Wir mussten sehr weit hinten auf einem Gehweg stehen und die Demo ging natürlich über die Straße. Am Straßenrand standen auch noch Polizei-Vans, Stoßstange an Stoßstange, so dass man uns von der Demonstration aus gar nicht sehen konnte. Erst nachdem wir Beschwerde eingelegt hatten, wurde diese Polizeiwagenkette so geöffnet, dass wir ein Sichtfeld auf diesen Umzug hatten.

Wir mussten von dem Gehweg aber dreißig Meter zurückgehen und durften auch nicht weiter vorgehen. Da wurde immer darauf geachtet. Wir wurden an unseren Platz verwiesen. Das ist mir negativ aufgefallen. Ansonsten danke ich natürlich der Polizei, dass sie dafür gesorgt haben, dass wir nicht angegriffen worden sind. Man ist ja schon immer froh, dass man diesen Schutz hat.

SF: Was war für Sie das Erschreckendste?

SO: Am Samstag passierte etwas, das mir das Blut in den Adern gefrieren ließ. Die »Nakba-Demo« durfte tatsächlich auf den Rathausmarkt. Dort war die Einheit von radikalem Islam und radikalen Linken deutlich zu sehen. Rote Fahnen neben den Flaggen des Mullah-Regimes. Dann wurde eine Israel-Fahne verbrannt. Man kann das auf einem Film sehen. Man sieht auch, dass die Polizei daneben steht. Sie haben da unter Gejohle eine Israelfahne verbrannt, mitten in der Metropole Hamburg. Es ist krass, was die Stadt Hamburg sich bieten lässt, was sie der Demokratie zumutet, was die Stadt Hamburg auch den Juden zumutet.

SF: Wie zufrieden sind Sie mit dem Gegenprotest?

SO: Es gab viele Leute, die immer wieder zu dieser Mahnwache gegangen sind, um die Fahne Israels hochzuhalten, mit israelischer Musik. Wir waren sehr, sehr sichtbar. Viele haben sich sehr engagiert. Trotzdem sind sechzig Leute, die gegen die »Nakba-Demo« protestieren, immer noch viel zu wenige. Man denke daran, wie viele Hamburger mobilisiert werden, wenn es gegen die AfD oder fürs Klima geht.

SF: Oder um das Demonstrieren auf Rollschuhen.

SO: Ja, oder eine Fahrrad-Demo. Da fahren tausende Leute durch die Stadt und demonstrieren dafür, dass es weniger Autos und mehr Fahrräder gibt. Das ist alles schön und gut. Aber wenn es darum geht, die demokratischen Werte zu verteidigen, gegen die, die sich unter der Fahne des Mullah-Regimes versammeln, kommen viel weniger.

Kaum Gegenwind

SF: Hamburg ist einer der wenigen deutschen Städte, die keine Städtepartnerschaft mit einer Stadt in Israel haben. Und Hamburg hat als einziges Bundesland kein offizielles Gedenken am Jahrestag des Überfalls der Hamas am 7. Oktober 2023 auf Israel abgehalten.

SO: Ja, das ist mir bekannt. Es gab im letzten Jahr am 7. Oktober zwei Kundgebungen auf dem Rathausmarkt – eine zu Mittag, die andere am Abend –, aber auch die haben Privatleute auf die Beine gestellt. Da kamen zweihundert Leute. Darunter übrigens auch Bürgermeister Tschentschner und einige Senatoren. Die Stadt hat an dem Tag auch vor dem Rathaus die israelische Fahne gehisst. Die wurde dann aber auch während der Kundgebung am Abend schnell wieder eingeholt. Sie war also wirklich nur an dem einen Tag gehisst.

SF: Zu kurz, meinen Sie?

SO: Ich fände es richtig, wenn man das als Reaktion auf das Verbrennen der israelischen Fahne auf dem Rathausmarkt jetzt wieder machen würde – mindestens für eine Woche. Das wäre eine richtige Reaktion. Da wurde jüdisches Leben, ein jüdisches Zeichen auf unserem Rathausmarkt angegriffen. Das ist ein Angriff auf Juden, das ist ein Angriff auf unsere Demokratie und darauf müsste diese Demokratie reagieren.

Oberbürgermeister Tschentschner hat auf der ersten Kundgebung nach dem 7. Oktober gesagt, in Hamburg sei kein Platz für Antisemitismus. Eigentlich müsste er sehr laut und sehr deutlich Stellung beziehen. Im Hamburg-Journal hat er gerade das Projekt eines Schwimmbades in der Alster vorgestellt. Ein Schwimmbad in der Alster ist super, aber ich erwarte an solchen Tagen wie diesen von unseren Politikern etwas anderes, etwas Deutlicheres. Und ich weiß, dass es nicht kommen wird. Das ist eine Sache, die mir Sorgen bereitet, dass diejenigen, die die Mullah-Flagge zeigen und die israelische Flagge verbrennen, kaum Gegenwind bekommen.

Am Mittwoch wurde am Rathaus eine Israelfahne gehisst. Es war die Antwort auf die Verbrennung der Israelfahne auf dem Rathausmarkt, direkt vor dem Heinrich-Heine-Denkmal. Diese Aktion war das Ergebnis eines Briefes von Hamburger Bürgern an den Senat. Die CDU-Fraktion hat das dann aufgenommen. Dies ist ein ganz wichtiges und sehr schönes Zeichen gegen Antisemitismus gewesen, gerade auch, weil es von ganz normalen Leuten aus der Stadt kommt. Das enthebt allerdings nicht der Frage und der Untersuchung, wie es konkret zu der Verbrennung kommen konnte und warum die Polizei nicht in der Lage war, sie zu verhindern. Dementsprechend bedeutet es auch nicht, dass die Frage, ob wir solche Demonstrationen weiterhin gewähren lassen können, nicht auf die tagespolitischen Tische dieser Republik gehören.«

Bleiben Sie informiert!
Mit unserem wöchentlichen Newsletter erhalten Sie alle aktuellen Analysen und Kommentare unserer Experten und Autoren.

Zeigen Sie bitte Ihre Wertschätzung. Spenden Sie jetzt mit Bank oder Kreditkarte oder direkt über Ihren PayPal Account. 

Mehr zu den Themen

Das könnte Sie auch interessieren

Wir reden Tachles!

Abonnieren Sie unseren Newsletter und erhalten Sie alle aktuellen Analysen und Kommentare unserer Experten und Autoren!

Nur einmal wöchentlich. Versprochen!