Eine neue Studie zeichnet nach, wie die Muslimbruderschaft seit Jahrzehnten an der schleichenden Unterwanderung Europas arbeitet – nicht mit Waffen, sondern über Netzwerke, Institutionen und kulturelle Einflussnahme. Eine Pflichtlektüre und ein Weckruf für alle, die den Rechtsstaat verteidigen wollen.
Judith Theulé
Während Europas Öffentlichkeit gebannt auf rechtsextreme Wahlerfolge und Russlands hybriden Krieg gegen den Westen blickt, wächst eine andere Gefahr weitgehend unbeachtet weiter: der politische Islam. Genauer gesagt: die Muslimbruderschaft, die längst keine Randerscheinung innerhalb des europäischen Islams mehr darstellt, sondern ein hochgradig strategisch agierendes Netzwerk mit langfristiger Agenda.
Bereits vor fast hundert Jahren formulierte die Muslimbruderschaft die Vision einer islamisch beherrschten Weltordnung. Seit den 1980er Jahren spricht sie offen davon, westliche Gesellschaften schrittweise zu transformieren – nicht militärisch durch offenen Krieg, sondern durch kulturelle Durchdringung, institutionelle Einflussnahme und strategische Geduld. Genau davor warnt die kostenlos online verfügbare Studie Politischer Islam – eine hybride Bedrohung Europas. Der »Civilization Jihad« der Muslimbruderschaft.
Strategie der Missionierung
Zum Thema des politischen Islam fehlte bislang eine nüchterne, wissenschaftlich fundierte und dennoch leicht zu lesende Analyse. Diese Lücken schließen der Historiker Heiko Heinisch, die Politikwissenschaftlerin Nina H. Scholz und der Militär- und Sicherheitsexperte Gustav E. Gustenau. Ohne Alarmismus, aber mit einer Fülle belastbarer Quellen liefern sie Erkenntnisse, auf deren Grundlage die Politik beginnen könnte, den Einfluss der Muslimbruderschaft in Europa zu begrenzen, ohne dabei in autoritäre Fantasien von Recht und Ordnung zu verfallen.
Woher die Ideologie der Muslimbruderschaft stammt, wie weit ihre Unterwanderung Europas bereits fortgeschritten ist, welche Ziele sie verfolgt und wie ihr begegnet werden könnte – all das wird in der Öffentlichkeit bislang entweder kaum oder nur hoch emotional diskutiert. Schon die kleinste Kritik am Islam kann rasch als »anti-muslimischer Rassismus«, »Islamophobie« oder gar rechtsextreme Propaganda delegitimiert werden. Das blockiert den Diskurs und schafft ein Klima der Einschüchterung. Daraus entsteht eine Art Immunität gegenüber der Muslimbruder-Ideologie, was eine zentrale Säule ihrer ausgeklügelten Strategie der hybriden Einflussnahme darstellt, so die Studie.
Während andere Religionen offen kritisiert oder verspottet werden dürfen, gilt Kritik am Islam vielerorts als Tabubruch. Wer sie dennoch äußert, riskiert gesellschaftliche Ächtung, berufliche Isolation oder lebenslangen Polizeischutz. Im Extremfall droht sogar ein Todesurteil durch eine Fatwa.
Davon betroffen sind insbesondere innermuslimische Gegnerinnen und Gegner. Reformorientierte und moderate Muslime, die sich gegen die Normen des politischen Islam stellen, geraten laut den Autoren ins Visier koordinierter Kampagnen, die den Eindruck erwecken sollen, sie würden von der Mehrheit der Muslime getragen.
Das Netzwerk der Muslimbruderschaft, das über Islamverbände, islamische Organisationen und hochrangige religiöse Autoritäten agiert, wirft ihnen vor, nicht den »wahren« Islam zu vertreten. Solche Kampagnen richteten sich beispielsweise 1999 gegen den spirituellen Führer der Sufi-Muslime, Scheich Mohammed Hisham Kabbani, nachdem dieser die Verbreitung extremistischer Ideen in US-Moscheen kritisiert hatte. Genannt werden im deutschsprachigen Raum die Religionspädagogen Mouhanad Khorchide in Münster und Ednan Aslan in Wien, der Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi in Freiburg sowie die Rechtsanwältin, Imamin und Gründerin der liberalen Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin, Seyran Ates.
Wer bei Warnungen vor islamistischer Unterwanderung reflexhaft eine Verschwörung wittert, findet in der Studie eine Fülle historischer Dokumente und aktueller Fakten. Bereits 1936 propagierte der Gründer der Muslimbruderschaft, der ägyptische Volksschullehrer Hasan al-Banna, eine langfristige Graswurzelstrategie. Die Strategie basiere auf der besonderen Wirkung der Männer innerhalb ihrer muslimischen Familien, die dann schrittweise weitere Kreise zöge, um gesellschaftliche Institutionen zu infiltrieren. Später entwickelte Yusuf al-Qaradawi eine Theologie des Minderheitenrechts für Muslime in nicht-muslimischen Gesellschaften – ausdrücklich mit dem Ziel, islamische Normen allgemein durchzusetzen. Ein weiterer einflussreicher Ideologe war Sayyid Qutb. Sein revolutionärer Ansatz des »Dschihad mit dem Schwert« entspreche zwar nicht der heutigen Strategie gradueller Durchdringung und strategischer Geduld, habe jedoch tiefe Spuren hinterlassen, so die Studie.
Die Gründer der Muslimbruder-Ideologie machen keinen Hehl aus ihren Plänen. Die Studie zitiert etwa den 2022 verstorbenen Ideologen Yusuf al-Qaradawi aus einem Interview von 2007, in dem er seine Vision für Europa offen formulierte: »Ich erwarte, dass der Islam Europa erobern wird, ohne zum Schwert oder zum Kampf greifen zu müssen – mittels Dawa [Missionierung] und durch die Ideologie. Die Muslime müssen zu handeln beginnen, um diese Welt zu erobern.«
Die Autoren beklagen, dass solche Aussagen heute nicht ernster genommen würden. Zum Vergleich verweisen sie auf eine Broschüre des britischen Historikers Robert Charles Kirkwood Ensor, der bereits 1939 zahlreiche Details der nationalsozialistischen Eroberungskriege prognostizierte. Was wie Hellseherei erscheinen mochte, beruhte laut Ensor in erster Linie auf der Lektüre von Adolf Hitlers »Mein Kampf«.
Religiös motivierte Einflussstrategie
Besonders brisant sind interne Strategiepapiere der Muslimbruderschaft, die 2001 und 2004 im Zuge von Ermittlungen öffentlich wurden. Sie zeigen, wie sich der Fokus der Muslimbruderschaft in den vergangenen Jahrzehnten von den arabischen Herkunftsländern auf nicht-muslimische Staaten Europas und Nordamerikas verlagert hat.
Das erste Papier stammt aus dem Jahr 1982 und trägt den Titel Towards a Worldwide Strategy for Islamic Policy. In zwölf Punkten skizziert es einen Plan zur Unterwanderung von Gesellschaften. Muslimbrüder sollen sich etwa an Parlamenten, Gemeinderäten und Gewerkschaften beteiligen. Zudem sollen sie durch eigene soziale Einrichtungen Kontakte zur Bevölkerung knüpfen und missionarisch wirken. Lokale Gruppen und Aktivisten werden aufgefordert, ihre Strategien jeweils an das Umfeld des betreffenden Landes anzupassen.
Das zweite Strategiepapier richtet sich direkt an die Kader der Muslimbruderschaft in Nordamerika. Es wurde bereits 1991 verfasst, aber erst 2004 öffentlich bekannt. Sein übergeordnetes Ziel ist die Utopie einer weltumspannenden islamischen Herrschaft in Form eines Kalifats. In nicht-islamischen Ländern sei dafür ein »Civilization Jihad« vorgesehen. Dieser fängt mit der Migration von Muslimen an. Ihre Strukturen etablieren und stabilisieren sich im Sinne der Muslimbruderschaft, um schließlich islamische Vorstellungen »in den Seelen, Köpfen und im Leben der Menschen« zu verbreiten, damit der Islam nicht mehr als »fremde Pflanze« wahrgenommen wird.
An anderer Stelle formuliert das Papier deutlich unverblümter: Ziel sei es, »die westliche Zivilisation von innen heraus zu eliminieren und zu zerstören« und ihr »elendes Haus« durch die Hände der Gläubigen zu »sabotieren«, damit sie beseitigt werde und die Religion Gottes über alle anderen Religionen siege.
Dass es sich dabei um eine religiös motivierte Einflussstrategie handelt, zeigt auch ein weiteres Zitat al-Qaradawis aus seinem Buch Priorities of the Islamic Movement in the Coming Phase von 1995. Darin erklärt er, der Islam müsse in Europa, Amerika und Australien präsent sein, da es nicht richtig sei, dass das Christentum diese Länder ohne Konkurrenz dominiere – oder nur mit Konkurrenz durch das »zionistische Judentum, das sich gegen uns mit ihm verbündet«.
»Die MB denkt nicht in Wahlperioden, sondern in vatikanischen Dimensionen«, erklärt Heiko Heinisch in einem Podcast der Politikphilosophin Regula Stämpfli. In rund neunzig Minuten fasst er den Inhalt der Studie zusammen. Diese analysiere die konkrete Fortschreitung des »Civilization Jihad« anhand einer Theorie von fünf Phasen, die auch für andere hybride Bedrohungen angewendet werden könnte: zuerst Vorbereitung/Settlement, dann Vorbereitung/Einflussnahme und die Destabilisierungsphase. Den Autoren zufolge hat die Muslimbruderschaft die erste und zweite Phase in allen europäischen Ländern bereits erfolgreich abgeschlossen.
In Belgien, Frankreich und Großbritannien habe bereits die dritte Phase begonnen, so Heiko Heinisch im Podcast. Besonders erstaunt habe ihn, wie exakt die Entwicklungen den strategischen Planungen entsprächen. Das Anliegen der Studie sei es, demokratische Staaten aus ihrer Naivität gegenüber einer so feindlich eingestellten Kraft aufzurütteln. Die vierte und fünfte Phase einer hybriden Bedrohung sind die Konfrontation und die Machtübernahme des Landes. Sie seien im Fall des »Civilization Jihad« noch nicht eingetreten, werden dennoch als mögliches Zukunftsszenario mit spekulativem Charakter in den letzten, kürzeren Kapiteln der Studie beschrieben.
Weckruf
Die Realität der ersten bis dritten Phasen des »Civilisation Jihad« illustriert die Studie anhand zahlreicher Beispiele der letzten Jahrzehnte aus Bildung, staatlichen Institutionen, Medien, Wirtschaft sowie Kooperationen mit anderen Einrichtungen. Auch der Einfluss auf muslimische Bevölkerungsanteile und der Umgang mit Gegnern des Islamismus werden thematisiert. Durch zahlreiche Namen von früheren und heutigen Organisationen wird deutlich, wie das international und in muslimischen Strukturen sehr weit verbreitete Muslimbruder-Netzwerk sich tarnt, sobald es ins Visier der öffentlichen Aufmerksamkeit gerät.
So erfährt man etwa über den Einfluss islamistischer Akteure auf die Bürgermeisterwahl in New York. Der bedeutendste Spender für die Kampagne Zohran Mamdanis sei das Council on American-Islamic Relations (CAIR) gewesen. CAIR ist die größte der Muslimbruderschaft nahestehende Organisation in den USA, die im November 2025 von den Gouverneuren von Texas und Florida als »ausländische Terrororganisation« eingestuft wurde.
Besonders eindrücklich zeigen Beispiele aus dem Alltag, wie die schleichende Anpassung westlicher Werte an islamistische Normen verläuft: durch Intoleranz gegenüber nicht-halal-konformem Essen in Großküchen, Sonderregelungen für Fastenzeiten und Gebete, Durchsetzung von Kleidervorschriften oder Geschlechtertrennung.
Auffällig sei zudem die Infiltration von Einrichtungen, die eigentlich der Prävention von Islamismus dienen sollten – bis hin zu Sicherheitsbehörden. Im Netzwerk der Muslimbruderschaft agieren viele Personen, die häufig nicht bemerken, Teil einer größeren Strategie zu sein – zum Beispiel Influencerinnen, die dadurch Geld verdienen. Es entstehe der Eindruck, alle Muslime teilten eine islamistische Auslegung des Islam. Auch Kooperationen mit NGOs stärkten die legalistische Strategie der Muslimbruderschaft, die für ihre schleichende Einflussnahme keine militante Kerntruppe benötige.
Mehrere arabische und afrikanische Staaten hätten die Gefahr durch die Muslimbruderschaft deutlich früher erkannt, schreiben die Autoren. Nicht nur Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Ägypten hätten die Muslimbruderschaft verboten, sondern zuletzt auch Jordanien und Kenia.
Abschließend widmet die Studie wenige Seiten möglichen Gegenmaßnahmen gegen islamistische Einflussnahme. Drei Staaten hätten das Problem bereits erkannt: Frankreich, Österreich und die USA.
Eine optimistische Vision, wonach sich die Mehrheit der muslimischen Bevölkerung von selbst einem mit demokratischen Werten kompatiblen Islamverständnis zuwenden werde, halten die Autoren »derzeit für unwahrscheinlich«. Sie erwähnen eine im Auftrag des deutschen Bundeskriminalamtes geführte Studie, nach der 45,1 Prozent der unter vierzigjährigen Muslime latente oder manifeste islamistische Einstellungen aufweisen. Über 44 Prozent aller Muslime sind der Ansicht, allein der Islam sei in der Lage, die Probleme unserer Zeit zu lösen.
Sollten Staaten den Druck gegen die Einflussstrategien der Muslimbruderschaft erhöhen, prognostiziert die Studie einen Rückzug prominenter Kader. Diese würden jedoch durch unauffälligere Akteure ersetzt, um die Strategie der Tarnung sowie der langfristigen gesellschaftlichen Prägung fortzuführen. Ein bewaffneter Kampf erscheine zwar unwahrscheinlich, könne aber durch einzelne Kleingruppen oder Einzelpersonen erfolgen, von denen sich das Netzwerk öffentlich distanzieren könne, um den weniger sichtbaren, aber breiter angelegten »Civilization Jihad« weiterzuführen.
Die Studie ist daher keine Panikschrift, die einen unmittelbar bevorstehenden islamistischen Sturz zeichnen würde. Sie schildert die über Jahrhunderte sichtbar gewordene Entfaltung der Muslimbruder-Strategie, liefert jedoch keine fertige Lösung, um sie politisch zu bremsen. Die Studie ist wohl eher ein eindringlicher Weckruf an demokratische Gesellschaften, wirksamere Strategien zur Verteidigung ihrer Werte zu entwickeln. Diese Warnung sollten wir ernst nehmen.

Politischer Islam – eine hybride Bedrohung Europas. Der »Civilization Jihad«der Muslimbruderschaft ist im Nomos Verlag erschienen und dort als kostenloses E-Book erhältlich.
In Wina. Das Jüdische Stadtmagazin ist unter dem Titel »Der Fokus auf Palästina ist kein Zufall« kürzlich ein Interview mit Heiko Heinisch und Nina Scholz über ihr neues Buch erscheinen.






