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Der München-Effekt: Die Entdeckung der Palästinenser

Viele waren 1972 der Meinung dieses Demonstranten in München. Leider erwies sich diese Einschätzung als falsch. (© imago images/Sammy Minkoff)
Viele waren 1972 der Meinung dieses Demonstranten in München. Leider erwies sich diese Einschätzung als falsch. (© imago images/Sammy Minkoff)

Noch ein halbes Jahr zuvor sprach kaum jemand von Palästinensern. Das änderte sich mit dem Massaker von München – einem überaus erfolgreichen Terroranschlag.

Viel wird dieser Tage über den Anschlag auf die israelische Mannschaft bei den Olympischen Spielen in München 1972 berichtet: von der Geiselnahme im Olympischen Dorf, den Verhandlungen, die sich über diesen ganzen 5. September hinzogen, bis zur katastrophal gescheiterten Befreiungsaktion am Flughafen Fürstenfeldbruck. Schlussendlich wurden elf israelische Geiseln ermordet (zwei schon beim Eindringen der Terroristen in die Unterkunft, neun beim stundenlangen Gefecht am Flughafen) und ein deutscher Polizist getötet.

Von den acht Geiselnehmern überlebten drei, doch lange brauchten sie nicht in deutschen Gefängnissen zu bleiben – sie wurden im Zuge einer möglicherweise mit deutschen Behörden abgesprochenen Flugzeugentführung durch ein weiteres palästinensisches Terrorkommando bereits Ende Oktober freigelassen und außer Landes geflogen.

Statt hier ein zusätzliches Mal auf die eklatanten deutschen Versäumnisse einzugehen, die zu dem Desaster in Fürstenfeldbruck führten, und auf noch offene Detailfragen zum Ablauf der Ereignisse einzugehen, die ohnehin vielerorten erläutert werden, wollen wir uns auf die Frage nach den Folgen des Olympia-Attentats konzentrieren: Welche Bedeutung kam dem Anschlag von München zu?

Eine Erfolgsbilanz

Wirft man einen Blick auf die damalige mediale Berichterstattung über den Anschlag, so muss man vor allem eines nüchtern konstatieren: Trotz – oder vielleicht auch gerade wegen – des blutigen Endes haben die Terroristen ihre wesentlichen Ziele erreicht. Abu Ijad, einer der maßgeblichen Köpfe des Schwarzen September, erläuterte zu einem späteren Zeitpunkt, was mit dem Terrorakt bezweckt worden war:

»Erstens sollte allen zum Trotz die Existenz des palästinensischen Volkes bekräftigt werden; zweitens sollte die in München zahlreich aufmarschierte internationale Presse genutzt werden, um unserer Sache – einerlei, ob in positivem oder negativem Sinne – weltweit Widerhall zu verschaffen.«

Lediglich ein drittes von Abu Ijad genanntes Ziel des Anschlags, die Freipressung von Gefangenen aus israelischen Gefängnissen, wurde verfehlt.

Von Arabern zu Palästinensern

Obwohl palästinensische Terroristen bereits seit mehreren Jahren immer wieder mit spektakulären Aktionen für internationales Aufsehen gesorgt hatten, war in den Medien bislang fast nur von »arabischen Guerillas« und dergleichen zu lesen. Mit München änderte sich dies grundlegend: Mit einem Mal traten die »Palästinenser« als handelnde Subjekte ins Rampenlicht und wurden nicht mehr einfach unter den allgemeinen Begriff »Araber« subsumiert.

Berichtete etwa der Kurier über die Entführung eines Flugzeugs der belgischen Airline Sabena nach Tel Aviv im Mai 1972, also nur wenige Monate vor dem Anschlag von München, noch: »Araber kapern Flugzeug zwischen Wien und Israel« (9. Mai 1972), so war nun auf der Titelseite zu lesen: »Palästinenser bedrohen israelische Olympiamannschaft« (5. September 1972). Die Kronen Zeitung bezeichnete die verantwortliche Terrororganisation Schwarzer September u. a. als »besonders radikale palästinensische Guerillaorganisation« der von »Guerillachef Arafat geleiteten ›El Fatah‹« (6. September 1972).

Und auch in der sozialistischen Arbeiter-Zeitung war nun von einem »palästinensischen Terrorkommando« (6. September 1972) die Rede. Offenkundig war es dem Schwarzen September gelungen, in der Weltöffentlichkeit »die Existenz des palästinensischen Volkes zu bekräftigen«, wie Abu Ijad es als Ziel formuliert hat.

Terminologische Verschiebung

Die vielen zeitgenössischen Zeitungskommentatoren bemerkten die bedeutende terminologische Verschiebung nicht, die sie selbst vollzogen. Für Sebastian Leitner vom Kurier etwa war die Operation »palästinensische(r) Freischärler« ein »Anschlag gegen den Frieden«. Die mediale Wirkung sei wohlkalkuliert gewesen: »Das Aufsehen, das ihre Bluttaten erregten, war den Extremisten der El Fatah schon immer zumindest so wichtig wie das Blut, das sie dabei vergossen haben.« (6. September 1972)

Gemessen daran hätte Leitner unweigerlich zu dem Schluss kommen müssen, dass München ein ungeheurer Erfolg für die Terroristen war: Geschätzte 4.000 Journalisten aus dem Bereich der Printmedien und des Hörfunks verfolgten die Olympischen Spiele, dazu kamen noch weitere 2.000 Mitarbeiter verschiedener Fernsehstationen, die dafür sorgten, dass rund 900 Millionen Menschen in weltweit mindestens 100 Ländern die Entwicklung der Krise live verfolgen konnten.

Doch einen Erfolg wollte Leitner dem Anschlag gerade nicht bescheinigen: »Die palästinensischen Terroristen meinen, sie hätten damit der arabischen Sache einen Dienst erwiesen. Sie glauben, sie hätten damit erneut – und wie noch nie vor aller Augen – das Unrecht deutlich gemacht, das ihrem Volke angetan werde. Sie haben nichts dergleichen getan.«

Sie hätten bloß bewiesen, dass die Grundwerte der internationalen Gemeinschaft für sie »nicht mehr als Dreck (sind), ein lächerliches Nichts, das man mit blutigen Stiefeln treten kann«. Mit ihren Gewalttaten hätten sie sich selbst »von jeder Nachsicht und von jedem Recht ausgeschlossen – auch von dem Recht auf Mitgefühl für ihre Sache«. Leitners Conclusio: »Sie haben also ihrer Sache mehr geschadet, als es der schlimmste Feind hätte tun können.«

In dieselbe Richtung argumentierte tags darauf Hugo Portisch: »Sie haben ihre Tat vollbracht, aber sie haben ihr Ziel nicht erreicht.« Der hier enthaltene Widerspruch ist bemerkenswert: Die Behauptung, die palästinensischen Terroristen hätten mit ihrer Aktion nichts erreicht, dementierte sich selbst, insofern noch wenige Monate zuvor kaum jemand überhaupt von Palästinensern als einer von anderen Arabern unterschiedenen Gruppe gesprochen hatte.

»Sicher echte Anliegen«

Charakteristisch für die Verschiebungen, die rund um das Ereignis München im Diskurs stattfanden, war auch die Aussage eines Dr. Erich Vanecek, der in der Kurier-Rubrik »Die Frage zum Tag« seine Meinung über den Anschlag auf die Olympischen Spiele äußerte:

»Die Palästinenser haben sicher echte Anliegen, aber die Brutalisierung ihrer Methoden ist auf alle Fälle abzulehnen. (…) Im Übrigen haben sich die Palästinenser dadurch mehr geschadet als genützt.« (6. September 1972)

In diesem Fall wurde nicht nur mit neuer Selbstverständlichkeit von Palästinensern gesprochen, sondern diesen wurde darüber hinaus auch attestiert, »sicher echte Anliegen« zu verfolgen, wenn auch unter Verwendung von Mitteln, die abzulehnen seien.

Die logische Abfolge von guten oder berechtigten Anliegen, denen sodann mit leider brutalen Methoden Geltung verschafft werden solle, kehrte dabei die reale Erfahrung der internationalen Öffentlichkeit mit dem palästinensischen Terrorismus um: Erst die Brutalität seiner Methoden führte überhaupt zur Kenntnis dessen, dass es Palästinenser gab; erst der Schock über die Gewalttaten setzte den Rückschluss in Gang, dass jemand, der so grausame Dinge tun könne, dafür gute Gründe bzw. echte Anliegen haben müsse. Genau diese Logik sorgte dafür, dass der Anschlag von München, allen gegenteiligen Äußerungen der Zeitungskolumnisten zum Trotz, für die Palästinenser einen »spektakulären Publizitätserfolg« darstellte, wie der Terrorismusexperte Bruce Hoffman feststellte.

Anders als den Journalisten war dem Schwarzen September diese Wirkung bewusst. In einem in Beirut veröffentlichten Kommuniqué erklärte er eine Woche nach dem Anschlag:

»Nach unserer Einschätzung und im Lichte der Ereignisse haben wir eine der erfolgreichsten palästinensischen Kommandoaktionen durchgeführt. (…) Die Wahl der Olympiade war vom rein propagandistischen Gesichtspunkt hundertprozentig erfolgreich. Es war so, als habe man den Namen Palästina auf einen Berg gemalt, der von allen vier Ecken der Erde aus zu sehen ist.«

Israels »Vernichtungskrieg«

Die Palästinenser ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit gerückt zu haben, war allerdings nicht der einzige Erfolg des Münchner Anschlags. Wie nicht anders zu erwarten war, reagierte Israel auf die Ermordung seiner Sportler mit einer Reihe von Vergeltungsschlägen gegen Ausbildungslager und andere Stützpunkte palästinensischer Terrorgruppen im Libanon und in Syrien – und sah sich prompt mit dem Problem konfrontiert, das für den asymmetrischen Konflikt zwischen einer bewaffneten Staatsmacht und Terrorgruppen typisch ist: In den Medien wurde die Berichterstattung über den Anschlag von München teilweise von jener über israelische Militäraktionen verdrängt, in denen Israel, wenn auch nur in Reaktion auf München, als aggressive Militärmacht auftrat.

»Vernichtungskrieg gegen Terroristen«, titelte etwa der Kurier (9. September 1972). »Israel schlägt zurück: Vorstoß im Libanon« meldete die AZ und zitierte im Untertitel den stellvertretenden israelischen Ministerpräsidenten mit den Worten, die »Araberstaaten werden bezahlen müssen« (8. September 1972), um nur einen Tag danach über die »Vergeltung für München« mit der Überschrift »Angriff auf Syrien« zu berichten. Barbara Coudenhove-Kalergi befürchtete, israelische Vergeltungsschläge würden »eine neue Eskalation der Gewalt zur Folge haben« (7. September 1972), so, als seien nicht etwa die Morde von München bereits die Eskalation gewesen.

Die »Vergeltungsaktionen der Israelis sind gewiss abzulehnen«, urteilte Hugo Portisch im Kurier, und fuhr fort:

»Wer aber die israelischen Vergeltungsschläge ebenso verurteilt wie den arabischen Terror selbst, der müsste dafür sorgen, dass nicht nur Jordanien und der Libanon, sondern alle Nahoststaaten durch die Duldung des Terrors mehr zu verlieren haben als durch dessen Ausschaltung.«

Die Reaktion müsse »ebenso verurteilt« werden wie die Aktion selbst: Bei Portisch schien es keine moralische oder politische Unterscheidung mehr zu geben zwischen terroristischen Gewalttaten und dem Versuch eines Staates, sich gegen derartige Akte zur Wehr zu setzen. Deutlich wurde das wenige Zeilen später, als Portisch die Chance einer Gemeinschaftsaktion der Staatenwelt diskutierte:

»Verurteilung des Terrors, verbunden mit wirksamen Sanktionen gegen alle, die die Terroristen schützen; wobei man selbstverständlich auch alle Vergeltungsaktionen unter die gleichen Sanktionen stellen würde.« [Hrvg. von F. M.]

Nicht »exzessive« oder, wie man heute sagen würde, »unverhältnismäßige« Militäroperationen hätten zu unterbleiben, sondern jegliche Aktion müsse unter Sanktionsdrohungen stehen. Die Welt, insbesondere aber Europa, müsste in den Konflikt im Nahen Osten eingreifen und »dazu beitragen, allen Kriegführenden die Lust an der Aufrechterhaltung des jetzigen Zustands vergehen zu lassen«. (Kurier, 23. September 1972) Ob Terrorismus oder militärische Selbstverteidigung – für Portisch gehörte das unterschiedslos unter die Rubrik »Lust am Kriegführen«.

Da der Einsatz von Militärgewalt zudem selbst unter der Annahme, dass tatsächlich keine Unbeteiligten getroffen wurden, damals in der Regel mehr Tote nach sich zog, als ein einzelner Terrorakt dies tun konnte, verkehrte sich das Bild zusehends: Der palästinensische Terrorismus wurde verurteilt, ein »Vernichtungskrieg« sei aber von israelischer Seite zu befürchten gewesen. Damit wurde zwar nicht die terroristische Gewalt des Schwarzen September und anderer Organisationen legitimiert, sehr wohl aber wurde Israel jegliche Berechtigung abgesprochen, Militärschläge gegen Ausbildungslager und andere Einrichtungen solcher Gruppen zu unternehmen. Auch das musste aus Sicht der Terroristen als enormer Erfolg gewertet werden.

Von München nach New York

Im Rückblick gibt es somit gute Gründe zu bezweifeln, dass München der Sache der Palästinenser nennenswerten Schaden zugefügt hätte. Immerhin vergingen nur etwas mehr als zwei Jahre, bis Jassir Arafat im November 1974 ganz offiziell in New York von der Vollversammlung der Vereinten Nationen empfangen wurde und eine viel umjubelte Ansprache halten konnte. Begleitet wurde er dabei u. a. von seinem Leibwächter Ali Hassan Salameh, einem der wichtigsten Köpfe des Schwarzen September, der für das Blutbad in München verantwortlich gewesen war.

Statt internationale Verdammung brachte das Massaker von München der PLO internationale Anerkennung. Und Israel musste mit der raschen Freilassung der überlebenden Geiselnehmer von München und anhand der Vorgänge in den Jahren danach zur Kenntnis nehmen, dass es vonseiten der europäischen Staaten kein entschlossenes Vorgehen gegen antiisraelische Terrorgruppen gab.

Eine Untersuchung des israelischen Außenministeriums ergab, dass von den zwischen 1968 und 1975 insgesamt 204 palästinensischen Terroristen, die nach Terroranschlägen außerhalb der Region des Nahen Ostens festgenommen worden waren, zum Jahresende 1975 genau noch drei (!) in Haft waren. In aller Regel gab es kein Interesse an abschreckender Strafverfolgung, sondern Terroristen wurden so schnell wie möglich wieder freigelassen. Selbst wenn es sich, wie im Fall von München, um Mörder handelte und ihre Opfer keineswegs nur Israelis waren.

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