Im Gespräch mit Elisa Mercier berichten Aktivisten der Organisation Catalunya stop Antisemitism vom grassierenden Antisemitismus in der Stadt Barcelona und der Region Katalonien. Dabei beschreiben sie auch eine kürzlich online gestellte interaktive Karte, die jüdische Einrichtungen namentlich und mit Kontaktinformationen listet. Nach massiven Protesten wurde die Karte deaktiviert.
Elisa Mercier (EM): Wie äußert sich Antisemitismus derzeit in Spanien bzw. Katalonien und welche Erscheinungsformen bereiten Ihrer Organisation die größten Sorgen?
Catalunya stop Antisemitism (CA): Das Problem des Antisemitismus in unserem Land besteht darin, dass er tief in Kultur und Geschichte verwurzelt ist, obwohl es seit Jahrhunderten keine große jüdische Gemeinschaft mehr gibt. Das zweite Problem ist, dass hier die Institutionen selbst – das Rathaus von Barcelona, die Regionalregierung und die nationale Regierung – den Boykott Israels aktiv fördern und finanzieren. Das dritte Problem ist die Zahl islamistisch radikalisierter Menschen, die in dem Moment, in dem jemand zum Dschihad aufriefe, bereit wären, gewalttätig zu handeln.
Auch wenn dieser dritte Punkt vielleicht geringer ausgeprägt ist als in anderen Teilen Europas, führt die Kombination aller drei Faktoren dazu, dass antisemitische Übergriffe gefährlich zugenommen haben. Die größte Gefahr ist zweifellos das Risiko terroristischer Gewalt.
EM: Ihre Organisation nennt sich Catalunya stop Antisemitism. Welcher Art Initiative sind Sie und was hat ihre Gründung motiviert?
CA: Wir sind eine Gruppe von Aktivistinnen und Aktivisten, die seit mehreren Jahren in Katalonien arbeiten. Seit dem 7. Oktober 2023 haben wir uns innerhalb und außerhalb der sozialen Netzwerke für die Freilassung der Geiseln eingesetzt sowie gegen Antisemitismus und den Boykott Israels. Kürzlich haben wir einen Instagram-Account eröffnet, um auch auf diesem sozialen Netzwerk gegen Antisemitismus zu kämpfen.
EM: Die Stadtregierung von Barcelona setzte 2025 die Zusammenarbeit mit Tel Aviv aus und beendete weitere Beziehungen zu Israel. Welche Folgen haben diese Entscheidungen sowie der öffentliche und mediale Diskurs auf das gesellschaftliche Klima und die Sicherheit jüdischen Lebens in Barcelona und Katalonien?
CA: Es ist äußerst gefährlich, wie legitime Kritik an den politischen Entscheidungen Netanjahus und seiner Regierung mit der Ablehnung der Existenz Israels als Staat vermischt wird, wobei der Diskurs der Hamas und anderer terroristischer Organisationen übernommen und auf Juden in der Diaspora ausgeweitet wird – unabhängig von ihrer Verbindung zu Israel oder ihrer Meinung zu Netanjahu.
Die antisemitische Geschichte des Rathauses von Barcelona begann leider nicht erst am 7. Oktober 2023. Die Unterstützung und Finanzierung der BDS-Bewegung reicht weit zurück. Problematisch ist auch, wie diese Botschaft in den Medien als eine Art »Einheitsdenken« verbreitet wird, ohne Raum für Debatte oder Argumente, sondern ausschließlich über Populismus, Emotionalisierung und die Stigmatisierung alles dessen, was mit »dem Jüdischen« in Verbindung gebracht wird.
Situation extremer Verwundbarkeit
EM: Kürzlich wurde eine interaktive Karte online gestellt, die jüdische Institutionen in Katalonien mit Kontaktinformationen aufführt. Die Karte stammt von der Plattform Barcelonaz, in der auch Universitätsprofessoren aktiv sind, oder?
CA: Ja, bedauerlicherweise sind dort zahlreiche Professoren und Akademiker engagiert. Das Erstellen von Listen von Bürgern anhand bestimmter Merkmale ist erstens illegal, zweitens bedeutet es in diesem Klima des grassierenden Antisemitismus, ein jüdisches Geschäft zur Zielscheibe zu machen und für die Eigentümer eine sehr gefährliche und riskante Situation zu schaffen.
Eine solche Markierung verletzt bereits an sich die Rechte dieser Menschen als Bürger. Außerdem wissen wir nicht, ob irgendein Fanatiker zu einem bestimmten Zeitpunkt Gewalt gegen sie ausüben könnte – das Markieren erleichtert dies zweifellos. Zudem ist eine der auf der Liste genannten Einrichtungen die jüdische Schule von Barcelona Hatikva. Mit dieser interaktiven Karte bringt man auch Kinder und ihre Familien in Gefahr und in eine Situation extremer Verwundbarkeit. Nach Protesten wurde die Karte nun offline gestellt.
EM: Welche Maßnahmen erwarten Sie und die jüdischen Gemeinden Kataloniens von den Regierungen der Region, der Stadt Barcelona, den Medien und der Zivilgesellschaft, um Antisemitismus zu verhindern?
CA: Die politischen Entscheidungsträger sind sich der Verantwortung, die sie für den Anstieg des Antisemitismus tragen, nicht bewusst – oder vielleicht doch. Unterstützen jene, die Garanten des gesellschaftlichen Zusammenlebens sein sollten, Hassdiskurse, kann daraus nichts Gutes entstehen. Wir wissen bereits, was geschehen ist, als in anderen Momenten der Geschichte von Regierungen die Stigmatisierung, der Boykott und die Verfolgung von Juden gefördert wurden. Es ist kaum zu glauben, dass man diese Parallele nicht erkennt.
Uns ist bekannt, dass die jüdischen Gemeinden sich stark dafür engagieren, das Bewusstsein für die Verantwortung der politischen Entscheidungsträger und der Medien am Anstieg des Antisemitismus auf unseren Straßen zu schärfen und sie haben unsere volle Unterstützung. Es ist unerlässlich, dass sowohl Verantwortliche als auch Medien einen entschiedenen Aufruf an die Bevölkerung richten, alle Formen des Antisemitismus zu bekämpfen, statt die Stigmatisierung, den Boykott und die Verfolgung Israels sowie jüdischer Symbole und jüdischen Lebens in unseren Städten zu unterstützen.






