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Microsoft: Künstliche Intelligenz zur Erforschung von David Ben-Gurions Schriften

Die Gräber von David Ben Gurion und seiner Frau Paula in Sde Boker
Die Gräber von David Ben Gurion und seiner Frau Paula in Sde Boker (© Imago Images / Design Pics)

In einer Pionierarbeit haben sich Forscher an der Ben-Gurion-Universität des Negev mit dem kalifornischen Softwarekonzern Microsoft zusammengetan, um eine auf Künstlicher Intelligenz (KI) basierende Software zu entwickeln, die, wie israelische Medien berichten, „die Schriften von Israels erstem Ministerpräsidenten auf eine nie dagewesene Weise zum Leben erwecken“ wird.

Zukünftig wird es möglich sein, alle Schriften Ben-Gurions nach bestimmten Wörtern zu durchsuchen, zudem wird der Computer selbständig Bezüge erkennen. Schon vor 20 Jahren hatte das zur Universität gehörende Ben-Gurion Research Institute for the Study of Israel and Zionism die Schriften Ben-Gurions digitalisiert und ins Internet gestellt. Jedoch waren sie bislang lediglich als Bilddateien verfügbar, die der Computer nicht als Text erkennen kann. Darum war bislang keine Suche nach Begriffen möglich.

Ein zweites Werkzeug wird Ben-Gurions Tagebücher in Microsoft Outlook integrieren, sodass Forscher einen besseren Überblick darüber bekommen, wie sich seine Entscheidungen und Urteile über die Zeit entwickelt haben. Es ist erst das zweite Mal, dass Microsoft ein solches System testet. Das erste waren Zehntausende Dokumente aus den Ermittlungen über die Ermordung von US-Präsident John F. Kennedy (JFK Files), die 2017 für die Öffentlichkeit freigegeben worden waren.

Digitales Informationszentrum

Mena-Watch sprach über das Projekt mit Dr. Adi Portughies, dem IT-Leiter Infrastruktur am Ben-Gurion Research Institute. Das Institut und die Universität des Negev, zu dem es gehört, haben ihren Sitz in der Nähe des Kibbuz Sde Boker, wo David Ben-Gurion zu Lebzeiten ein Haus hatte und wo er heute begraben liegt.

Das Institut ist dem Studium, der Dokumentation und Erforschung Israels, des Zionismus und David Ben-Gurions gewidmet, aus den Perspektiven der Disziplinen Geschichte, Philosophie, Politik, Kultur, Gesellschaft und Geografie. Es hat eine wissenschaftliche Bibliothek, ein Archiv und ein digitales Informationszentrum. „Das Archiv ist Teil des Instituts und ist das einzige Archiv, das ein akademisches Institut zu betreuen hat“, erklärt Portughies. Dies mache das Projekt mit Microsoft so einzigartig.

Als Historiker seien er und seine Kollegen genaues Lesen gewöhnt. Die Materialien für seine wissenschaftlichen Aufsätze habe er immer in den Archiven gefunden, so Portughies. „Ich bin es gewohnt, jeden einzelnen Brief sehr sorgfältig zu lesen.“ Es sei ein Geschenk, dass das Archiv heute so viele Dokumente besitzen – aber weil es so viele sind, könne kein Mensch sie alle lesen. „Aus diesem Grund suchen wir nach Computerlösungen.“

Einsatz von computergestützten Methoden

Der Einsatz von computergestützten Methoden zum Studium der Geschichte sei heutzutage ein wichtiges Thema der Geisteswissenschaften. Portughies nennt ein Beispiel: „Denken wir etwa an David Ben-Gurion im Jahr 1967. Was waren seine Werte und Gedanken in jener Zeit? Als Historiker würde ich normalerweise in die Dokumente x und y schauen. Heute aber können wir sämtliche Schriften nehmen und jedes Wort zum Teil eines Index machen. Jedes einzelne Wort ist auffindbar.“

Als nächstes, so Portughies, versuche er, Verbindungen zwischen Wörtern zu entdecken und festzustellen, welche Begriffe in den Schriften besonders relevant seien. „Dann stellt sich beispielsweise heraus, dass im Jahr 1967 häufig Wörter wie ‚Furcht’, „Glückseligkeit’ und ‚Messias’ auftauchen. Wörter, nach denen zu suchen einem im Traum nicht eingefallen wäre, stechen aus der Korrespondenz plötzlich heraus.“ Dann stellten sich neue Bezüge her.

Sein Institut befasse sich mit Ben-Gurion, sagt Portughies, aber die Technologie lasse sich selbstverständlich genauso bei anderen Denkern, Staatsmännern oder anderen Personen nutzen.

Hightech-Nation Israel

Wie es zu der Kooperation mit Microsoft kam, verrät einiges über die Gründe für den einzigartigen Erfolg der Wissenschafts-, Forschungs- und Hightech-Nation Israel: Menschen aus ganz verschiedenen Disziplinen stehen miteinander in Austausch.

Portughies erzählt, dass das Projekt auf ein Treffen mit einem Freund zurückgeht, der bei Microsoft arbeitet. „Wir haben uns im Archiv getroffen, um über eine Zusammenarbeit nachzudenken. Wir gingen die Treppe zum Archiv hinunter, um uns die Dokumentation anzusehen. Ich dachte vom Blickwinkel des Historikers: Wir lesen gemeinsam ein Dokument, ich zeige ihm, was Ben-Gurion am Vorabend der Erklärung der Unabhängigkeit dachte, und dann sehen wir uns die anderen Briefe an, die mit dem zu tun haben, was wir gerade gelesen haben.“

Sein Freund hatte eine Idee: Er schlug vor, alle Dokumente, die bereits digitalisiert worden waren, computerlesbar zu machen und in einem nächsten Schritt eine auf Künstlicher Intelligenz basierende Software zu entwickeln, die verschiedene Aspekte David Ben-Gurions enthüllt. „Es fing also an mit dem Besuch eines Freundes im Archiv. Die Welt der Geschichtswissenschaft und der Archive kamen mit der Welt der Informatik zusammen, aus allen dreien entwickelte sich diese Idee.“

Zentrale Neuerungen

Gegenüber den JFK Files gebe es eine Neuerung, erklärt Portughies: die Möglichkeit, die Suche auf bestimmte Zeiträume einzugrenzen. Dies sei für Historiker besonders wichtig. „Eine andere Verbesserung, an der wir mit Microsoft arbeiten, sind Schlagwörter: dank der KI erkennt der Computer, welches die am meisten relevanten Wörter sind, die du benutzt.“

Wichtig für die Ben-Gurion-Forschung sei auch ein computergestütztes Nachschlagewerk, das die Bedeutung von Tarnnamen anzeigt: „In der Ära vor der Staatsgründung hatten die meisten zionistischen Führer Tarnnamen. Wir haben ein Wörterbuch, das ihre Bedeutung anzeigt. Das ist eine weitere Funktion, die Microsoft in unser Archiv bringen wird und die es in den JFK Files noch nicht gibt.“

Besonders anspruchsvoll ist das Projekt auch deshalb, weil es sich zum größten Teil um Handschriften handelt, genauer gesagt: um hebräische Handschriften. „Microsoft hatte bereits eine Technologie zur Erkennung von Handschriften in lateinischer Schrift entwickelt. Doch die meisten der Handschriften im Ben-Gurion-Archiv sind auf Hebräisch. Das also ist ein weiteres Feature, an dem Microsoft jetzt arbeitet.“

Nutzen für Microsoft

Gefragt, welchen Nutzen der Softwarekonzern von der Zusammenarbeit habe, sagt Portughies: „Es ist eine Partnerschaft der akademischen Welt mit der Geschäftswelt. Wir sind daran interessiert, unsere Forschungskapazitäten zu verbessern, und sie sind natürlich an Geschäft interessiert. Heutzutage können Unternehmen ihre Verpflichtungen gegenüber der Gesellschaft nicht ignorieren. Selbst als ein Unternehmen, dessen Hauptziel es ist, mehr Geld zu verdienen, muss man trotzdem Teil der Community sein.“

Zudem rechnet Portughies damit, dass es für die Technologie, die Microsoft jetzt für das Ben-Gurion-Archiv entwickelt, später auch andere Interessenten und Anwendungen geben wird.

Derzeit befindet sich die Software noch in der Erprobungsphase und kann noch nicht auf der Website, sondern nur im internen Netzwerk des Instituts benutzt werden. „Wir hoffen, dass sie in einigen Monaten wirklich einsatzbereit ist und wir sie dann der Allgemeinheit zugänglich machen können.“

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