Mena-Exklusiv

Wer erschoss den beinamputierten Palästinenser Ibrahim Abu Thurayeh?

Von Stefan Frank

Die UNO zeigt sich „schockiert“ und verurteilt Israel wegen der angeblichen Tötung eines beinamputierten Mannes, der am Rande von antiisraelischen Protesten ums Leben gekommen ist, und verlangt von Israel eine „Untersuchung“ des Vorfalls – obwohl sie ihr Urteil ja schon gefällt hat.

Zahlreiche Zeitungen und Websites in aller Welt berichteten darüber und geben ebenfalls Israel die Schuld. Die Süddeutsche Zeitung etwa schrieb:

„Besondere Empörung in den sozialen Medien rief der Tod von Ibrahim Abu Thurayeh hervor, dessen letzte Stunde auf Videos und Fotos festgehalten sind, die im Netz kursieren. Der 29-Jährige, dem nach einem israelischen Luftangriff 2008 beide Beine amputiert werden mussten, ist ein bekannter Aktivist. Er nahm an vielen Kundgebungen teil und schaffte es trotz seiner Behinderung immer wieder, auf Strommasten die palästinensische Fahne zu hissen. Es gibt eine Videobotschaft von ihm, in der er zu Protesten gegen die Trump-Erklärung zu Jerusalem aufruft. Auch diesen Freitag kam er in seinem Rollstuhl mit, diesmal direkt an den Grenzzaun, der den Gazastreifen von Israel trennt. Der Mann im Rollstuhl wurde von anderen jungen Palästinensern geschoben und schwenkte eine palästinensische Fahne. Es ist auf keinem Foto zu sehen, dass er selbst Steine geworfen hat oder, wie ein Mann neben ihm im Bild, mit einer Steinschleuder hantierte. Dann ist noch zu sehen, wie Tränengasgranaten neben ihm landeten und er durch das Gras krabbelte. Die nächsten Aufnahmen zeigen, wie er blutend im Rollstuhl weggeschoben wird. Er starb laut palästinensischen Angaben durch einen Kopfschuss.“

Gideon Levy von Haaretz glaubt, genau zu wissen, dass „ein israelischer Scharfschütze“ „auf seinen Kopf gezielt und ihn erschossen“ habe. Die von der Heinrich-Böll-Stiftung finanzierte israelische Website 972mag.com nannte Abu Thurayeh die „perfekte Metapher für die Lebenssituation der Palästinenser in Gaza und der Palästinenser insgesamt. Hilflos. Statisch. Verkrüppelt. Und seine Tötung bringt auf perfekte Art Israels Behandlung der Palästinenser auf den Punkt: monströs.“ Unter der Überschrift „Wir sind alle Ibrahim Abu Thurayeh“ schreibt die frankophone islamische Website oumma.com: „Erst verstümmelt, dann ermordet von der ‚moralischsten Armee der Welt’“. 

Kein Bericht erwähnte, dass es keinerlei Beweise dafür gibt, dass israelische Soldaten Thurayeh erschossen haben. Es gibt nur die Behauptung der den Gazastreifen beherrschenden Terrororganisation Hamas, deren Chef Haniyeh bei der Beerdigung die Bahre trug. Die israelische Armee bestreitet, auf Thurayeh geschossen zu haben; über die Umstände seines Todes könne sie keine Angaben machen, da die Hamas und die Palästinensische Autonomiebehörde keinerlei Details bekanntgäben.

 

Erste Zweifel

Der Blogger Elder of Ziyon war der Erste, der am 20. Dezember die These von der Tötung Thurayehs durch die israelische Armee bezweifelte: Thurayeh könnte seinen Tod beabsichtigt und geplant haben. Es sei, fügte Elder of Ziyon hinzu, ja bei weitem nicht das erste Mal, dass Palästinenser von ihren Landsleuten getötet werden.

Es habe für Thurayeh ein „starkes Motiv“ gegeben, aus dem Leben zu scheiden: Er hatte, wie aus einem arabischen Zeitungsbericht von vor zwei Jahren hervorgeht, eine große Familie zu versorgen: zwei kranke Elternteile, zwei Brüder und sechs Schwestern, von denen eine studiert und dafür Studiengebühren zahlen muss. Mit seinem Job, dem Waschen von Autos, verdiente er bei weitem nicht genug Geld. Zudem klagte er darüber, dass er als Invalide keine Frau finde. Würde er sich zum „Märtyrer“ machen, so die von Elder of Ziyon geäußerte Hypothese, würde sich die finanzielle Situation seiner Familie schlagartig verbessern, da diese dann in den Genuss der „Märtyrerrente“ von etwa 800 Euro pro Monat käme – das Dreieinhalbfache dessen, was Thurayeh verdient habe.

Schon bald tauchten starke Hinweise auf, dass Thurayeh tatsächlich den Tod wollte. Der erste war ein Artikel auf der Website des Kremlsprachrohrs RT News:

„Der Bruder des Palästinensers sagte [dem Reporter], Thurayeh habe gewusst, dass er von den Protesten nicht lebend zurückkehren werde. ‚Als wir gestern zu Abend aßen, sagte mein Bruder zu uns: »Bruder vergib mir. Dies ist der letzte Abend, an dem du mich sehen wirst. Auch du, meine Mutter, vergib mir, und ihr, meine Schwestern, vergebt mir.« … Er küsste die Hand und das Bein meines Vaters und sagte zu ihm: »Vater, vergib mir. Dies ist der letzte Abend, an dem du mich sehen wirst, weil ich nämlich beabsichtige, zum Märtyrer zu werden. Ich bin lebensmüde, ich habe keine Beine, ich habe nichts. Ich will sterben und mich vom Leben ausruhen«.‘“

Die Mutter sagte dem Reporter, ihr Sohn „wollte sich für die Heimat opfern“ und sei „zum Märtyrer geworden“. Die Anti-Israel-Website Mondoweiss berichtete kurz darauf ebenfalls über den letzten Abend Thurayehs bei seiner Familie. Laut seinem Bruder habe Thurayeh gesagt:

„Mama, Bruder … vergebt mir alle Fehler, die ich je gemacht habe. Ich habe für mein Land meine Beine verloren und ich denke, das ist nicht genug, ich muss meinen ganzen Körper als Opfer für die Heimat darbringen.“

Thurayehs Worte sind gleichbedeutend mit einem Abschiedsbrief. Er wollte sterben und hat seinen Tod veranlasst – auf welche Art, wissen wir noch nicht. Auf einem Foto, das den Mondoweiss-Artikel illustriert, ist er laut Bildunterschrift bei einer Demonstration „vor einigen Wochen“ zu sehen – in der Hand hält er ein Messer in die Höhe. Was bezweckte er damit? Wollte er israelische Soldaten dazu provozieren, auf ihn zu schießen? Wenn ja, ging der Plan nicht auf, was ihn dann womöglich dazu bewogen hat, sich von einem Komplizen erschießen zu lassen? Mit Sicherheit jedenfalls können wir aufgrund der Aussagen der Angehörigen sagen, dass Thurayeh den Ort und Zeitpunkt seines Todes selbst beschlossen hatte, was nicht möglich gewesen wäre, wenn Israel daran schuld hätte.

 

Warum verlor Thurayeh seine Beine?

Mitglieder der Force 17

Die Geschichte endet hier aber noch nicht. Elder of Ziyon und auch das israelische Nachrichtenportal YNet News, das inzwischen ebenfalls über Thurayehs Selbsttötungspläne berichtet hat, erwähnen beide, dass Thurayeh früher Mitglied in der Force 17, einer Eliteeinheit der Fatah war. In dem Buch „Hamas: The Islamic Resistance Movementvon Beverley Milton-Edwards und Stephen Farrell wird Thurayeh interviewt. Es ist im Jahr 2005, am Rande eines Scharmützels mit Hamas-Kämpfern in Zeitoun, im südlichen Gazastreifen:

„‚Das ist keine gute Situation‘, sagt Ibrahim Abu Thurayeh, ein 20 Jahre altes Mitglied der Force 17 der Palästinensischen Autonomiebehörde, zuckend vom Schmerz der Wunden an seinem Bein. ‚Heute das war nichts, aber wenn das so weitergeht, wird es verrückt, das kann in einem Bürgerkrieg enden.‘“

Schon damals hatte Thurayeh also eine Beinverletzung. War sie es, die zur Amputation führte? Wohl kaum; hätte er schon 2005 ein Bein verloren, hätten zahllose Leute ihn in den folgenden Jahren so versehrt gesehen; dass er die Beine bei einem israelischen Luftangriff während der Operation Cast Lead 2008/2009 verloren hätte, hätte niemand geglaubt. Das ließ sich nur glaubhaft machen, wenn Thurayeh seine Beine an einem Tag verloren hat, an dem es tatsächlich israelische Luftangriffe auf Ziele im Gazastreifen gab. Wir haben eine starke Vermutung, wie genau das passiert ist. Bevor wir sie aber äußern, wollen wir zeigen, dass die Behauptungen, wonach Thurayeh seine Beine bei einem israelischen Angriff verloren hat, nicht stimmen können. Wäre die Geschichte wahr, dann würde sie immer auf eine, wenn nicht gleiche, so doch ähnliche Art erzählt. Stattdessen gibt es mindestens fünf verschiedene Versionen:

  1. Die derzeit am häufigsten zu lesende nennt bloß einen „israelischen Luftangriff“ als Ursache.
  2. Ibrahims Bruder Samir gab der Nachrichtenagentur AFP eine konkretere Schilderung: Ibrahim sei von der Rakete eines israelischen Hubschraubers (!) getroffen worden, als er an der Grenze zu Israel eine israelische Fahne abgehängt und durch eine palästinensische ersetzt habe.
  3. Die Irish Friends of Palestine – die Thurayeh gut gekannt haben müssen, da sie Spenden gesammelt hatten, um ihm einen Elektroscooter zu kaufen – schreiben auf ihrer Website: „Seit er zwölf war, wurde Ibrahim viermal Opfer israelischer Angriffe. Doch sein Leben änderte sich 2008 für immer, als Israel Gaza angriff. … Es war zu dieser Zeit, dass Ibrahim von einer israelischen Artilleriegranate (!) getroffen wurde. Er verlor beide Beine und ein Auge.“
  4. In anderen Berichten heißt es wiederum: „Ibrahim arbeitete auf einem Fischkutter (!), als er 2008 von einer israelischen Rakete getroffen wurde. Acht Leute an Bord wurden getötet, Ibrahim verlor die Beine unterhalb der Hüften.“
  5. YNet News schreibt von einem Gefecht mit israelischen Truppen, an dem Thurayeh als „Hamas-Kommandant“ (!) teilgenommen habe; dabei soll er seine Beine verloren habe. Als Quelle nennt YNet „eine palästinensische Website“.

Die Geschichte darüber, wie Thurayeh seine Beine verlor, ist also im Lauf der Jahre mehrmals stark verändert worden. Warum? Wir mutmaßen: Die Wahrheit durfte nicht gesagt werden, und unter Thurayeh, seinen Verwandten und anderen Personen, die die Wahrheit kannten, gab es keine hinreichende Abstimmung darüber, welche Version erzählt werden sollte.

 

„Viele haben beide Beine verloren“

Was ist die Wahrheit? Mit hoher Wahrscheinlichkeit waren es Angehörige der Hamas, die Thurayeh verstümmelt haben – was erklären würde, warum Thurayehs im Gazastreifen lebende Familie darüber auch heute nicht die Wahrheit sagen kann. Just zu dem Zeitpunkt, als Thurayeh seine Beine verlor – während der Operation Cast Lead 2008/2009 – ging die Hamas mit brutaler Gewalt gegen Fatah-Mitglieder im Gazastreifen vor. Sie bezichtigte sie, „israelische Spione“ zu sein, doch in Wahrheit war es die Fortsetzung des Rachefeldzugs, der unmittelbar nach der gewaltsamen Machtergreifung der Hamas im Gazastreifen im Jahr 2007 begonnen hatte. Damals wurden Fatah-Leute von Hausdächern gestürzt, andere wurden gefoltert, geblendet (man denke an Thurayehs Auge!), ihnen wurden die Beine abgeschossen. In einem Artikel von Vanity Fair hieß es seinerzeit:

„Anders als die Fatah feuerte die Hamas explodierende Patronen, die nach der Genfer Konvention verboten sind. Einige der [Fatah-] Männer in dem Apartment wurden mit diesen Kugeln 20- oder 30-mal beschossen, was zu unvorstellbaren Verletzungen führte, die Amputationen nötig machten. Viele haben beide Beine verloren.“

Viele der Opfer flohen danach aus Gaza, einige wurden in israelischen Krankenhäusern behandelt und erhielten dort Prothesen. Darüber haben die Weltmedien nie berichtet (eine Ausnahme ist dieser Kurzfilm des Time Magazine). 2008/09 gingen die Racheakte dann unter dem Deckmantel des Vorgehens gegen Verräter weiter. Human Rights Watch schrieb damals:

„Die Sicherheitskräfte der Hamas haben zudem Gewalt gegen bekannte Fatah-Mitglieder verübt, insbesondere gegen jene, die für die von der Fatah geführten Sicherheitsdienste der Palästinensischen Autonomiebehörde gearbeitet hatten. Besonders besorgniserregend ist die verbreitete Praxis, Menschen zu verstümmeln, indem ihnen in die Beine geschossen wird. … Nach Angaben der Unabhängigen Kommission für Menschenrechte (ICHR), dem Menschenrechtsombudsmann der Palästinensischen Autonomiebehörde, haben unbekannte maskierte Bewaffnete zwischen dem 28. Dezember 2008 und dem 31. Januar 2009 die Beine von mindestens 49 Personen mit Schüssen verwundet. Im Januar und Februar 2009 hat Human Rights Watch drei Männer interviewt, denen in die Beine geschossen wurde, offenbar von Sicherheitskräften der Hamas. … Zwei von ihnen waren Fatah-Unterstützer; ein anderer war ein früheres Mitglied der von der Fatah geführten Präventiven Sicherheitseinheit. Der dritte Mann war belauscht worden, wie er auf der Straße die Hamas kritisiert hatte.“

Auch Amnesty International berichtete damals davon, wie die Hamas Dutzenden Männern die Beine abgeschossen hat. Aus alldem lässt sich plausibel darlegen, dass es wohl auch in Thurayehs Fall die Hamas war, die ihm die Beine abgeschossen hat:

  1. Thurayeh war Mitglied in einer Eliteeinheit der Fatah.
  2. 2005 war er laut dem o.g. Buch an Gefechten mit der Hamas beteiligt. Als Elitesoldat wird er nicht nur in die Luft geschossen, sondern mutmaßlich ein paar Hamas-Kämpfer getötet haben. Die Hamas hatte also nicht nur mit ihm als Fatah-Mann eine Rechnung offen, sondern mit ihm persönlich.
  3. Dass er in dem Buch als Fatah-Kämpfer, der an einem Gefecht mit der Hamas teilgenommen hat, namentlich genannt wird, war besonders unglücklich für ihn; zum Zeitpunkt des Interviews ahnte er nicht, dass die Hamas zwei Jahre später die Macht im Gazastreifen übernehmen würde. Die zwei Sätze in dem Buch könnten ihn erst die Beine, dann das Leben gekostet haben.
  4. 2008/09 haben Angehörige der Hamas ihm dann wohl wie so vielen anderen Fatah-Leuten die Beine so zerschossen, dass sie amputiert werden mussten.
  5. Anders als andere Opfer, die aus dem Gazastreifen flohen, entschied er sich, zu bleiben, da dort seine Familie war, die er nicht hätte mitnehmen können.
  6. Der Preis dafür, dass er in Gaza bleiben durfte, war, dass er behaupten musste, Israel sei schuld daran, dass er seine Beine verlor. Die Wahrheit zu sagen, hätte ihn das Leben gekostet und zu möglichen Repressalien gegen seine Familie geführt. Das wollte Thurayeh, der seine Familie liebte, nicht riskieren.

Unter der Herrschaft derer zu leben, die ihn zum Invaliden gemacht haben, muss eine furchtbare Demütigung gewesen sein – noch schmerzhafter, als mit den gleichen Verletzungen in Freiheit zu leben. Dass der dafür Verantwortliche, Hamas-Chef Imail Haniyeh, nun Thuryas Leichnam zur Beerdigung trug, war dann eine weitere, letzte Verhöhnung.

Dafür, dass es so war, wie hier beschrieben, spricht einiges, während die Geschichten darüber, dass Thurayeh seine Beine durch israelisches Verschulden verlor, auf absurde Art widersprüchlich sind. Eine weitere Tatsache können wir folglich festhalten: Vor die Wahl gestellt zwischen einer unglaubwürdigen, von der Hamas erzählten Version, die die Schuld auf Israel legt, und einer anderen, plausibleren, die Israel entlastet und einmal mehr zeigt, was für eine brutale Organisation die Hamas ist, entscheiden sich fast alle Journalisten dazu, der Hamas blind zu glauben und andere Hinweise überhaupt nicht erst zu erwähnen geschweige denn zu verfolgen.

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