Mena-Exklusiv

Schlimmer als je zuvor: Massenhinrichtungen in syrischen Gefängnissen

Von Thomas von der Osten-Sacken

Ansicht des berüchtigten Sednaja-Gefangnisses, wo massenweise Insassen exekutiert werden.

Nach fast acht Jahren fällt es zunehmend schwer, das Grauen in Syrien überhaupt noch beschreiben zu können. Man verfällt in Redundanzen, merkt, dass man die immer gleichen Sätze und Redewendungen zu benutzen beginnt, die doch alledem, was vor Ort geschah und geschieht, nicht einmal annähernd gerecht zu werden können. Hin und wieder wird man aber doch mit Nachrichten konfrontiert, die selbst angesichts des bisherigen Grauens aufrütteln müssten.

So erging es mir gestern, als ich auf einen Artikel aus dem Independent stieß, dessen Überschrift lautete: „UN: Das Assad Regime bringt so viele Leute um, dass es an Vernichtung der Zivilbevölkerung grenzt.“

Endlich, so dachte ich, finden sogar die Vereinten Nationen, die ansonsten solche Despoten ja eher schonend mit Samthandschuhen anzufassen pflegen, treffende und deutliche Worte. Das mag erneut keinerlei Effekte haben, aber immerhin: Jetzt kann, wer will, wissen, in was für einer Hölle Syrerinnen und Syrer unter dem Assad Regime und seinen Verbündeten zu leiden haben.

in dem Artikel ist zu lesen:

„Das Assad-Regime tötet in Syrien so viele Gefangene, dass einem Bericht der Vereinten Nationen zufolge mittlerweile von Verbrechen gegen die Menschheit der ‚Vernichtung‘ (‚Extermination‘) gesprochen werden muss.

In einem Bericht, der von UN-Hochkommissar für Menschenrechte veröffentlicht wurde, kommen die Ermittler zum Ergebnis, dass die syrische Regierung für ‚massive und systematisierte Gewalt‘ verantwortlich sei.

Die Verbrechen gegen die Menschheit des Assad-Regimes übersteigen der UNO zufolge bei weitem diejenigen, die von IS-Kämpfern und anderen dschihadistischen Gruppen begangen wurden.“

Zusammengefasst: Wohl dokumentiert und vor den Augen der sogenannten internationalen Staatengemeinschaft findet eine gezielte Massenmordkampagne an Häftlingen und Internierten statt, die zumindest in den vergangenen Jahrzehnten ihresgleichen sucht.

Eigentlich müsste es jetzt zu einem Aufschrei kommen, müsste irgendetwas passieren, anstatt Business as usual zu betreiben und Diskussionen darüber zu führen, ob und wann europäische Staaten erneut ihre diplomatischen Vertretungen in Damaskus eröffnen sollten. So etwas kann man doch nicht einfach geschehen lassen, ganz besonders, wenn die UN, die in Europa ja so viel zählt und auf die sich so oft berufen wird, einen derart drastischen Tonfall anschlägt.

Und dann stellte ich fest: Der Artikel stammt aus dem Februar 2016, ist also bereits drei Jahre alt. Geschehen ist seitdem nichts, um die Mordmaschinerie des Regimes zu stoppen. Mehr braucht man nicht zu wissen, um sich ein Bild davon zu machen, wie es um Syrien und den Rest der Welt steht.

Und falls es noch irgendjemanden interessiert: Die Mordkampagnen gegen Gefangene in Syrien wurden in den vergangenen Monaten sogar noch intensiviert. Von förmlichen Säuberungen sprach jüngst ein Bericht in der Washington Post:

„Während die syrische Regierung nach Jahren des Bürgerkrieges ihre Kontrolle konsolidiert, erhöht die Armee Baschar al-Assads die Zahl an Hinrichtungen von politischen Gefangenen. Überlebende von Syriens berüchtigtstem Gefängnis berichten, dass Militärrichter die Geschwindigkeit erhöht haben, mit der sie Todesurteile fällen.

In Interviews beschreiben mehr als zwei Dutzend Syrer, die unlängst aus dem Sednaja-Militärgefängnis entlassen wurden, eine Säuberungskampagne der Regierung gegen politische Gefangene. Die früheren Insassen sagen, dass Gefangene aus Haftanstalten aus dem ganzen Land in den Keller des Sednaja-Gefängnisses gebracht und dann durch frühmorgendliche Hängungen exekutiert werden.

Trotz dieser Verlegungen ist die Zahl an Insassen des Sednaja-Gefängnisses, in dessen vollgepackten Zellen sich in der Spitzenzeit geschätzt zwischen zehn- und zwanzigtauschen Menschen befunden haben, insgesamt stark zurückgegangen – hauptsächlich wegen der anhaltenden Exekutionen. Mindestens ein Trakt des Gefängnisses sei mittlerweile praktisch leer, sagten die ehemaligen Gefangenen.“

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