Mena-Exklusiv

Das „Recht auf Rückkehr“: Nakba-Festspiele bei ARD und ARTE

Von Stefan Frank

Den Sinn der jüngsten Ausschreitungen an der Grenze zwischen Gaza und Israel beschrieb Jahia Sinwar, Führer der Hamas in Gaza, so: „Wir werden die Grenze niederreißen und ihre Herzen aus ihren Körpern reißen.“ Gibt es irgendeine Möglichkeit, daraus einen Bericht über „friedlichen Protest“ zu spinnen? ARTE und das ZDF haben es versucht. Ahmed Silmi heißt der Held einer im Auftrag des ZDF produzierten ARTE-Dokumentation von Katrin Sandmann mit dem Titel „Re: Leben im Ausnahmezustand. Israelis, Palästinenser und der Gaza-Streifen“. Silmi wird als ein tragischer Held des Friedens gezeichnet: „Leise Stimmen wie die von Ahmed Silmi, dessen Vorbilder Mahatma Ghandi und Nelson Mandela sind finden nur schwer Gehör“. Doch friedlich und leise, das wird schnell klar, ist Silmi nicht.

Der Film beginnt mit Aufnahmen eines Quadrokopters, den ARTE rechtzeitig zu Beginn der Ausschreitungen zum „Marsch der Rückkehr“ in den Gazastreifen gebracht hat, weil man in Straßburg ahnte, dass es am Grenzzaun großes Kino geben würde. Von zahllosen brennenden Reifen steigt Rauch auf und färbt den Himmel schwarz, dazu ein Gewimmel von Menschen; zwei Männer auf einem Motorrad schaffen weitere Reifen herbei. Die Brände und der schwarze Himmel erinnern an Pieter Bruegels Gemälde „Der Triumph des Todes“. Weil eine Drohnenkamera keinen Ton liefert, hat ARTE die apokalyptischen Bilder mit einem Stimmengewirr aus der Konserve unterlegt; dazu gibt es, man weiß nicht warum, noch ein Martinshorn, wie es die amerikanische Polizei benutzt. Alles sehr dramatisch. Während der Himmel im Film immer schwärzer wird, hört man aus dem Off Silmis leise Ghandistimme, die in der deutschen Synchronisation sagt:

„Der Marsch der Rückkehr hat nicht das Ziel, jemanden zu zerstören. Ich will die Israelis nicht ins Meer treiben. Ich habe kein Problem mit den Israelis als Menschen. Ich habe ein Problem mit Israel als Besatzungsmacht. Nicht die Palästinenser sind das Problem, sondern Israel.“

Israel ist das Problem und muss weg. Ein guter Anknüpfungspunkt für ARTE. Im Stile eines Märchens beginnt der Film mit den Worten: „Ahmed Silmi aus Gaza hat einen Traum: Er möchte fliegen können, die Welt von oben sehen und Grenzen überwinden.“ „Mitte dreißig“ sei er, „Vater von vier Kindern und einer der Initiatoren des sogenannten großen Marsches der Rückkehr“. „Diese Protestbewegung fordert das Recht auf Rückkehr in die alte Heimat, das heutige Staatsgebiet Israels.“

 

„Friedlicher“ Widerstand

Ahmed Silmi hat nie in dem Land gelebt, das angeblich seine „alte Heimat“ ist. Er will keinen arabisch-palästinensischen Staat innerhalb auszuhandelnder Grenzen, sondern betrachtet das gesamte ehemalige britische Mandatsgebiet Palästina als arabisches Eigentum. Das versteht die Journalistin Katrin Sandmann sehr wohl – sie selbst spricht ja vom „heutigen Staatsgebiet Israels“. Dann sagt Silmi: „Die Palästinenser wollen der Besatzung und Belagerung Israels heute mit einer neuen Waffe widerstehen: mit friedlichem Widerstand.“ Interessant: Er selbst bezeichnet „friedlichen Widerstand“ als eine neue Waffe. Bislang, soll das wohl heißen, seien er und seine Mitstreiter im Kampf gegen Israel noch nicht auf die Idee gekommen, friedlich zu sein, was ja auch stimmt. Während der Sprecher aus dem Off die Geschichte von Ahmed Silmis Traum erzählt, der „Grenzen überwinden“ wolle, bereitet Silmi mit seinen Kindern einen Lenkdrachen in den palästinensichen Farben vor (ab Minute 1:15).

Der Drachen sieht aus wie die Drachen, mit denen die „friedlichen“ „Demonstranten“ Getreidefelder auf der anderen Seite des Grenzzauns in Brand gesetzt haben (wobei ihr Erfolg durch ungünstigen Wind beschränkt wurde) – aber das mag ein Zufall sein: Vielleicht war er, an einem Tag, als lauter brennende Drachen aufstiegen, jemand, der seinen  Drachen nicht angezündet hat, das wissen wir nicht. ARTE jedenfalls hält Silmi für friedlich und belegt das so: „Wie um seine friedlichen Absichten zu unterstreichen, hat Silmi seinen siebenjährigen Sohn Abdullah dabei.“ Silmi sagt: „Es macht mich glücklich zu sehen, dass viele Familien dabei sind. Sie verbringen hier ihren Tag, picknicken. Das bedeutet, dass sich der Widerstand von den politischen Fraktionen hin zu den normalen Menschen entwickelt hat. Frauen, Mädchen, alte Männer, Kinder: Sie praktizieren mit ihrer Anwesenheit friedlichen Widerstand.“

Der Film läuft hier gerade mal rund drei Minuten, da ist das Wort „friedlich“ schon fünfmal gefallen. Es gibt hier aber ein logisches Problem: Solange die Frauen, Mädchen, alten Männer und Kinder vom Grenzzaun Abstand halten, praktizieren sie gegen nichts und niemanden „Widerstand“. Und wenn sie den Grenzzaun attackieren, dann sind sie nicht friedlich. In Wahrheit scheint es hier um menschliche Schutzschilde zu gehen. Hamas-Kämpfer haben diese Taktik schon vor langem eingeräumt. Fathi Hammad, ein Mitglied des Hamas-Legislativrats, äußerte 2008:

„Für das palästinensische Volk ist der Tod zu einer Industrie geworden, bei der Frauen sich auszeichnen, ebenso wie alle in diesem Land lebenden Menschen. Die Alten zeichnen sich aus, und ebenso die Mudschaheddin und die Kinder. Darum bilden wir menschliche Schilde aus den Frauen, den Kindern, den Alten und den Mudschaheddin, um die zionistische Bombardierungsmaschine herauszufordern. Es ist, als würden sie dem zionistischen Feind sagen: Wir wünschen den Tod, so wie ihr das Leben wünscht.“

Doch ARTE gibt sich unbeirrt: Silmis Idee laute: „friedlicher ziviler Ungehorsam, statt Selbstmordattentaten und Raketen“. Das klingt so, als wäre der „friedliche zivile Ungehorsam“ eine bessere Methode, die aber demselben Ziel dient. Und so ist es wohl auch gemeint: Das gemeinsame Ziel ist die Zerstörung Israels.

So sieht es auch Silmi, der Ghandi-Darsteller: „Viele Palästinenser glauben, dass sie ihre Rechte von den Besatzern nicht ohne gewaltsamen Widerstand und [gewaltsame] Mittel einfordern können“, sagt er (27:50) Seit hundert Jahren ermorden Araber in Palästina Juden. Wieso waren Juden damals „Besatzer“? Und inwiefern dient es dem „Einfordern“ von „Rechten“, wenn ein Scharfschütze Arafats ein jüdisches Baby in seinem Kinderwagen erschießt oder sich jemand ins Schlafzimmer eines 13-jährigen jüdischen Mädchens schleicht, um es im Schlaf zu ermorden? Und warum eigentlich hat die Hamas just in dem Augenblick angefangen, Raketen auf Israel zu schießen, als Israel sich vollständig aus dem Gazastreifen zurückgezogen hatte? Fragen, die ARTE niemals stellen würde.

Während eine in Tücher und eine Fahne der Hamas gewickelte Leiche gezeigt wird, heißt es: „Jeder getötete junge Mann schürt neuen Zorn.“ Hier beginnt die Reflexion in dem Moment, wo ein junger Mann getötet wurde. Kann denn niemand die Zeit zurückdrehen, um die Erklärung dafür zu finden, wie der junge Mann überhaupt in diese Lage kam? Bei 27:39 gibt es einen versteckten Hinweis: „Die Hamas ruft die Palästinenser dazu auf, sich am Grenzzaun zu opfern und am 15. Mai die Grenze nach Israel zu stürmen.“ Oha. Es ist just dieselbe Aktion, die kurz vorher noch als „friedlicher Widerstand“ gepriesen wurde. Wer friedlich ist und wer ein Terrorist, ist selbst im Film kaum auseinanderzuhalten. An der Legitimität des gemeinsamen Ziels gibt es aber keine Zweifel. „Ich will“, sagt eine Journalistin aus dem Gazastreifen im Film (28:29), „dass dieser Ort, dieses Land den Palästinensern gehört“. Gemeint ist das Land Israel. Die Araber hätten ein Recht auf das ganze Land, „wir waren zuerst hier.“

 

Das Problem: Israels Existenz

Quelle: Screenshot

ARTE, so scheint es, hat sich im Jubiläumsjahr 2018 ganz dem „Recht auf Rückkehr“ von – je nach Schätzung – bis zu „acht Millionen Flüchtlingen“ und somit der Zerstörung Israels verschrieben. Letztes Jahr klang das noch anders. Da war „50 Jahre Sechs-Tage-Krieg“ das bestimmende Thema, und die Ursache des Konflikts wurde im Jahr 1967 gesucht. Da gab es einen Film mit dem Titel „Entlang der grünen Linien“. Die Botschaft, die dem Zuschauer immer wieder eingehämmert wurde, war: Würde sich Israel hinter die Waffenstillstandslinie von 1949 zurückziehen, wäre Frieden. Dass das nicht stimmen kann, erkennt man unter anderem daran, dass diese Linie (die ausdrücklich nie als Grenze gedacht war) ja nicht zum Frieden geführt hat, sondern zu Terror, Artilleriebeschuss von den Golanhöhen und eben dem Krieg von 1967. 1964 wurde kein palästinensischer Staat gegründet, sondern die „Palästinensische Befreiungsorganisation“ PLO. Heute noch feiert die Fatah auch die Terroranschläge, die sie vor 1967 verübt hat.

Aus Anlass des 70. Jahrestages der Staatsgründung Israels am 14. Mai berichtete die deutsche Tagesschau (ab Minute 2:30), die Palästinenser gedächten an diesem Tag des „Beginns“ der „Flucht und Vertreibung“ „Hunderttausender Palästinenser“. Die Ursache des Konflikts wäre demnach nicht die permanente Weigerung der arabischen Seite, irgendeinem Kompromiss zuzustimmen; auch nicht die Kriege (1948, 1967, 1973) und Terrorfeldzüge, die diese Geisteshaltung immer wieder hervorgebracht hat – sondern die von der Tagesschau explizit als „Auslöser“ bezeichnete „Staatsgründung Israels“, obwohl diese weitgehend friedlich vonstatten ging und ohne die arabischen Versuche, sie zu verhindern oder rückgängig zu machen, nicht die Vertreibung auch nur eines einzigen Menschen zur Folge gehabt hätte.

Wenn dann in den deutschen öffentlich-rechtlichen Sendern auch noch sympathisierend über Leute berichtet wird, die Israel zerstören wollen, weil sie die bloße Gründung dieses Staates für ein Verbrechen halten, und die eine „Rückkehr“ von Millionen Arabern nach Tel Aviv, Haifa, Tiberias oder Safed fordern, dann muss das Israelis zu denken geben. Schon die These, dass ein Rückzug Israels hinter die Waffenstillstandslinie von 1949 zu einem Frieden mit der PLO führen würde, war ja reines Wunschdenken. PA-Präsident Mahmud Abbas macht immer wieder klar, dass er Israel für ein „kolonialistisches Projekt“ hält und die Juden keinerlei historische Verbindung zu dem Land hätten, und also auch keinerlei Rechte auf dieses Land. Vielleicht aber gab es bislang noch Leute, die dachten, zumindest die Europäer würden befriedet, wenn Israel auf die Größe von 1949 geschrumpft würde. ARTE zerstört solche Illusionen. Selbst wenn Israel alle 1967 von jordanischer Besatzung befreiten Gebiete „zurückgeben“ (an wen?) würde, würde es heißen: Jetzt müsst ihr euch auch noch aus dem übrigen Gebiet zurückziehen und eine Rückkehr von Millionen Leuten wie Ahmed Silmi zulassen.

Quelle: Screenshot

Seit Jassir Arafat benutzen Sprecher der Fatah gern mehrdeutige Begriffe, wenn es darum geht, Westlern die Ziele der Organisation zu erklären. Sie sagen, sie seien gegen die „Besatzung“ und meinen damit ganz Israel. So auch ARTE. Ahmed Silmi, der Israels Existenz zum Problem erklärt, das „Recht auf Rückkehr“ für Millionen Flüchtlingsenkel einfordert und gemeinsam mit der Hamas auf den Grenzzaun vorrückt, wird in dem ARTE-Film zur „leisen Stimme“ des „Friedens“ gemacht. ARTE spricht von „Besatzung“ und meint in Wahrheit ganz Israel.

Dazu passt folgendes Detail: Zu Beginn des Films (1:12) wird der Umriss Israels gezeigt – inklusive der palästinensischen Autonomiegebiete. Ist das nach Meinung von ARTE alles israelisches Staatsgebiet? Wohl kaum. Aus Sicht von ARTE ist wohl eher alles „Palästina“. Es ist dieselbe Landkarte, die auch in den Emblemen der PLO und der Fatah zu sehen ist.

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