Mena-Exklusiv

Israel: Kaum Wissen trotz übermäßiger Berichterstattung

Von Thomas von der Osten-Sacken

Mit Staunen erlebe ich immer wieder, wie wenig Landsleute eigentlich über Israel und die Geschichte des Zionismus wissen, obwohl Zeitungen und Medien voll sind mit Reportagen und  über Israel und den so genannten Nahostkonflikt, wie irgendwelche Studien erwiesen haben, in vielen Jahren sogar mehr berichtet wird, als über den ganzen afrikanischen Kontinent. Vor einigen Tagen traf ich einen entfernten Bekannten auf einem Frankfurter Sommerfest und er begann, mich über meine Arbeit im Nahen Osten und die Lage dort auszufragen, warum ich 2003 den militärischen Sturz Saddams unterstützt habe und wie ich die Zukunft sehe.  Früher oder später streiften wir natürlich die Frage, welche Rolle der Iran spiele und was ich von Trumps Politik halte. Ich erklärte, dass ich von Trump nichts, von seiner Iranpolitik allerdings einiges halte und das Regime in Teheran nicht reformierbar sei und deshalb weg gehört, die Islamische Republik sich in eine Republik Iran transformieren müsse.

Bis zu diesem Punkt war es ein schönes Gespräch. Dann allerdings meinte er: „Aber der Iran ist ja nicht die einzige Theokratie im Nahen Osten“. Ich fragte, wen er denn noch meinte und er antwortete: „Israel, das werde ja auch von religiösen Geboten regiert.“ Und wie so oft in derartigen Diskussion schluckt man, kaum kommt die Rede auf Israel und fragt sich: Was nun sagen und tun? Ich entschied mich für eine ruhige Antwort und begann ihm zu erklären, dass diese Vorstellung falsch sei, dass der Zionismus eine nationale und keine religiöse Bewegung gewesen sei und die Zionisten Judentum als Nationalität verstanden.

Dann erklärte ich ihm, dass das „Law of Return“, die Grundlage israelischen Nationsverständnisses, Juden nicht religiös, also nach Vorgabe der Halacha definiere, sondern ex negativo die furchtbare Definition der Nürnberger Rassegesetze von 1935 zugrunde lege: Wer von den Nazis als Jude verfolgt wurde oder heute, wären sie noch an der Macht, verfolgt werden würde, der hat das Recht in Israel einzuwandern. Die Nazis, wie moderne Antisemiten überhaupt, definierten und bekämpften Judentum schließlich nicht vornehmlich als Religion, sondern als imaginierte Rasse. Und deshalb reagierte Israel entsprechend auf den antisemitischen Wahn, dem Millionen in Konzentrationslagern zum Opfer fielen. Sollte er es mir nicht glauben, könne er selbst auf Wikipedia den entsprechenden Hinweis finden.

Aus diesem Grund seien auch viele der Einwanderer aus Russland etwa keine Juden im halachisch-religiösen Sinne. Ich erklärte, dass diese Definition seit langem ein Streitpunkt auch zwischen säkularen Zionisten und nationalreligiösen Israelis sei, aber bis heute eben diese Geltung habe, und es deshalb in jeder Hinsicht Unfug sei, von Israel als religiösem Staat zu sprechen. Und ich erstellte erstaunt fest, dass ich nicht etwa auf Ablehnung, sondern auf Interesse stieß und dieser Bekannte meinte, so hätte ihm das noch niemand je erklärt und das ändere natürlich den Blick auf Israel und den Nahostkonflikt ganz grundlegend.

Ich fuhr dann fort, ihm zu erklären, warum die Verteidigung Israels, oder – wie es immer heißt – des Existenzrecht Israels, eine Selbstverständlichkeit sein sollte, nur leider nicht ist, und dass es außerdem keine nur-religiöse Definition von Jude-Sein geben könne. Und dann erklärte ich noch, weil er fragte, warum das sogenannte Rückkehrrecht der Palästinenser – wie die UNRWA es behauptet – ein inhumanes Unding sei: nicht vergleichbar mit dem israelischen „Law of Return“, sondern im Gegenteil eine Konstruktion, die auf die Zerstörung Israels ziele, das potentiell Staat jedes von Antisemitismus verfolgten Menschen sein müsse.

Nein, dieser Bekannte hatte, wie ich feststellte und auch erst befürchtete, keine Ressentiments gegen Israel, er war schlich nicht richtig informiert. Und beim Abschied fragte ich mich, wie es kommen kann, dass trotz aller Berichterstattung, obwohl dieses Thema Gemüter wie kein anderes erhitzt und an jeder Ecke kleine Experten lauern, bis heute offenbar sich kaum herumgesprochen hat, auf welcher Grundlage der jüdische Staat eigentlich errichtet wurde.

4 Gedanken zu „Israel: Kaum Wissen trotz übermäßiger Berichterstattung

  1. Herr Vorragend

    Was Sie schreiben, entspricht nicht so ganz der Wahrheit. Die jüdische Religion spielt in Israel sehr wohl eine ausgesprochen große Rolle, und ihre Bedeutung nimmt kontinuierlich zu, v. a., weil die Zahl der orthodoxen Juden (sowohl der National-Religiösen als auch der Charedim) stark steigt. Und es gab quasi von Anfang an auch eine religiös-zionistische Bewegung, die ja auch in der Knesset vertreten ist. De facto hat Israel außerhalb Tel Avivs weitaus mehr Ähnlichkeiten mit den umliegenden arabischen Gesellschaften, als mit Nord- oder Westeuropa. Bevor Sie also anderen Leuten „mangelndes Wissen“ unterstellen, sollten Sie sich lieber selbst umfassend informieren.

    „und dass es außerdem keine nur-religiöse Definition von Jude-Sein geben könne“

    Und warum nicht, wenn ich fragen darf? Haben Sie über dieses Thema schon einmal mit frommen Juden gesprochen, oder interessiert Sie deren Meinung gleich gar nicht?

    1. Mena Watch Beitragsautor

      Sehr geehrter Herr Vorragend,

      in dem Artikel geht um das „Law of Return“ – und darum, dass dieses nicht religiös definiert ist. Über den ebenso stärker werdenden wie von Säkularen kritisierten Einfluss religiöser Israelis ist in dem Artikel keine Aussage getroffen.

      Auch sollte nicht behauptet werden, dass es gar keine rein-religiöse Definition des Judentums geben könne. Vielmehr sollte darauf hingewiesen werden, dass es nicht nur eine solch religiöse Definition geben könne, weil sonst nicht erklärbar wäre, warum sich auch nicht-religiöse Israelis als Juden fühlen.

      Mit freundlichen Grüßen,
      Mena Watch

  2. Herr Vorragend

    Na ja, sobald man einen Staat gründet und diesen als „jüdisch“ bezeichnet, darf man sich letztlich nicht wundern, wenn auch religiöse Juden nach mehr und mehr Einfluss streben. Das ist in der Definition als „jüdischer Staat“ ja bereits angelegt. Im Grunde könnte der israelische Staat ohne das Judentum überhaupt nicht existieren, da es zwischen Menschen, die aus zahlreichen unterschiedlichen Ländern stammen, abseits der Religion nicht viele Gemeinsamkeiten gibt.

    1. Mena Watch Beitragsautor

      Die zentrale Gemeinsamkeit, auf die das „Law of Return“ als ein Kernstück des Zionismus verweist, ist es, Opfer von Antisemitismus werden zu können. Als Schutz und Zufluchtsort für die antisemitisch Verfolgten bzw. als Emanzipation aus der Lage, für diesen Schutz auf andere angewiesen zu sein, die diesen Schutz – der Holocaust hat es endgültig bewiesen – nicht leisten können oder wollen: nicht zuletzt aus diesen Gründen hat Israel sich etabliert.

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