Mena-Exklusiv

Israel-Berichterstattung: Und täglich grüßt das Murmeltier

Von Alex Feuerherdt

Wieder einmal schießt die Hamas ihre Raketen auf Israel, und wieder einmal setzt die mediale Berichterstattung erst ein, wenn der jüdische Staat sich dagegen zur Wehr setzt. So geht es seit Jahr und Tag, und keine Kritik hat daran etwas zu ändern vermocht. Der frühere Israel-Korrespondent einer großen Nachrichtenagentur ist diesem Problem schon vor drei Jahren auf den Grund gegangen.

Angesichts der Berichterstattung über den meist als „Nahostkonflikt“ verharmlosten palästinensischen Krieg gegen Israel fühlt man sich oft ein bisschen wie Bill Murray alias Phil Connors am Groundhog Day in Punxsutawney: Und täglich grüßt das Murmeltier. Auch jetzt war das so, als die Hamas wieder einmal tagelang Raketen auf Israel feuerte, ohne dass das in deutschsprachigen Medien einen nennenswerten Nachrichtenwert erzeugt hätte. Erst als die israelische Armee Gegenmaßnahmen ergriff, fand das den gewohnten medialen Widerhall. „Israel fliegt massive Luftangriffe in Gaza“ (n-tv.de), „Israel fliegt ‚größten Tageslicht-Angriff‘ seit 2014“ (Spiegel Online), „Israels Luftwaffe beschießt Hamas-Ziele im Gazastreifen“ (Der Standard) – so oder so ähnlich lauteten viele Schlagzeilen vor rund einer Woche.

Den Vogel schoss dabei das reichweitenstarke Nachrichtenportal T-Online ab, dessen Schlagzeile lautete: „Gaza-Konflikt: Israel bombadiert [sic!] – Palästinenser wehren sich mit Raketen“. Eine geradezu beispielhafte Verdrehung von Ursache und Wirkung, eine Desinformation par excellence, die sich einreiht in infame Überschriften wie „Israel droht mit Selbstverteidigung“ (Focus, 2006) und „Israel erwidert trotz neuer Waffenruhe Beschuss aus Gaza“ (Spiegel Online, 2014) oder „Weiter Raketen auf Israel, aber Waffenruhe hält vorerst“ (Focus 2012). Von Mena-Watch gefragt, wie eine solche Headline zustande kommen kann, antwortete T-Online via Twitter: „Dies war ausschließlich die für Google optimierte SEO-Überschrift des Artikels. […] Sie entstand durch einen redaktionellen Fehler, der bereits kurz darauf behoben wurde und uns leid tut. Eine politische Absicht stand nicht dahinter.“

Das mag sogar ehrlich gemeint gewesen sein, was die Sache allerdings keineswegs besser macht. Denn es ist das freimütige Eingeständnis, dass sich Klicks und Reichweiten bei dieser Thematik vor allem dann erzielen lassen, wenn man den Israelis die Täterrolle zuweist und die Palästinenser als Opfer darstellt, deren Raketenterror eine legitime Form der Gegenwehr sei. Eine solche „systematische Asymmetrie in der Darstellung der Akteure“ zulasten Israels stellte der Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch bereits vor vier Jahren fest, als er die Schlagzeilen von Medienbeiträgen auswertete, die sich während des Gaza-Krieges mit Kampfhandlungen beschäftigten. In einer Vielzahl von Fällen werde Israel als Angreifer dargestellt, der Hamas dagegen nur ausnahmsweise wenigstens eine Mitverantwortung zugeschrieben, schrieb er in der Jüdischen Allgemeinen. Der jüdische Staat werde überaus häufig als Verantwortlicher für eine Eskalation gezeichnet, als Selbstverteidigung seien seine Handlungen in den Überschriften der untersuchten Beiträge dagegen kein einziges Mal bewertet worden.

Auch jetzt ist das wieder so, was selbst Natalie Amiri auffiel, der ARD-Korrespondentin in Teheran, die sonst nicht gerade mit Verständnis für das israelische Handeln auffällt. „Seit Tagen beschießt die Hamas mit hunderten von Raketen Israel“, schrieb sie auf Twitter. „Erst heute hört man davon und in mehreren Schlagzeilen liest es sich, als wäre Israel der Aggressor. Dabei provoziert die Hamas unentwegt.“ Der Grünen-Politiker Volker Beck übte ebenfalls Kritik: „Liebe deutsche Presse, begann eure Berichterstattung wieder erst mit der Reaktion? Oder wer berichtete aus den israelischen Bunkern der letzten Nacht?“ Fast niemand tut dies, wie Thomas Eppinger in seinem Beitrag für Mena-Watch zu Recht feststellte:

„15 Sekunden, um Schutz zu suchen. 15 Sekunden zum nächsten Bunker. 15 Sekunden, um beim Abendessen die Kinder zu packen und ins Stiegenhaus zu rennen. 15 Sekunden, um es aus der Dusche in den Schutzraum zu schaffen. 15 Sekunden im Einkaufszentrum, im Park, am Spielplatz, im Kindergarten, beim Arzt. 15 Sekunden haben die Israelis Zeit, sich nach einem Raketen-Alarm in Sicherheit zu bringen. 15 Sekunden, die in unseren Medien so gut wie gar nicht vorkommen.“

Ideologische Gleichförmigkeit und politischer Rufmord

Vor dreieinhalb Jahren ist Matti Friedman, der von 2006 bis 2011 für die Nachrichtenagentur Associated Press (AP) aus Israel berichtete, dieser Problematik in einem bemerkenswerten Vortrag auf den Grund gegangen (ein ins Deutsche übersetzter Auszug findet sich hier, die vollständige Originalfassung in englischer Sprache hier). In seiner Zeit als Korrespondent habe er immer wieder erlebt, „wie Israels Mängel überzeichnet wurden, während die Fehler seiner Feinde nicht vorkamen. Ich habe miterlebt, wie die Gefahren für Israel ignoriert oder als Fantasieprodukte verhöhnt wurden, sogar, wenn diese Gefahren sich immer wieder ganz real manifestierten. Ich habe gesehen, wie ein fiktionales Bild Israels und seiner Feinde produziert, gepflegt und verbreitet wurde, indem bestimmte Einzelheiten aufgebauscht, andere ignoriert wurden und das Gesamtergebnis als akkurates Bild der Wirklichkeit verkauft wurde.“

100 neue Häuser in einer jüdischen Siedlung im Westjordanland seien den Medien immer eine Story wert, 100 nach Gaza geschmuggelte Raketen dagegen nicht. „Vandalismus gegen palästinensisches Eigentum durch israelische Rowdies ist eine Geschichte“, schrieb er weiter, „neonazistische Aufmärsche an palästinensischen Universitäten oder in palästinensischen Städten sind es nicht. Jüdischer Hass gegen Araber ist berichtenswert. Arabischer Hass gegen Juden nicht.“ Bei AP habe es sogar die Richtlinie gegeben, „die Passagen der Hamas-Charta nicht zu erwähnen, in denen Juden die Drahtzieherschaft bei beiden Weltkriegen sowie bei der Russischen und der Französischen Revolution unterstellt wird – trotz des Einblicks, den diese Passagen in das Denken eines der wichtigsten Akteure im Konflikt bieten“.

Die internationale Presse in Israel sei, schrieb Friedman, „weniger Beobachter des Konflikts als vielmehr Partei“. Statt die Ereignisse zu erklären, verlege sie sich „auf eine Art politischen Rufmord im Dienst der Seite, deren Sache sie für gerecht hält“. Es herrsche „eine Art ideologische Gleichförmigkeit“. Die Bewegung für einen Boykott Israels habe in den Medien „beträchtliche Unterstützung, auch bei einigen meiner früheren Vorgesetzten“. Reporter, NGO-Vertreter und politische Aktivisten bewegten sich im selben sozialen Milieu. Dort sei „‚Israelkritik‘ die bestimmende, ‚korrekte‘ Meinung, die auch die Berichterstattung bestimmt“. Als Begründung dafür werde immer wieder „die Besatzung“ genannt, doch diese sei „nicht der Grund des Konflikts, sondern ein Symptom“.

 

Jüdische Souveränität als schlimmstmögliche Zumutung

Schließlich habe es den Konflikt schon vorher gegeben, so Friedman, „und es würde ihn auch weiter geben, wenn Israel sich aus dem Westjordanland zurückzöge“. Zumal in das dann entstehende Vakuum „nicht die Kräfte der Demokratie und Modernität stoßen würden – die in der Region schwach bis nicht vorhanden sind –, sondern die Mächtigen, die Skrupellosen, die Extremisten“. So sei es im Irak, in Syrien, in Libyen, im Jemen und davor in Gaza und im Südlibanon gewesen. „Wenn Israel die Besatzung beenden würde, hätten die schwarz maskierten Kämpfer des radikalen Islam bald eine neue Aufmarschbasis nur wenige Meter von der israelischen Zivilbevölkerung entfernt, die sie mit Raketen und Granaten unter Dauerbeschuss nehmen würde. Viele Tausende Menschen würden sterben.“ Das weiß man natürlich auch in den Medien. Ein Thema ist es dennoch allenfalls ausnahmsweise.

Matti Friedman vermeidet es, den Grund für die oftmals verzerrte, israelfeindliche Berichterstattung auf den Begriff zu bringen und ihn als antisemitisch zu bezeichnen. Dennoch wird klar, dass er diesen Grund sieht, etwa, wenn er sagt, alles werde stets auf die Besatzung zurückgeführt, sodass Juden sogar „im Zweifelsfall an Mordanschlägen gegen sie selbst schuld“ sein sollten, weshalb es kein Wunder sei, „dass so viele Juden in Westeuropa inzwischen wieder nach den Koffern schauen“. In der Dämonisierung des jüdischen Staates, in der Delegitimierung seiner Selbstverteidigung und im Anlegen von Maßstäben, mit denen kein anderes Land der Welt gemessen wird, äußert sich dieser – israelbezogene – Antisemitismus, dem seit Jahren keinerlei Kritik etwas anhaben kann. Denn er ist, wie jeder Antisemitismus, resistent gegen Aufklärung.

Und so wird der jüdische Staat auch künftig in den weitaus meisten Medien stets als Aggressor erscheinen, wenn er sich gegen den Raketenbeschuss und anderen Terror aus dem Gazastreifen zur Wehr setzt. Denn jüdische Souveränität – und zu dieser gehört es, auch militärische Maßnahmen zu ergreifen, um die Bürger Israels vor Angriffen zu schützen – ist für den Antisemitismus die schlimmstmögliche Zumutung. Juden haben gefälligst Opfer zu sein, um in den Genuss von Solidarität zu kommen. Wenn sie dagegen Schritte unternehmen, um nicht erneut zum Opfer zu werden, bezichtigt man sie der Täterschaft – natürlich stets im Namen der Menschenrechte. Auch das war in der Geschichte noch nie anders. Das Murmeltier hört nun mal nicht auf, täglich zu grüßen.

Ein Gedanke zu „Israel-Berichterstattung: Und täglich grüßt das Murmeltier

  1. ecaep

    Sehr geehrter Herr Feuerherdt,

    das Murmeltier im wunderbaren Film von Harold Ramis (1993), auf den Sie Bezug nehmen, kommt zwar darin nicht so recht vor. Aber statt dessen erlebt der Zuschauer etwas unvergleichlich spannenderes: nämlich wie aus einem Mistkerl ein Mistkerlverweigerer wird. Der Zuschauer erlebt den immer gleichen Phil Connors (Bill Murray) am immergleichen 2. Februar, der die immergleichen Menschen in den immergleichen Situationen trifft. So denkt man zumindest. Aber das wäre wohl kein wirklich spannender Plot, bliebe es dabei. Würde man tatsächlich Zeuge der immergleichen, meist unerfreulichen, weil ungemeisterten Situationen, verlöre der Zuschauer rasch das Interesse. Aber dem ist nicht so. Der Drehbuchautor Danny Rubin hat den genialen, weil einfachen und seit Urzeiten bekannten Gedanken, dass nichts so sehr im Leben hilft, wie eine ordentliche, zielgerichtete, lang beibehaltete, objektbezogene Wiederholung – an anderer Stelle auch ÜBUNG genannt (Sloterdijk, „Du musst Dein Leben ändern“). Zwar ist das Datum des Tages, in dem der Held gefangen ist, das immergleiche (02.02. = Groundhog Day), tatsächlich aber entwickeln sich die Ereignisse – zuerst zögerlich später mit aufregend-unerwarteten Wendungen – dramatisch weiter. Und: aus dem menschenverachtenden Zyniker Phil Connors, der, nachdem er den SCHOCK aus der ZEITSCHLEIFE nicht ausbrechen zu können, einigermaßen verkraftet hat, alle Gelegenheiten wahrnimmt, sein Wissen über den immergleichen Tagesablauf bösartig auszunutzen, wird ein Antizyniker. Nach und nach lernt der Zeitgefangene alle Personen des kleinen Ortes kennen, weiß um ihre Stärken und Schwächen – und hält sich schamlos schadlos an ihnen. BIS EINES TAGES ETWAS UNERWARTETES EINTRITT: Phil Connor wird seiner immergleichen miesen Schäbigkeit ÜBERDRÜSSIG. Sie langweilt ihn zuerst, später widert sie ihn an. Was dann geschieht ist ein wahrhafter Glücksmoment im Kino: wir werden Zeuge wie aus einem schlechten ein guter Mensch wird. Kraft der unerbittlichen WIEDERHOLUNG des IMMERGLEICHEN zu der er gezwungen wird, verwandelt sich Phil Connors nicht nur aus taktischem Kalkül (Alltagszynismus), sondern weil er TATSÄCHLICH ein anderer werden will, in einen besseren Menschen als er war. (Schau an!) Und – so ist das im MÄRCHEN – das Wunder gelingt. Dank der schönen Kollegin Rita (Andie McDowell), um deren Gunst Phil Connor eifrig bemüht ist, bleibt sein Interesse an der Selbstverbesserung beständig wach. Und was kaum einer anfangs zu hoffen wagte, tritt ein: der Zyniker Connors verwandelt sich zum Menschfreund, der er wird aus innerer Notwendigkeit. Keine taktischen Spielchen mehr. Keine medialen Tricks. Keine vorgetäuscht-opportunistischen Werte. Keine Doppelmoral. Und erst in dem Moment, wo DAS glaubhaft wird, wo er mit seiner Vergangenheit ernsthaft BRICHT – märchenhaft symbolisiert durch Ritas Liebe, die er nicht nur erwirbt, sondern dauerhaft behält – , darf er aus der Zeitschleife heraus. Überraschend geläutert verläßt er Punxsutawney um fortan ein glücklicheres Leben zu führen als bisher.

    Soweit das Märchen. Von Hamas, Hisbollah, PA und anderen abnorm bösartigen Menschen sind solche METANOIEN nicht zu erwarten. Wiederholt wird hier der immergleiche HASS. Der richtet sich zunehmend unverhohlen gegen die EIGENE Kultur. Gegen das EIGENE Volk. Gegen das berechtigte Streben der nächsten Menschen nach Glück. Wie in allen faschistischen Systemen, so wird auch hier der HASS als allumfassender Sinnstifter inszeniert. Wie abgrundtief BÖSE das ist, kann nur der ermessen, dem der AUSBRUCH aus dieser HÖLLE gelingt. Das sind nur wenige – leider. Die aber, die dem Höllenkreis entkommen, sind andere. Jemand wie Mosab Hassan Yousef z.B. ist nicht nur ein Glücksfall für die internationale, stets auf Sensationen bedachte Presse, sondern auch ein seltener Fall von bemerkenswerter VERWANDLUNG. Biographien wie seine zeigen, dass aus HASSLOOPS auszubrechen gelingen kann. Das Erstaunen darüber kann gar nicht groß genug sein. –

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