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Wie sich Islamisten in Österreich tarnen

Von Heiko Heinisch

Imagepolitur: Die österreichische Vertretung der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüş wehrt sich dagegen, mit Milli Görüş in Verbindung gebracht zu werden.

Gleich neben Milli-Görüs-Gründer Erbakan: Ümit Vural, Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich. (Quelle: Youtube)

Am 24. Juni veröffentlichte die Kronen Zeitung eine bemerkenswerte, vom Verein Islamische Föderation Sultan Ahmet geforderte Gegendarstellung, in der es heißt, der Verein sei „vollkommen unpolitisch“ ausgerichtet und stehe „insbesondere in keiner Verbindung zur politisch ausgerichteten Milli Görüş“.

Bei Milli Görüş (=Nationale Sicht) handelt es sich um eine türkische islamistische Bewegung, die in Deutschland ihre Zentrale hat und dort unter dem Namen Islamische Gemeinschaft Milli Görüş auftritt. Wegen ihrer islamistischen Ausrichtung wird sie vom Verfassungsschutz beobachtet. Hätte der Verein Sultan Ahmet tatsächlich nichts mit Milli Görüş zu tun, so wäre es verständlich, dass er sich gerichtlich gegen den Vorwurf zur Wehr setzt, Teil dieser islamistischen Bewegung zu sein.

Necmettin Erbakan, der die Bewegung 1970 gründete, wollte die bestehenden Staaten und politischen Systeme, inklusive der demokratischen, durch eine, wie er es nannte, „gerechte Ordnung“, ersetzen: durch eine Gesellschaft, die einzig auf den islamischen Regeln der Scharia basiert. Seine Aussagen und Schriften strotzen zudem vor unverblümt vorgetragenen, grob antisemitischen Verschwörungstheorien. 2010 sagte er in einem Interview:

„Seit 5700 Jahren regieren Juden die Welt. Es ist eine Herrschaft des Unrechts, der Grausamkeit und der Gewalt (…) Sehen Sie sich diese Ein-Dollar-Note an. Darauf ist ein Symbol, eine Pyramide von 13 Stufen, mit einem Auge in der Spitze. Es ist das Symbol der zionistischen Weltherrschaft.“

Wer will schon in Österreich mit solchen Sätzen und offenen Islamisierungsabsichten in Verbindung gebracht werden? Das gilt umso mehr, als die Aktivitäten legalistisch arbeitender islamistischer Organisationen in den letzten Jahren stärker in der Kritik stehen und das Thema unter der Überschrift „Kampf gegen den politischen Islam“ sogar Eingang ins türkis-blaue Regierungsprogramm gefunden hatte.

Und so wehrt sich nicht nur der Moscheeverein Sultan Ahmet dagegen, in einem Atemzug mit Milli Görüş genannt zu werden, sondern auch die Islamische Föderation Wien (IFW), die österreichische Vertretung der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüş. In einer Aussendung vom 20. Februar 2019 behauptete sie, nicht „mit Organisationen, die der sogenannten ‚Millî Görüş Bewegung‘ zugerechnet werden, personell oder institutionell, direkt oder indirekt verbunden“ zu sein. Auf Nachfrage des Kurier hieß es, die Islamische Föderation Wien (IFW) sei in erster Linie eine Kultusgemeinde, Schwerpunkt sei die Förderung religiösen Lebens und Wirkens. Erwähnt sei noch, dass es sich bei der Islamischen Föderation um den zweitgrößten Moscheen-Verband in Österreich handelt.

Versteckspiel

Hintergrund der Leugnung jeglicher Verbindung zu Milli Görüş ist auch die Tatsache, dass mit Ümit Vural ein ehemaliger Funktionär derselben zum Präsidenten des Dachverbands Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGÖ) gewählt wurde. Bis vor einigen Jahren saß Vural im Vorstand der Islamischen Föderation Wien. Seit seiner Wahl zum IGGÖ-Präsidenten umgeht er alle Fragen, die seine Nähe zu Milli Görüş betreffen.

Die Verbindungen sowohl der Islamischen Föderation als auch des Vereins Sultan Ahmet zu Milli Görüş und ihrem Gründer Erbakan liegen jedoch offen zutage und es entsteht der Eindruck, hier solle mittels der Gerichte das Image aufpoliert werden.

Der Verein Sultan Ahmet ist kein eigenständiger Verein, sondern laut seinen eigenen Statuten ein Mitgliedsverein der Islamischen Föderation Wien, der in wesentlichen Bereichen, wie etwa der Wahl des Vorstands oder Änderungen der Statuten, keine selbständigen Beschlüsse fassen kann, sondern auf die Zustimmung des Muttervereins Islamische Föderation Wien angewiesen ist. Die IFW wiederum schrieb, ungeachtet der oben zitierten Aussendung, in der sie sich noch einen Monat zuvor von Milli Görüş distanziert hatte, am 25. März dieses Jahres auf ihrer Facebook-Seite, sie übe die „regionale Vertretung der IGMG – Islamische Gemeinschaft Milli Görüş“ aus – also jener in Deutschland beheimateten Organisation, die dort vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Was davon sollen wir nun glauben?

Einzelne Mitgliedsvereine der IFW bekunden zudem immer wieder ihre Nähe zum oben zitierten Gründervater Erbakan. An dessen Todestag veröffentlichte ausgerechnet der Verein Sultan Ahmet am 27. Februar dieses Jahres auf seiner Facebook-Seite ein Porträt Erbakans, versehen mit den Worten: „Wir gedenken unseres verstorbenen Lehrers (hoca) im 8. Jahr seines Ablebens“.

Nun wäre es wünschenswert, wenn sich einzelne Moscheevereine oder besser noch alle Milli Görüş Vereine und die gesamte Islamische Föderation Wien von der Milli Görüş Bewegung und einer Figur wie Erbakan abwendeten und das auch durch eine Loslösung von der in Deutschland residierenden Mutterorganisation zum Ausdruck brächten. Aktuell sind die organisatorischen und inhaltlichen Verbindungen allerdings offensichtlich und allgegenwärtig. Und so verwundert nicht nur die vom Verein Sultan Ahmet begehrte Gegendarstellung, sondern auch, dass die Krone diese abgedruckt hat.


Heiko Heinisch, Historiker und Autor, forscht zu islamistischen Netzwerken. Zuletzt erschien das gemeinsam mit Nina Scholz verfasste Buch: „Alles für Allah. Wie der politische Islam unsere Gesellschaft verändert. Molden Verlag Wien 2019“.

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