Mena-Exklusiv

Wie die Hamas die Palästinenser terrorisiert

Von Stefan Frank

Der Gütergrenzübergang Kerem Shalom zwischen Israel und dem Gazastreifen wurde am Dienstag wieder geöffnet. Er war am Wochenende geschlossen worden, nachdem entdeckt worden war, dass die Hamas direkt unter ihm einen Terrortunnel gegraben hatte. Dieser verlief nahe der ägyptischen Grenze und reichte sowohl in ägyptisches als auch in israelisches Territorium. „Ein Tunnel wie dieser ist uns zuvor noch nicht untergekommen“, sagte Brigadegeneral Ronen Manelis, ein Sprecher der israelischen Armee. Die Armee hat keine Zweifel, dass er zu Angriffen auf Israel oder zu Entführungen von Israelis vorgesehen war.

Es ist auch nicht schwer, sich vorzustellen, dass durch einen solchen Tunnel der gesamte Grenzübergang hätte in die Luft gesprengt werden können. Wäre eine unterirdische Sprengladung gezündet worden, während am Grenzübergang mit Benzin gefüllte Tanklastwagen stehen, hätte dies eine Detonation auslösen können, die nicht nur den Grenzübergang Kerem Shalom, sondern auch den nahegelegenen gleichnamigen Kibbuz mit seinen 120 Einwohnern hätte vernichten können.

Diese Gefahr droht freilich auch, wenn die Terrorgruppen des Gazastreifens den Grenzübergang mit Raketen und Mörsergranaten bombardieren, wie sie das immer wieder mal tun. Während des Militäreinsatzes gegen die militärische Infrastruktur der Hamas im August 2014 (Operation Protective Edge) berichtete ein Korrespondent der Jerusalem Post über die Arbeit der Angestellten des Grenzübergangs. Der Leiter Ami Shaked erzählte damals: „Dieser Ort war die Hölle. Er war unter Beschuss. Es gab eine Menge Explosionen und Mörser und eine Menge Schüsse.“ Bei besonders heftigem Beschuss machte Shaked den Übergang aus Sicherheitsgründen für einige Stunden zu – um ihn dann so schnell wie möglich wieder zu öffnen. „Mein Ziel ist es, humanitäre Hilfe auf die palästinensische Seite zu bringen. Das ist es, was ich mache. Es macht keinen Unterschied, ob wir unter Beschuss sind oder nicht.“

Der Terrortunnel unter dem Grenzübergang wirft wieder einmal ein Licht auf eine paradoxe Situation: Die Hamas untergräbt die Hauptversorgungslinie des Gazastreifens – so, als wäre es ihr lieber, wenn keine Lebensmittel, kein Öl und Benzin, keine Baumaterialien, keine Medikamente, keine Drogerieartikel, keine Ersatzteile für Autos und Maschinen, keine Babynahrung, keine Textilien, keine Unterhaltungselektronik usw. nach Gaza gelangen. Während die jüdischen Angestellten des Grenzübergangs ihr Leben riskieren und auch samstags und an jüdischen Feiertagen arbeiten, um den kontinuierlichen Güterfluss sicherzustellen – im Durchschnitt etwa 10.000 LKWs pro Monat – , verübt die Hamas immer wieder Angriffe auf Gazas Lebenslinie.

 

Grenzübergänge seit langem Ziele des Terrors

Tunnel unter Kerem Shalom (Quelle: IDF)

Im April 2008 etwa fuhren Terroristen drei mit Sprengstoff geladene LKW in den Grenzübergang Kerem Shalom und brachten zwei von ihnen zur Detonation. Die drei Täter wurden getötet, 13 israelische Soldaten erlitten leichte bis mittelschwere Verletzungen. Die Hamas bekannt sich sich zu dem Anschlag. Im Juni 2006 verübten die Hamas und die PFLP durch einen in der Nähe des Grenzübergangs gegrabenen Tunnel einen Terroranschlag; sie töteten zwei israelische Soldaten und entführten den Soldaten Gilad Shalit. Auch auf den Personenübergang Erez, durch den pro Monat zwischen 15.000 und 20.000 Bewohner des Gazastreifens ein- und ausreisen, wurden immer wieder Terroranschläge verübt. Im Januar 2004 sprengte sich dort Reem Riyashi, eine Mutter von zwei kleinen Kindern, in die Luft. Bei der Kontrolle gab sie vor, gehbehindert zu sein; die Metallplatte an ihrem Bein werde sicherlich zum Anschlagen des Metalldetektors führen, sagte sie. Daraufhin wurde sie in einen Raum gebracht, wo sie darauf warten sollte, von einer weiblichen Angestellten geprüft zu werden. Es gelang ihr, sich Zutritt zum großen Kontrollraum zu verschaffen, wo sie ihre Sprengladung zündete. Neben Riyashi wurden drei Soldaten und ein Zivilist getötet. Die Hamas verherrlichte Riyashi und den Anschlag später in einem Musikvideo für Kinder, in dem die Tat nachgestellt wird. Auch ihrem Sohn und ihrer Tochter, die zu diesem Zweck ins Fernsehstudio der Hamas geladen wurden, wurde das Video gezeigt.

Erschreckend ist auch der Fall von Wafa Samir Ibrahim al-Biss aus dem Gazastreifen. Sie hatte beim Kochen schwere Verbrennungen durch die Explosion eines Gaskanisters erlitten und wurde deshalb in einem israelischen Krankenhaus behandelt. Den Umstand, dass sie als Patientin von Gaza nach Israel ein- und ausreisen durfte, machte sich die Fatah zunutze und heuerte sie als Selbstmordbomberin an. Am 20. Juni 2005 wurde sie am Grenzübergang Erez verhaftet; sie trug zehn Kilogramm Sprengstoff an ihrem Körper. Dem Fernsehen sagte sie, dass sie den Sprengsatz in just demselben Krankenhaus – dem Soroka Medical Center in Beersheva – detonieren lassen wollte, in dem sie selbst behandelt worden war.

Im April 2017 wurde erneut eine Frau aus dem Gazastreifen, die auf dem Weg zu einer medizinischen Behandlung in ein israelisches Krankenhaus war, am Personenübergang Erez mit Sprengstoff erwischt. Sie war in Begleitung ihrer Schwester. Beiden war die Einreise nach Israel genehmigt worden, damit die krebskranke Frau sich der potenziell lebensrettenden Therapie unterziehen konnte. Der Sprengstoff war in Röhren versteckt, die die Aufschrift „Medizinisches Material“ trugen.

Im Januar 2005 verübten die Hamas und Fatah gemeinsam einen Anschlag auf den Gütergrenzübergang Karni. Sie sprengten ein Tor auf und schossen auf anwesende Zivilisten; sechs Israelis wurden getötet. 2011 wurde dieser Grenzübergang wegen der Terrorgefahr geschlossen, seitdem ist Kerem Shalom der einzige Übergang für den Gütertransfer.

Dass die Hamas ihn zerstören will oder seine Zerstörung bzw. Schließung billigend in Kauf nimmt, während Israel und zahlreiche israelische Freiwillige alles tun, um ihn offen zu halten, zeigt einmal mehr, wem das Wohl von Gazas Bevölkerung am Herzen liegt und wem nicht. Im Lauf des Dienstag sollen schon wieder tausend LKW Waren von Israel in den Gazastreifen bringen. YNet, die englischsprachige Website von Israels Tageszeitung Yedioth Ahronot, berichtete, dass viele Fahrer nach der Entdeckung des Terrortunnels mehr Sorgen haben als üblich. „Wir haben uns sicherlich daran gewöhnt“, sagt einer von ihnen, der Zement geladen hat. „Doch wir sind trotzdem vorsichtig. Es ist wirklich eine Schande, dass wir in eine solche Lage gekommen sind.“

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