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Fluchtlandschaft Naher Osten: Das Beispiel Irakisch-Kurdistan

Von Oliver M. Piecha

Im Nahen Osten leben fast 20 Millionen Menschen als Flüchtlinge oder Binnenvertriebene – alleine in Irakisch-Kurdistan sind es fast zwei Millionen. Eine Aussicht auf Rückkehr besteht für die meisten nicht.

Die arabische Großfamilie sitzt unter der Plane, die sie zwischen den UNHCR-Zelten aufgespannt hat. Das Ashti-Camp liegt in einer nach dem Sommer braungelb ausgedörrten Ebene nahe der nordkurdischen Metropole Sulaymania. Der Horizont wird begrenzt von baumlosen Bergen, über der trostlosen Landschaft liegt noch jetzt im Spätsommer eine Hitzeglocke. „Wir sind wie zwischen zwei Feuern“, antwortet eine Frau auf die Frage nach einer möglichen Rückkehr in ihre Heimatprovinz Salah ad-Din, nördlich von Bagdad. Da sei einerseits die Sicherheitslage, Stammeskonflikte verhinderten ihre Rückkehr. Solche Konflikte um Land oder Zugang zur Macht gab es in der Region auch früher, aber in der zugespitzten Bürgerkriegssituation der vergangenen Dekade haben sie sich verschärft. Auch Arbeit gebe es dort nicht, hier in Kurdistan könnten sie wenigstens etwas verdienen, meinen die Männer. „Niemand wohnt gern im Zelt.“ Und: „Wir wissen nicht, was wir tun sollen.“ Also werden sie weiter warten und zu dem Heer der rund 1,9 Millionen irakischen Binnenvertriebenen gehören, die warten und warten – hier im Camp sind die meisten schon seit jenem Sommer 2014, als der „Islamische Staat“ seinen Sturmlauf begann.


Fluchtgebiet Irakisch-Kurdistan

Der Nahe Osten ist eine große Fluchtlandschaft. Genau 5.618.955 Flüchtlinge aus Syrien hatten Vereinten Nationen in den Nachbarländern am 13. September registriert, in Syrien selbst gehen die UN von über 6 Millionen Binnenvertriebenen aus. Aber auch wenn Syrien in absoluten und relativen Zahlen den Spitzenplatz der nahöstlichen Flüchtlingskatastrophen hält, kann sich der Irak im Desasterranking behaupten. Zwar sind nur vergleichsweise wenige Syrer in das Nachbarland geflohen: Die UN-Flüchtlingsbehörde geht von rund 250.000 Personen aus, und es dürften vor allem syrische Kurden sein, die im irakisch-kurdischen Autonomiegebiet untergekommen sind. Aber der Krieg gegen den „Islamischen Staat“ hat im Irak seit 2014 Millionen von „internally displaced persons“ (IDPs) hervorgebracht.

Die Binnenflüchtlinge stammen vor allem aus dem sogenannten sunnitischen Dreieck nördlich von Bagdad und sind überwiegend sunnitische Araber. Dazu kommen die Flüchtlinge aus den „umstrittenen Gebieten“ mit ihrer ethnisch und religiös gemischten Bevölkerung rund um die Städte Kirkuk und Mosul – letzere, einmal die zweitgrößte Stadt des Irak, ist bei der Rückeroberung vom IS zu Teilen völlig zerstört worden. In diesen „disputed territories“ sind alle möglichen Gruppen hier und dort zur Flucht gezwungen gewesen, zuallererst vor dem IS, aber es sind eben auch Stammeskonflikte – zumal zwischen schiitischen und sunnitischen Gruppen – und schiitische Milizen, die die Menschen vertrieben haben oder an der Rückkehr hindern.

Aktuell geht die UNO davon aus, dass fast vier Millionen IDPs in ihre Regionen zurückgekehrt sind und knapp zwei Millionen weiterhin an ihren Fluchtorten bleiben, über eine Million davon in Irakisch-Kurdistan. Doch die Zahlen sind trügerisch. Die Rückkehr wird staatlicherseits von der Zentralregierung in Bagdad durch Schließung von Lagern und die Drohungen forciert, staatliche Zahlungen einzustellen. Manche Iraker verlassen die Lager, um nicht zwangsweise zurückkehren zu müssen, abermalige Rückkehrer aus den zerstörten Heimatregionen werden nicht mehr in den Camps registriert. Überhaupt haben viele der Vertriebenen gar keinen Ort mehr, an den sie zurückkehren könnten. Und es gibt immer wieder neue Flüchtlingswellen. So im Oktober 2017, als nach der Einnahme Kirkuks durch irakische Regierungstruppen Kurden in das Autonomiegebiet flohen. Im Juli zählte die UNO 1.700 Familien mit über 10.000 Personen, die sich in Lagern neu registrieren ließen, viele davon waren nicht zum ersten Mal geflohen.


Die Gemeinschaft der Yeziden gibt es nicht mehr

Andere Probleme habe sich auf ihre Weise gelöst. Der Großteil der Christen – das Gebiet östlich von Mosul, die Niniveebene ist das alte Kernland der Assyrer – hat den Irak längst verlassen. Von der vielleicht einen Million Christen, die zu Anfang der Jahrtauendwende noch im Land war, ist geschätzt ein Viertel übriggeblieben. Den höchsten Preis hat die Religionsgemeinschaft der Yeziden gezahlt, der gegen sie gerichtete Vernichtungsfeldzug des IS in ihrem Siedlungsgebiet Sindschar im äußersten Nordwesten des Irak hat sie als Gemeinschaft tatsächlich praktisch vernichtet. Von mehr als 3.000 Yeziden fehlt noch immer jede Nachricht über ihr Schicksal, Tausende sind über Flüchtlingslager im Nordirak verstreut und es gibt keinen Grund anzunehmen, dass sich das in absehbarer Zeit ändern könnte. Es gibt kein yezidisches Leben mehr wie vorher; übriggeblieben sind zerstörte, leere Dörfer, Familiensplitter in Flüchtlingslagern und vereinzelten Siedlungspunkten und die mit geschätzten 100.000 Angehörigen weltweit größte yezidische Gemeinschaft außerhalb des Irak – in Deutschland.

Spricht man mit Yeziden über die Möglichkeit einer Rückkehr in den Sindschar , dann trifft man immer auf dieselbe spontane klare Antwort: Nein. „Wohin“, fragen die Flüchtlinge, „sollen wir dort zurückkehren?“ Die Häuser sind zerstört, die Felder verwüstet, vor allem aber macht ihnen die Sicherheitslage jeden Gedanken an eine Rückkehr unmöglich. Es ist das fehlende Vertrauen in eine Zukunft unter arabischen Nachbarn, aus denen sich die IS-Einheiten zusammensetzen, die ihre Dörfer überfielen, die Männer töteten und die Frauen mitnahmen. „Wir kannten sie alle, das waren keine Ausländer“, hört man immer wieder. Auch dass es weiterhin aktive IS-Kämpfer in der Region gibt, ist unter den Yeziden eine feste Überzeugung. „Wir werden uns im Irak nie wieder sicher fühlen“, sagen sie fast alle.


Keine Rückkehr

Die Fluchtmotive in der Region variieren nach Herkunftsgruppe und individuellen Schicksalen und überschneiden sich oft, ökonomische Perspektivlosigkeit gehört ebenso dazu wie zerstörte Infrastruktur und Häuser. Nach einer von den UN initiierten Umfrage in nordirakischen Flüchtlingslagern Anfang des Jahres 2018 gaben 80% der Befragten an, ihr früheres Zuhause sei zerstört oder beschädigt worden, weitere 13% wussten nichts über dessen Zustand. Auf die Frage, ob sie planten zurückzukehren, antworteten 84% mit nein. Es sind Zahlen, die auch der Leiter eines großen Lagers für syrische Kurden nahe der nordirakischen Stadt Dohuk bestätigt. Eine kleine Umfrage unter 100 Familien zeigte schlichtweg keine Rückkehrwilligen auf.

Auch aus dieser Perspektive wirkt die unaufhörliche deutsche Beschäftigung mit der Steigerung von Abschiebungen und Spekulationen über die massenhafte Rückkehr von Flüchtlingen eher absurd. Es wird diese Rückkehr nicht geben, alleine schon, weil keine Regierung sie in ihren Herkunftsländern zurücknehmen wird. Die Folgen der Migrationsbewegung nach Europa sind so unabänderlich wie die Bevölkerungsverschiebungen im Nahen Osten, sei es in Syrien oder dem Irak. Sie werden nicht wieder rückgängig gemacht werden können. Flüchtlinge in der Region sind das Ergebnis politischen und militärischen Kalküls. Und nicht zuletzt Europa hat dieses Kalkül ungestört gewähren lassen. Als ob es bei den Konflikten im Irak oder in Syrien nicht auch immer darum gegangen wäre, die Bevölkerungszusammensetzung regional oder lokal zu verändern. Die Flüchtlingslager sind das Ergebnis ethnischer und religiöser Säuberungen – auch wenn man das lieber nicht mehr so nennt, sonst könnte noch jemand auf die Idee kommen zu fragen, ob all diese Geschehnisse wirklich so unvermeidbar waren und sind.


Die Hilfsindustrie zieht weiter

Zu den allgemeinen Fluchtgründen kommen spezifische Probleme. So wird von syrischen Kurden im Irak als Hindernis für eine Rückkehr in Gesprächen immer die befürchtete Zwangsrekrutierung im vom syrischen PKK-Ableger PYD kontrollierten Gebiet genannt. Die fragile Sicherheitslage ist zentral, wieder und wieder hört man von den Menschen, dass sie kein Vertrauen in Versprechungen mehr haben, schon gar nicht von der irakischen Regierung. Zugleich beginnt die irakische Camp-Bevölkerung ins Vergessen eines elenden Dauerzustandes abzusinken. Die unerbittliche Aufmerksamkeitsökonomie der zeitgenössischen Hilfsindustrie hat schon dafür gesorgt, dass nach der Befreiung Mossuls von der Herrschaft des IS die internationalen Geldgeber und NGOs sich auf dieses neue Terrain hin orientiert haben. Die Menschen in den Flüchtlingslagern etwa im Nordirak bleiben perspektivlos zurück. Und es ist absehbar, dass nach Mossul schon wieder ein neues Katastrophenziel warten wird – in Syrien warten schon mehrere Kandidaten.

Und wer weiß, wie es im Irak wirklich weitergehen wird? Vieles spricht dafür, dass es solche trostlose, in einer braungelb verdorrten Ebene liegenden Flüchtlingslager noch lange geben wird, die sich dann unter der Hand in neue trostlose Kleinstädte und Vororte verwandeln werden, voller Menschen ohne Perspektiven. Die, wenn sie noch etwas Energie behalten haben, davon träumen werden, als einziger Ausweg nach Europa zu gelangen. Bis irgendeiner der immerwährenden Nahostkonflikte sie in ihrem Lager wieder einholen wird. Hier verrotten Menschen.

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