Mena-Exklusiv

Fatah-Funktionär wegen tanzender Juden entlassen

Von Stefan Frank

Ein Funktionär der Fatah und der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) ist von allen Ämtern enthoben worden, nachdem ein Video aufgetaucht war, das zeigt, wie auf der Hochzeitsfeier seines Sohnes vier Juden (die leicht als Orthodoxe zu erkennen sind) zusammen mit den arabischen Gästen tanzen. Radi Nasser, so der Name des Funktionärs, wittert eine Verschwörung, um sein „Ansehen zu schädigen“. Das berichten israelische Medien (u.a. die Tageszeitung Haaretz) und die in Jerusalem ansässige deutschsprachige Nachrichtenagentur Israel heute. Nasser war bislang Vorsitzender des Gemeinderats von Deir Qadiss, einem Ort in den Palästinensischen Autonomiegebieten, 16 Kilometer westlich von Ramallah, unweit der israelischen Städte Modi’in und Modi’in Ilit. Aus dem benachbarten Modi’in Ilit kamen die vier Juden.

Das zweiminütige Video ist u.a. auf Youtube zu sehen: im Schein einer Flutlichtanlage tanzen die orthodoxen Juden fröhlich zusammen mit den arabischen Gästen zu arabischer Musik und werden von diesen sogar auf Schultern getragen. Die Feier findet im Garten eines Hauses statt, das mit PLO-Wimpeln dekoriert ist.

In den sozialen Netzwerken sei das Video „scharf kritisiert“ worden, meldet Israel heute, der Gemeinderatsvorsitzende und Vater des Bräutigams sei mit Schimpfworten bedacht worden. Die Fatah distanzierte sich von Nasser und schloss ihn aus ihrer Organisation aus. Die Website Times of Israel zitiert ihn mit den Worten, er habe die Juden nicht zu der Hochzeit eingeladen, sie seien „erst nach Mitternacht“ eingetroffen. „Als mir und meinen Söhnen gesagt wurde, dass vier Juden zu meiner Feier gekommen seien, bin ich rübergegangen und habe sie rausgeschmissen“, so Nasser. Die vier seien in einer Autowerkstatt Arbeitskollegen arabischer Hochzeitsgäste und gekommen, um sein Ansehen und das seiner Söhne zu schädigen.

In den von der PA kontrollierten Gebieten leben – anders als vor hundert oder 2.000 Jahren – seit den Oslo-Abkommen keine Juden mehr. PA-Präsident Mahmud Abbas versprach 2013, dass es auch in dem von ihm angestrebten Staat „Palästina“ keine Juden geben werde. „In einer finalen Lösung würden wir nicht die Präsenz auch nur eines einzigen Israeli – ob Zivilist oder Soldat – auf unserem Land sehen“, so Abbas. Israelis ist das Betreten der von der PA verwalteten Gebiete auch durch Dekret der israelischen Armee untersagt. Als sich zwei jüdische Israelis im Oktober 2000 im Auto nach Ramallah verirrten, wurden sie dort von Polizisten der PA entführt, gefoltert und auf grausame Art ermordet. Filmaufnahmen des italienischen Fernsehens RAI zeigten, wie ein Mann aus dem Fenster der Polizeistation heraus seine mit dem Blut der Ermordeten besudelten Hände einem jubelnden Mob präsentierte.

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Wenn sich jüdische Israelis und Bewohner der Palästinensischen Autonomiegebiete treffen wollen, dann ist das auf legale und sichere Weise nur in Israel möglich. Doch auch das passt der Fatah und ihren Verbündeten nicht. Seit Jahren betreiben sie eine sogenannte „Anti-Normalisierungs“-Kampagne. Diese ist Teil der Apartheidsbewegung BDS und darauf ausgerichtet, jegliche Kontakte zwischen Arabern und israelischen Juden zu unterbinden. Alle Formen der Normalisierung mit der „zionistischen Entität“ – ob auf ökonomischem, sportlichem, kulturellen, politischen oder sonstigem Gebiet – ist in ihren Augen „Verrat“. „In den Augen dieser arabischen und islamischen Aktivisten, unter denen auch islamische Religionsführer sind, würde jeder, der mit Juden Fußball spielt oder an einer Kulturveranstaltung teilnimmt, bei der auch ein Jude ist, als ,Verräter’ verurteilt werden“, schreibt der israelisch-arabische Journalist Bassam Tawil.

„Anti-Normalisierungs“-Aktivisten führen eine „Liste der Schande“, die die Namen von Arabern und Muslimen enthält, die dabei erwischt werden, Frieden zu propagieren oder „Normalisierung“ zu betreiben. „Wer auf der Liste steht, wird von Arabern und Muslimen sofort als ,Verräter’ denunziert“, so Tawil. „Verrat ist in vielen arabischen und islamischen Ländern ein mit dem Tode strafbares Vergehen. Die ,Liste der Schande’ könnte daher von Arabern und Muslimen als eine Lizenz angesehen werden, jeden zu töten, der es wagt, auch nur über Frieden mit Israel zu sprechen.“

Es zeigt sich immer wieder, dass es jüdischen Israelis überhaupt nichts nützt, wenn sie auf der Seite der Linken oder gar der radikalen Linken stehen. Selbst eine so fanatische Israelhasserin wie die Haaretz-Journalistin Amira Hass konnte im September 2014 nicht an einer (von der deutschen Rosa-Luxemburg-Stiftung finanzierten) Veranstaltung in der Birzeit-Universität bei Ramallah teilnehmen, weil jüdischen Israelis der Zutritt dort nicht gestattet ist.

Auch Treffen israelischer Friedensgruppen mit arabischen Palästinensern wurden in der Vergangenheit immer wieder Ziel der militanten „Anti-Normalisierungs“-Bewegung. Der arabisch-israelische Journalist Khaled Abu Toameh beschreibt einen solchen Saalsturm:

„Kurz nach Beginn der Diskussion stürmte eine Menge palästinensischer Aktivisten, von denen viele mit der Fatah von PA-Präsident Mahmud Abbas in Verbindung stehen, den Konferenzraum und skandierten Sprüche, mit denen die ‚Normalisierung mit Israel’ verurteilt wurde. Die Protestierenden riefen Parolen, mit denen sie die Palästinenser, die Treffen mit Israelis veranstalten, als Verräter verdammten. Zusätzlich skandierten sie ‚Jerusalem ist arabisch!’ und ‚Palästina ist frei!’ Einer der Protestierenden verkündete, dass er und seine Freunde kamen, um ihre Gegnerschaft zu ‚Normalisierungstreffen’ zwischen Israelis und Palästinensern zum Ausdruck zu bringen. Ein weiterer erklärte: ‚Das ist nicht das erste Mal, dass solche Treffen in Jerusalem und der Westbank stattfinden. Dieses Phänomen muss gestoppt werden.’“

Björn Ihle

Über die Hysterie um die jüdischen Gäste auf der Hochzeit in Deir Qadiss sprach Mena Watch mit dem Israel heute-Mitarbeiter Björn Ihle. Der in Oldenburg (Niedersachsen) geborene Ihle (53) lebt seit fast 31 Jahren als Dov Eilon in Israel. Der studierte Musiker war 22 Jahre beim Israelischen Fernsehen tätig. Er lebt mit seiner Frau und drei Kindern in der Stadt Modi’in zwischen Tel Aviv und Jerusalem, unweit von Modi’in Ilit, dem Wohnort der vier orthodoxen Juden. Nach Deir Qadiss, dem Ort der Hochzeit, sind es von Modi’in Ilit aus 9 Kilometer Luftlinie. „Der Vorfall zeigt, wie sehr man auf der arabischen Seite Angst vor der ‚Normalisierung’ hat“, sagt Ihle. „Denn wer sie dort akzeptiert, könnte als Verräter des ‚palästinensischen’ Volkes angesehen werden.“

Der Vorfall gebe aber andererseits auch Hoffnung, denn er zeige, dass ein Zusammenleben durchaus möglich sei. „Die orthodoxen Juden wurden von jungen Werkstattarbeitern eingeladen, sie kennen sich durch die Arbeit in der Werkstatt.“ Es gebe viele jüdische Israelis, die dort ihr Auto reparieren ließen. Er selbst habe früher, als er noch in Pisgat Zeev im Nordosten Jerusalems wohnte, sein Auto manchmal zu einer Werkstatt in Wadi Joz gebracht, einem arabischen Stadtteil Jerusalems, erzählt Ihle. „Das war eben viel billiger, und die arabischen Mechaniker waren total in Ordnung.“ „Vor Oslo“ seien viele jüdische Israelis nach Ramallah zum Einkaufen gefahren. „Niemand störte sich daran.“ Viele im Ausland wüssten nicht, dass es in Israel ein Zusammenleben gebe, so Ihle. „Ich bin so oft von arabischen Ärzten behandelt worden, der Direktor des Krankenhauses in Naharia ist Araber. Es gibt arabische Richter, Polizisten, Rechtsanwälte, die Sicherheitsbeamten am Eingang zur Busstation hier bei uns in Modi’in sind Araber. Mit Waffen in der Hand. Das glaubt in Deutschland sicher kaum einer.“

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